Flucht, Migration, Integration | Migrationspolitik Nach Bondi: Sozialer Zusammenhalt, Multikulturalismus und Nationsbildung in Australien 10.06.2026 Andrew Jakubowicz | University of Technology Sydney Sechs Monate nach dem schockierenden Terroranschlag auf eine Feier zum Auftakt des jüdischen Fests Chanukka in Sydney untersucht ein Ausschuss die genauen Umstände und geht der Frage nach, was es für eine resiliente, multikulturelle Gesellschaft braucht. Bild: Urheber: picture alliance / REUTERS | JEREMY PIPER In der Frage, was sozialen Zusammenhalt eigentlich ausmacht, kann Australien für europäische Gesellschaften, die sich mit eigenen sozialen Unruhen und Konflikten auseinandersetzen müssen, als aufschlussreiches Beispiel dienen. Als Staat, der seit zehn Generationen Einwanderungsland ist, errichtet auf den Grundlagen der ältesten kontinuierlichen Kultur der Welt, navigiert Australien schon lange die Spannungen zwischen Diversität und Einheit, zwischen Unterschieden und Gemeinsamkeiten, Rechten und Pflichten. Durch die Angriffe auf jüdische Australier:innen am 14. Dezember 2025 und vorangegangene Übergriffe sind diese Spannungen nun in eine heftige nationale Aufarbeitungsdebatte kulminiert. Die Regierung hat eine Royal Commission eingerichtet – Australiens höchstes Untersuchungsgremium –, um dem wachsenden Antisemitismus im Land nachzugehen, wie auch den Fragen, welche Sicherheitsvorkehrungen versäumt wurden und was die Ereignisse vom Bondi Beach für den sozialen Zusammenhalt im Land bedeuten. Kein Zusammenhalt ohne Resilienz Die Einsetzung des Untersuchungsausschusses hat eine beachtliche öffentliche Debatte darüber ausgelöst, was sozialer Zusammenhalt in der Praxis bedeutet. Allzu oft muss der Begriff als Synonym für die öffentliche Ordnung herhalten: die Aufrechterhaltung des Gesetzes, die Abwesenheit sichtbaren Konflikts, das Handhaben von Unterschieden innerhalb annehmbarer Grenzen. Bei dieser Rahmensetzung liegt der analytische Schwerpunkt auf den Beschränkungen – was Gemeinschaften eben nicht dürfen –, und weniger darauf, was eine resiliente Gesellschaft des Zusammenhalts produktiv aus sich selbst hervorbringt. Ein stimmigeres Konzept sozialen Zusammenhalts bedingt die kollektive Anerkennung einer Gesellschaft des bürgerlichen Miteinanders und der Teilhabe, in der man sich untereinander ergänzt – einer Gesellschaft, zu der jede:r beitragen kann und sich tatsächlich beteiligt fühlt. In diesem Konzept unterliegt dem gesellschaftlichen Zusammenhalt eine Widerstandsfähigkeit, Resilienz. In einer Zuwanderungsgesellschaft entsteht ein derart resilienter sozialer Zusammenhalt durch das Zusammenspiel dreier verschiedener, aber miteinander verknüpfter Prozesse. Zuerst bezeichnet die Niederlassung alles Handeln, das es Neuankömmlingen ermöglicht, sich in einer Gesellschaft einzuleben und vollständig am sozialen, wirtschaftlichen und bürgerlichen Leben teilzuhaben. Die politischen Vorgaben in diesem Bereich umfassen also vor allem praktische Unterstützung – Spracherwerb, Zugang zum Wohnen und zum Arbeitsmarkt, zum Gesundheits- und zum Bildungswesen –, sind jedoch im Grunde darauf ausgelegt, ein Zugehörigkeitsgefühl und bürgerschaftliches Engagement zu kultivieren. An zweiter Stelle verkörpert der Multikulturalismus das Anerkennen, dass kulturelle Vielfalt für die Nationsbildung eine Ressource darstellt, und nicht ein Hindernis. Ein wahrhaft multikultureller politischer Handlungsrahmen gewährleistet, dass alle Bevölkerungsgruppen im Gestalten des gemeinschaftlichen Lebens ein Mitspracherecht haben – alle nehmen an der Entwicklung der Landeskultur teil, niemand ist nur passive:r Empfänger:in. Vom Nebeneinander zum Miteinander Zu guter Letzt erweitert die Interkulturalität die Logik des Multikulturalismus von der bloßen Anerkennung hin zu einer aktiven Beteiligung. Wo der Multikulturalismus den Wert einer Vielfalt von Bevölkerungsgruppen bekräftigt, verlangt die Interkulturalität, dass diese Gruppen einander begegnen – in gemeinsamen Aufgaben, Institutionen, Unternehmungen –, und zwar auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens. Die Interkulturalität vollzieht die Bewegung von einem Nebeneinander hin zu einem Miteinander. Politisch tradiert ist in Australien der Multikulturalismus sehr viel mehr als die Interkulturalität, und wenngleich der oben erläuterte konzeptionelle Rahmen vielleicht nicht völlig neuartig sein mag, hat das dauerhafte Versäumnis, eben entsprechend dieser Empfehlungen zu handeln, doch ein klares politisches Defizit mit messbaren sozialen Kosten hervorgebracht, schmerzhaft verdeutlicht durch das Attentat am Bondi Beach. Bereits bestehende Politikempfehlungen müssen also wiederaufgegriffen und weiterentwickelt werden: So empfahl ein Bericht der australischen Einwanderungsbehörde über die Rahmenbedingungen des Multikulturalismus, eine staatliche Institution zur Förderung interkultureller Beteiligung zu schaffen, um Kooperationen anzuregen und das Verständnis in der Öffentlichkeit zu erweitern. Die Empfehlungen des Berichts wurden prinzipiell angenommen, aber noch nicht umgesetzt. Angesichts der tiefen strukturellen Schäden, die Rassismus verursacht, empfiehlt ein Bericht der australischen Menschenrechtskommission in einem Aktionsplan gegen Rassismus Maßnahmen zur Fort- und Weiterbildung und sozialen Integration. Dieser Bericht wird derzeit noch überprüft. Die Berichte der Sonderbeauftragten zur Bekämpfung von Antisemitismus und Islamophobie wurden zwar angenommen – angesichts der Ereignisse vom Dezember 2025 ersterer mit erhöhter Dringlichkeit – und doch beinhalten beide Papiere Untersuchungsergebnisse, die für den sozialen Zusammenhalt und für die demokratischen Rechte abermals erhebliche Herausforderungen darstellen. Eine neue Infrastruktur für mehr als nur sozialen Zusammenhalt Australien verfügt durchaus über die konzeptionellen Ressourcen, um eine wahrhaft in sich geschlossene und resiliente multikulturelle Gesellschaft aufzubauen. Für ein solches Gelingen muss man die drei verknüpften Prozesse der Niederlassung, des Multikulturalismus und der Interkulturalität als sich gegenseitig bedingend verstehen: Sie hängen voneinander ab und verstärken sich zugleich, und ihr Zusammenwachsen ist die Basis für jenen resilienten sozialen Zusammenhalt, dem sie alle drei dienen. Benötigt wird nun weniger eine feinere Austarierung bestehender Politik und vielmehr eine Neukonzeptionierung der institutionellen Infrastruktur für sozialen Zusammenhalt, und zwar im Sinne von Resilienz: Um innerhalb eines einzelnen klaren Mandats das sich Einleben von Neuankömmlingen sowie die multi- und interkulturellen Dimensionen sozialer Resilienz zu koordinieren, braucht es eine speziell diesen Aufgaben gewidmete staatliche Instanz. Im Kern wäre eine solche Einrichtung damit beauftragt, die Bedingungen zu schaffen, um eine interkulturelle Bürgerbeteiligung aller ethnischen und religiösen Bevölkerungsgruppen zu fördern – begleitet von einer angemessenen und fortdauernden Bildungsarbeit als Unterbau. Über den Autor Andrew Jakubowicz ist emeritierter Professor für Soziologie an der University of Technology Sydney und beratend als Soziologe in eigener Praxis tätig. Er hat zahlreiche Publikationen in den Bereichen kulturelle Vielfalt, Sozialpolitik, Flüchtlingspolitik, Jüdische Kulturwissenschaften, Mediensoziologie und Neue Medien veröffentlicht. Er war Mitglied verschiedener staatlicher Gremien, darunter des Beirats von Multicultural NSW (2016 – 2019), einer staatlichen Agentur zu Förderung vielfältiger Gemeinschaft. Er koordiniert die Website „Making Multicultural Australia in the 21st Century“, die sich an Lehrkräfte und Studierende richtet, die sich für fächerübergreifende Perspektiven im Bereich Diversität interessieren. Kontakt Abteilung Analyse, Planung und Beratung Bild: Urheber: Jens Schicke Annette Schlicht 030 26935-8304 Annette.Schlicht(at)fes.de Bild: Urheber: picture alliance / PIXSELL | Sanjin Strukic Donnerstag, 07.05.2026 Publikation Flucht, Migration, Integration Migrationspolitik Keine Blaupausen Wieso sozialdemokratische Migrationserzählungen aus Dänemark und Spanien nicht übertragbar sind und was man trotzdem aus ihnen lernen kann. Bild: Urheber: Women in Migration Network Mittwoch, 01.04.2026 Flucht, Migration, Integration Migrationspolitik Spotlight Report on Global Migration: Die eigentliche Krise liegt in der Politik Vor dem diesjährigen »International Migration Review Forum« der Vereinten Nationen verdeutlicht der Spotlight Report on Global Migration, was im Migrationsmanagement funktioniert und was sich ändern muss. Bild: Urheber: Bildnachweis picture alliance / REUTERS | CHARLES PLATIAU Dienstag, 10.03.2026 Publikation Flucht, Migration, Integration Migrationspolitik Die ersten Schritte zählen Warum faire Anwerbung von Arbeitskräften aus dem Ausland wesentlich ist, um Ausbeutung zu verhindern.