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Plattform-Badges für zivile Kommunikation

Dr. Johannes Crückeberg

Wie kann digitale Kommunikation zivil(er) gestaltet werden? Plattform-Badges setzen auf Anreize statt Verbote: Wer sich zu Sorgfalt und deliberativen Standards verpflichtet, erhält mehr Sichtbarkeit und stärkt so die demokratische Öffentlichkeit.

Plattform-Badges für zivile Kommunikation

Stärkung der demokratischen Öffentlichkeit im digitalen Raum

Bonn : Friedrich-Ebert-Stiftung e.V., Februar 2026

Rau, Jan

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Governance-by-Design für eine resiliente demokratische Öffentlichkeit

Digitale Plattformen sind heute zentrale Infrastrukturen öffentlicher Kommunikation. Sie strukturieren Informationsflüsse, steuern Sichtbarkeit und prägen maßgeblich, welche Themen, Akteur:innen und Narrative gesellschaftliche Aufmerksamkeit erhalten. In der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie werden dabei vor allem Inhalte belohnt, die starke Reaktionen hervorrufen: Konflikt, Emotionalisierung und Radikalität verschaffen Reichweite. Zivile, faktenorientierte und konstruktive Kommunikation gerät strukturell ins Hintertreffen.

Diese Dynamik erzeugt demokratiepolitische Risiken. Desinformation, Polarisierung und strategische Empörungsökonomien können sich algorithmisch verstärken und die Qualität öffentlicher Diskurse nachhaltig beeinträchtigen. Mit dem Digital Services Act (DSA) hat die Europäische Union erstmals einen verbindlichen Rahmen geschaffen, der sehr große Onlineplattformen verpflichtet, systemische Risiken für demokratische Prozesse zu identifizieren und wirksame Gegenmaßnahmen zu entwickeln. Doch welche Instrumente sind geeignet, die strukturellen Verzerrungen digitaler Öffentlichkeiten tatsächlich zu korrigieren?

Der Impuls von Jan Rau schlägt mit den Plattform-Badges für zivile Kommunikation einen innovativen Governance-by-Design-Ansatz vor. Das Konzept setzt nicht primär auf Löschung oder Sperrung problematischer Inhalte, sondern auf eine veränderte Logik der Sichtbarkeit. Nutzer:innen, die sich freiwillig zu bestimmten Kommunikationsnormen verpflichten, etwa zur sorgfältigen Prüfung von Informationen oder zu deliberativen Prinzipien wie Rationalität, Reziprozität und Respekt, erhalten ein Badge. Dieses wirkt nicht nur symbolisch, sondern wird algorithmisch berücksichtigt: Beiträge von Badge-Träger:innen erhalten erhöhte Sichtbarkeit und Reichweite.

Damit verschiebt sich die Architektur der Aufmerksamkeit. Nicht destruktive Kommunikationsformen werden strukturell begünstigt, sondern jene, die zur Verständigung und zur Qualität demokratischer Deliberation beitragen. Das Badge-System schafft Anreize für verantwortungsvolle Kommunikation, ohne Inhalte ideologisch zu bewerten oder Meinungsfreiheit einzuschränken. Es knüpft an bestehende Traditionen der Medien(selbst)regulierung an und überträgt sie in die Logik digitaler Plattformen.

 

Über den Autor

Jan Rau ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt und Leibniz-Institut für Medien-forschung/Hans-Bredow-Institut (HBI). Er beschäftigt sich mit der Transformation von Politik und Gesellschaft durch digitale Medien und der Frage, wie dieser Prozess aktiv gestaltet werden kann. Seine Schwerpunkte umfassen unter anderem Polarisierung, Rechtsextremismus, Desinformationen und Plattform-Governance. Er hat am Oxford Internet Institute studiert und Forschungsaufenthalte an der Princeton University, der Vrije Universiteit Amsterdam und der New York University absolviert.


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