• Klimawandel, Energie und Umwelt

Wenn das Klima die Demokratie bedroht

Margarete Lengger
Dächer in Sizilien gesäumt mit bunten Fässern und Behältern zur Wasserspeicherung
Urheber: Giuseppe Gerbasi
A distant problem no longer

A distant problem no longer

Schwartzstein, Peter ; Kaschowitz, Sabrina

Zur Publikation

Der Klimawandel trifft Europa längst direkt – mit Folgen für Gesellschaft und Demokratie. Fluten, Dürren, Brände und Hitzewellen setzen dem Kontinent zu und verschärfen soziale Spannungen. Ein neuer Bericht des FES Kompetenzzentrums Frieden und Sicherheit in Wien zeigt anhand europäischer Fallstudien, warum diese Dynamiken die Widerstandsfähigkeit demokratischer Systeme herausfordern.

Je wärmer die Welt wird, desto instabiler wird sie – und große Teile des Planeten spüren diese Konsequenzen bereits. Während der Blick dabei häufig auf die ärmsten und ökologisch am stärksten exponierten Länder gerichtet ist, bleiben die Verwundbarkeiten Europas und anderer wohlhabender Regionen oft unbeachtet. Doch die zunehmenden klimatischen Belastungen und ihre Auswirkungen „vor der eigenen Haustür“ machen deutlich: Der Klimawandel und seine Folgen sind längst in Zentraleuropa angekommen.

Auf den ersten Blick ist Europa kein Kontinent, den man mit politischer Instabilität infolge des Klimawandels verbindet. Entscheidend ist jedoch das Zusammenspiel aus „klassischen“ Destabilisatoren wie sozialer Ungleichheit, politischer Polarisierung oder schwachen staatlichen Kapazitäten und den zunehmend spürbaren klimatischen Veränderungen. Erst diese Kombination führt immer häufiger zu instabilen gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen.

Europa ist dicht besiedelt und durch zahlreiche Nationalstaaten fragmentiert. Landschaften sind stark von menschlicher Nutzung geprägt; in vielen Regionen können dadurch die Auswirkungen klimatischer Extreme verstärkt werden. Viele Städte, die für ein gemäßigtes Klima konzipiert wurden, verfügen bislang nicht über die notwendige Infrastruktur, um ihre Bürger:innen wirksam vor Hitze und anderen Extremereignissen zu schützen. Gleichzeitig ist Europa der sich am schnellsten erwärmende Kontinent: Über Europas Landflächen lag die Durchschnittstemperatur in der letzten Dekade 2,2 °C über dem vorindustriellen Niveau – deutlich mehr als im globalen Mittel. Dürreperioden, Überschwemmungen, Hitzewellen und Waldbrände gehören bereits heute zur Realität; die zunehmende Wettervariabilität verstärkt den Druck zusätzlich.

Die sozialen und politischen Folgen sind längst spürbar. Gräben zwischen Stadt und Land vertiefen sich, populistische Bewegungen gewinnen an Zulauf, und destabilisierende Akteur:innen – sowohl innerhalb als auch außerhalb Europas – nutzen die Auswirkungen des Klimawandels gezielt aus. Besonders stark betroffen sind Länder im Mittelmeerraum und auf dem Balkan, wo extreme Klimaphänomene auf schwächere staatliche Kapazitäten und tiefsitzende gesellschaftliche Bruchlinien treffen. Doch auch in wohlhabenderen nördlichen Ländern kann wachsende Unzufriedenheit mit staatlichen Leistungen zu ernsthaften politischen Spannungen führen.

Eine Studie unseres Wiener Regionalbüros für Internationale Zusammenarbeit und Frieden untersucht erstmals detailliert, wie der Klimawandel in Europa zu Kriminalität und sozialer Instabilität beiträgt. Anhand mehrerer kurzer Fallstudien zeigt sie, wie klimabedingte Belastungen mit bestehenden Spannungen und Krisen verschmelzen – und so das soziale Gefüge sowie demokratische Strukturen insgesamt unter Druck setzen.

Die wichtigsten Ergebnisse

Mit der zunehmenden Häufigkeit und Intensität klimabedingter Extremereignisse steigen auch die ökologischen und ökonomischen Belastungen – ebenso wie die Erwartungen an Regierungen, öffentliche Ordnung zu sichern, grundlegende Dienstleistungen bereitzustellen und soziale Gerechtigkeit zu gewährleisten. Diese staatlichen Kapazitäten reichen jedoch nicht immer aus, die Erwartungen zu erfüllen.

Der Klimawandel ist – und wird zunehmend – auch eine Governance-Krise sein. Wenn Politik und staatliche Institutionen nicht frühzeitig gegensteuern und institutionelle sowie gesellschaftliche Resilienz deutlich stärken, riskieren europäische Staaten, ihre Fähigkeit zur Konfliktvermittlung, zur Sicherung von Gerechtigkeit und zum Erhalt öffentlichen Vertrauens zu verlieren. Erste Warnsignale sind bereits in vielen Teilen Europas sichtbar. Drei Fallstudien veranschaulichen diese Dynamiken.

  • Beispiel 1: gezielte Desinformation durch rechte Akteur:innen
    Nach extremen Wetterereignissen in mehreren europäischen Ländern verbreiteten rechtsextreme Gruppen, ausländische Akteur:innen und Verschwörungsideolog:innen gezielt Desinformationen. Ziel war es, Regierungen, wissenschaftliche Einrichtungen und NGOs zu diskreditieren, soziale Spaltungen zu vertiefen und das Vertrauen in staatliche Institutionen zu untergraben.
     
  • Beispiel 2: Dürre in Sizilien
    Die lang anhaltende Dürre in Zentralsizilien im Jahr 2024 verschärfte soziale Spannungen zwischen städtischen und ländlichen Gemeinden, überforderte die ohnehin unzuverlässige Wasserinfrastruktur und führte zu Protesten lokaler Aktivist:innen. Diese machten auf strukturelle Defizite und die wachsende Belastung für die Bevölkerung aufmerksam. Zeitweise kappte eine Gemeinde aus Sorge um die eigene Versorgung die Wasserleitungen zu benachbarten Orten. In der sizilianischen Stadt Bronte, bekannt für ihre hochwertigen Pistazien, setzte die Polizei während der Erntezeit mobile Hubschrauberpatrouillen ein, um die Ernte vor Plünderungen zu schützen.
     
  • Beispiel 3: Überschwemmungen und Hitzewellen in Griechenland
    Nach extremen Überschwemmungen und Hitzewellen im griechischen Thessalien in den Jahren 2023 und 2024 führten Wasserknappheit, zerstörte Infrastruktur und ausbleibende staatliche Unterstützung zu wachsendem Misstrauen, zu Kriminalität und zu Konflikten innerhalb von Dorfgemeinschaften. Gleichzeitig nahmen illegale Praktiken in der Landwirtschaft und bei der Wassernutzung zu. 

Klimabedingte Instabilität hat weitreichende politische Folgen. Besonders gravierend ist der Verlust von Vertrauen in staatliche Institutionen. In der Folge sinkt auch die Unterstützung für etablierte Parteien, die angesichts der Herausforderungen des Klimawandels als überfordert wahrgenommen werden. Der gleichzeitige Abbau öffentlicher Dienstleistungen und die Zunahme klimabedingter psychischer Belastungen tragen wesentlich zum Erstarken populistischer Parteien und ethno-nationalistischer Bewegungen bei.

Fazit

Die Studie zeigt: Klimabedingte Krisen wirken bereits heute unmittelbar auf europäische Gesellschaften und Institutionen. Sie verschärfen bestehende Spannungen und untergraben das Vertrauen in staatliche Strukturen. Konflikte um knappe Ressourcen, gezielte Desinformation und soziale Ungleichheiten machen deutlich, dass Klimastress nicht nur ökologische, sondern ebenso politische und gesellschaftliche Folgen hat.

Frühzeitige Interventionen, eine gerechte Nutzung von Ressourcen und der gezielte Aufbau institutioneller Resilienz sind entscheidend, um Eskalationen zu verhindern, soziale Kohäsion zu stärken und die Stabilität demokratischer Systeme zu sichern.

Politikempfehlungen

  • Entschädigungsmechanismen, etwa staatlich finanzierte Versicherungssysteme, können einen Teil der Risiken abfedern – allerdings nur, wenn sie als fair, verlässlich und inklusiv wahrgenommen werden.
     
  • Fragen der Verteilungs- und Umweltgerechtigkeit sowie der institutionellen, politischen und gesellschaftlichen Vorbereitung auf klimabedingte Extremereignisse und langfristige geologische Veränderungen müssen mit derselben Dringlichkeit und Ernsthaftigkeit behandelt werden wie andere Notfall- und Sicherheitsplanungen.

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