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Am falschen Ende gespart

Dr. Marie Batzel | VHS Köln

Die geplanten Kürzungen bei Integrationskursen sorgen für Kritik – auch bei Trägern vor Ort. Was bedeutet das für diejenigen, die auf Sprachförderung und Orientierung angewiesen sind? Wir sprachen mit Marie Batzel von der VHS Köln.

Demonstrant:innen mit einem Schild "Zulassungsstopp" gegen die Entscheidung vom Bundesinnenminister Alexander Dobrindt CSU zur Kürzung von Integrationskursen und Sprachkursen. Die Demonstration findet vor dem Brandenburger Tor in Berlin statt.
Urheber: picture alliance / Ipon | Stefan Boness

Das Bundesinnenministerium verhängte im Februar 2026 einen Zulassungsstopp für freiwillige Integrationskurse nach § 44 Abs. 4 AufenthG. Nach wochenlangen Verhandlungen einigten sich SPD und Innenministerium im Mai 2026 auf einen Kompromiss: Die Einschränkungen sollen durch eine kontingentierte Öffnung schrittweise aufgehoben und durch Erstorientierungskurse ergänzt werden. Wir haben mit Dr. Marie Batzel von der Volkshochschule Köln darüber gesprochen, was diese Kürzungen für diejenigen bedeuten, die auf diese Kurse angewiesen sind.

Welche Auswirkungen hat der geplante Zulassungsstopp bei Integrationskursen auf Ihr Kursangebot und was sind die Folgen für die Integrationsstruktur insgesamt?

Dr. Marie Batzel: Zurzeit starten weiterhin monatlich Integrationskurse an der Kölner Volkshochschule (VHS). Die tatsächlichen Auswirkungen des sogenannten Zulassungsstopps des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) werden in den nächsten Wochen und Monaten in Gänze spürbar werden, da zahlreiche Teilnehmende noch eine Zulassung des BAMF aus dem vergangenen Jahr besitzen. Bereits jetzt zeigt sich aber ein deutlicher Rückgang der Teilnehmenden in den Integrationskursen. Dieser ist einerseits Folge des Rückgangs der Migration, andererseits aber bereits dem Umstand geschuldet, dass die Menschen keine Berechtigungen zu den Kursen über das BAMF mehr erhalten.

Für die Kölner VHS wie auch die weiteren Sprachkurs- und Weiterbildungsträger zieht der Berechtigungsstopp hohe Einnahmeverluste und Unsicherheiten nach sich. Für die Anbieter ist Planungssicherheit jedoch die Voraussetzung, um Kursangebote aufrechtzuerhalten, freiberufliche Lehrkräfte zu binden und Teilnehmenden verlässliche Perspektiven zu bieten.

Der Zulassungsstopp des BAMF gefährdet somit die Kölner Integrationsstruktur mit erheblichen Folgen für die betroffenen Menschen sowie die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt. Es ist mit einem Wegfall von Integrationskursträgern mit entsprechenden Angeboten und Kompetenzen zu rechnen. Das macht sich bereits jetzt bemerkbar.

Wie bewerten Sie die Einschränkung des Zugangs zu Integrationskursen – insbesondere für Gruppen wie Asylbewerber:innen oder EU-Bürger:innen?

Diese Personengruppen sind von dem oben genannten Berechtigungsstopp des BAMF betroffen. Selbstverständlich besteht auch bei diesen Menschen in der großen Mehrzahl der Wunsch, Deutsch zu lernen und einen Job, eine Ausbildung zu finden und sich in die Gemeinschaft einzubringen. Wir hören immer wieder, wie wichtig es den Teilnehmenden ist, einen Beruf zu finden, in dem sie ihre Qualifikationen und die eigene Ausbildung einbringen können. Klar ist auch das Ziel, wirtschaftlich selbständig zu sein und der Wunsch, sich in Alltagssituationen nicht hilflos, weil sprachlos zu fühlen. Deutsch zu können ist die Voraussetzung. Der Stopp trifft eben nicht nur Menschen, die sich kurzfristig in Deutschland aufhalten, sondern auch Menschen, die eine Bleibeperspektive haben und hier viel leisten können, dürfen und wollen.

Inwiefern gefährden die Kürzungen aus Ihrer Sicht den Integrationsprozess insgesamt, insbesondere im Hinblick auf Sprachkompetenz und gesellschaftliche Teilhabe?

Uns begegnet häufig die falsche Annahme, dass „freiwillige“ Kurse gestrichen würden. Integrationskurse gibt es aber weiterhin. Und sie sind weiterhin für alle Menschen offen. Ein Stopp besteht dagegen in der Ausstellung von Zulassungen zu den Integrationskursen durch das BAMF. Das hat nichts mit der „Bleibeperspektive“ zu tun, wie das Beispiel der EU-Bürger:innen zeigt. Es sind jetzt einfach viel mehr Menschen, die die Kurse nur noch als Selbstzahler:innen besuchen können. Das hört sich weniger dramatisch an, als es in der Realität ist: Wenn ein Modul je nach Träger ca. 300 Euro kostet und man sieben Module durchlaufen möchte, sind das 2100 Euro. Dies trifft Menschen, die nicht die Möglichkeit haben, in einem Job über einen angemessenen Zeitraum das Geld zu sparen. Sprich: Die meisten Menschen werden sich einen Integrationskurs und Orientierungskurs nicht leisten können – auch wenn sie es wollen. Für die betroffenen Menschen ist hiermit der Zugang zum systematischen Erlernen der deutschen Sprache versperrt. Mir erscheint das widersprüchlich in Zeiten, in denen wir in vielen Bereichen dringend Arbeitskräfte suchen, und es natürlich immer begrüßenswert ist, wenn Menschen für ihren Lebensunterhalt selbst sorgen können.

Welche langfristigen sozialen und wirtschaftlichen Folgen erwarten Sie, wenn weniger Menschen Zugang zu Integrationskursen haben?

Wir alle sprechen von Fach- und Arbeitskräftemangel. Und häufig sind es gerade Fachkräfte, die an unseren Integrationskursen teilnehmen – und zwar einmal quer durch alle Branchen. Doch damit die Fachkräfte auch als Fachkräfte in Deutschland arbeiten können oder Teilnehmende zu zukünftigen Fachkräften werden können, müssen sie die deutsche Sprache erlernen. Und zwar auf einem Niveau, das über A2 oder sogar B1 hinausgeht. 

Ich sage das so bewusst, da die Integrationskurse mit dem „Deutschtest für Zuwanderer“ auf dem Niveau B1 abschließen, und dieses Sprachniveau ist es auch, das ein systematisches Weiterlernen in anschließenden Berufssprachkursen des BAMF oder in einem gesellschaftlichen oder beruflichen Umfeld überhaupt ermöglicht. Ich halte es für ein Gerücht, dass man eine Sprache „einfach so und nebenbei“ lernt. 

Und um zu verhindern, dass Menschen nach Beschäftigungen von nur kurzer Dauer vor allem im Niedriglohnsektor wieder zurück in Sozialleistungen fallen, ist es umso wichtiger, dass mit der Sprache eine belastbare Grundlage für die Integration geschaffen wird. Auch wegen der finanziellen Folgen, die wir doch alle tragen müssen.

Zur Person

Dr. Marie Batzel ist promovierte Literatur-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlerin und leitet seit Juli 2024 das Amt für Weiterbildung / Volkshochschule der Stadt Köln. Zuvor war sie seit 2018 Direktorin der Volkshochschule Neuss und Leiterin des Kulturforums Alte Post. Weitere Stationen waren die Leitung der VHS Meerbusch sowie die Programmleitung für kulturelle Bildung an der VHS Mönchengladbach. Dr. Batzel promovierte an der Universität Passau und engagiert sich als Vizepräsidentin des Landesverbands der Volkshochschulen NRW sowie in mehreren landesweiten Bildungsgremien.

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