Rückblick Migrationspolitik Gesucht: Eine Bleibestrategie 16.06.2026 Annemarie Schmidt Damit aus dem Ausland angeworbene Fachkräfte auch langfristig in Deutschland bleiben, müssen die Anstrengungen von Bund, Kommunen, Arbeitgebern und Zivilgesellschaft verstärkt und besser verzahnt werden. Bild: Urheber: Bergsee, blau In vielen Branchen Deutschlands sind Arbeitskräfte mit Einwanderungsgeschichte inzwischen unverzichtbar. Dabei bedeutet die Arbeitsaufnahme in Deutschland oft langwierige und komplizierte behördliche Verfahren zur Beschaffung von Visa und zur Anerkennung der ausländischen Bildungsabschlüsse. Auch das Ankommen und Einleben von Partner_innen und Kindern in Schule, Kita und Nachbarschaft ist eine Herausforderung. Wie die Bemühungen auf den unterschiedlichen staatlichen Ebenen im Hinblick auf eine nachhaltige Anwerbung von Beschäftigten aus dem Ausland zu bewerten sind und was zukünftig nötig ist, damit Deutschland neben einem Einwanderungs- auch zu einem „Bleibeland“ für Fach- und Arbeitskräfte wird, beleuchtete die digitale Veranstaltung „Vom Willkommen zum ‚will bleiben‘“ aus der Reihe „Migration verstehen“ der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) am 6. Mai 2026. Unzufriedenheit mit dem Sozialleben Soziale Isolation und das Gefühl, nicht willkommen zu sein, sind, laut einer aktuellen FES-Studie, wichtige Gründe, warum ausländische Fachkräfte, die in Deutschland tätig waren, wieder abwandern. Auf eine erfolgreiche Arbeitsmarktintegration folge nicht automatisch eine gelingende soziale Teilhabe, so Dr. Franziska Loschert, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Minor-Projektkontor und Mitautorin der Studie. Gerade für (hoch-) qualifizierte Fachkräfte seien gesellschaftliche und soziale Faktoren entscheidend. Handlungsbedarf entstehe auch durch die Tatsache, dass das Beschäftigungswachstum in den letzten Jahren insbesondere bei Drittstaatenangehörigen zugenommen hat, während wesentlich weniger Menschen über die EU-Freizügigkeit nach Deutschland einwandert sind. Insbesondere die auf kommunaler und Länderebene angesiedelten Welcome Center spielten hier eine Schlüsselrolle. Sie seien lokal sehr gut vernetzt mit Behörden, Betrieben und der Zivilgesellschaft und böten den Ankommenden Orientierung und Unterstützung. Digitale Work-and-Stay-Agentur Der Koalitionsvertrag der Bundesregierung sieht die Einrichtung einer digitalen Work-and-Stay-Agentur (WSA) vor. Diese Plattform soll einwanderungsinteressierten Fachkräften und den deutschen Arbeitgebern eine zentrale Adresse für den Kontakt mit den verschiedenen Behörden in Deutschland bieten. Um die Arbeitsaufnahme in der Bundesrepublik zu erleichtern, sollen zukünftig alle erforderlichen Dokumente nur noch einmal an einer zentralen Stelle eingereicht werden müssen. Quelle: https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/kabinett-work-and-stay-agentur-2391978 Welcome Center als wichtiger Baustein Die Welcome Center seien eine koordinierende Schnittstelle mit Fachexpertise, wie Anja Reißmann, Regionalberaterin des Welcome Center Sachsen-Anhalt im Burgenlandkreis, darstellt. Sie begleitet unter anderem Fachkräfte in Bewerbungsverfahren und beim Onboarding in Unternehmen. Auch die berufliche Orientierung mitgereister Partner_innen oder die Integration in das lokale Vereinsleben gehören zu ihrem Aufgabenfeld. Dabei stimmt sie sich eng mit den Migrationsberatungen für Zugewanderte ab. Insgesamt sieht Reißmann Behörden, aber auch Arbeitgeber und das Gemeinwesen vor Ort in der Verantwortung, Voraussetzungen für ein gelingendes Ankommen der Fachkräfte und ihrer Familien zu schaffen. Wichtig sei, die Finanzierung der Welcome Center dauerhaft zu sichern, auch über Bundesmittel. Zusätzlich sei eine Verzahnung mit den Aktivitäten der digitalen Work-and-Stay-Agentur (WSA) sinnvoll, zumal sich deren Ausrichtung bislang primär auf den Anwerbe- und Einwanderungsprozess konzentriere, während der „Stay“-Aspekt, das Ankommen, Einleben und Bleiben, nicht im Fokus sei. Die Einbindung von zugewanderten Menschen in die Ausgestaltung des Programms sei außerdem entscheidend, um passgenaue Angebote zu entwickeln. Einleben vor Ort Liudmyla Kapustina, Mitgründerin des Ukrainischen Zentrums für Integration und Kulturaustausch e.V. aus Zeitz in Sachsen-Anhalt, unterstreicht, dass viele zugewanderte Familienangehörige sozialen Anschluss vor Ort aktiv suchen. Ihr Verein, der von Geflüchteten selbst aufgebaut wurde, bietet im Burgenlandkreis Deutschkurse für mitgereiste Angehörige an, unterstützt in der Kommunikation mit Behörden und hilft beispielsweise bei der Suche nach einer geeigneten Schule für die mitgereisten Kinder. Kapustina betont, dass zugewanderte Menschen ein Interesse hätten, ihr neues Gemeinwesen mitzugestalten. So beteilige sich ihr Verein vor Ort an gemeinnützigen Aktionen genauso wie am politischen Dialog. Gleichzeitig wünscht sie sich von politischen Akteur_innen, dass diese sich stärker in der Vermittlung zwischen ansässiger Bevölkerung und migrantischen Communities engagieren und für die Akzeptanz von Zuwanderung werben. Gründe zu bleiben Rasha Nasr, migrations- und integrationspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, betont, dass es im migrationspolitischen Diskurs viel öfter darum gehen sollte, wie Menschen zum Bleiben bewegt werden können. Dazu zählt sie unter anderem eine faire Fachkräftemobilität, die Ausbeutungsrisiken minimiert. Im Hinblick auf die WSA rechne man in der Fraktion mit einem Referentenentwurf noch vor der Sommerpause. In den bisherigen Plänen zur Agentur liege der Fokus vor allem auf der Verschlankung der Verwaltungsstrukturen, der Bleibeaspekt sei bislang noch nicht ausreichend gewichtet. Aus ihrer Sicht müsse das Ankommen vor Ort aber eine stärkere Rolle in der weiteren Konzeptionierung spielen. Um bundesweit Rahmenbedingungen zu gestalten, die eine gelingende Teilhabe im Arbeits- und Sozialleben ermöglichen, bleibt auf allen Ebenen noch viel zu tun. Eine lokale, auf die Bedürfnisse und Strukturen vor Ort zugeschnittene Ankommens- und Bleibeinfrastruktur steht und fällt mit der Vernetzung von Akteuren aus Zivilgesellschaft; Verwaltung und Wirtschaft und einer verlässlichen (finanziellen) und organisatorischen Unterstützung des Bundes. Über die Autorin Annemarie Schmidt ist Sozialarbeiterin und Politikwissenschaftlerin mit den Schwerpunkten Transnationalität, Migration und gesellschaftliche Teilhabe. Für die Friedrich-Ebert-Stiftung hat sie migrations- und integrationspolitische Entwicklungen analysiert und wirkte an der Organisation von Fachkonferenzen mit. Vor ihrem Masterstudium in Lund arbeitete sie für das Deutsche Rote Kreuz und für verschiedene zivilgesellschaftliche Organisationen. Ehrenamtlich engagiert sie sich unter anderem für die Belange geflüchteter Jugendlicher. Kontakt Redaktion Annette Schlicht 030 26935-8304 Annette.Schlicht(at)fes.de Das könnte Sie auch interessieren Bild: Urheber: Bergsee, blau Montag, 02.03.2026 Rückblick Migrationspolitik Faire Mobilität braucht ein starkes Europa Um Arbeitskräfte aus der EU und Drittstaaten vor Ausbeutung zu schützen, sind mehr Kontrollen und grenzüberschreitende Kooperation nötig. 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