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Europa und Zentralasien – ein neuer Kurs

Sabrina Kaschowitz und Alexandra Dienes
Blaue Güterwaggons mit Container werden im Fährhafen von Kuryk auf ein Fährschiff verladen und über das Kaspischen Meer transportiert.
Urheber: picture alliance/dpa | Jens Büttner
EU engagement in Central Asia

EU engagement in Central Asia

Dienes, Alexandra ; Kaschowitz, Sabrina | Vienna : Friedrich-Ebert-Stiftung, February 2026

a reality check

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Zwischen Russland, China und einer zunehmend selbstbewussten Region muss die EU ihr Profil in Zentralasien schärfen. Obwohl sie der größte Investor ist, bleibt sie politisch und strategisch oft wenig sichtbar. Sabrina Kaschowitz und Alexandra Dienes zeigen, warum Europa kohärenter, werteorientierter und strategisch klarer auftreten sollte.

Der Wandel in Zentralasien

Als Russland im Februar 2022 in die Ukraine einmarschierte, reagierten die fünf zentralasiatischen Staaten – Kasachstan, Usbekistan, Kirgisistan, Tadschikistan und Turkmenistan – rasch. Sie distanzierten sich öffentlich vom russischen Angriff, doch das geopolitische Gleichgewicht blieb weitgehend stabil. Russland hat bis heute seine Stellung als wichtigster politischer und sicherheitsrelevanter Akteur nicht eingebüßt und übt weiterhin starken wirtschaftlichen Einfluss aus, obwohl sein einstiges Soft‑Power‑Gefüge allmählich an Wirkung verliert.

Parallel dazu hat China seine ökonomische Präsenz konsequent ausgebaut und versucht, ein technisches Ökosystem zu etablieren, das auf chinesischen Technologien und Standards beruht. Das Land investiert in Infrastruktur, Energie und digitale Lösungen und nutzt dabei flexiblere, politisch weniger konditionierte Partnerschaften, die in vielen Teilen Zentralasiens als besonders attraktiv gelten – nicht zuletzt, weil sie Korruption erleichtern können. Die EU dagegen steht mit über 40 % des gesamten Direktinvestitionsvolumens an der Spitze der ausländischen Kapitalströme und ist zudem der wichtigste Entwicklungsgeldgeber, bleibt jedoch im Alltag der Region wenig sichtbar. Ihre verstärkte Aufmerksamkeit seit dem Ausbruch des russischen Krieges gegen die Ukraine wird meist im Kontext einer erneuten Großmachtrivalität und der Diversifizierung von Lieferketten wahrgenommen. Dabei bilden Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte sowie Umwelt- und Arbeitsstandards nach wie vor die zentralen Stärken europäischer Soft-Power in Zentralasien.

Auch im Inneren Zentralasiens gibt es Wandel: Erstmals seit Jahrzehnten gewinnt die regionale Zusammenarbeit an Dynamik. Offene Grenzen, gemeinsame Wirtschaftsvorhaben und ein stärkerer Austausch von Expert:innen schaffen ein Umfeld, das neue europäische Initiativen begünstigen kann.

Wer sind die „Schlüsselakteur:innen“?

In diesem Zusammenhang verstehen wir „Schlüsselakteur:innen“ weniger über Größe oder BIP, sondern über die Fähigkeit, in strategisch wichtigen Feldern – etwa Rohstoffverarbeitung, Klimapolitik, Wasser‑Governance oder digitale Infrastruktur – Allianzen zu formen, Agenden zu setzen und Kooperationsmechanismen voranzutreiben. Russland, China und die EU sind die klassischen Großmächte; die zentralasiatischen Staaten selbst, zusammen mit Institutionen wie der OSZE, übernehmen zunehmend die Rolle von Mittelmächten, die über eigene Initiativen und regionale Netzwerke Einfluss ausüben.

Mehr als Großmacht‑Politik

Im Kern der Analyse steht die Idee einer kooperativen Multipolarität: Statt starrem Blockdenken sollen Europa und die Staaten Zentralasiens flexible, themenbezogene Netzwerke etablieren. Diese „Netzwerklogik“ kann globale Herausforderungen – von Klimaschutz über sichere Energielieferketten bis zu grenzüberschreitendem Wassermanagement und Migration – vorantreiben und dabei jenseits starrer Großmachtrivalität handlungsfähig bleiben.

Damit die EU jedoch als verbindender Akteur auftreten kann, muss sie ihre Partnerschaften mit dem Globalen Süden neu ausrichten: weniger belehrend, mehr auf Augenhöhe – und ohne Doppelstandards.

Was sich konkret ändern muss

Interessen und Werte

Die EU darf nicht zulassen, dass autoritäre Praktiken zum „Preis“ pragmatischer Kooperation werden. Eine klare Haltung gegenüber Menschenrechtsverletzungen und die Verknüpfung von Investitionen mit demokratischen Standards stärken langfristige Stabilität und schaffen verlässliche Rahmenbedingungen für Unternehmen.

Entwicklungs‑ und Bildungshilfe

Die Lücke, die USAID hinterlässt, kann von der EU geschlossen werden – etwa durch gezielte Förderung für unabhängige NGOs, Medien und zivilgesellschaftliche Projekte. Gleichzeitig sollte die EU ihre Erfahrung einsetzen, um berufliche Ausbildung nach europäischen Qualitätsstandards zu unterstützen und damit einer wachsenden Nachfrage nach qualifizierten Fachkräften zu begegnen.

Wirtschaft und Handel

Bei der Rohstoffförderung ist es essenziell, Investitionen in lokale Aufbereitung zu lenken, damit der Mehrwert in den Ländern bleibt. Darüber hinaus kann die EU Synergien mit China nutzen: China übernimmt den Bau harter Infrastruktur wie Straßen und Häfen. Die EU wiederum kann Soft-Infrastruktur bereitstellen – etwa Logistik, Handelsharmonisierung und operative Expertise – und dadurch europäische Normen entlang des Mittleren Korridors, auch bekannt als Transkaspische Internationale Transportroute (TITR), verankern.

Wassermanagement

Auf Basis ihrer Reputation als neutrale, technisch versierte Partnerin sollte die EU faire und inklusive grenzüberschreitende Zusammenarbeit bei gemeinsamen Wasserressourcen aktiv fördern und technisch unterstützen.

Regionale Kooperation stärken

Die jüngste „goldene Ära“ der Zusammenarbeit sollte weiter institutionell gestärkt werden, etwa durch einen zentralasiatischen Kooperationsrat, der grenzüberschreitende Handels- und Investitionsprojekte mit einheitlichen Standards begleitet.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Der russische Krieg hat das Machtgleichgewicht in Zentralasien nicht grundlegend verschoben; Russland bleibt der zentrale Sicherheitsakteur, China baut seine wirtschaftliche Präsenz aus, die EU kämpft mit einem Sichtbarkeitsdefizit.
  • Deutliche Anzeichen einer neuen regionalen Kooperationsdynamik schaffen gute Voraussetzungen für europäische Initiativen.
  • Eine wertegeleitete, aber pragmatische EU-Strategie kann durch lokale Wertschöpfung, den Export von Standards und neutrale Wasserexpertise stabile, langfristige Partnerschaften schaffen.
  • Die EU muss ihre demokratischen Kernwerte konsequent einfordern. Andernfalls riskiert sie, dass Repression als Preis für pragmatisches Engagement gilt.
  • Ein neuer Kurs Europas in Zentralasien, der sich an den regionalen Entwicklungen orientiert, ist realistisch – verlangt aber klare politische Zielsetzungen und strukturelle Anpassungen.

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