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Europas Sicherheit wird auch in Mittelosteuropa produziert

Ernst Hillebrand (Hrsg.) / Stefan Pantekoek (Hrsg.)

Russlands Angriffskrieg verändert Europas Verteidigungsindustrie grundlegend. Eine neue FES-Studie zeigt, warum Mittelosteuropa vom Rand ins Zentrum rückt – und weshalb industrielle Kapazitäten zur Schlüsselressource europäischer Sicherheit werden.

Zwei Arbeiter arbeiten konzentriert an der ALuminiumoberfläche eines Bauteils für einen Militär-Hubschrauber. Sie fügen kleine Nieten in das Blech ein.
Urheber: picture alliance / REUTERS | KACPER PEMPEL

Mittelosteuropas Beitrag zur europäischen Rüstungsindustrie

Hillebrand, Ernst (Hrsg.) ; Pantekoek, Stefan (Hrsg.) | Bonn : Friedrich-Ebert-Stiftung e.V., März 2026

zwischen Peripherie und Schlüsselrolle

Wer im vergangenen Jahrzehnt über Europas Rüstungsindustrie sprach, blickte meist nach Westeuropa und dachte an milliardenschwere Hightech-Projekte. Doch der Ukrainekrieg hat eine andere Realität offengelegt: Europas Verteidigungsfähigkeit hängt ebenso von Produktionshallen, Munitionslinien und industrieller Durchhaltefähigkeit ab – und diese liegen vor allem in Mittelosteuropa.

Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine hat Europas Sicherheitsordnung erschüttert. Engpässe bei Munition, begrenzte Produktionskapazitäten und neue geopolitische Unsicherheiten haben deutlich gemacht, dass militärische Stärke untrennbar mit industrieller Leistungsfähigkeit verbunden ist.

Die neue Publikation Mittelosteuropas Beitrag zur europäischen Rüstungsindustrie – Zwischen Peripherie und Schlüsselrolle der Friedrich-Ebert-Stiftung richtet den Blick daher bewusst nach Mittelosteuropa. Die Studie analysiert systematisch die Rolle von Polen, Rumänien, der Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn innerhalb der europäischen Rüstungsindustrie – und kommt zu einem klaren Befund: Die Region entwickelt sich von einer vermeintlichen Peripherie zu einem zentralen Baustein europäischer Verteidigungsfähigkeit.

Produktionsrealität statt reiner Technologiepolitik

Der Ukrainekrieg hat gezeigt, dass militärische Überlegenheit nicht allein durch technologische Spitzenprojekte entsteht. Entscheidend sind ebenso Produktionskapazitäten, Skalierbarkeit und industrielle Durchhaltefähigkeit. Genau hier gewinnen mittel- und osteuropäische Staaten an Bedeutung. Historisch gewachsene industrielle Kompetenzen – etwa in der Munitionsproduktion, bei Landsystemen oder in spezialisierten Fertigungsprozessen – schließen Lücken, die in vielen westeuropäischen Ländern über Jahrzehnte hinweg entstanden sind.

Die FES-Studie zeigt: Während sich Debatten in Westeuropa häufig auf große Systemintegratoren und komplexe Hightech-Projekte konzentrieren, entsteht in Mittelosteuropa ein vielfältiges industrielles Ökosystem. Dieses verbindet klassische Fertigungskapazitäten mit neuen Innovationsansätzen und könnte sich zu einem entscheidenden Stabilitätsanker für Europas Verteidigungsfähigkeit entwickeln.

Sechs Länder, unterschiedliche Wege – gemeinsame Dynamik

Die einzelnen Länder verfolgen dabei unterschiedliche Strategien:

Der Verteidigungssektor in Polen

Smoleń, Robert | Bonn : Friedrich-Ebert-Stiftung e.V., April 2026

Polen gehört zu den treibenden Kräften der europäischen Aufrüstung und verbindet steigende Verteidigungsausgaben mit ambitionierten industriepolitischen Zielen. Während kurzfristig große Beschaffungen aus den USA und Südkorea militärische Fähigkeiten schnell stärken sollen, verfolgt Warschau langfristig den Ausbau eigener industrieller Kapazitäten und technologischer Kompetenzen. Die polnische Verteidigungsindustrie vereint große staatliche Strukturen mit innovativen privaten Unternehmen, insbesondere im Hightech-Bereich. Die Länderstudie zeigt die Spannungen zwischen schneller Modernisierung und dem Aufbau nachhaltiger industrieller Souveränität – und macht deutlich, warum Polen künftig eine Schlüsselrolle in der europäischen Rüstungslandschaft spielen könnte.

Der rumänische Verteidigungssektor: industrielle Kapazitäten, fiskalische Herausforderungen und Potenzial für europäische Zusammenarbeit

Degeratu, Claudiu | Bonn : Friedrich-Ebert-Stiftung e.V., April 2026

Rumäniens Verteidigungsindustrie steht vor einem grundlegenden Transformationsprozess. Während ein historisch gewachsener staatlicher Sektor mit strukturellen Herausforderungen kämpft, entwickeln sich private und international vernetzte Unternehmen zunehmend dynamisch. Steigende Verteidigungsausgaben und die geopolitische Bedeutung der Schwarzmeerregion erhöhen den Druck zur Modernisierung. Die Länderstudie analysiert, wie Rumänien versucht, seine industrielle Basis zu erneuern und stärker in europäische Kooperationsstrukturen einzubinden.

Der Verteidigungssektor in der Slowakei

Adámek, Jakub | Bonn : Friedrich-Ebert-Stiftung e.V., April 2026

Die Slowakei entwickelt sich zunehmend zu einem zentralen europäischen Produzenten von Munition und Artilleriesystemen. Aufbauend auf industriellem Know-how aus der Zeit der Tschechoslowakei wächst der Sektor durch steigende Nachfrage, internationale Kooperationen und neue Investitionen. Besonders die Integration in europäische Lieferketten stärkt die strategische Bedeutung des Landes. Die Länderstudie zeigt, wie sich die slowakische Verteidigungsindustrie von einem regionalen Spezialisten zu einem wichtigen Baustein europäischer industrieller Resilienz entwickelt.

Analyse des slowenischen Verteidigungssektors

Geršak, Katja ; Juvan, Jelena | Bonn : Friedrich-Ebert-Stiftung e.V., April 2026

Slowenien zeigt, wie kleinere Staaten durch Spezialisierung erfolgreich sein können. Der Verteidigungssektor setzt auf technologische Nischen, Dual-Use-Innovationen und starke internationale Integration statt auf großindustrielle Plattformproduktion. Unternehmen konzentrieren sich auf Bereiche wie unbemannte Systeme, Sensorik oder Kommunikationslösungen und sind eng in europäische Programme eingebunden. Die Länderstudie verdeutlicht, wie Innovation, Exportorientierung und Flexibilität Slowenien zu einem kleinen, aber strategisch relevanten Akteur im europäischen Verteidigungsökosystem machen.

Der Verteidigungssektor in der Tschechischen Republik: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Rod, Zdeněk | Bonn : Friedrich-Ebert-Stiftung e.V., April 2026

Die tschechische Verteidigungsindustrie profitiert von einer außergewöhnlich starken industriellen Tradition und einer hohen Exportorientierung. Der Ukrainekrieg hat zu einer Renaissance des Sektors geführt, mit steigender Nachfrage nach Munition, Artillerie und spezialisierten Technologien. Flexible mittelständische Strukturen und technologische Nischenkompetenzen ermöglichen es tschechischen Unternehmen, schnell auf neue sicherheitspolitische Anforderungen zu reagieren. Die Länderstudie zeigt, wie industrielle Kontinuität, Innovation und internationale Integration Tschechien zu einem wichtigen Knotenpunkt in europäischen Lieferketten machen.

Der Verteidigungssektor in Ungarn

Csiki Varga, Támas | Bonn : Friedrich-Ebert-Stiftung e.V., April 2026

Ungarn verfolgt einen stark staatlich gesteuerten Ansatz zum Aufbau einer modernen Verteidigungsindustrie. Im Rahmen eines umfassenden Modernisierungsprogramms entstehen neue Produktionskapazitäten, häufig in Kooperation mit internationalen Rüstungsunternehmen. Joint Ventures, Technologietransfer und die gezielte Ansiedlung ausländischer Partner sollen langfristig den Aufbau einer eigenständigen industriellen Basis fördern. Die Länderstudie zeigt, wie Ungarn versucht, durch strategische Industriepolitik den Anschluss an europäische Produktionsnetzwerke zu erreichen und zugleich nationale Fähigkeiten aufzubauen.

Europas strategische Herausforderung

Die Analyse macht deutlich: Europas sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit bleibt in zentralen Bereichen stark von externen Partnern abhängig – insbesondere von den USA. Der Krieg in der Ukraine hat diese Abhängigkeit sichtbar gemacht, etwa bei Luftverteidigungssystemen, strategischer Aufklärung oder komplexen Plattformen. Eine stärkere europäische industrielle Basis bedeutet dabei keine Abkehr von der transatlantischen Partnerschaft, sondern eine Ergänzung: Ziel ist es, eigene Handlungsoptionen zu erweitern und politische sowie industrielle Resilienz zu stärken.
Dafür braucht es einen Perspektivwechsel. Mittelosteuropa darf nicht länger als „verlängerte Werkbank“ verstanden werden, sondern muss als gleichberechtigter industri-eller Partner in europäische Strategien integriert werden. Die FES-Studie argumentiert deshalb für eine stärkere Koordination europäischer Industriepolitik, neue Formen der Arbeitsteilung und einen Abbau struktureller Hierarchien innerhalb der europäischen Rüstungslandschaft.
 

Jetzt lesen: Gesamtstudie und einzelne Länderanalysen

Neben der übergreifenden Auswertung bieten die sechs detaillierten Länderstudien Einblicke in nationale Strategien, industrielle Strukturen und zukünftige Entwicklungspfade. 

Studie und Länderanalysen stehen auf dieser Seite zum Download bereit.

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