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Von Bruno PreisendörferAnfang des 19. Jahrhunderts hat der deutsche Phänomenologe Georg Wilhelm Friedrich Hegel geschrieben, dass die Eule der Minerva ihren Flug bei Einbruch der Dämmerung beginnt. Anfang des 21. Jahrhunderts hat das amerikanische Phänomen Steve Jobs die Sache etwas verständlicher ausgedrückt: Wenn man nach vorne blickt, erkennt man keine Muster – sie zeigen sich erst im Rückblick.Also in den Apfel gebissen (den sauren?) und zurückgeblickt: Vor 45 Jahren, als das Fernsehen noch jung war, obwohl es von heute aus betrachtet alt aussieht, erklärte Marshall McLuhan: „The medium is the massage“ – das Medium ist die Massage. Eigentlich war das ein Satzfehler. Ursprünglich sollte es heißen: „The medium is the message“– das Medium ist die Botschaft. Aber McLuhan übernahm den Fehler, weil die „massage“ die handgreifliche Wirkung der „message“ enthüllte: Moderne Massenmedien verbreiten nicht einfach Botschaften, sondern massieren Geist und Seele der Empfänger.Was McLuhan vor dem Fernsehgerät erahnte, das so interaktiv war wie ein Knopf zum Einund Ausschalten, erleben wir heute, wenn wir online sind, von Webseiten digital betatscht, von Reklamefingern mental befummelt, von Eyecatchern geblendet, von Buttons zu Links und von Links zu Buttons geschubst. Wir sind außengeleitet wie die „einsame Masse“, die der amerikanische Soziologe schon 1956 beklagt hat; und weil Googles Algorithmus für uns immer das präferiert, was wir beim letzten Mal schon präferiert haben, gehören wir zu denen, „die nichts Besonderes von sich fordern, die sich begnügen, von einem Augenblick zum andern zu bleiben, was sie schon sind“, wie Ortegay Gasset in Aufstand der Massen höhnte – 1929!Und heute, da die Medien immer massiver und die Massen immer massierter geworden sind? Haben die Skeptiker recht, die aus dem Off der alten Medien das Publikum des Weltnetzes als globalen Pöbel beschreiben, dem es nur um Brot und Spiele zu tun ist, um Konsum und Unterhaltung? Oder kommen die Onliner der Wahrheit näher, für die nicht der Plebs, sondern das Plebiszit die virtuelle Öffentlichkeit bestimmt? Um es weniger diskursiv und analog, sondern mehr binär und digital zu formulieren: Ist das Internet gut für die Demokratie – ja oder nein?Ungefähr zur gleichen Zeit, als McLuhan seine MassageTheorie der Medien entwickelte, publizierte Umberto Eco, der damals noch keinen Namen als Rosenromancier hatte, einen Aufsatzband über Massenkultur, in dem er zwischen „Apokalyptikern“ und „Integrierten“ unterschied: „Die Apokalypse ist eine Besessenheit des Andersdenkenden; die Integration ist die konkrete Realität derjenigen, die nicht abweichen, nicht anderer Meinung sind. Das Bild der Apokalypse zeichnet sich ab, wenn man die Texte über die Massenkultur liest; das Bild der Integration entsteht bei der Lektüre der Texte aus der Massenkultur.“ Man braucht „Massenkultur“ nur durch „Internet“ zu ersetzen, schon wirkt Ecos alter Aufsatz wie neu geschrieben. Texte über das Internet kündigen die Apokalypse an oder warnen vor der „Zeitbombe Internet“. Texte aus dem Internet verkünden die Utopie einer globalen Explosion an Demokratie. Weil das in heller Begeisterung geschieht, könnte man die Anhänger des Internets im Unterschied zu den Apokalyptikern auch als Euphoriker bezeichnen.Beiden Haltungen mangelt es wie jedem digitalen Denken, wie jeder Codierung der Wirklichkeit nach „Ja oder Nein“, „Null oder Eins“, „Plus oder Minus“, „Pro oder Kontra“ an der Fähigkeit, sich der Komplexität der sozialen Tatsachen und der Kompliziertheit des menschlichen Verhaltens zu stellen. Reflexion verwandelt sich in Reflexe: Zum Beispiel lässt eine die 5-Prozent-Hürde überspringende Internetpartei die Apokalyptiker befürchten, das Vordringen dieser Partei ins parlamentarische Herz der Demokratie werde dort zu Rhythmusstörungen führen; die Euphoriker wiederum verwechseln das Twittern aus den demokratischen Institutionen mit der Arbeit, die in ihnen zu leisten wäre.Ein anderes, nicht bloß lokal amüsantes, sondern global relevantes Beispiel ist der „arabische Frühling“. Hier dominie ren auch in den traditionellen Medien die Euphoriker. Die Revolutionen, so scheint es, werden auf Facebook gemacht, die Bastillen unserer Tage mit dem „Gefällt mir“-Daumen gestürmt. Dass die Toten auf den Straßen gestorben sind, nicht auf denIst das Internet gut für die Demokratie – ja oder nein?Displays, rutscht da seltsam aus dem Blick, genau wie die Tatsache, dass es in Ägypten um Brot ging, nicht um Bytes. Die steigenden Lebensmittelpreise und die sinkenden Einkommen der Mittelschichten haben zum Sturz Mubaraks geführt, nicht die „basisdemokratische“ Organisation der Demonstrationen im Internet oder per Handy. Außerdem gingen dem angeblich so schnellen Umsturz zahllose lokale Brotrevolten voran, die bis in die frühen 90er-Jahre zurückreichen. Aber das haben die Internetdemokraten und Facebook-Revolutionäre nicht „auf dem Schirm“.Die Euphoriker der digitalen Demokratie sind von den elektronischen Möglichkeiten dermaßen elektrisiert, dass sie Öffentlichkeit mit Demokratie verwechseln und Meinungsaustausch mit politischer Partizipation. Demokratie ist ohne Öffentlichkeit nicht möglich, aber sie ist nicht mit ihr identisch. Politische Partizipation ist auf Meinungsfreiheit angewiesen, aber erschöpft sich nicht darin.Die demokratische Legitimation wiederum ist ein mehrstufiger Prozess, der sich keineswegs in der engherzigen Alternative erschöpft: Ja oder Nein, „Gefällt mir“ oder „Gefällt mir nicht“. Nicht einmal dann, wenn sich diese binäre Meinungsund Geschmacksabstimmung als permanenter Prozess organisieren ließe. Das „click ’n’ go“ eines Konsumenten ist etwas anderes als die verantwortliche Teilnahme an öffentlichenDas „click ’n’ go“ eines Konsumenten ist etwas anderes als die verantwortliche Teilnahme an öffentlichen Diskussions- und Entscheidungsprozessen.Diskussions- und Entscheidungsprozessen. Beim Wählen gilt: Eine Bürgerin/ein Bürger – eine Stimme, jeder Mensch zählt gleich viel. Bei Meinungen ist das nicht so. Wer demokratische Legitimation will, muss ohne Wertung die Stimmen der Leute zählen. Wer demokratische Partizipation will, muss die Meinungen der Leute bewerten, Interessen abwägen, Argumente prüfen. Denn nicht alles, was vorgebracht wird, hält dem Nachdenken stand. Über die Richtigkeit von Argumenten entscheidet nicht der Daumen, sondern der Kopf. Dass es auch im Parlament kopflos zugehen kann, steht außer Frage. Doch ist es immerhin demokratisch legitimiert, was sich selbst vom intelligentesten Schwarm im Internet schwerlich behaupten lässt. Die Meinungsführer der parlamentarischen Hinterzimmer kann man abwählen, die Meinungsmenge eines Chatrooms nicht.Das unter dem Label „Politikverdrossenheit“ viel diskutierte Demokratiedefizit lässt sich vielleicht mildern, wenn der „citizen“ auch als „netizen“ aktiv wird. Doch muss zwischen gefühlter Partizipation und tatsächlicher unterschieden werden. Das Abfragen politischer Kundenzufriedenheit über Clicks oder Rankings hat mehr mit dem Generieren virtueller Gefolgschaft auf Zeit zu tun als mit realer Teilhabe. Wenn die traditionellen Medien, wie während der Wahlkämpfe inzwischen üblich, die „Internetauftritte“ der Parteien kommentieren, geht es mehr um den Stil der Öffentlichkeitsarbeit als darum, für welche politischen Ziele die Öffentlichkeit gesucht und die Arbeit gemacht wird. So schiebt sich das Mittel vor den Zweck und monopolisiert die Aufmerksamkeit, die Symbole verdrängen das Symbolisierte, und die Symbolfiguren wachsen dermaßen über sich hinaus, dass ihr quadratmetergroßes Lächeln auf den Plakaten kaum noch Platz für politische Botschaften lässt, nur noch für Parolen. Je indifferenter die Politik, desto impertinenter ihr Personal.Ändert sich daran etwas, wenn die großen Gesichter nun auch bei Facebook grinsen? Zirkus bleibt Zirkus. Die viel beredete „Arroganz der Macht“ bei den Etablierten lässt sich durch „Chatten“ so wenig korrigieren wie durch „Talken“, Kinderküs sen oder Kugelschreiberverteilen. Aber die Boygroup unter der Piratenflagge muss auch erst beweisen, ob sie ihre parodistische Lachkompetenz während des Wahlkampfs in parlamentarische Sachkompetenz während der Legislaturperiode umsetzen kann.Die Antwort auf die Frage, ob das Internet gut für die Demokratie ist, lautet also: Kommt darauf an. Im Unterschied zu den Apokalyptikern, die alles den Bach oder den Mainstream runtergehen sehen, und im Unterschied zu den Euphorikern mit ihrem Schwärmen im Chor und im Schwarm vermute ich, dass das, was schwierig ist an der Demokratie, durch das Internet nicht leichter, sondern eher noch schwieriger wird. Während das, was ganz gut klappt, sich durch das Internet weiter verbessern lässt. Die schwingenden Netze der virtuellen Öffentlichkeit gefährden die Demokratie nicht, erfinden sie aber auch nicht neu. Doch sind sie mächtige, vielleicht eines Tages auch übermächtige Tendenzverstärker – im Guten wie im Schlechten.
Bruno Preisendörfer lebt als Schriftsteller und Herausgeber der Netzzeitschrift fackelkopf in Berlin. Zuletzt erschien sein satirischer Globalisierungsroman Candy oder Die unsichtbare Hand im Verlag Das Arsenal. www.fackelkopf.de
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