Landesbüro Nordrhein-Westfalen

Mittwoch, 06.02.19 19:00 bis Mittwoch, 06.02.19 21:00 - Köln

Berufsschulen stärken!


Terminexport im ICS-Format

Vielfalt, Digitalisierung, Attraktivität von Ausbildung und Lehrer_innenjobs: Wie gestalten wir die Zukunft von Berufsschulen?

Bild: Anita Pellens

Rückblick

Wenn es um die Zukunft von Arbeitsmarkt und Bildungssystem geht, muss man über die Zukunft der Berufsschulen sprechen. Gerade auch in Zeiten von Akademisierung und steigenden Studierendenzahlen müssen Berufsschulen gestärkt werden. Sie legen den Grundstein für eine erfolgreiche Ausbildung und Berufswege junger Menschen. Die regionale Wirtschaft ist ohne sie undenkbar.

Aus diesem Grund haben sich Gäste aus Berufskollegs, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik am 6. Februar 2019 in der Aula des Erich-Gutenberg-Berufskollegs in Köln getroffen, um über Herausforderungen der Berufsschulen wie Lehrer_innenmangel und Ausbildungsattraktivität zu sprechen.

Nach einer Begrüßung des Publikums durch Dr. Martin Pfafferott, Referent im Landesbüro NRW der Friedrich-Ebert-Stiftung und Dr. Rolf Wohlgemuth, dem Leiter des Erich-Gutenberg-Berufskollegs, begann die Veranstaltung mit ersten inhaltlichen Einführungen und Denkanstößen.

Den ersten Input des Abends lieferte Prof. i.R. Dr. Klaus Klemm, der Ergebnisse seiner im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung erstellten Studie zur Lehrer_innenversorgung an Berufsschulen vorstellte. Er berichtete von einem perspektivisch bundesweiten Anstieg der Schüler_innenzahlen an Berufskollegs, dem ein entsprechend steigender Lehrkräftebedarf entspricht. Aufgrund der sinkenden Lehrer_innenzahlen insbesondere durch Ruhestand sinkt der de facto-Lehrkräftebestand von bundesweit knapp 120.000 bei Fortschreiben der bisherigen Entwicklung allerdings auf knapp 43.000 im Schuljahr 2035/36. Der durchschnittliche jährliche Einstellungsbedarf steigt von 3.824 Lehrer_innen bis 2020/21 auf 4.994 im Zeitraum von 2031/32 bis 2035/36. Gleichzeitig sinkt aber derzeit die Anzahl der Studienabsolvent_innen im Lehramt „Berufliche Bildung“ / Sekundarbereich II.  Die Lücke wird verstärkt durch Seiten- und Quereinsteigende gefüllt, was jedoch mit besonderen Herausforderungen einhergeht. So seien derzeit lediglich 33% der Lehrer_innen an Berufsschulen in Nordrhein-Westfalen gelernte Berufsschulkräfte. Eine der wichtigsten Herausforderungen sei,  das Berufsfeld „Berufskolleg“ für junge Leute attraktiver zu machen.

Über Auswege aus dem bestehenden und sich verschärfenden Problem des Lehrkräftemangels sprach anschließend Michael Suermann, Vorsitzender des Verbandes der Lehrerinnen und Lehrer an Berufskollegs in NRW e.V. Er betonte insbesondere das Fehlen ausgeschriebener Stellen. Während für Schreiner, Maler, Elektroniker und viele mehr unzählige ausgeschriebene Stellen für eine (duale) Ausbildung angeboten würden, fiele die Ausschreibung an Stellen für entsprechende Lehrer_innen extrem gering aus. Jungen Leuten würde hierdurch nicht der Eindruck eines attraktiven und nachgefragten Berufsbilds vermittelt.

Des Weiteren plädierte Michael Suermann für eine Stärkung der universitären Lehrer_innenausbildung. Auch er verdeutlichte die bereits in dem Input von Prof. i.R. Dr. Klaus Klemm angesprochene Problematik, dass ein großer Anteil der Berufsschullehrer_innenstellen durch Quer- und Seiteneinsteiger_innen besetzt würde. Hierbei legt Michael Suermann Wert darauf, dass seine Kritik an dem sachlichen Umstand nicht als Kritik an den entsprechenden Lehrer_innen missverstanden wird. Im Gegenteil seien viele Seiteineinsteiger_innen hervorragende und von ihm sehr geschätzte Lehrkräfte. Jedoch solle man für eine langfristige Gewährleistung von ausreichend Lehrkräften an den Berufsschulen nicht vermehrt für den Seiteneinstieg, sondern für das Lehramt werben. Für Seiteneinsteiger_innen müsse der „Master of Education“ die Voraussetzung für den Start in das Berufsleben sein.

Klaus Manegold, 1. Vorsitzende des Heisinger Kreises NRW und Schulleiter des Robert-Bosch-Berufskollegs in Dortmund, trug ebenfalls mit einem Vortrag zum inhaltlichen Input bei. Im Hinblick auf die beschriebene Problematik des Seiteneinstiegs forderte er für die Qualifizierung von Seiteneinsteiger_innen Stellenzuweisungen für diesen tatsächlichen Mehraufwand. Des Weiteren plädierte er dafür, dass die Lehrerausbildung für Fachhochschulabsolventen bei Vertragsbindung beginnen müsse. Ebenfalls solle die Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften an den tatsächlichen Lehrer_innenbedarf an den Berufsschulen angepasst werden.

In seinem Vortrag ging er außerdem auf Probleme bei der Ausbildungsvorbereitung der Schüler_innen an Berufsschulen ein. Zum einen müsse für zugereiste junge Menschen ein polyvalenter Bildungsgang eingerichtet werden, zum anderen fehle für schulpflichtige Schüler_innen mit höherwertigen Abschlüssen ohne dualen Ausbildungsplatz ein Bildungsangebot. Abschließend fordert Klaus Manegold für die „Weiterentwicklung zu Regionalen Berufsbildungszentren“ die Möglichkeit einer „erweiterten Rechtsfähigkeit“.

Nach der inhaltlichen Einführung ging die Veranstaltung fließend in die Debatte unter Moderation von Jochen Ott, dem schulpolitischen Sprecher der SPD-Landtagsfraktion Nordrhein-Westfalen, über. In dieser wurden insbesondere drei Punkte hervorgehoben:

Die Attraktivität einer dualen Ausbildung, der Lehrer_innenmangel sowie die Kommunikation und Darstellung der berechtigten Anliegen der Berufsschulen gegenüber Politik und Gesellschaft. 

Im Hinblick auf die Attraktivität einer dualen Ausbildung wurde vor allem thematisiert, dass Studium und Ausbildung zwar immer wieder als gleichwertig deklariert würden, sich dies aber häufig nicht in der Realität niederschlage.  Petra Pigerl-Radtke, Geschäftsführerin Berufliche Bildung und Fachkräftesicherung bei der IHK Mittlerer Niederrhein, betonte, dass mit einer Ausbildung das gleiche Gehalt erzielt werden könne wie mit einem Studium. Norbert Wichmann, Abteilungsleiter Bildung, Berufliche Bildung und Ausbildung des DGB Nordrhein-Westfalen, kritisiert diese Aussage jedoch anhand des Beispiels des Friseurberufes. Eine ausgebildete Frisörin würde um die 1.500€, wenn sie selbstständig ist vielleicht etwa 2.200€ monatlich verdienen. „So jemandem soll man sagen das sei besser als ein Studium?“ Seiner Meinung nach handelt es sich hierbei um eine unehrliche Theoriediskussion, die nicht der Praxis entspreche. Auch Marvin Stutzer, Schüler am Erich-Gutenberg-Berufskolleg, berichtete vom auch bei Schüler_innen viel verbreiteten Eindruck, dass durch eine „höhere“ Ausbildung wie eben ein Studium auch die Verdienstmöglichkeiten steigen würden. Eine höhere Attraktivität der schulischen und dualen Ausbildungsgänge werde insbesondere durch bessere Einkommen erreicht. Frau Pigerl-Radtke erklärte hieraufhin, dass es bei der Betrachtung auf den Berufszweig ankäme. Ein Tischlermeister könne durchaus das gleiche verdienen wie ein Akademiker.

In der weiteren Diskussion wurde übereinstimmend gefordert, die berechtigten Anliegen des Berufsschulsystems stärker an die Politik zu tragen. Politik und Verwaltung reagierten oft nur statt eigenständig tätig zu werden. Es bedürfe Veranstaltungen wie dieser und aktiver Politiker_innen, um einen Bewusstseinswechsel herbeizuführen und die Herausforderungen der Berufsschulen in den Vordergrund zu rücken. 

Jochen Ott hatte das abschließende Wort und fasste die Ergebnisse noch einmal in ihren Grundzügen zusammen. Er verweist auf die herausgearbeiteten Problematiken von Leistungsgerechtigkeit, Einkommensunterschieden nach dualer und akademischer Ausbildung sowie die notwendige Weiterentwicklung des „Master of Education“. Bezogen auf die öffentliche Wahrnehmung der Herausforderungen von Berufsschulen appellierte er für ein offensiveres Eintreten der berechtigten Interessen. Nur durch eine intensive Kommunikation und Vernetzung untereinander und gegenüber der Politik könnten diese Baustellen angegangen und konkrete Verbesserungen für das gesamte Berufsschulsystem erreicht werden.

 

Text: Katja-Tabea Goschin

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