Energiewende Rostock auf dem Weg zur nachhaltigen Wärmeversorgung 20.03.2026 Ronny Arnold Die Hansestadt steht an einem entscheidenden Wendepunkt ihrer Wärmeversorgung: weg von den fossilen Brennstoffen, hin zu 80 Prozent sauberer Fernwärme. Wie kann das gelingen? Blick auf das Areal der Rostocker Stadtwerke mit dem Wärmespeicher am Fluss Warnow. Bild: Urheber: picture alliance/dpa | Bernd Wüstneck Damit Deutschland sein Klimaziel erreicht, müssen Kommunen einen Wärmeplan entwickeln: Die großen mit mehr als 100.000 Einwohner:innen bis zum 30. Juni 2026, die kleineren bis 30. Juni 2028. Rostock war eine der ersten Städte in Deutschland, die aktiv vorangingen. Mit dem 2022 beschlossenen „Wärmeplan Rostock 2035“ hat die Stadtverwaltung einen eindeutigen Kurs eingeschlagen: Der Ausbau einer klimaneutralen, sicheren und nachhaltigen Wärmeversorgung soll langfristig die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern beenden. Der Plan liefert eine umfassende Bestandsaufnahme: vom aktuellen Wärmebedarf über bestehende Versorgungsstrukturen bis zu möglichen Wärmequellen. Er benennt Umweltwärme, industrielle Abwärme und saisonale Wärmespeicher als tragende Säulen einer neuen Wärmewirtschaft. Damit verfolgt Rostock das ehrgeizige Ziel, bis 2035 die entscheidenden Schritte zur Dekarbonisierung der Wärmeversorgung zu gehen. Zusammenarbeit vieler Akteur:innen Doch der Wärmeplan ist mehr als eine technische Paradiesvision: Er ist ein strategisches Instrument kommunaler Wärmepolitik, mit realistischen Zwischenschritten, verbindlichen Maßnahmen und Beteiligung zahlreicher Akteur:innen: Stadtverwaltung, Stadtwerke, Wohnungswirtschaft, private Eigentümer:innen und Mieter:innen sollen gleichberechtigt sein in einem Transformationsprozess, der technisches, wirtschaftliches und gesellschaftliches Handeln verbindet. Rostocks Vision der Energie von morgen: In den vergangenen Jahren hat die Hansestadt nicht nur in ihre vorhandenen Technologien zur Wärmeerzeugung investiert, sondern auch einen Wärmespeicher und einer Power-to-Heat-Anlage gebaut. Bild: Urheber: Stadtwerke Rostock Ein zentraler Pfeiler der Umsetzung sei das bestehende Fernwärmenetz, welches zukunftsfest gemacht werden soll, sagt Ralf Tschullik, Abteilungsleiter für Klimaschutz, Zukunftsfragen und Energie im Rostocker Rathaus: „Nach dem Beschluss des Wärmeplans realisieren unsere Stadtwerke mittlerweile eine Verdreifachung der jährlichen Zubaurate an Anschlüssen für Fernwärme.“ Das ausgewiesene Ziel ist es, 80 Prozent der Wohngebäude bis 2045 aus der Ferne zu beheizen. Wohngebiete gezielt erschließen In den vergangenen zwei Jahren wurden Sanierungen und Modernisierungen durchgeführt: alte Leitungen ersetzt, Netze stabilisiert und vorbereitet für niedrigere Netztemperaturen und neue Wärmequellen. Gleichzeitig prüft die Stadt systematisch, welche Quartiere künftig an das Netz angeschlossen werden können mit dem Ziel, besonders solche Wohngebiete zu erschließen, die aktuell auf fossile Energien angewiesen sind. Dieses Vorgehen erinnert an eine umfassende städtische Infrastrukturstrategie: nicht nur Ausbau, sondern Ausbau mit Weitsicht und sozialem Anspruch. Mit dem Bau eines großen Wärmespeichers von 45 Millionen Liter und einer Power-to-Heat-Anlage setzt Rostock auf eine technologieoffene, flexible Wärmeversorgung. Überschüssiger Strom, etwa aus Wind oder Sonne, soll so in Wärme umgewandelt, gespeichert und bedarfsgerecht ins Netz eingespeist werden. Damit würde die kombinierte Nutzung erneuerbarer Energien und Fernwärme möglich und Rostock sich als Vorreiter für Sektorenkopplung positionieren. „Diese Technik erlaubt es, Wärmespitzen abzufedern, Versorgungssicherheit zu erhöhen und gleichzeitige Schwankungen im Strom- und Wärmemarkt auszugleichen“, meint Ralf Tschullik. „Diese Anlage ist bei den Stadtwerken Rostock bereits seit 2024 in Betrieb und bedient den benachbarten Wärmespeicher.“ In Form eines großen, sogenannten Saisonalwärmespeichers, soll die Speicherkapazität später drastisch erhöht werden. Noch ist das Zukunftsmusik für den Abteilungsleiter, weil es zwar grundsätzlich machbar ist, die technische Durchführbarkeit aber an ausgewählten Flächen der Kommune aufgrund eines großen Flächenbedarfs noch geprüft werden muss. Ein nachhaltiger Erdwärmespeicher für Rostock ist in Planung. Damit will die Stadt die Abwärme lokaler Industriebetriebe nutzen, die im Sommer im Überfluss vorhanden ist, und sie für die Heizperiode im Winter speichern. So wird industrielle Restwärme zur wertvollen Ressource. Bild: Urheber: Stadtwerke Rostock Wärmeplan mit dezentralen Lösungen Nicht alle Gebäude oder Quartiere lassen sich wirtschaftlich sinnvoll an das zentrale Netz anschließen. Der Wärmeplan sieht deshalb dezentrale Lösungen vor – etwa Wärmepumpen in Einzelgebäuden oder kleinere Quartiersnetze, gespeist aus Umweltwärme oder Abwärme. Gerade in Neubauten oder bei Sanierungen könnte dies eine sinnvolle, flexible und kosteneffiziente Alternative sein. Damit bliebe die Wärmewende nicht auf zentrale Netze beschränkt, sondern würde alle Gebäudetypen und Lebensrealitäten einbeziehen. „Da können wir eher sporadisch bei Bedarf reagieren sowie planmäßig im Neubau“, erklärt Tschullik. Priorität habe das aktuell aber nicht, auch weil konkrete Möglichkeiten dafür noch nicht ausgereift seien. Wärmewende betrifft die Menschen unmittelbar Die Wärmewende ist nicht nur Technik, sie betrifft Menschen, als Mieter:innen oder Eigentümer:innen, ganze Stadtviertel und Wohnblöcke. In Rostock wurde der Wärmeplan mit Beteiligung aller relevanten Akteure entwickelt: Stadt, Wohnungswirtschaft, Stadtwerke, private Eigentümer:innen und Mieter:innen waren eingebunden. Dieser kooperative Ansatz schaffe wichtige Transparenz und Vertrauen, sagen Fachleute, damit Bewohner:innen verstehen, warum bestimmte Maßnahmen notwendig sind und welche Folgen diverse Einschränkungen haben könnten. Der „Wärmeplan Rostock 2035“ hat konkrete Auswirkungen für die Bürger:innen. „Damit gilt: Wer angeschlossen werden kann, muss auch dran. Durch den im Zuge der Wärmeplanungsumsetzung deutlich beschleunigten Ausbau des Netzes betrifft das immer mehr Rostocker“, erklärt Ralf Tschullik. Die Power-to-Heat-Anlage erzeugt mit überschüssigem Strom aus Windenergie klimaneutrale Wärme, die in Form von heißem Wasser gespeichert wird. Der Elektrokessel der Anlage hat eine Leistung von 20 Megawatt. Bild: Urheber: picture alliance/dpa | Bernd Wüstneck In Rostock wird auch deswegen nun das „Dialogforum kommunale Wärmeplanungsumsetzung“ einberufen, in dem die relevanten Akteure zusammenkommen, die auch an der Erstellung des Wärmeplanes mitgewirkt haben. Ziele sei, Fortschritte zu überwachen, zu begleiten und auch öffentlich zu kommunizieren. So soll ein Gesamtmodell entstehen, das technische, städtebauliche und soziale Aspekte verbindet. Analog zur städtischen Wohnungspolitik, bei der bezahlbarer Wohnraum, soziale Teilhabe und langfristige Stadtentwicklung zusammen gedacht werden. „Natürlich führen Regelwerke und Ordnungen wie die Fernwärmesatzung auch zu Konflikten. Die beschleunigte Ausbaurate des Fernwärmenetzes ist nicht nur sichtbar, sondern birgt auch Konfliktpotenzial in Folge der damit einhergehenden Einschränkungen wie beispielsweise Straßensperrungen. Auch das ist Anliegen des Dialogforums, hier gegenzusteuern“, erläutert Tschullik. Ein wichtiger Meilenstein für die Wärmeplanungen in ganz Deutschland und damit auch in Rostock ist insgesamt das Jahr 2030, weil bis dahin 30 Prozent der Netze mit nachhaltiger Energie betrieben werden müssen. Das Dialogforum soll mindestens bis dahin arbeiten. Rostock als Modell für andere Städte Rostock zeigt: Die Wärmewende darf nicht nur ein technisches Großprojekt sein, sondern muss als Gesamtkonzept gedacht werden. Der Wärmeplan ist nicht nur Studie, sondern Planungs- und Steuerungsinstrument zugleich. Durch Beteiligung verschiedener Akteure, durch Transparenz und langfristige Perspektive entsteht eine Strategie, die sowohl Klimaschutz als auch soziale Versorgung und Stadtentwicklung verbindet. Weitere Beiträge zu diesem Thema Bild: Urheber: Ilona Stelzl/THA Freitag, 20.03.2026 Energiewende „Die Energiewende braucht Menschen, die sich kümmern“ Gesetzlich ist die kommunale Wärmeplanung klar geregelt, in der Praxis zeigt sich jedoch ein stark unterschiedliches Bild. Im Interview erklärt der Wissenschaftler Florian Rack, warum vor allem kleinere Kommunen hinterherhinken. Bild: Urheber: Umweltministerium Baden-Württemberg Freitag, 20.03.2026 Energiewende „Die Wärmewende braucht eine Generation“ Als erster Konvoi starteten die Gemeinden Owen, Dettingen und Bissingen in Baden-Württemberg eine gemeinsame interkommunale Wärmeplanung im ländlichen Raum. Wo stehen sie heute?