• Energiewende

„Die Wärmewende braucht eine Generation“

Ronny Arnold

Als erster Konvoi starteten die Gemeinden Owen, Dettingen und Bissingen in Baden-Württemberg eine gemeinsame interkommunale Wärmeplanung im ländlichen Raum. Wo stehen sie heute?

Die kommunalen Wärmepläne der drei Kommunen im Landkreis Esslingen wurden im Jahr 2024 von den jeweiligen Gemeinderäten beschlossen. Bis zur formalen Genehmigung verging jedoch noch Zeit. „Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis die Wärmepläne durch den Fördermittelgeber geprüft und genehmigt waren“, sagt Michael Christ, Energie- und Klimaschutzmanager der Gemeinde Dettingen unter Teck. „Aktuell befinden wir uns in der Umsetzung der ersten Maßnahmen.“

Erarbeitet wurden die Wärmepläne auf Grundlage der damals geltenden Regelungen des Klimaschutzgesetzes Baden-Württemberg. Um die Inhalte für Politik und Öffentlichkeit verständlich aufzubereiten, gibt es etwa eine umfassende FAQ-Liste. „Es war wichtig, die Wärmeplanung so aufzubereiten, dass sie auch ohne fachlichen Hintergrund nachvollziehbar ist“, sagt Christ. 

Konvoi mit klaren Ansprechpersonen

Organisiert wurde der Prozess im sogenannten Konvoi. Die Gemeinde Dettingen unter Teck übernahm dabei die Rolle der Konvoi-Führerin, stellte den Förderantrag und schrieb die Dienstleistung aus. „Damit der Konvoi funktioniert, war entscheidend, dass es klare Ansprechpersonen für den direkten Kontakt gab“, so Michael Christ. Gemeinsam mit dem Projektleiter und zwei weiteren Ansprechpartnern bildete er das Projektteam. Bei strategischen Fragen kam ein Lenkungskreis zusammen, dem auch die Bürgermeister der beteiligten Kommunen angehörten. „Die Gemeinderatssitzungen fanden getrennt statt, eine gemeinsame Bürgerinformation hingegen wurde bewusst zusammen organisiert.“

Inhaltlich folgen alle Wärmepläne einer ähnlichen Struktur. „Jeder Wärmeplan enthält mindestens fünf Maßnahmen, die zeitnah umgesetzt werden müssen“, erklärt Christ. Dazu zählen Machbarkeitsprüfungen, Flächensicherung, die Vernetzung relevanter Akteure, Information der Bürgerschaft sowie die Begleitung konkreter Projekte. Darüber hinaus setzen einzelne Kommunen eigene Schwerpunkte. In der Gemeinde Dettingen etwa liegt der Fokus auf dem bestehenden Wärmenetz. Michael Christ: „Dort läuft das Contracting 2026 aus und muss neu ausgeschrieben werden, das ist ein zentrales Projekt.“ 

Finanzielle und personelle Kapazitäten nötig

Ein wichtiges Ergebnis der gemeinsamen Planung ist das geothermische Potenzial der Region. „Die Wärmeplanung hat gezeigt, dass die Kommunen auf einer geothermischen Anomalie liegen, die oberflächennahe Erdwärme begünstigt“, erklärt Michael Christ. Daraus entstand eine gemeinsame Maßnahme: Genehmigungs- und Planungsprozesse für Erdwärmesonden sollen vereinfacht werden. „Die dazu notwendige Studie wollen wir wieder gemeinsam im Konvoi ausschreiben, um Synergien zu nutzen und Kosten zu sparen.“

Doch nicht alle Maßnahmen lassen sich im Verbund umsetzen. Die größte Hürde sieht Christ in den knappen Ressourcen: „Einige Maßnahmen verzögern sich, weil finanzielle und personelle Kapazitäten fehlen.“ Besonders Machbarkeitsstudien mit unsicherer Wirtschaftlichkeit würden aktuell zurückgestellt. Diese Projekte sind laut Christ oft so individuell, dass sie sich nicht sinnvoll im Konvoi bearbeiten lassen. 

Mit Blick auf die langfristigen Klimaziele mahnt der Manager zur Realitätsnähe. „Die Wärmewende braucht eine Generation.“ Für viele Hauseigentümer:innen sei ein vorzeitiger Heizungstausch wirtschaftlich nicht darstellbar, vor allem dann nicht, wenn zusätzliche Maßnahmen wie Fußbodenheizungen erforderlich sind. „Ohne eine Abwrackprämie für noch nicht abgeschriebene Heizungen ist eine Klimaneutralität bis 2040 nicht zu schaffen.“ Hinzu komme, dass viele Haushalte keine Rücklagen gebildet hätten und Heizungen bis zum Totalausfall weiterbetrieben würden. „Im schlimmsten Fall droht dann Altersarmut“, meint Michael Christ.

Kommunen setzen auf Förderinstrumente

Die Wärmepläne im Konvoi basieren deshalb auf konservativen Annahmen zur Sanierungsrate. Gleichzeitig setzen die Kommunen auf gezielte Förderinstrumente. „Die Sanierungsgebiete mit Mitteln aus dem Landessanierungsprogramm sind deutlich zielgerichteter und bürokratieärmer als viele Bundesprogramme“, sagt Christ. Auch über den Konvoi hinaus arbeiten die Kommunen eng zusammen, etwa über die Klimaschutzagentur des Landkreises Esslingen und die Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg (KEA-BW). „Diese Vernetzung trägt Früchte“, betont Christ. Ein Beispiel sei eine geplante Wärmepumpen-Bündelaktion in Kirchheim unter Teck und Dettingen ab 2026.

Bei der Bürgerbeteiligung haben die Kommunen aus den ersten Erfahrungen gelernt. „Die Hauseigentümer interessieren sich weniger für die Wärmeplanung als für individuelle Beratung.“ Deshalb setzen die Kommunen verstärkt auf Beratungstage, Thermografie-Rundgänge und Informationsmessen. „Bei der Fortschreibung der Wärmeplanung werden wir uns stärker auf die Einbindung relevanter Akteure konzentrieren.“

Kritisch sieht Michael Christ die finanzielle Rahmensetzung durch Bund und Land. „Ohne Fördermittel wären viele Wärmenetze nicht wirtschaftlich darstellbar.“ Gleichzeitig fehle es an Verlässlichkeit. „Es hilft nicht, wenn alle vier Jahre Gesetze und Förderprogramme geändert werden. Beständigkeit ist wichtiger als Mikromanagement.“ Problematisch sei zudem die doppische Haushaltsführung: „Jede Investition in eine zukunftsfeste Wärmeversorgung wird als Schulden verbucht. Diese Schuldenbremse führt langfristig zum Bankrott der Daseinsvorsorge.“ 

Für die Zukunft zeichnet der Klimaexperte dennoch ein klares Bild: „In 15 Jahren werden Wärmepumpen auch im Altbau Standard sein!“ Koordinierte Erdwärmesonden könnten dann nicht nur das Heizen, sondern auch das Kühlen ermöglichen. „Die Heizungserneuerung wird dann kein emotional aufgeladenes Thema mehr sein.“

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