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„Die Energiewende braucht Menschen, die sich kümmern“

Ronny Arnold

Gesetzlich ist die kommunale Wärmeplanung klar geregelt, in der Praxis zeigt sich jedoch ein stark unterschiedliches Bild. Im Interview erklärt der Wissenschaftler Florian Rack, warum vor allem kleinere Kommunen hinterherhinken.

Herr Rack, wo stehen wir aktuell bei der kommunalen Wärmeplanung und wie groß ist die Lücke zwischen gesetzlichen Vorgaben und der Realität in den Kommunen? 

Florian Rack: Die kommunale Wärmeplanung ist gesetzlich klar geregelt: Kommunen ab einer bestimmten Größe müssen einen Wärmeplan erstellen, der nicht nur formal vorliegt, sondern als strategische Arbeitsgrundlage dient. In der Praxis zeigt sich jedoch ein sehr heterogenes Bild. Besonders deutlich ist die Diskrepanz zwischen großen und kleinen Kommunen. Große Städte verfügen meist über eigene Stadtwerke, umfangreiche Datenbestände und bestehende Wärmenetzinfrastrukturen. Kleinere Kommunen hingegen sind häufig auf Daten von überregionalen Akteuren angewiesen und stoßen dabei auf organisatorische und rechtliche Hürden. Ein Blick in den KWW-Wärmewendeatlas zeigt: Die meisten großen Kommunen haben ihre Wärmeplanung bereits abgeschlossen oder stehen kurz davor. Bei kleineren Gemeinden liegt dagegen noch einiges an Arbeit. (Anmerkung der Redaktion: siehe auch die VORAN-Berichte über kommunale Wärmeplanung in Rostock und im Landkreis Esslingen)

Welche regionalen Unterschiede gibt es zwischen den Bundesländern und warum sind direkte Vergleiche schwierig? 

Die Unterschiede sind erheblich. Baden-Württemberg ist hier besonders hervorzuheben: Dort existieren bereits seit 2023 landesrechtliche Vorgaben zur Wärmeplanung, entsprechend sind viele Kommunen bereits weit. In Bayern dagegen gab es zwar schon 2011 Energienutzungspläne, dieses Momentum wurde jedoch nicht konsequent fortgeführt. Im bundesweiten Vergleich liegt Bayern daher eher zurück. Das heißt, die bayerischen Kommunen, die aktuelle Energienutzungspläne als Wärmepläne anerkennen lassen, sind noch nicht zu sehen. Allerdings spielen auch strukturelle Faktoren eine Rolle: Nordrhein-Westfalen zählt rund 400 Kommunen, Bayern über 2.000, Rheinland-Pfalz noch mehr. Diese Kleinteiligkeit beeinflusst Planungstempo, Ressourcen und Umsetzungsfähigkeit maßgeblich.

Welche Rolle spielen die finanziellen Mittel des Bundes? 

Der Bund stellt rund 500 Millionen Euro für die kommunale Wärmeplanung bereit, die Mittel werden pro Einwohner gestaffelt vergeben. Inzwischen können Kommunen diese Gelder beantragen, in vielen Ländern, etwa in Bayern, funktioniert das zunehmend gut. Entscheidend ist jedoch, wie die Länder diese Mittel angesichts ihrer kommunalen Strukturen verteilen. In Bayern gibt es zusätzliche Förderungen für sogenannte Konvoi-Verfahren kleinerer Kommunen, bei denen mehrere Gemeinden gemeinsam planen, um effizienter zu sein. 

Wie hoch ist die Motivation in den Kommunen? Sehen sie es eher als Pflichtaufgabe oder strategisches Projekt? 

Das Bild ist gemischt. Als wir 2024 mit unseren Untersuchungen starteten, war es so, dass zunächst vor allem Vorreiterkommunen aktiv waren, die früh Fördermittel eingeworben hatten. Mit der Klärung der Bundesförderung ab 2025 hat sich das geändert: Planungsbüros berichten, dass nun deutlich mehr Kommunen bereit sind, ernsthaft in die Wärmeplanung einzusteigen. 

Gleichzeitig hängt die Motivation stark von lokalen Akteuren ab. Ohne politischen Rückhalt, insbesondere durch Bürgermeister:innen, droht die Wärmeplanung zur reinen Pflichtübung zu werden. Es braucht sogenannte „Kümmerer“, die wirklich wollen und den Wärmewende-Prozess immer wieder besprechen, um wirklich voranzukommen.  

Welche Bedeutung hat diese Kommunikation konkret für den Erfolg der Wärmeplanung? 

Eine zentrale, denn neben den Kosten für Wärmenetze ist Kommunikation der Schlüssel zum Erfolg in der Wärmeplanung. Unsicherheiten rund um die 65-Prozent-Regel etwa bei erneuerbaren Energien führen vielerorts zu Ängsten in der Bevölkerung, etwa vor einem erzwungenen Heizungstausch. Institutionen wie das „Kompetenzzentrum Kommunale Wärmewende“ (KWW) betonen daher zu Recht, dass transparente und frühzeitige Kommunikation entscheidend ist. Ziel ist es, die Wärmeplanung aus der reinen Gesetzeslogik herauszulösen und als gestaltbaren Prozess zu vermitteln und nicht nur als umfangreiches PDF-Papier ohne Wirkung. 

Haben Kommunen Vorteile, die sich früh mit erneuerbaren Energien beschäftigt haben? 

Ja. Kommunen mit langjähriger Erfahrung im Bereich erneuerbare Energien profitieren heute von Akzeptanz, Know-how und funktionierenden Strukturen. Beispiele finden sich etwa in Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern oder einzelnen bayerischen Kommunen mit starken Energiegenossenschaften. Ein wiederkehrender Erfolgsfaktor ist der eben der bereits genannte „Kümmerer“, also die Person oder Stelle, die das Thema kontinuierlich vorantreibt. Fehlt diese Rolle, passiert häufig wenig, selbst wenn Fördermittel vorhanden sind. 

Welche Rolle spielen Datenverfügbarkeit, Datenschutz und methodische Standards? 

Die Datenverfügbarkeit ist besser als häufig angenommen. In vielen Bundesländern funktioniert die Datenerhebung solide, auch wenn es in einzelnen spezifischen Bereichen noch Lücken gibt. Das Kernproblem liegt weniger in der Beschaffung als in der Weiterverarbeitung. In der Praxis endet die Wärmeplanung häufig in einem umfangreichen Papier, welches weiterverarbeitet werden müsste. Viele Kommunen verfügen jedoch nicht über die notwendige GIS-Infrastruktur, also passende Geoinformationssysteme, um mit Karten und Datensätzen weiterzuarbeiten. Zusatzmodule sind teuer, Fachpersonal fehlt. Während Großstädte über spezialisierte GIS-Abteilungen verfügen, stoßen kleinere Kommunen hier schnell an ihre Grenzen. 

Warum scheitert der Übergang vom Plan zur Umsetzung so häufig? 

Das zentrale Hindernis ist der fehlende Anschluss an die Planung. Die Daten liegen vor, können aber nicht weiterverarbeitet werden. Es fehlt an Personal, technischer Ausstattung und an Instrumenten, um Maßnahmen zu priorisieren und weiterzuentwickeln. Aktuell wird daher erforscht, wie digitale Werkzeuge Kommunen direkt unterstützen können. Ziel ist es, Planungsdaten so aufzubereiten, dass daraus konkrete Projekte entstehen. 

Wie können kleine Kommunen mit begrenzten Ressourcen eingebunden werden? 

Kleine Kommunen stehen vor besonderen Herausforderungen: Personalmangel, geringe finanzielle Spielräume und oft ehrenamtliche Verwaltungsstrukturen. Der Gesetzgeber versucht, dies über höhere Pro-Kopf-Förderungen und Konvoi-Verfahren abzufedern. Zusätzlich gibt es vereinfachte Verfahren für Kommunen unter 10.000 Einwohnern mit geringeren Anforderungen. Dabei ist unklar, ob diese Kommunen nicht zu vermeintlichen blinden Flecken auf der Wärmewendekarten werden. Ob diese Instrumente ausreichen, lässt sich derzeit noch schwer beurteilen, da viele kleine Kommunen noch am Anfang stehen. 

Was war der Fokus Ihrer Forschung und welche zentralen Erkenntnisse lassen sich daraus ableiten? 

Unser Fokus lag auf der Geodaten- und der GIS-Ebene. Die zentrale Erkenntnis: Die Potenzialanalysen funktionieren grundsätzlich, insbesondere für Wärmenetze. Problematisch ist jedoch der Schritt zur Umsetzung. Um Wärmenetze realisieren zu können, braucht es Machbarkeitsstudien/Förderungen und dafür fehlen häufig noch belastbare Vorinformationen. Methodisch stringentere Wärmepläne könnten hier helfen, das Momentum zu erhöhen. 

Wie wichtig ist die sektorübergreifende Integration von Wärme, Strom, Mobilität und Stadtentwicklung? 

Sie ist entscheidend, denn die Wärmewende ist nur ein Baustein einer umfassenden Energiewende. Mobilität, Industrie, Stromnetze und perspektivisch auch Kälteplanung müssen zusammen gedacht werden. Für Bürger:innen wird diese Transformation vor allem über Preise und Infrastruktur spürbar. Akzeptanz entsteht nur durch Transparenz und vor allem durch kontinuierliche Kommunikation vor Ort.  

Wo stehen wir idealerweise in zehn Jahren? Hat die kommunale Wärmeplanung dann ihren Zweck erfüllt? 

Die Wärmeplanung markiert einen „Tag Null“. In etwa zehn Jahren lässt sich messen, welche Maßnahmen umgesetzt wurden und ob Emissionen tatsächlich gesunken sind. Entscheidend ist nicht der Plan, sondern seine Wirkung. Wärmeplanung kann Orientierung geben: Wo entstehen Wärmenetze? Wo braucht es Unterstützung für dezentrale Lösungen? Wie viele Haushalte konnten auf emissionsarme Heizsysteme umgestellt werden? Das ist ein Marathon, kein Sprint. Langfristig wird sich der Erfolg zum Beispiel auch an der Sanierungsrate von Gebäuden messen lassen. Aktuelle Studien zeigen, dass Einzelmaßnahmen mit hohem Impact oft wirksamer sind als teure Gesamtsanierungen. Hier liegt ein zentraler Hebel für die kommenden Jahre.  

Florian Rack ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Architektur und Bauwesen der Technischen Hochschule Augsburg. Gemeinsam mit Kolleg:innen hat er untersucht, wie weit vorliegende kommunale Wärmepläne den Klimazielen gerecht werden können und welche Faktoren ihre Wirksamkeit bei der Umsetzung der Wärmewende beeinflussen. 

Das Ergebnis ihrer Analyse verschiedener Planungsprozesse und einer qualitativen Studie in Bayern: Die Wärmeplanung ist als strategischer Rahmen zwar anerkannt, ihre Wirksamkeit wird jedoch noch zu häufig durch unvollständige Daten, fehlende methodische Standards und Koordinierungsprobleme zwischen Verwaltung, Politik und Energiewirtschaft eingeschränkt. Positiv jedoch sei, dass durch gezielte Förderung und immer mehr Wissen in den einzelnen Kommunen am Ende alle profitieren werden.   

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