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Wie sich der Iran-Krieg auf migrantische Arbeiter:innen aus Nepal auswirkt

Chandra Dev Bhatta, Sarah Klaußner, FES-Büro Nepal

Die nepalesische Wirtschaft ist auf private Rücküberweisungen aus dem Ausland angewiesen. Sollte der Krieg im Iran anhalten, muss Nepals neue Regierung Alternativen dazu finden.

Ein nepalesischer Wanderarbeiter wartet am Tribhuvan International Airport in Kathmandu, Nepal
Urheber: picture alliance / NurPhoto | Sanjit Pariyar

Migration sollte eine freie Wahl sein, keine Notwendigkeit. Genau Letzteres bedeutet sie jedoch für Nepal. Ohne die Möglichkeit, im Ausland zu arbeiten – vor allem in den Golfstaaten –, würden der nepalesischen Wirtschaft je nach Berechnung 8 bis 25 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts fehlen. Monatlich fließen durchschnittlich umgerechnet knapp 850 Millionen Euro an privaten Geldsendungen nach Nepal, von denen wiederum etwa 40 Prozent – umgerechnet ungefähr 345 Millionen Euro – aus den Golfstaaten überwiesen werden. Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Iran-Kriegs auf Nepal sind somit beträchtlich und gerade für Nepals neue Regierung stellt die Lage der migrantischen Arbeiter:innen eine besondere Herausforderung dar. Nepals Wirtschaft kann nur dann ohne Rücküberweisungen wachsen, wenn Arbeitsstellen in der Tourismusbranche geschaffen werden, im Bereich der nachhaltigen Energie und Landwirtschaft sowie bei digitalen Dienstleistungen.

Doch ein Wirtschaftswachstum in Nepal erfordert politischen Wandel. In der Vergangenheit setzten mehrere Regierungen in Folge zu lange auf Geldsendungen als Teil des BIP. Jetzt muss die neue Regierung die Erwartungen einer ihrer wichtigsten Wählergruppen erfüllen: Nepals jüngerer, digital vernetzter Bevölkerung. Seit Jahrzehnten gehören jüngere, mobile und gut ausgebildete Nepali zu jenen, die das Land verlassen müssen, um anderswo Arbeit zu finden. Und obgleich diese jungen Menschen seit den Protesten im September 2025 die politische Landschaft Nepals verändert haben, stecken sie nach wie vor in einer wirtschaftlichen Lage, die ihnen kaum Aussichten auf gute Karrierechancen oder eine gut bezahlte Stelle in Nepal selbst bietet – und so machen sich die meisten von ihnen auf die Suche nach besseren Möglichkeiten im Ausland. Diese jungen Menschen gehen nicht ins Ausland, um die Welt zu entdecken. Sie verlassen das Land, weil sie für sich keine andere Wahl sehen. Und es handelt sich dabei nicht um Einzelfälle, sondern um eine landesweite Entwicklung.

Auswirkungen auf das Alltagsleben in Nepal

Eine so große Abhängigkeit von Rücküberweisungen aus dem Ausland wird zum Problem, sobald externe Konflikte dieses System unterbrechen – wie etwa derzeit der Krieg im Iran. Durch diesen Konflikt sind in Nepal die Lieferketten für Lebensmittel und andere Gebrauchsgüter beeinträchtigt, ebenso wie Reisen und Transport im Land selbst wie auch international. Verbraucher:innen sind durch die negativen Auswirkungen auf ihr Alltagsleben betroffen. Um steigende Importkosten zu bewältigen, wächst der Druck auf die Devisenreserven, was wiederum die Währungen im Land schwächt und Probleme mit der Inflation verstärkt. Nepal ist auf die Golfstaaten nicht nur als Arbeitsmarkt angewiesen (Nachdem in Saudi-Arabien das ambitionierte »Future City«-Projekt ausgesetzt wurde, sind die dortigen Arbeitsstellen von etwa 80.000 Nepali bedroht), sondern auch als Quelle wichtiger Importe, einschließlich Rohstoffe, Düngemittel und Baustoffe. Schon jetzt beeinträchtigt der Iran-Krieg die industrielle Produktion in Nepal und bedroht die Ernährungssicherheit im Land.

Noch kritischer jedoch sind die Auswirkungen auf jene Frauen und Familien, die auf die Geldsendungen der im Ausland arbeitenden Angehörigen angewiesen sind. Wie sollen sie Ausbildung, Schule und Alltagsausgaben bezahlen? Wie unterhält man eine Familie, die von derlei Sendungen abhängig ist? Die Lage marginalisierter Gruppen ist besonders verheerend. Die steigenden Preise stellen insbesondere für ärmere Menschen eine Bedrohung dar. Sollte der Konflikt anhalten, werden sich diese Menschen Lebensmittel, geschweige denn Treibstoff, Gas oder andere Gebrauchsgüter, nicht mehr leisten können.

Eine lange Geschichte der Arbeit im Ausland

Seit Mitte der 1990er-Jahre, als der maoistische Aufstand die Politik in Nepal prägte und neoliberales Denken die nationale Wirtschaft, nahm die Anzahl der im Ausland arbeitenden Nepali zu. Der Bürgerkrieg dauerte zehn Jahre und kam 2005/2006 zu einem Ende. Doch selbst nach dem Ende des bewaffneten Aufstands wurde die Wirtschaftspolitik im Land nicht verändert: Statt einer produktionsbasierten Politik verfolgte man weiter einen einnahmenbasierten Ansatz.

Durch die Rücküberweisungen ist auch der nepalesische Verbrauchermarkt gewachsen und somit auch die Mittelschicht. In Zeiten multipler weltpolitischer Krisen sind derlei Geldsendungen jedoch nicht nachhaltig. Diese Überweisungen haben das Konsumverhalten im Land gesteigert, jedoch ohne die dementsprechende Produktion.

In der Vergangenheit haben aufeinanderfolgende Regierungen die Schaffung von Arbeitsplätzen kaum priorisiert. Stattdessen fing man an, Arbeitsabkommen mit so vielen Staaten wie möglich zu unterzeichnen, was in Nepal selbst ein ganz eigenes wirtschaftspolitisches Ökosystem geschaffen hat. Nun jedoch setzen der Krieg und die fortwährende politische Instabilität im Nahen Osten die nepalesische Wirtschaft und insbesondere die jüngeren Menschen im Land stark unter Druck. So kehren viele migrantische Arbeiter:innen nach Nepal zurück, insbesondere aus den Golfstaaten. Diejenigen, die noch in diesen Ländern bleiben, finden dort kaum Anstellungen und unterstehen auch sonst kaum einem Schutz.

Hohe Erwartungen an die neugewählte Regierung

In Nepal wurde kürzlich eine neue Regierung gewählt. Diese verspricht unter anderem eine verantwortungsvollere Regierungsführung, schnellere Dienstleistungen und die Schaffung wirtschaftlicher Chancen im Land. Es wurde ein ehrgeiziges 100-Punkte-Programm vorgestellt, das, sollte es umgesetzt werden, das Land tatsächlich zum Positiven verändern könnte. Grundsätzlich sieht die neue Regierung vor, die Auswanderungsbewegung umzukehren, indem im Land selbst mehr Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten sowie Arbeitsstellen für migrantische Arbeiter:innen geschaffen werden. Der Iran-Krieg hat diesen Prozess jedoch bereits verlangsamt und allmählich verschieben sich die Prioritäten. Das macht es wichtiger denn je, dass sich die Regierung den Bedürfnissen der Rückkehrer:innen zuwendet und die Alltagsprobleme der Bevölkerung angeht. Sollten noch mehr Nepali in ihr Land zurückkehren, wird der Druck auf die Regierung und auf den Arbeitsmarkt in Nepal anwachsen, was eine weitere politische Krise im Land auslösen könnte.

Noch lässt sich die zukünftige Entwicklung nicht abschätzen – aber schon jetzt sind die Auswirkungen auf Nepals Wirtschaft, Regierung und Gesellschaft beträchtlich.

Über die Autorinnen

Chandra Dev Bhatta arbeitet für das FES-Büro Nepal und kommentiert regelmäßig nepalesische Politik, Geopolitik und politische Dynamiken in der Region.

Sarah Klaußner ist Kulturwissenschaftlerin und leitet das Landesbüro der FES in Nepal.

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Abteilung Analyse, Planung und Beratung

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