Publikation Die Welt gerecht gestalten | Internationale Gemeinschaft und Zivilgesellschaft Nicht mehr. Nicht weniger. Sondern besser: Warum Demokratien einen Befähigungsstaat brauchen 18.06.2026 Nina Netzer Bild: Urheber: FES | edeos Der Capability State - Der Befähigungsstaat Meyer, Henning | Bonn : Friedrich-Ebert-Stiftung e.V., Juni 2026 eine progressive Vision für das 21. Jahrhundert Zum Download (PDF) Mehr oder weniger Staat? Entscheidend ist, was ein Staat können muss, um Demokratie handlungsfähig zu halten. Henning Meyer zeigt, warum Demokratien dafür einen Befähigungsstaat brauchen Von Buenos Aires über Washington bis Peking werden derzeit sehr unterschiedliche Antworten auf dieselbe Frage gesucht: Welche Rolle soll der Staat im 21. Jahrhundert spielen? Während Argentinien staatliche Strukturen abbaut und die USA Bundesbehörden verkleinern, setzt China auf einen Staat, der wirtschaftliche und technologische Entwicklung aktiv steuert. Doch die Debatte über mehr oder weniger Staat greift zu kurz. Die entscheidende Frage lautet: Was sollte ein Staat eigentlich können? Die falsche Frage: mehr oder weniger Staat Genau hier setzt die neue FES-Analyse „Der Capability State – Der Befähigungsstaat“ von Henning Meyer an. Sie verschiebt den Blick von der Größe des Staates auf seine Fähigkeiten und seine Wirkung. Es geht nicht um mehr oder weniger Staat, sondern darum, ob Demokratien Staaten haben, die Menschen tatsächlich befähigen. Nicht die Frage, ob der Staat größer oder kleiner werden soll, steht im Mittelpunkt, sondern ob er gesellschaftliche Herausforderungen bewältigen und Menschen neue Chancen eröffnen kann. Die Diskussion ist hochaktuell. Demokratien stehen weltweit unter Druck. Geopolitische Konflikte, wirtschaftliche Unsicherheiten, technologische Umbrüche und die Folgen des Klimawandels verlangen von Staaten schnelle und wirksame Antworten. Gleichzeitig wächst in vielen Ländern das Misstrauen gegenüber politischen Institutionen. Gesellschaften polarisieren sich, traditionelle Bindungen werden schwächer und autoritäre Akteure gewinnen an Einfluss. Vor diesem Hintergrund wird staatliche Handlungsfähigkeit zunehmend zu einer Schlüsselfrage demokratischer Politik. Effizienz allein macht noch keinen demokratischen Staat Allerdings wird Handlungsfähigkeit häufig auf Effizienz reduziert. Der Staat soll schneller entscheiden, Genehmigungen beschleunigen, digitale Dienstleistungen anbieten oder Bürokratie abbauen. All das ist wichtig. Doch Henning Meyer argumentiert, dass eine solche Perspektive zu kurz greift. Denn selbst der effizienteste Staat ist nicht automatisch ein erfolgreicher Staat. Entscheidend ist, ob staatliches Handeln dazu beiträgt, individuelle Chancen zu erweitern, gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken und langfristige Entwicklung zu ermöglichen. Der Capability State verfolgt deshalb einen anderen Ansatz. Er versteht staatliche Leistungsfähigkeit nicht als Selbstzweck, sondern als Voraussetzung für Befähigung. Im Zentrum steht die Frage, wie staatliche Institutionen Menschen dabei unterstützen können, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten und aktiv an Gesellschaft und Demokratie teilzuhaben. Dabei verbindet das Konzept drei Dimensionen, die häufig getrennt voneinander betrachtet werden: Erstens braucht es einen Staat, der über die notwendigen Fähigkeiten verfügt, politische Ziele tatsächlich umzusetzen. Zweitens braucht es Bürgerinnen und Bürger, die Zugang zu Bildung, Gesundheit, sozialer Sicherheit und wirtschaftlichen Chancen haben.Drittens braucht es starke Gemeinschaften und demokratische Räume, in denen Vertrauen, Zusammenhalt und Teilhabe entstehen können. Gerade dieser dritte Aspekt verdient besondere Aufmerksamkeit. Die internationale Debatte über staatliche Leistungsfähigkeit konzentriert sich oft auf Institutionen, Regulierung oder wirtschaftliche Kennzahlen. Weniger Beachtung findet die Frage, welche gesellschaftlichen Voraussetzungen demokratische Handlungsfähigkeit überhaupt ermöglichen. Vertrauen in Institutionen, soziale Beziehungen und die Erfahrung, Teil eines gemeinsamen Gemeinwesens zu sein, lassen sich nicht einfach administrativ herstellen. Sie entstehen durch Beteiligung, Begegnung und gemeinsame Verantwortung. Hier liegt auch die zentrale Unterscheidung zu autoritären Modellen. Staaten können durchaus handlungsfähig sein, ohne Menschen zu befähigen. Sie können Entscheidungen schnell treffen, ohne gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Der Capability State schlägt deshalb einen anderen Weg vor. Er verbindet wirksames staatliches Handeln mit individueller Freiheit und demokratischer Teilhabe, anstatt diese Ziele gegeneinander auszuspielen. Für die Friedrich-Ebert-Stiftung ist diese Debatte von besonderer Bedeutung. Die soziale Demokratie war immer von der Überzeugung geprägt, dass Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität zusammengehören. Angesichts tiefgreifender gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Veränderungen stellt sich heute erneut die Frage, wie diese Prinzipien institutionell verankert werden können. Welche Fähigkeiten braucht ein demokratischer Staat, um Wandel zu gestalten? Wie können Menschen befähigt werden, Transformation aktiv mitzugestalten? Und wie lässt sich gesellschaftlicher Zusammenhalt in einer zunehmend fragmentierten Welt sichern? Mit der vollständigen Analyse von Henning Meyer und den begleitenden internationalen Kurzstudien, die im September 2026 veröffentlicht werden, möchte die Friedrich-Ebert-Stiftung einen Beitrag zu dieser Debatte leisten. Die Ergebnisse zeigen, dass erfolgreiche Staatsmodernisierung mehr bedeutet als Digitalisierung, Deregulierung oder Bürokratieabbau. Sie erfordert ein Verständnis von Staatlichkeit, das staatliche Handlungsfähigkeit, individuelle Entfaltungsmöglichkeiten und gesellschaftlichen Zusammenhalt zusammendenkt. Wir damit laden dazu ein, die Diskussion über die Zukunft des demokratischen Staates neu zu führen. Die zentrale Frage lautet dabei nicht, wie groß der Staat ist, sondern ob er Menschen, Gesellschaft und Demokratie handlungsfähiger macht. Über den Autor Professor Henning Meyer ist Direktor am lill Institute for Public Value, Honorarprofessor an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen sowie assoziierter Wissenschaftler der Universität Cambridge. Zudem ist er Geschäftsführer und Chefredakteur der Onlinezeitung Social Europe Kontakt Bild: Urheber: FES | bundesfoto/Zöhre Kurc Nina Netzer +49 30 26935-7713 Nina.Netzer(at)fes.de Das könnte Sie auch interessieren... 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