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Die Jugendstudie der Friedrich-Ebert-Stiftung liefert fundierte Daten und Analysen zur politischen Beteiligung sowie zu den Einstellungen und Lebensrealitäten junger Menschen. Ziel der Studie ist es, belastbare Erkenntnisse bereitzustellen und eine faktenbasierte Diskussion zu fördern.Für die Region Lateinamerika und Karibik präsentieren wir hier eine thematische Auswertung der aktuellen Umfrageergebnisse. Die Erhebung wurde von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Forschungs- und Umfrageunternehmen YouGov durchgeführt.Im Jahr 2024 wurden rund 22.000 junge Menschen in 14 Ländern der Region befragt.
Studien über die Jugend in Lateinamerika und Karibik
Bilbao G., Anabel ; Vázquez, Melina ; Ramírez Gallegos, Franklin ; Castro, Elisa Guaraná de ; Aquilera, Óscar ; Licea, Mariana ; Rodriquez, Camila | Quito : Friedrich-Ebert-Stiftung, November 2025
Die Publikation zur Studie kann auf der Projektseite heruntergeladen werden.
Detaillierte Ergebnisse und interaktive Diagramme zur Studie „Jugend: Eine noch ungelöste Aufgabe“ sind auf der Projektseite zu finden. Die Inhalte stehen auf Spanisch, Portugiesisch und Englisch zur Verfügung.
Die wichtigsten Erkenntnisse der Jugenstudie Lateinamerika und Karibik
Junge Menschen in Lateinamerika bewegen sich zwischen wachsender Unzufriedenheit und überraschend starkem Zukunftsoptimismus. Während sie die wirtschaftliche Lage und die Situation ihrer Länder kritisch sehen, bleiben ihre Erwartungen an die eigene Zukunft bemerkenswert positiv.
Die Studie zeigt zentrale Spannungen: Fehlende Perspektiven fördern Migration, Demokratie wird weiterhin unterstützt – auch wenn ihre konkrete Leistungsfähigkeit zunehmend infrage gestellt wird. Vertrauen in Institutionen ist vorhanden, aber brüchig und ungleich verteilt. Politisches Interesse ist keineswegs gering. Doch viele Jugendliche fühlen sich von bestehenden Strukturen nicht ausreichend angesprochen und engagieren sich verstärkt außerhalb klassischer politischer Strukturen.
Die Ergebnisse machen deutlich, wo politisches Handeln ansetzen muss: Es gilt, die Kluft zwischen Erwartungen und Realität zu verringern – durch bessere wirtschaftliche Chancen, leistungsfähigere Institutionen und neue, inklusivere Formen politischer Beteiligung.
Die Unzufriedenheit junger Menschen in Lateinamerika ist vor allem struktureller Natur – nicht individuell.
Am größten ist die Kritik an der allgemeinen Lage der Länder. In mehr als 60 Prozent der Fälle wird sie negativ bewertet. In Argentinien, Venezuela, Ecuador und Honduras liegt dieser Wert sogar bei nahezu 80 Prozent.
An zweiter Stelle steht die persönliche wirtschaftliche Situation. Besonders kritisch ist sie in Venezuela und Honduras.
Die Konzentration der Unzufriedenheit auf diese beiden Bereiche zeigt: Die Lebensrealitäten junger Menschen sind stark von anhaltenden strukturellen Krisen geprägt. Gefordert sind deshalb wirtschafts- und sozialpolitische Maßnahmen. Ziel muss sein, den Zugang zu fairen Arbeitsplätzen zu verbessern und bestehende Ungleichheiten abzubauen.
Quelle: Umfrage “Jugend: eine noch ungelöste Aufgabe” (2024)Anmerkung zum Diagramm: Einige Punkte sind nicht miteinander verbunden, weil nur die vier Dimensionen mit den höchsten Zufriedenheitswerten grafisch dargestellt wurden. Deshalb bildet die Grafik kein geschlossenes Viereck.
Trotz wirtschaftlicher Unsicherheit und politischer Krisen blicken viele junge Menschen optimistisch in die Zukunft.
Zwischen 77 und 90 Prozent der Jugendlichen sind überzeugt, dass ihr Leben besser sein wird als ihre aktuelle Situation. Besonders ausgeprägt ist dieser Optimismus in der Dominikanischen Republik (90 Prozent), Venezuela (89 Prozent) und Brasilien (88 Prozent). Der Anteil der Pessimistinnen und Pessimisten bleibt dagegen unter zehn Prozent.
Dieses Nebeneinander von Unzufriedenheit und Zuversicht ist kein Widerspruch, sondern ein bekanntes Muster: Junge Menschen bewerten ihre persönliche Zukunft oft deutlich positiver als die gesellschaftliche Lage insgesamt. Die Zahlen zeigen eine wachsende Kluft zwischen den aktuellen Lebensbedingungen und den Erwartungen an die eigene Zukunft.
Um diesen Optimismus zu stabilisieren, braucht es politische Antworten. Gefragt sind vor allem Maßnahmen, die verlässliche Bildungswege, bessere Berufsperspektiven und reale Aufstiegschancen sichern.
Quelle: Umfrage “Jugend: eine noch ungelöste Aufgabe” (2024)
Für viele junge Menschen ist Migration längst mehr als eine Option – sie wird zur konkreten Lebensstrategie.
Zwischen 35 und 62 Prozent der Jugendlichen geben an, auswandern zu wollen. Besonders hoch ist dieser Anteil in der Dominikanischen Republik und Peru (jeweils 62 Prozent) sowie in Kolumbien (60 Prozent). Niedrigere, aber weiterhin signifikante Werte zeigen sich in Ländern wie Uruguay und Panama.
Die Zahlen machen deutlich: Migration ist kein Randphänomen, sondern Ausdruck fehlender Perspektiven im eigenen Land. Wenn Staaten keine ausreichenden Lebens- und Entwicklungschancen bieten, verlagern junge Menschen ihre Zukunftspläne zunehmend ins Ausland. Migration wird so zur Antwort auf strukturelle Defizite.
Die Mehrheit der jungen Menschen steht weiterhin hinter der Demokratie – doch ihr Vertrauen in deren Funktionieren ist begrenzt.
In den meisten Ländern liegt die Zustimmung zur Demokratie bei über 60 Prozent. Besonders hoch ist sie in Peru (73 Prozent) sowie in Chile und Mexiko (jeweils 70 Prozent). Selbst in Costa Rica erreicht sie noch 58 Prozent. Kritische oder ablehnende Haltungen bleiben damit in der Minderheit. Gleichzeitig zeigt sich ein klarer Trend: Junge Menschen bekennen sich zur Demokratie als Prinzip, zweifeln jedoch zunehmend an ihrer konkreten Umsetzung.
Diese Diskrepanz verweist auf ein zentrales Problem: Die Legitimität demokratischer Systeme hängt nicht nur von Zustimmung, sondern von ihrer Leistungsfähigkeit ab.
Um Vertrauen zurückzugewinnen, müssen staatliche Institutionen stärker in der Lage sein, auf konkrete gesellschaftliche Forderungen zu reagieren und spürbare Ergebnisse zu liefern.
Die Demokratie genießt unter jungen Menschen breite Unterstützung – doch ihre konkrete Umsetzung überzeugt viele nicht.
Mehr als die Hälfte der Jugendlichen äußert geringe Zufriedenheit mit der Funktionsweise demokratischer Systeme. Besonders ausgeprägt ist die Kritik in Venezuela (72 Prozent), Honduras (56 Prozent) und Peru (53 Prozent). Hohe Zufriedenheitswerte bleiben in der gesamten Region die Ausnahme.
Diese Diskrepanz ist kein Randphänomen, sondern ein strukturelles Muster: Die Demokratie wird als beste Staatsform anerkannt, gleichzeitig aber in ihrer Leistungsfähigkeit infrage gestellt. Im Kern geht es dabei weniger um Prinzipien als um Ergebnisse. Viele junge Menschen zweifeln daran, dass demokratische Institutionen ihre Erwartungen erfüllen, Probleme wirksam lösen oder soziale Teilhabe sichern.
Um diese Kluft zu verringern, braucht es gezielte Reformen. Entscheidend sind effizientere staatliche Strukturen, mehr Transparenz und eine stärkere Fähigkeit, auf gesellschaftliche Forderungen konkret zu reagieren.
Das Vertrauen junger Menschen in Institutionen ist vorhanden – aber ungleich verteilt.
Am höchsten ist es bei Universitäten, die in mehreren Ländern Zustimmungswerte von über 40 Prozent erreichen. Auch andere Institutionen schneiden punktuell besser ab: In der Dominikanischen Republik und in Panama genießt die Kirche vergleichsweise hohes Vertrauen mit Werten um oder über 30 Prozent. In Ecuador erreichen die Streitkräfte sogar nahezu 50 Prozent.
Demgegenüber stehen zentrale staatliche und gesellschaftliche Akteure wie Justiz, Polizei und Medien, die deutlich geringere Vertrauenswerte verzeichnen.
Das Gesamtbild ist fragmentiert: Vertrauen existiert, aber es konzentriert sich auf einzelne Institutionen und variiert stark zwischen den Ländern.
Diese selektive Legitimität verweist auf ein grundlegendes Problem: Es fehlt an breit verankertem institutionellem Vertrauen – eine Voraussetzung für stabile demokratische Systeme.
Anmerkung zum Diagramm:
Die politischen Identitäten junger Menschen sind weniger polarisiert als oft angenommen.
In den meisten Ländern ordnet sich mehr als die Hälfte der Jugendlichen in der politischen Mitte ein. Deutlich geringer ist die Identifikation mit klassischen Lagern wie der Linken oder der Rechten.
Das deutet auf eine schwache Bindung an traditionelle ideologische Kategorien hin. Stattdessen rücken konkrete Themen und unmittelbare Anliegen stärker in den Vordergrund.
Diese Entwicklung eröffnet neue Spielräume für Politik: Gefragt sind weniger starre Ideologien als vielmehr pragmatische, programmatische Ansätze, die an den realen Bedürfnissen junger Menschen ansetzen.
Für viele junge Menschen stehen soziale und wirtschaftliche Probleme klar im Vordergrund. Als drängendste Herausforderungen nennen sie Armut, Arbeitslosigkeit und den eingeschränkten Zugang zu grundlegenden Rechten. Dahinter folgen Unsicherheit und organisierte Kriminalität.
Die Agenda der Jugend ist damit eindeutig: Im Fokus stehen materielle Lebensbedingungen ebenso wie der Umgang mit Gewalt und fehlender Sicherheit.
Um diesen Herausforderungen zu begegnen, braucht es umfassende politische Strategien. Entscheidend ist ein Zusammenspiel aus sozialer Inklusion, der Schaffung von Arbeitsplätzen und wirksamen Sicherheitskonzepten – basierend auf einem klaren rechtsstaatlichen Ansatz.
Quelle: Umfrage “Jugend: eine noch ungelöste Aufgabe” (2024)Anmerkung zum Diagramm: Einige Punkte sind nicht miteinander verbunden, da pro Land nur die drei wichtigsten Probleme grafisch dargestellt wurden. Deshalb bildet die Grafik kein geschlossenes Viereck.
Die Mehrheit der jungen Menschen wünscht sich einen aktiven und präsenten Staat.
In allen untersuchten Ländern sprechen sich mehr als 80 Prozent dafür aus, dass der Staat öffentliche Bildung sichert und dem Umweltschutz Priorität einräumt. Auch bei der Regulierung neuer Technologien besteht breite Zustimmung – mit Werten zwischen 70 und 87 Prozent. Die Anerkennung territorialer Autonomie findet ebenfalls deutliche Unterstützung von über 65 Prozent.
Selbst bei wirtschaftspolitischen Fragen zeigt sich ein klares Bild: Maßnahmen zur Umverteilung über Steuern stoßen bei 50 bis 75 Prozent auf Zustimmung. Auch bei strategischen Dienstleistungen bleibt die Rolle des Staates für viele zentral.
Die Botschaft ist eindeutig: Junge Menschen erwarten einen Staat, der handlungsfähig ist und Verantwortung übernimmt.
Um diesen Erwartungen gerecht zu werden, müssen staatliche Kapazitäten gestärkt werden – insbesondere dort, wo es um die Sicherung von Rechten und die wirksame Regulierung zentraler gesellschaftlicher Bereiche geht.
Das politische Interesse junger Menschen ist vorhanden – aber es bleibt oft ohne institutionelle Konsequenzen.
Rund 50 bis 60 Prozent der Jugendlichen zeigen ein mittleres politisches Interesse. In einzelnen Ländern erreicht der Anteil mit starkem Interesse Werte von bis zu 29 Prozent. Desinteresse existiert, ist jedoch nicht die dominante Haltung.
Diese Zahlen widersprechen dem verbreiteten Bild einer politisch apathischen Jugend. Das Problem liegt weniger im fehlenden Interesse als in der Distanz zu politischen Institutionen.
Es zeigt sich eine Kluft zwischen politischem Engagement und tatsächlicher Repräsentation. Viele junge Menschen fühlen sich von bestehenden Strukturen nicht ausreichend angesprochen oder eingebunden.
Um diese Lücke zu schließen, braucht es neue Formen der Beteiligung: offener, verbindlicher und näher an den Lebensrealitäten der Jugend.
Trotz wachsender Skepsis gegenüber Institutionen behalten Wahlen für viele junge Menschen ihre zentrale Bedeutung.
Zwischen 51 und 74 Prozent halten Wahlen für ein wirksames politisches Instrument. Besonders hoch ist die Zustimmung in Argentinien (74 Prozent) und Uruguay (72 Prozent). Selbst in Ländern mit geringerer Zustimmung liegt sie noch über der 50-Prozent-Marke.
Der Anteil derjenigen, die Wahlen kritisch sehen, bewegt sich zwischen 17 und 39 Prozent – bleibt damit jedoch klar in der Minderheit.
Die Daten zeigen: Auch wenn das Vertrauen in Institutionen insgesamt bröckelt, bleibt die Wahl ein anerkannter Mechanismus für politischen Wandel innerhalb demokratischer Systeme.
Viele junge Menschen engagieren sich – doch eine breite Beteiligung bleibt die Ausnahme.
Je nach Land geben zwischen 30 und 60 Prozent der Jugendlichen an, in Organisationen aktiv zu sein. Am höchsten ist die Beteiligung in der Dominikanischen Republik (59 Prozent), am niedrigsten in Argentinien (38 Prozent).
Gleichzeitig liegt die Nichtbeteiligung in allen Ländern über 40 Prozent und erreicht teils bis zu 62 Prozent. Das zeigt: Engagement ist zwar relevant, aber längst nicht flächendeckend.
Die Zahlen verweisen auf bestehende Hürden, die viele junge Menschen von aktiver Teilhabe abhalten.
Um die Beteiligung zu stärken, braucht es gezielte politische Maßnahmen. Entscheidend sind der Abbau struktureller Barrieren, die Förderung zivilgesellschaftlicher Organisationen sowie niedrigschwellige, langfristige und regional angepasste Beteiligungsformate.
Wenn sich junge Menschen engagieren, dann meist außerhalb traditioneller politischer Strukturen.
Aktivitäten konzentrieren sich vor allem auf Sportvereine, religiöse Organisationen und Studierendeninitiativen. Je nach Land liegen die Beteiligungsraten hier zwischen 10 und 25 Prozent. Politische Parteien spielen dagegen kaum eine Rolle.
Das Muster ist eindeutig: Engagement findet überwiegend im sozialen und gemeinschaftlichen Umfeld statt – weniger in der formellen Politik.
Diese Verschiebung verweist auf eine Distanz gegenüber klassischen politischen Kanälen, nicht aber auf mangelnde Beteiligungsbereitschaft.
Um dieses Potenzial besser zu nutzen, müssen bestehende Engagementformen stärker mit institutionellen Beteiligungs- und Mitbestimmungsstrukturen verknüpft werden.
Quelle: Umfrage “Jugend: eine noch ungelöste Aufgabe” (2024)Anmerkung zum Diagramm: Einige Punkte sind nicht miteinander verbunden, da in jedem Land nur die drei wichtigsten Organisationen grafisch dargestellt wurden, in denen sich Jugendliche engagieren. Deshalb bildet die Grafik kein geschlossenes Viereck.
Tina Hennecken Andrade
Anabel Bilbao
Mareike Le Pelley
Interview mit Anabel Bilbao, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der FES Ecuador mit den Arbeitsschwerpunkten politischer Dialog, Geschlechtergerechtigkeit und Jugendarbeit.
Einblicke in Lebensgefühl, Selbstverständnis und Zukunftsvorstellungen von Jugendlichen im Nahen Osten und Nordafrika. Befragt wurden 9.000 junge Menschen im Alter von 16 bis 30 Jahren aus Ländern wie Marokko, Tunesien, Syrien und dem Libanon.
Befragt wurden ca. 9000 Jugendliche und jungen Erwachsene zu ihrer Lebensrealität in zwölf Ländern Südosteuropas