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Die Landesgruppe Deutscher Gewerkschafter in Großbritannien: Deutsch-britische Zusammenarbeit vor 85 Jahren

Rebecca Zahn

Im Februar 1941 traf sich eine Gruppe von deutschen Gewerkschafter:innen, die in London im Exil lebten, um die Landesgruppe Deutscher Gewerkschafter in Großbritannien zu gründen.

Zwischen 1933 und 1940 waren circa 70.000 Emigrant:innen aus Deutschland, Österreich und dem Sudetengebiet nach Großbritannien geflüchtet, darunter rund 1.200 sudetendeutsche Sozialdemokrat:innen, 300 Sozialdemokrat:innen und Sozialist:innen aus dem Reichsgebiet und 400 Kommunist:innen die, bald nach ihrer Ankunft  Anstrengungen unternahmen, um im Exil verschiedene sozialdemokratische und sozialistische Gruppen zu organisieren. Bis eine Arbeitspflicht während des Krieges eingeführt wurde, waren die meisten dieser Geflüchteten auf Unterstützung von Selbsthilfe-Organisationen angewiesen. Zudem bauten die neu gebildeten Gruppen oft enge Verbindungen zu britischen Organisationen auf. Für die Landesgruppe war die Unterstützung durch die britischen Gewerkschaften von größter Bedeutung, was die Kontinuitäten in der internationalen gewerkschaftlichen Zusammenarbeit in einer kritischen Phase der Gewerkschaftsgeschichte verdeutlicht.

Ziel der Landesgruppe war es, die organisatorische Grundlage für den aktiven Kampf gegen Hitler zu schaffen und Vorbereitungen für die Nachkriegszeit zu treffen. Die Gruppe sah sich während der Zeit des Exils als Trägerin des gewerkschaftlichen Gedankenguts in der deutschen Arbeiter:innenschaft. In ihrem Jahresbericht von 1943  beschreibt sie ihren Auftrag wie folgt:

„Wir sind einerseits eine Organisation derer, die – alter Tradition oder neuem Interesse folgend – hier den gewerkschaftlichen Gedanken pflegen und ausgestalten wollen. Wir erfüllen andererseits treuhänderische Funktionen im Sinne und Geist der besten Traditionen der deutschen Gewerkschaftsbewegung und in innerer ideologischer Verbundenheit mit den illegalen Kämpfen in der Heimat.“

Strukturen und Arbeit der Landesgruppe

Die Landesgruppe wurde von einem demokratisch gewählten Vorstand mit Sitz in London geleitet, dessen Vorsitz Hans Gottfurcht innehatte, ein deutsch-jüdischer Gewerkschafter, der 1938 nach Großbritannien geflohen war. Er war Mitglied der SPD und von 1918 bis 1933 Funktionär im Zentralverband der Angestellten und war 1937 wegen des Aufbaus einer illegalen Gewerkschaftsorganisation verhaftet worden.

Die Landesgruppe unterhielt Ortsgruppen in verschiedenen Städten in England, Wales und Schottland. Die interne Arbeit der Ortsgruppen umfasste regelmäßige Mitgliederversammlungen, Fortbildungsabende und Arbeitsgruppen. Bei diesen Treffen traten häufig Referent:innen von britischen Gewerkschaften und befreundeten Exilorganisationen auf. Die Landesgruppe hatte es sich zur Aufgabe gemacht, alle deutschen Arbeiter:innen in Großbritannien zu organisieren, unabhängig davon, ob sie zuvor in Deutschland einer Gewerkschaft angehört hatten oder einer religiösen oder parteipolitischen Gruppierung angehörten (ab Ende 1941, nach dem Kriegseintritt Russlands, durften Kommunist:innen beitreten, sofern sie „gewerkschaftlich zuverlässig“ waren). Sie bildete somit eine weitgehend geeinte Front des gewerkschaftlichen Lagers und war ein Sammelbecken verschiedener politischer Strömungen – im Unterschied zur gewerkschaftlichen Organisierung in der Weimarer Republik, als die Gewerkschaften in Richtungsgewerkschaften (sozialdemokratisch, christlich, liberal) unterteilt waren. Insgesamt zählte die Landesgruppe von 1942 bis zum Kriegsende 674 Mitglieder; etwa ein Drittel davon waren Frauen, und die meisten lebten außerhalb Londons. Etwa die Hälfte der Mitglieder war nach 1918 geboren.

Kontakte zur britischen Gewerkschaftsbewegung

Die Landesgruppe unterhielt von Anfang an enge Verbindungen zur britischen Gewerkschaftsbewegung. Der britische Gewerkschaftsbund Trades Union Congress (TUC) war maßgeblich an der Gründung der Landesgruppe in London im Jahr 1941 beteiligt, und die Landesgruppe verpflichtete sich dazu, dass ihre angeschlossenen Arbeitnehmer:innen gleichzeitig Mitglieder der dem TUC angeschlossenen Gewerkschaften blieben, die zudem die alleinige Zuständigkeit für Tarifverhandlungen über Löhne und Arbeitsbedingungen behielten. Delegierte des TUC waren berechtigt, an den Sitzungen der Landesgruppe teilzunehmen.

Deutsche Geflüchtete mussten zudem von vertrauenswürdigen britischen Sozialist:innen unterstützt werden, bevor sie während des Krieges in Großbritannien eine Anstellung finden konnten. Der TUC unterstützte die Landesgruppe zumindest teilweise finanziell, beispielsweise um die Veröffentlichung der Monatszeitschrift Die Arbeit zwischen März und November 1941 zu ermöglichen, als die Papierknappheit deren Einstellung erzwang und sie durch kürzere Mitgliederrundschreiben ersetzt wurde. 

Ab 1943 richtete die Landesgruppe drei Arbeitsgruppen ein, die sich mit grundlegenden Fragen der gewerkschaftlichen Organisation, der Wirtschafts- und Sozialpolitik sowie der Bildungs- und Kulturpolitik in einem künftigen Deutschland befassten. Ihre Debatten fanden nicht nur intern statt. Die Entwürfe und sonstigen Dokumente der Landesgruppe wurden auf Deutsch und Englisch veröffentlicht und an befreundete Organisationen wie den TUC weitergeleitet, mit der Bitte um Kommentar. 1945 beschloss die Landesgruppe das  endgültige Deutschlandprogramm „Die neue deutsche Gewerkschaftsbewegung“, das aufgrund von Meinungsverschiedenheiten über die künftige Wirtschaftspolitik nur von den nichtkommunistischen Mitgliedern der Landesgruppe angenommen wurde. Mit  Unterstützung der britischen Fabian Society, einer sozialistischen intellektuellen Bewegung mit engen Verbindungen zur Labour Partei und der TUC, wurde das Programm im Mai 1945  in englischer Sprache veröffentlicht.

Es gab auch Verbindungen auf persönlicher Ebene. So war der Vorsitzende Hans Gottfurcht beispielsweise in britischen Gewerkschaftskreisen und unter linken britischen Intellektuellen sehr bekannt. Er nahm am jährlichen TUC-Kongress teil und hielt dort gelegentlich Reden; außerdem stand er in Briefkontakt mit führenden Persönlichkeiten, darunter Ernest Bevin (Generalsekretär der Transport and General Workers’ Union 1922–1940; Arbeitsminister 1940–1945; Außenminister 1945–1951), Walter Citrine (TUC-Generalsekretär 1926–1946; Präsident des Internationalen Gewerkschaftsbunds (IGB), 1928–1945), dem Soziologen Thomas H. Marshall sowie mit Organisationen wie der Fabian Society und der Workers’ Educational Association. Allein im Jahr 1943 hielt Gottfurcht 59 Vorträge bei Veranstaltungen britischer Organisationen, von denen er die meisten auf Englisch hielt. Andere führende Mitglieder der Landesgruppe wie Walter Auerbach, Werner Hansen oder Willi Eichler unterhielten ähnliche Kontakte, von denen viele bereits aus der Vorkriegszeit stammten.

Auflösung der Landesgruppe nach Kriegsende

Nach Kriegsende wurde die Landesgruppe im November 1945 aufgelöst. Gottfurcht blieb in Großbritannien und wurde vom TUC als Verbindungsmann eingestellt, um Kontakte zu den neu gegründeten deutschen Gewerkschaften aufzubauen. 1948 organisierte er eine TUC-Reise nach Deutschland, bei der der wirtschaftliche, soziale und politische Wiederaufbau des Landes auf der Tagesordnung stand. Andere hochrangige Mitglieder der Landesgruppe kehrten nach Deutschland zurück, wo sie die Führungsspitze der neuen Gewerkschaften bildeten und gute Beziehungen insbesondere zu der britischen Militärregierung aufbauten. So war beispielsweise Werner Hansen, einer der ursprünglichen Verfasser des Wirtschaftsprogramms der Landesgruppe, bereits Mitte März 1945 mit Unterstützung des amerikanischen Geheimdienstes (Office of Strategic Services) nach Köln gekommen. Er sollte  der vorrückenden amerikanischen Armee als Wegweiser dienen und die deutschen Gewerkschaften wiederbeleben. So nahm  er unter andem Kontakt zu dem zurückgezogen lebenden Hans Böckler auf. In einem Porträt über Hansen, das im März 1947 in der British Zone Review, dem offiziellen Organ der britischen Militärregierung, erschien, wurde er als „den führenden Gewerkschaftern vieler Länder wohlbekannt“ beschrieben. In einem Brief vom Juli 1945 schrieb Hansen, er habe die im Exil ausgearbeiteten Vorschläge an Böckler und andere Kollegen in Deutschland weitergeleitet, die großes Interesse daran gezeigt hätten. Gemeinsam spielten Hansen und Böckler – der spätere erste DGB-Vorsitzende in der Bundesrepublik – eine entscheidende Rolle bei der Neuorganisation der Gewerkschaften in der britischen Besatzungszone.

Die Beziehungen, die sich während des Krieges zwischen den Mitgliedern der Landesgruppe und der britischen Gewerkschaftsbewegung entwickelt hatten, beeinflussten auch die Politik der britischen Regierung in der Nachkriegszeit. So wurde beispielsweise John Hynd, ein ehemaliger Gewerkschaftsfunktionär und Parlamentsabgeordneter, von der britischen Labour-Regierung zum Minister für Deutschland und Österreich (1945–1947) ernannt, unter anderem aufgrund seiner guten Verbindungen zu deutschen Emigrant:innen. In den Jahren 1946 und 1947 beschrieb der britische Außenminister Ernest Bevin wiederholt die neu gegründeten Gewerkschaften als die größte einzelne demokratische Bewegung, der man in Deutschland vertrauen könne. Die Korrespondenz zwischen nach Deutschland wiedergekehrten Exilgewerkschafter:innen und den britischen Gewerkschaften reichte bis weit in die Nachkriegszeit. In einem Schreiben, in dem er 1971 seine Pensionierung ankündigte, dankte Walter Auerbach John Hynd für dessen Zusammenarbeit in der Nachkriegszeit und in den darauf folgenden Jahren der gemeinsamen Arbeit.

Mitglieder der Landesgruppe in den westdeutschen Gewerkschaften

Viele Mitglieder der Landesgruppe bekleideten in der Nachkriegszeit führende Positionen in den westdeutschen Gewerkschaften und in der SPD, darunter Ludwig Rosenberg (DGB-Vorsitzender), Werner Hansen (Landesvorsitzender des DGB in Nordrhein-Westfalen), Hans Jahn (Vorsitzender der Eisenbahnergewerkschaft), Walter Auerbach (Staatssekretär im niedersächsichen Arbeits- und Sozialministerium, später Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit), Paul Kronberger (führender Funktionär der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG)), oder Karl Becker (Abteilungsleiter bei der IG Bergbau und Energie).

Für eine kurze Zeit gelang es der Landesgruppe eine relativ erfolgreiche „selbstständige Politik im Sinne internationaler gewerkschaftlicher Grundsätze“ (Erich Ollenhauer, zitiert nach Röder, 1968, S. 61) zu verfolgen, die auf vereinbarten Kompromissen, der Disziplin der Mitglieder und der Unterstützung der britischen (und internationalen) Gewerkschaftsbewegung beruhte. Auch wenn ihre Programmarbeit für die die Geschichte der Gewerkschaften im Nachkriegsdeutschland nicht überschätzt werden sollte, leistete sie im Exil wichtige Programm- und Netzwerkarbeit für die Zeit nach 1945.

Rebecca Zahn, University of Strathclyde, Glasgow

Dieser Beitrag basiert auf einem Forschungsprojekt zur Ideengeschichte der Wirtschaftsdemokratie in Großbritannien und Deutschland, um Verbindungen zwischen der Landesgruppe und der britischen Gewerkschaftsbewegung aufzuzeigen. Das Projekt wurde finanziert durch ein Leverhulme Research Fellowship (RF-2021-012).

Quellen- und Literaturverzeichnis

  • Bitzegeio, Ursula (2009). Über Partei- und Landesgrenzen hinaus: Hans Gottfurcht (1896-1982) und die gewerkschaftliche Organisation der Angestellten. Berlin: Dietz Verlag.

  • Borsdorf, Ulrich (1976). Ein Dokument gewerkschaftlicher Programmatik in der Emigration. Die Landesgruppe deutscher Gewerkschafter in Großbritannien. Gewerkschaftliche Monatshefte, 27, 677-687. https://library.fes.de/gmh/main/pdf-files/gmh/1976/1976-11-a-677.pdf 

  • Eiber, Ludwig (1998). Die Sozialdemokratie in der Emigration: Die 'Union deutscher sozialistischer Organisationen in Grossbritannien' 1941-1946 und ihre Mitglieder. Bonn: Dietz.

  • Röder, W. (1968). Die deutschen sozialistischen Exilgruppen in Großbritannien 1940-1945. Hannover: Verlag für Literatur und Zeitgeschehen.

  • Rüther, M., Schütz , U., & Dann, O. (1998). Deutschland im ersten Nachkriegsjahr. Berichte von Mitgliedern des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK) aus dem besetzten Deutschlands 1945/46. München: KG Saur.

  • Trade Union Centre for German Workers in Great Britain. (1944). Die Tätigkeit der Landesgruppe im Jahre 1943. Warwick: Modern Records Centre MSS.292/943/22.

  • Trade Union Leaders No. 12. Werner Hansen of Hannover, British Zone Review, 1. März 1947, S. 9.

Archivquellen

  • Churchill Archives, Cambridge: The Papers of John Burns Hynd

  • The National Archives, Kew: Foreign Office Records (FO 371 - Foreign Office: Political Departments: General Correspondence from 1906-1966)

  • Modern Records Centre, University of Warwick: Trades Union Congress (first deposit, 1920-1960)

  • Archiv der sozialen Demokratie: Bestand Gottfurcht, Hans; Bestand Hansen, Werner

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