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ACTIVATE oder: dolce working an der Università degli Studi di Padova

Laura Valentini

Politische Objekte, alte Gemäuer, internationale Vernetzung – und natürlich feinstes Gelato! Das AdsD hat in Norditalien seinen ersten interdisziplinären Austausch für das EU-Projekt ACTIVATE angetreten.

Mit der Archives Week bietet der International Council of Archives jährlich eine globale Plattform, um verstärkt auf die gesellschaftliche Bedeutung von Archiven aufmerksam zu machen. Das Motto des Jahres 2026 #ArchivesForJustice: Rights, Memory & Futures betont die Funktion von Archiven als aktive Infrastrukturen, die transparent Erinnerung bewahren und schützen, Recht und Rechtstaatlichkeit stärken und so Gerechtigkeit auch zukünftig gewährleisten. Damit verhandelt das diesjährige Thema der International Archives Week nicht zuletzt auch Fragen, mit denen sich mehrere europäische Universitäten, Archive und Museen in einer von der Europäischen Union geförderten, vierjährigen Forschungsinitiative auseinandersetzen. Ein schöner Anlass also, um an dieser Stelle einen genaueren Blick auf das EU-Projekt ACTIVATE, seine Herausforderungen und die Rolle des AdsD darin zu werfen.

Political Activism in einer langen, transnationalen Perspektive

Seit Januar 2025 fördert die Europäische Union das Projekt „The activist, the archivist and the researcher. Novel collaborative strategies of transnational research, archiving and exhibiting social and political dissent in Europe”, kurz ACTIVATE. Noch bis 2028 kommen akademische und nichtakademische Einrichtungen in West-, Mittel- und Osteuropa zusammen und forschen zu Praktiken des Sammelns, Archivierens, Katalogisierens und Ausstellens von Dokumenten, Objekten und Data. Die internationale Kooperation möchte durch interdisziplinäre Zusammenarbeit in Geschichts- und Archivwissenschaften, Kunst- und Kulturgeschichte sowie den Feldern Public History und Digital Humanities zu einer neuen europäischen Geschichte des sozialen und politischen Widerstands vom frühen 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart beitragen. Ziel des Projekts ist auch, ein besseres Verständnis für ein transnational verteiltes Kulturerbe zu fördern, das die europäischen Demokratien sorgfältig bewahren müssen – und welches aktuell zunehmend unter politischen Druck gerät.

ACTIVATE wird aus Mitteln des Horizon 2023 Research and Innovation Programme der EU im Rahmen der Marie-Skłodowska-Curie-Förderung finanziert. Charakteristisch für dieses Programm sind länder- und sektorübergreifende Austausche zur individuellen Karriereentwicklung. Für ACTIVATE bedeutet das konkret: Hospitationen mit einer Länge von fünfzehn bis dreißig Tagen an den unterschiedlichen teilnehmenden Institutionen, um zu forschen, voneinander zu lernen und gemeinsam an den Projektergebnissen zu arbeiten. Um Wissensaustausch wie auch Wissensproduktion zwischen den Universitäten, Archiven und Museen anzukurbeln, sind während der vierjährigen Laufzeit über 200 dieser Hospitationen – genannt Secondments – kreuz und quer in Europa geplant. Mindestens neun davon werden Archivar:innen aus dem AdsD für die FES absolvieren: Neben Padua geht es für uns zukünftig noch nach Amsterdam, Mailand, Warschau, Budapest, Bologna, Paris, Wien und Zürich. 

18 Partner, neun verschiedene Länder und vier transversale Themen

Das ACTIVATE-Consortium besteht aus insgesamt 18 Institutionen aus neun europäischen Ländern. Mit dabei sind Deutschland, Frankreich, Ungarn, Italien, die Niederlande, Polen, Luxemburg, Österreich und die Schweiz. An dem Projekt arbeiten Professor:innen, wissenschaftliche Mitarbeiter:innen, Archivar:innen und Museumsfachleute, aber auch zahlreiche Doktorand:innen und Masterstudierende. Einige davon waren in den vergangenen Monaten bereits zu Gast bei uns im AdsD. Neben großen Universitäten wie der französischen Université de Versailles Saint-Quentin-en-Yvelines, welche die Gesamtprojektleitung innehat, oder den italienischen Universitäten in Padua und Bologna sowie den Hochschulen in Lausanne, Wien und Luxemburg, gehören Archive wie das AdsD, das International Institute of Social History in Amsterdam oder das KARTA-Zentrum in Warschau dazu. Auch hybride Institutionen wie La contemporaine – zugleich Bibliothek, Archiv sowie Museum – oder die Fondazione Giangiacomo Feltrinelli sind bei ACTIVATE dabei. Mit dem Musée Carnavalet ist zudem auch eine Institution der großen Pariser Museen vertreten. Da kommt nicht nur eine Vielfalt an Perspektiven und Expertisen zusammen, es treffen auch verschiedene Sprachen, Mentalitäten und Erwartungen aufeinander.

Eine Menge Partner, unterschiedliche Disziplinen und Erfahrungsstufen, noch dazu die geografische Weite und mehr als zwei Jahrhunderte, die im Forschungsrahmen vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart abgedeckt werden – wie sich da organisieren? Es klingt überwältigend und das ist ACTIVATE zuweilen auch. Strukturiert ist das Gesamtprojekt in einzelne Arbeitspakete mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Alle Inhalte orientieren sich jedoch an vier großen thematischen Linien: konservative wie progressive revolutionäre Bewegungen, feministische Bewegungen, Umweltbewegungen sowie Solidarität mit sozialen und politischen Bewegungen außerhalb Europas. Neben historischer Forschung geht es auch um Praktiken des Sammelns und des Erschließens von Archivgut und musealen Objekten, um den Umgang mit Metadaten sowie allerlei Fragen rund um Standards, Zugänglichkeit und Digitalisierung. Die Partner forschen gemeinsam, diskutieren und tauschen sich zu archivarischen wie auch musealen Best Practices aus, um über wissenschaftliche Disziplinen aber auch Landesgrenzen hinaus Synergien zu schaffen.

Formen des Widerstands in rund 200 Objekten

Ein besonderer Fokus liegt dabei auf Objekten in politischen und sozialen Bewegungen. Diesbezüglich haben Museen eine spezielle Expertise, aber auch in Archiven – die bisher vorrangig mit Schriftgut assoziiert wurden – werden Objekte diverser Art als historische Quellen immer relevanter. Hier können wir als AdsD mit unserem vielfältigen Sammlungsbereich konkret andocken. 

Die historische Bedeutung von und Beziehung zu Objekten ist für das gesamte ACTIVATE-Projekt zentral, daher beschäftigt sich ein Arbeitspakte auch intensiv mit Forschungen zur Materiellen Kultur. Work Package 3: Material Culture, für das die Universität Padua zusammen mit dem AdsD verantwortlich ist, erforscht, wie aus ordinären Objekten politische oder politisierte Objekte werden. Doch nicht nur das Werden eines „politischen“ Objekts, seine Nutzung und das „Nachleben“ dieser Objekte ist von Interesse – auch Fragen nach verschiedenen Logiken des Sammelns und Arten des (länderspezifischen) Verzeichnens: Wie gehen Archivar:innen zukünftig damit um? Wie kann sich das „Politische“ an den Objekten auch in den zugehörigen Metadaten niederschlagen und was brauchen Forschende von uns Archivar:innen, um mit diesen Quellen arbeiten zu können? All dies soll in den kommenden Jahren in Workshops und Publikationen, aber auch in einer eigenen, virtuellen Ausstellung zu political objects aus unterschiedlichen Bewegungen, Zeiträumen und Orten verhandelt werden.

Dolce working at DiSSGeA

Den Auftakt dazu machte Anfang Mai ein erster Workshop an der Universität Padua. Im dortigen Dipartimento di Scienze Storiche, Geografiche e dell'Antichità (DiSSGeA) kamen Historiker:innen, Kurator:innen, Architek:innen wie auch Soziolog:innen und wir Archivar:innen unter dem Thema Political Activism and material culture: definitions, practices, periodisations  zusammen. Der zweitägige Workshop beschäftigte sich in spannenden Präsentationen und Diskussionen aus unterschiedlichsten Perspektiven mit Versuchen einer Definition von „politischen“ Objekten, ihrer Nutzung und späteren Archivierung sowie den Herausforderungen, die das Ausstellen solcher Exponate mit sich bringt. Da Secondments vorrangig zur Unterstützung und Durchführung der projektspezifischen Veranstaltungen, Ausstellungen und Publikationen genutzt werden sollen, war das für uns als Archiv eine wunderbare Gelegenheit: inhaltliche Absprachen getroffen, Termine ausgemacht und Koffer gepackt – schon war das erste vierwöchigen FES-Secondment an der Università degli Studi di Padova geplant!

Padua liegt im Nordosten Italiens in der Region Veneto und gehört zu den ältesten Städten des Landes. Nicht verwunderlich also, dass die dortige Universität nach Bologna und Modena die drittälteste Italiens und eine der ältesten Universitäten Europas ist. Die einzelnen Institute und dipartimenti der Uni erstrecken sich dabei seit dem 19. Jahrhundert über die ganze Stadt. Zu den illustren Studierenden zählten bekannte Namen wie Kopernikus, Casanova oder die Gelehrte Elena Lucrezia Cornaro Piscopia – weltweit die erste Frau, die einen Doktorgrad erlangte! Im Palazzo del Bo, dem historischen Hauptgebäude im Herzen der Altstadt, hat einst Galileo Galilei gelehrt – weswegen man dort unter anderem seinen 5. Lendenwirbel als eine Art wissenschaftliche Reliquie in Ehren hält. Schräg? Vielleicht ein bisschen. Aber davon lassen sich Geschichtsfans kaum beirren: In Sachen Wissenschaftsgeschichte (wahnsinnig eng, aber faszinierend: das weltweit erste dauerhafte Anatomische Theater) aber auch Kunst- und vor allem Architekturgeschichte (gemalt oder in Stein geschlagen: unzählige Wappen der Rektoren und Universitätsräte in den Loggien) kommt man in den noch heute genutzten Räumlichkeiten aus der Renaissance mit ihren Anbauten und teils jahrhundertealten Kuriositäten (ein bisschen angefressen, aber noch immer massiv: Galileis originales Rednerpult) voll auf seine Kosten. 

Auch das an ACTIVATE beteiligte Historische Institut DiSSGeA, ist kaum weniger atmosphärisch gelegen. Untergebracht sind die Büros und Lehrsäle in einem Palazzo, dessen Ursprünge ebenfalls bis ins 15. Jahrhundert zurückreichen. Neben wunderschönen Deckengewölben mit alten Wandmalereien, dem eindrucksvollen Glockenläuten der Kathedrale in direkter Nachbarschaft (natürlich immer pünktlich um 12 Uhr mittags) und dem malerischen Blick auf einen kleinen Rosengarten vor dem Bürofenster (inklusive Universitätskätzchen) ließ es sich dort durchaus gut aushalten und noch besser am anstehenden Workshop-Programm arbeiten. Zusätzliche Motivation: der ein oder andere morgendliche Cappuccino und die frischen Cornetti direkt um die Ecke – man könnte sagen: dolce working durch und durch!

Um die Organisation optimal und fokussiert unterstützen zu können, bin ich bereits zwei Wochen vor dem Workshop nach Padua gereist. Ziel war unter anderem die Vorbereitung eines Panels zur Umsetzung der Online-Ausstellung – hier war insbesondere der direkte Input der involvierten Kolleg:innen vor Ort sehr hilfreich. Die virtuelle Ausstellung über material culture of transnational activism wird vom AdsD mitkuratiert und soll als eines der großen Resultate von ACTIVATE zum Ende der Projektlaufzeit online gehen. Aktuell befinden wir uns noch in der Entwicklung – da jedoch „politische“ Objekte aus allen sammelnden Institutionen im Consortium eine virtuelle Bühne bekommen sollen, war es wichtig, zur Konzeption und dem momentanen Stand der Planung alle Partner abzuholen. Insbesondere das Sammeln von Ideen für mögliche Objekte und das Aushandeln konkreter Kategorien zur Bestimmung des „Politischen“ an den Archivalien war in Padua bestimmendes Thema. 

Vieles in Bezug auf ACTIVATE ist work in progress, manches oft noch sehr abstrakt. Umso fruchtbarer und motivierender war daher der direkte Austausch bei einem starken italienischen Espresso oder dem ein oder anderen Tiramisu beim Lunch – nicht nur mit den Historiker:innen an der Uni, sondern auch weiteren Kolleg:innen aus Italien und Frankreich, aber auch Ungarn, der Schweiz und den Niederlanden, die zum Workshop angereist waren oder parallel ihre Secondments in Italien absolvierten. Vieles findet aufgrund der großen Distanzen online statt, daher wissen alle die kurzen Momente des Zusammenkommens immer wieder sehr zu schätzen – auch das machen die anregenden Gespräche, Diskussionen und gemeinsamen Abendessen und Ausflüge während der Secondments deutlich. 

Pace è Rivoluzione

Die Möglichkeit des persönlichen Austauschs – und das Kennenlernen einer weiteren Partnerinstitution – bot sich dann am Ende des vierwöchigen Secondments erneut bei einem weiteren Seminar: Mit dem Frecciarossa ging es in das nur knapp zwei Stunden entfernte Mailand zur Fondazione Giangiacomo Feltrinelli. Die Gründung der Stiftung geht auf den italienischen Verleger und kommunistischen Aktivisten Giangiacomo Feltrinelli zurück. Heute ist FGF ein modernes und international angesehenes Forschungs- und Kulturzentrum. In Publikationen, Ausstellungen und Veranstaltungen allerlei Art beschäftigt sich die Stiftung mit Themen wie Politik und Arbeit, Globalisierung, Nachhaltigkeit und der Wahrung von Rechten. Außerdem bietet der Lesesaal im architektonisch beeindruckenden Hauptsitz an der Viale Pasubio die Möglichkeit, mit den hauseigenen Archiv- und Bibliotheksbeständen zu arbeiten. In ACTIVATE zählt FGF damit nicht nur zu den Institutionen mit eigenen Sammlungen, für die Umsetzung der Online-Ausstellung sind sie auch unserer engster Kooperationspartner für die technische Umsetzung.

Das Mailänder Seminar “The archivist, the researcher and the activist: challenges of collaboration from a historical and comparative perspective”  thematisierte vor allem die Herausforderungen, mit denen Archivar:innen wie auch Forscher:innen bei der Zusammenarbeit mit politischen und sozialen Bewegungen und auch bei der Sammlung von Archivmaterial aus diesen Bewegungen konfrontiert sind. Der Fokus lag insbesondere auf der Perspektive der drei ACTIVATE-Akteure: den Archivare:innen, Forscher:innen und Aktivist:innen. Anhand europäischer wie globaler Fallstudien beschäftigten sich die Präsentationen und Diskussionen mit Fragen nach Formen der Kollaboration, der wandelnden Rollen von Archivar:innen und der Frage nach Neutralität und Vertrauen sowie dem Umgang mit kollektiven Identitäten und Versuchen des Community-building: Sind die Grenzen zwischen den Akteur:innen nicht fließend und / oder durchlässig? Und wenn ja, gibt es historische oder auch nationale Entwicklungen und spezifische Charakteristiken?  

Den Abschluss des tagesfüllenden Programms machte eine abendliche Führung durch die Magazinräumlichkeiten der Fondazione – eine schöne Gelegenheit, um am Rande des Seminars auch über archivfachliche Fragen zu sprechen. Für das AdsD ist die Zusammenarbeit mit den anderen ACTIVATE-Institutionen auf mehreren Ebenen spannend – denn natürlich lohnt es sich immer zu schauen, wie andere Archive und Museen mit ihren Objekten umgehen oder Fragen der Bestandserhaltung und Nutzung zu diskutieren, insbesondere über die deutsche Archivfachwelt hinaus.

How archives can support rights, preserve memory, and shape a fairer future

ACTIVATE reflektiert in seinen Veranstaltungen und den damit einhergehenden transdisziplinären Diskussionen immer wieder das Selbstverständnis von Archiven über die Funktion eines reinen Wissenspeichers hinaus. Archivar:innen fristen entgegen mancher (hoffentlich zunehmend veralteter) Annahmen kein zurückgezogenes Dasein in dunklen Kellern zwischen unzähligen Metern an angestaubten Akten, abgeschieden und weltfremd. Vielmehr versteht das Projekt die Rolle von Archivar:innen – auch insbesondere derer in Archiven, die sich auf die Überlieferung politischer und sozialer Bewegungen spezialisieren – als aktiver Teil einer modernen Informationsgesellschaft, als Akteure, die Beziehungen aufbauen, ihre Bestände und Sammlungen nicht verstecken, sondern breit zugänglich machen und damit Erinnerung bewahren und Forschung wie auch Debatten anstoßen. Auf vielerlei Arten ist ACTIVATE durch die inhärente Multiperspektivität herausfordernd. Das Projekt bietet dem AdsD aber auch immer wieder die Chance, über den Tellerrand unseres Archivalltags hinauszuschauen und den eigenen Horizont zu erweitern. Padua war da nur der Anfang und wir sind gespannt, was ACTIVATE in den kommenden Monaten noch für uns bereithält!

Laura Valentini, Archiv der sozialen Demokratie


Weitere Informationen zu ACTIVATE finden sich unter https://activate-horizon.eu/


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