Blog Denkanstoß Geschichte Vom Achtstundentag zur 40-Stunden-Woche – eine internationale Geschichte der Arbeitszeit in Bildern 11.05.2026 Hubert Woltering Die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung kämpft seit ihren Anfängen international um faire Arbeitszeiten. Die Einführung des Achtstundentags und der 40-Stunden-Woche waren dabei Meilensteine. Gegenwärtig steht dieses Thema wieder auf der Tagesordnung. „Den Kampf um die Arbeitszeit, der bisher im Kampf um den gesetzlichen Achtstundentag gipfelt, führt die Gewerkschaftsbewegung in der klaren Überzeugung, daß sie eine Kulturbewegung allerersten Ranges ist. Es handelt sich in diesem Kampf für sie nicht um die Frage, ob der einzelne etwa mehr oder weniger arbeitet, sondern um die Teilnahme der Arbeiterschaft an den Errungenschaften unserer Zeit, um die Menschwerdung der Arbeiter überhaupt.“ So beschrieb Hermann Müller (1868–1932), ein Gewerkschafter, der nicht mit dem letzten SPD-Reichskanzler der Weimarer Republik verwechselt werden darf, 1932 in einem internationalen Handwörterbuch des Gewerkschaftswesens den Kampf der Arbeiterbewegung um die Arbeitszeitverkürzung in den 100 Jahren zuvor. Bis 1914 Im 19. Jahrhundert hatte der Regelarbeitstag 10 bis 12 Stunden. Nur für Kinder zwischen 9 und 13 Jahren wurde in Großbritannien im „Factory Act 1847“ festgelegt, dass die Tagesarbeitszeit 8 Stunden nicht überschreiten durfte. In Großbritannien und vielen seiner Dominions (z. B. Australien, Neuseeland) begann der Kampf um den Achtstundentag bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In Australien gab der Goldrausch den Arbeitern, deren Arbeitskraft stark nachgefragt war, ein zusätzliches Druckmittel in die Hand: Am 21. April 1856 zogen Steinmetze und Bauarbeiter in Melbourne (Bundesstaat Victoria) zum Parlament und setzten erstmals den Achtstundentag bei vollem Lohnausgleich durch. Bereits am 14. August 1855 hatten Kollegen in Sydney (Bundesstaat New South Wales) den Achtstundentag erstritten, mussten jedoch Lohnabstriche in Kauf nehmen. Australien 1856: Acht-Stunden-Tag-Banner, Melbourne Bild: Urheber: Gemeinfrei Niederlande 1889: Grafik „Achtstundentag“ Bild: Urheber: Ferdinand Domela Nieuwenhuis; Rechte: Gemeinfrei In Neuseeland war das Wirken für den Achtstundentag von einer Persönlichkeit geprägt: Samuel Duncan Parnell (1810–1890). Der 1840 aus Großbritannien nach Neuseeland eingewanderte Zimmermann war bereits zuvor ein strenger Verfechter von Arbeitszeitverkürzungen. Da ihm aber die Gewerkschaften in ihren Forderungen nicht radikal genug waren, focht er als Einzelkämpfer für den Achtstundentag. Versuchen neuseeländischer Arbeitgeber, britische Arbeitszeiten von 10–14 Stunden auch in Neuseeland zu etablieren, trat Parnell unkonventionell entgegen, indem er ankommende Einwanderer am Hafen von Wellington mit Robert Owens 1817 geprägten Slogan „Eight hours labour, Eight hours recreation, Eight hours rest“ begrüßte, um so die Handhabe von Arbeitszeiten in Wellington direkt zu übermitteln. So wurde dort gewohnheitsrechtlich die achtstündige Tagesarbeitszeit zur Norm. Vom 3. bis 8. September 1866 tagte in Genf der Kongress der Internationalen Arbeiter Assoziation (IAA). Karl Marx und Friedrich Engels gehörten zu den Teilnehmern. Zentrale Forderung dieses Kongresses war die Einführung des Achtstundentags weltweit. Deutsches Reich 1892: Vorwärts, mit Dampf! Bild: Urheber: Der wahre Jacob, Nr. 150 vom 23.04.1892; Quelle: Bibl. d. FES, Sign.: Z 18 Großbritannien 1894: The Workers May Pole Bild: Urheber: Walter Crane; Rechte: Gemeinfrei Deutsches Reich 1895: Ein Neujahrsgeschenk, wie es die Arbeiter sich wünschen Bild: Urheber: Der wahre Jacob, Nr. 246 vom 23.12.1895; Quelle: Bibl. d. FES, Sign.: Z 18 Im Deutschen Reich beschloss die Sozialdemokratische Deutsche Arbeiterpartei (SDAP) im auf ihrem Parteitag 1869 verabschiedeten Eisenacher Programm die „Einführung des Normalarbeitstags“. Nachdem das Sozialistengesetz Anfang 1890 nach zwölfjähriger Laufzeit nicht erneut verlängert worden war, konnten Sozialdemokratie und Gewerkschaften freier handeln. Zum 1. Mai 1890 konnte so die Schrift „Der Kampf um den Achtstundentag“ in einer Auflage von 60.000 Exemplaren gedruckt und auf Veranstaltungen bis Ende des Jahres verteilt werden. Deutsches Reich 1890: Der Kampf um den Achtstundentag Bild: Urheber: Quelle: Bibl. D. FES, Sign.: Tresor In den USA hatte sich seit Mitte/Ende der 1880er-Jahre das Bemühen um den Achtstundentag ergeben. Nachdem 1868 auf Bundesebene und in sechs Bundesstaaten den Staatsbediensteten der achtstündige Arbeitstag zugestanden worden war, kam dieser Regelung Vorbildcharakter zu. Für die 1869 gegründete US-amerikanische Gewerkschaftsbewegung „Knights of Labour“ wurde der Kampf um den Achtstundentag seit 1884 zu einem zentralen Thema. 1886 demonstrierten in den USA 300.000 bis 500.000 Menschen für eine Reduzierung der Arbeitszeit, in Chicago allein 90.000. Am 4. Mai 1886 kam es auf dem Haymarket in Chicago zu einer Bombenexplosion, bei der zwölf Demonstranten direkt, sechs später starben. Unter den Toten waren auch Polizisten. Acht Männern, die dem anarchistischen Umfeld zugeordnet wurden und den Streik mitorganisiert hatten, wurde der Prozess gemacht. Vier von ihnen wurden zum Tode verurteilt. Der Gründungskongress der Zweiten Internationale, der vom 14. bis 21. Juli 1889 in Paris stattfand, machte die Forderung nach dem Achtstundentag zu einem zentralen Thema und forderte den 1. Mai zum Protest- und Gedenktag in Erinnerung an die Ereignisse auf dem Haymarket in Chicago. Österreich-Ungarn: 1. Mai 1904 Bild: Urheber: Neue Glühlichter, Nr. 211 vom 6.5.1904; Quelle: Bibl. d. FES, Sign.: Sel AA Z 251 Dänemark: Demonstration am 1. Mai 1912 in Kopenhagen Bild: Urheber: Rechteinhaber unbekannt; Quelle: Arbejdermuseet, Kopenhagen Deutsches Reich: Maifeier 1914 Bild: Urheber: Rechteinhaber unbekannt; Quelle: AdsD der FES, 6/CARD000160 Auch in der Unternehmerschaft wurde vereinzelt der Achtstundentag umgesetzt. Nach Robert Owen Anfang des 19. Jahrhunderts waren es beispielsweise Henry Ford (1863–1947) in den USA oder Robert Bosch (1861–1942) im Deutschen Reich, die in ihren Fabriken den Achtstundentag einführten. 1914–1945 Bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts blieben Diskussion und Kampf um den Achtstundentag auf der Tagesordnung. Eine flächendeckende gesetzliche Regelung fehlte in Deutschland zunächst jedoch. Nach dem Ersten Weltkrieg brachte das Stinnes-Legien-Abkommen vom 15. November 1919 eine Veränderung: Zwischen 21 Arbeitgeberverbänden und sieben Gewerkschaften wurde eine Kollektivvereinbarung geschlossen, in der u.a. die Gewerkschaften als Vertreter der Arbeitnehmerschaft anerkannt wurden und der Achtstundentag für die Groß- und Schwerindustrie als Arbeitszeitnorm festgelegt wurde. Nach 1923 wurde diese Übereinkunft jedoch immer mehr aufgeweicht. Frankreich 1919: Les 8 heures Bild: Urheber: Plakat der C.G.T.; Rechte: Gemeinfrei Deutsches Reich 1920: Vater stimm für den 8Stundentag. Ja! Bild: Urheber: Rechteinhaber unbekannt; Quelle: AdsD der FES, 6/CARD000202 Deutsches Reich 1924: 8 Stunden Bild: Urheber: Quelle: Bibl. d. FES, Sign.: A22068 In anderen europäischen Staaten wurde mit der Frage unterschiedlich umgegangen: Während in Österreich (1918), der Schweiz (1919) oder Frankreich (1919) der Achtstundentag gesetzlich festgeschrieben wurde, erfolgte in Großbritannien keine Kodifizierung. Auch in Übersee wurde mit der Arbeitszeitthematik recht unterschiedlich umgegangen. In den USA wurde 1938 im „New Deal’s Fair Labor Standards Act“ die achtstündige Arbeitszeit gesamtstaatlich festgeschrieben. Hingegen regelten in Kanada die einzelnen Provinzen (z.B. in British Colombia 1899) die Frage. Auch in Ozeanien erfolgte eine uneinheitliche Vorgehensweise: Während in Australien die einzelnen Bundesstaaten (z.B. in New South Wales 1916 im „Eight Hours Act“) Regelungen trafen, verzichtete man in Neuseeland auf die Kodifizierung des Rechts, verlagerte sich vielmehr auf gewohnheitsrechtliche Regelungen. Deutsches Reich 1928: 1. Mai. 8 Stunden sind genug Bild: Urheber: Volk und Zeit, Nr. 18 in 10.1928; Quelle: Bibl. d. FES, Sign.: AMZ 236 Niederlande 1934: Volgt ons! Bild: Urheber: Plakat des N.V.V.; Rechte: Gemeinfrei 1945–heute Die Kriegsvorbereitung und der Zweite Weltkrieg hatten in allen beteiligten Ländern die erneute Steigerung der Arbeitszeit mit sich gebracht. In Kriegszeiten stieg so die wöchentliche Arbeitszeit auf 60 Stunden und mehr. Nach dem Krieg sank die Wochenarbeitszeit wieder formal auf 48 Stunden, was aufgeteilt auf sechs Werktage also eine tägliche Arbeitszeit von acht Stunden ergab. Im Wiederaufbau steigerten aber u.a. Überstunden die Wochenarbeitszeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg stand in Deutschland nicht mehr der Achtstundentag als solcher im Mittelpunkt der Arbeitszeitdebatte, sondern vielmehr der Schritt von der 48- zur 40-Stunden- bzw. von der Sechs- zur Fünftagewoche. Der Alliierte Kontrollrat hatte mit seiner Direktive Nr. 26 „Regelung der Arbeitszeit“ vom 26. Januar 1946 die Einführung des Achtstundentags angeordnet. 1956 lag die durchschnittliche Wochenarbeitszeit immer noch bei 47,9 Stunden. In Zeiten von Wirtschaftsaufschwung und sinkenden Arbeitslosenzahlen setzten die Gewerkschaften das Thema „Arbeitszeit“ erneut auf die Tagesordnung. Die Forderung nach Einführung der 40-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich kennzeichnete die gewerkschaftliche Arbeitszeitpolitik dieser Jahre. Der DGB visualisierte mit den Kampagnen „40 Stunden sind genug“ (1955) und „Samstags gehört Vati mir“ (1956) die gewerkschaftliche Forderung nach Verkürzung der Wochenarbeitszeit. Seit den 1980er-Jahren forderte die IG Metall die 35-Stunden-Woche, die mit den 1990er-Jahren beginnend umgesetzt, später jedoch zum Teil rückabgewickelt wurde. Bundesrepublik, 1. Mai 1955: 40 Stunden sind genug Bild: Urheber: DGB; Quelle: AdsD der FES, 6/PLKA020820 Bundesrepublik 1. Mai 1955: Fünf Tage sind genug Bild: Urheber: DGB; Quelle: AdsD der FES, 6/PLKA021284 Bundesrepublik, 1. Mai 1956: Samstags gehört Vati mir Bild: Urheber: DGB; AdsD der FES, 6/PLKA004168 Im Arbeitszeitgesetz vom 6. Juni 1994 wurde für das vereinte Deutschland der Achtstundentag, eingeschränkt durch wenige Bestimmungen, zur Norm gemacht. Diese seit über 30 Jahren bestehende Arbeitszeitregelung wird in diesen Tagen wieder infrage gestellt. Bundesrepublik 1967: ... und nun 40 Stunden! IG Metall Bild: Urheber: Rechteinhaber unbekannt; Quelle: AdsD der FES, 6/PLMV000376 Bundesrepublik 1984: Jetzt für Dich, morgen für mich. Arbeit für alle. Arbeitszeit verkürzen. 35 [Stunden]. IG Metall Bild: Urheber: Rechteinhaber unbekannt; Quelle: AdsD der FES, 6/PLMV003161 Bundesrepublik 1987: Samstag muß frei bleiben! IG Metall Bild: Urheber: Rechteinhaber unbekannt; Quelle: AdsD der FES, 6/PLMV000102 Bild: Urheber: AdsD der FES Ausstellung: „Umkämpfte Zeit – Die Geschichte vom Achtstundentag“ Eine neue mobile Ausstellung beschäftigt sich historisch mit den Auseinandersetzungen um Arbeitszeit vom 19. Jahrhundert bis heute. Sie besteht aus sechs Rollups und wird u.a. im Rahmen des DGB-Bundeskongresses 2026 in Berlin gezeigt. Archiv- und Bibliotheksbestände im AdsD Für die Befassung mit dem Themenkreis „Arbeitszeit“ bietet das Archiv der sozialen Demokratie (AdsD) mit seinen Archiv- und Bibliotheksbeständen ein gutes Arbeitsumfeld. Bei einer Recherche nach der Zeichenfolge arbeitszeit in der Archivdatenbank wurde der Begriff allein 5.338-mal gefunden. Eine speziellere Suche (z.B. nach achtstunden oder 8-stunden als variierende Schreibweisen im Erschließungstext) hätte möglicherweise die Recherche verfälscht. Von den 5.338 Treffern finden sich 3.817 Treffer im Bereich der Gewerkschaften. Neben 657 Archivalien in den Beständen des DGB-Archivs, in denen es vor allem um allgemeine gewerkschaftspolitische Positionen in dieser Frage geht, finden sich innerhalb der 3.160 Treffer aus den einzelgewerkschaftlichen Beständen des AdsD neben allgemeinen Positionierungen zur Arbeitszeitfrage auch Tausende von Tarifverträgen, aus denen die tarifpolitische Situation ihrer Zeit abgelesen werden kann. Im Sammlungsbereich (z.B. Plakate, Flugschriften, Fotos) finden sich 1.149 Verzeichnungseinheiten mit Bezug zur Arbeitszeit. Die Bibliothek der FES hat zahlreiche Periodika des 19. und 20. Jahrhunderts in ihrem Bestand, in denen sich die Diskussion um die Arbeitszeitfrage widerspiegelt. Ein Beispiel hierfür ist die Satire-Zeitschrift „Der wahre Jacob“ (1879-1933). Zeitgenössische Publikationen und Forschungsliteratur zum Thema ergänzen dieses Angebot. Schweiz 1990: Vorwärts - und nicht vergessen Bild: Urheber: Quelle: Bibl. d. FES, Sign.: C 90-01601 Niederlande 1990: De Achturendag Bild: Urheber: Quelle: Bibl. d. FES, Sign.: A 91-05310 Literatur Andresen, Knud/Birke, Peter/Gruber, Svea/Horstmann, Anna, Mayer-Ahuja, Nicole (Hrsg.): Arbeiten um zu leben! Zur Geschichte und Aktualität des Kampfes um Arbeitszeiten, Frankfurt am Main/New York 2025. Der Kampf um den Achtstundentag. Festschrift zum 1. Mai 1890, Leipzig [1890 (http://library.fes.de/pdf-files/netzquelle/01515.pdf) Karsten, Luchien: De achturendag. Arbeidstijdverkorting in historisch perspectief, 1817–1919, Amsterdam 1990. Krull, Stephan: Wege entstehen im Gehen. 100 Jahre 8-Stunden-Tag, in: Sozialismus.de (2018), Heft 11, S. 51-54. Müller, Hermann: Achtstundentag, in: Heyde, Ludwig (Hrsg.): Internationales Handwörterbuch des Gewerkschaftswesens, Band 1, Berlin 1931, S. 1 – 6. Kontakt Sie haben eine Rückmeldung zum Beitrag oder möchten mehr über unsere Publikationen und Veranstaltungen erfahren? Public History public.history(at)fes.de Sie möchten selbst bei uns recherchieren oder haben ein allgemeines Anliegen? Anfragen Archiv und Bibliothek Archiv der sozialen Demokratie +49 228 883 9046 archiv.bibliothek(at)fes.de Das könnte Sie ebenfalls interessieren Bild: Urheber: AdsD, Sign. 6/CARD000208 Donnerstag, 30.04.2026 Blog Denkanstoß Geschichte 1. Mai – Eine Weltgeschichte des Weltfeiertags Wie wurde der 1. Mai zu einem weltweiten Ereignis, und warum werden wir jedes Jahr am 1. Mai daran erinnert, dass dieser Tag der Weltfeiertag ist? Bild: Urheber: AdsD Montag, 27.01.2025 Denkanstoß Geschichte Das DGB-Archiv im Archiv der sozialen Demokratie Vor 30 Jahren wurde das AdsD durch die Übergabe der Archiv- und Bibliotheksbestände des Deutschen Gewerkschaftsbundes zu einem der größten und bedeutendsten gewerkschaftlichen Archive. Bild: Urheber: picture alliance/dpa | Sina Schuldt Freitag, 19.04.2024 Bildung, Arbeit, Digitalisierung Arbeit FES impuls | Arbeitszeitpolitik: Reformdebatte Arbeitszeit(gesetz) Das neue Impulspapier beleuchtet die aktuelle Debatte um eine Reform des Arbeitszeitgesetzes.