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Otto Wels

Kurzinfo

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SPD Mitgliederkartei Hannover

Dass dieses Objekt seinen Weg in unser Archiv gefunden hat, war alles andere als wahrscheinlich. Es ist (so zumindest unser Kenntnisstand) das einzige seiner Art und seine Entdeckung ein unglaublicher Glücksfall.

Nach der Übertragung der Macht an die Nationalsozialist_innen Ende Januar 1933 und den drohenden Verboten der Parteizeitung „Vorwärts“ und der SPD selbst trafen Parteimitglieder erste Sicherheitsmaßnahmen.

So wurden im Haus des SPD-Parteivorstands in der Berliner Lindenstraße heimlich Parteiakten verbrannt, andere Unterlagen an vertrauenswürdige Personen weitergegeben, das wertvolle Parteiarchiv auf abenteuerlichen Wegen ins Ausland geschafft. Dies geschah, um Parteimitglieder vor den Verfolgungen der Nazis zu schützen, um bedeutendes Aktengut zu erhalten und um Widerstand organisieren zu können. Da es vor 1933 keine zentrale Mitgliedererfassung bzw. Mitgliedskartei gegeben hatte, wurden auch in allen Regionalbüros Hinweise auf eingetragene Sozialdemokrat_innen ausgelöscht.

Nach Kriegsende 1945 mussten/müssen deshalb viele Dokumente - mit Ausnahme des alten Parteiarchivs, welches letztendlich aus finanziellen Gründen nach Amsterdam verkauft worden war - als verschollen und vernichtet gelten.

Mitte der 1980er Jahre jedoch ereignete sich dann aber ein spektakulärer Zufallsfund. Bei der Begutachtung eines Dachgeschosses eines Hauses in Hannover fand man einen wahren Schatz. Mehrere Tausend Karteikarten waren unter den Dachpfannen versteckt worden. Sie bilden den Rest der Mitgliederkartei des ehemaligen SPD-Ortsvereins Hannover vor 1933. Das Dach war zwar 1944 bei einem Luftangriff getroffen worden, aber Mutige sammelten die erhalten gebliebenen Karteikarten wieder ein und verbargen sie erneut im Dach. Die Beweggründe, warum die Karten versteckt wurden, sind sicherlich klar. Warum sie nicht vernichtet und mit großen Anstrengungen unter dem Dach versteckt gehalten wurden, darüber kann man nur spekulieren. Die Gefährlichkeit des Tuns sowohl für die Besitzer der Kartei als auch für die dort genannten Parteimitglieder liegt allerdings auf der Hand.

Und ohne diese mutigen Anstrengungen wären vielleicht alle SPD-Mitgliedsunterlagen vor 1933 verloren. Deshalb soll nun noch auf vier besondere Biographien eingegangen werden:

Sie beginnen mit den Karteikarten zweier Ehepaare - Ada und Theodor Lessing und Helma und Kurt Schwitters.

Ada (1883-1953) und Theodor (1872-1933) Lessing

Ada Lessing war in der Erwachsenenbildung sehr aktiv und kämpfte für die Rechte der Frau. Sie engagierte sich politisch auf der kommunalen Ebene für die Sozialdemokratie. Zusammen mit ihrem Ehemann gründete sie die Volkshochschule in Hannover-Linden. Der SPD trat sie lt. Karteieintrag im April 1920 bei.

Theodor Lessing (Eintrag unter Beruf: Privat-Dozent) trat im November 1922 in die SPD ein. Er war umfangreich journalistisch tätig und lehrte Philosophie an der Technischen Hochschule Hannover. Nach massiven antisemitischen Protesten und Bedrohungen wurde er 1926 von seiner Lehrtätigkeit beurlaubt. Das Ehepaar flüchtete im März 1933 von den Nazis in die Tschechoslowakei. Theodor Lessing wird dort im August 1933 von nationalsozialistischen Attentätern ermordet.

Helma (1890-1944) und Kurt (1887-1948) Schwitters

Das Ehepaar trat laut Karteikarteneintrag gemeinsam im Juli 1932 der SPD bei. Während bei der Ehefrau Hausfrau als Beruf eingetragen wurde steht bei Kurt Schwitters Kunstmaler.

Schwitters war Maler, Dichter und Raumkünstler, arbeitete aber auch als Gebrauchsgrafiker für die Hannoveraner Firma Pelikan. Er war ein herausragendes und wirkmächtiges Mitglied der Dadabewegung, blieb allerdings als besondere Persönlichkeit eigenständig. Bekannt wurden die von ihm so genannten Merzbilder und Merzbauten. Er schuf zwei- und dreidimensionale Collagen aus Zeitungsausschnitten, Werbematerialien und Abfall. Sein Merzgedicht „An Anna Blume“ inspirierte viel andere Schriftsteller. 1937 emigrierte er allein nach Norwegen. Die Nationalsozialisten hatten ihn und viele andere Künstler der Moderne als „entartet“ diffamiert, ausgegrenzt und verfolgt. Die weiteren Stationen waren England und Schottland, er arbeitete weiter künstlerisch als Maler und schuf Merzbauten. 1948 starb er in England. Nach Umbettung von England auf einen Friedhof in seiner Geburtsstadt Hannover trägt sein Grabstein die Inschrift „Man kann ja nie wissen“.

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