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Otto Wels

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Willy Brandt mit Mandoline – Die Geschichte eines Bilds

Als Willy Brandt sich bei einem Happening in einer Bonner Kunstgalerie von Andy Warhol auf Polaroid-Sofortbildern ablichten ließ, ahnte er wohl selbst, dass eines der Motive noch lange als Pop-Art-Siebdruck nachwirken würde. Fünf Monate später, während einer Wanderung durch den Teutoburger Wald, wird er in der sengenden Mittagshitze womöglich nicht einmal das Klicken der Kamera seines Mitarbeiters wahrgenommen haben, dessen Schnappschuss mit der Zeit Kultstatus erlangte und im kollektiven Gedächtnis der Sozialdemokratie regelrecht zur Ikone avancierte.

Für Willy Brandts dreitägige Wanderung im Juli 1976 durch Ostwestfalen-Lippe bemühen manche das Narrativ vom Ex-Bundeskanzler und SPD-Parteivorsitzenden, der sich von Genossen und Naturfreunden eine Exkursion organisieren ließ, um sich aus dem politischen Stress auszuklinken. Andere verweisen auf die anstehende Bundestagswahl und eine in der "Baracke" generalstabsmäßig durchgetaktete Tour unter dem Slogan "Mit Willy Brandt durchs Land". Vornehmlich war Brandt jedoch seiner eigenen Vergangenheit auf der Spur, da er bereits anno 1927/28 als Tertianer mit seiner Klasse über den Hermannsweg Richtung Weserbergland gestiefelt war. Für ihn ging es also zurück zu seinen Wurzeln in Lübeck, wo der junge Herbert Frahm in der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung seine Ersatzfamilie gefunden und neben den Falken und der Sozialistischen Arbeiterjugend zuvor auch die Ortsgruppe der Naturfreunde auf dem Priwall, die Kindergruppe des Arbeiter-Turn- und Sportbunds und den örtlichen Arbeiter-Mandolinenklub kennengelernt hatte.

Dass Willy Brandt sich bei einer Mittagsrast unversehens eine Mandoline schnappte, um gedankenverloren an den Saiten zu zupfen, liegt deshalb nahe. Henning von Borstell, Mitarbeiter in der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit beim SPD-Parteivorstand, saß Brandt mit seiner "Knips-Kamera" am Mittagstisch gegenüber und nutzte geistesgegenwärtig die Gelegenheit.

Henning von Borstell gelang das Kunststück, einen wohl magischen Moment zu erwischen und so einzufangen, dass eine innere Zeitreise des Portraitierten fassbar erscheint. Inszeniert war hier nichts. Doch natürlich stellt wie grundsätzlich jede Foto- und Filmaufnahme auch dieses hier vollständig wiedergegebene Dia kein objektives Abbild der Wirklichkeit, sondern einen (un-)bewusst subjektiv gewählten Bildausschnitt dar, der Willy Brandt eine zentrale Rolle zuweist. Der Fotograf erkannte, welches Potential in seinem Bild steckte, musste für ein ihm vorschwebendes Plakat aber ein bisschen nachhelfen. Im direkten Vergleich wird deutlich, wie das Foto für das Plakat beschnitten und retuschiert worden ist:

Im von Bäumen und Büschen verdunkelten und bis auf den Sonnenschirm eingeebneten Bildhintergrund lenkt nun nichts mehr ab vom Blick auf den Mandolinenspieler Willy Brandt: Das Plakat ist eine Prä-Photoshop-Manipulation, deren Verzicht auf die konkrete Kulisse und ihre als nebensächlich angesehenen Statisten allein den Zweck der bestmöglichen Wirkung erfüllt. Außer einigen in den künstlichen Schatten hineinkopierten Blättern und außer der von der rechten Wange nur halb verdeckten und nun (versehentlich?) abrasierten Ohrmuschel wurde nichts aufgehübscht, verdreht oder zensiert: Seinen Glimmstängel behielt Willy Brandt bis heute im Mundwinkel. So haftet dem Plakat auch nichts von einer Fälschung an, denn die Freistellung einer Person ist in der Werbung und im Layout eine gängige und völlig legitime Praxis – solange man das Plakat nicht als reale Fotografie ausgibt.

Das so bearbeitete Motiv "Willy Brandt mit Mandoline" erschien erstmals 1977 auf einem Plakat und verselbstständigte sich fortan in zahlreichen Nachdrucken. Inzwischen befinden sich sowohl alte Plakate als auch von Borstells Original-Dias von der Wanderung und von Brandt später signierte Bildtafeln in der audiovisuellen Sammlung und im Willy-Brandt-Archiv im Archiv der sozialen Demokratie iServer

In der Gegenüberstellung von Foto und Plakat erweist sich der unschätzbare Wert eines Originals. Mehr noch: Historische Quellen, die zu treuen Händen ins Archiv gegeben worden sind, um dort sicher verwahrt zu werden, vermögen präzise Auskunft über die Entstehung des Fotos zu geben. Da selbst der Fotograf sich nicht mehr sicher war, wo genau Willy Brandt zur Mandoline griff, existierten zur Frage nach dem genauen Ort der Aufnahme praktisch so viele Antworten wie Rastplätze auf der Wanderroute von Bielefeld-Sparrenburg nach Bad Meinberg. So ruhte Willy Brandt im zeitlosen Jeanshemd vor zeitlosem Coca-Cola-Sonnenschirm nicht nur tiefenentspannt in sich, sondern er wirkte auch im geografischen Sinne sphärisch entrückt, was der Mythisierung des Motivs ebenfalls Vorschub leistete. Und doch lässt sich mithilfe von im AdsD aufzuspürenden Dokumenten der einzig wahre Schauplatz ermitteln.

Zunächst zum Datum: Das scheinbar zeitlose Motiv entstand am 17. Juli 1976. Henning von Borstell hat Brandt in genau demselben Hemd (das er in der Backofenhitze nur einmal getragen haben dürfte) mit einem Kordillerenadler auf einem Falknerhandschuh fotografiert, was auf dem im Willy-Brandt-Archiv liegenden Zeitplan der Wanderroute zur Adlerwarte Berlebeck am Abend des 17. Juli passt.

Mag von Borstell auch nur ein einziges Foto gemacht haben, so wurde Brandt zugleich von weiteren Kameraobjektiven umschwirrt. Derzeit gehören acht Motive zur im wahrsten Sinne des Wortes multiperspektivischen Überlieferung des Mandolinen-Moments. Die verschiedenen Aufnahmen aus nicht immer optimal gewähltem Blickwinkel erzielen jeweils eine andere Wirkung und können hier leider nicht alle gezeigt werden, aber zwei Motive eines unbekannten Fotografen befinden sich in der Fotosammlung des AdsD.

Auf dem Abzug dieser Fotografie ist rückseitig eine mit dem 17. Juli 1976 datierte Widmung der Gewerkschafterin und SPD-Politikerin Hilde Junker-Seeliger angebracht ("Das war ein schöner Tag – für meine Mandoline und mich. Dankeschön!"), mit der sie nicht nur Genosse Willy, sondern auch der Nachwelt als Leihgeberin der Mandoline in Erinnerung blieb. Diese Widmung sichert wiederum den entscheidenden Hinweis auf den Ort ab, der sich in einem einzigen Zeitungsartikel inmitten der riesigen Sammlung Personalia des AdsD (eine nach Personen und chronologisch geordnete Pressedokumentation u.a. aus dem SPD-Pressearchiv) verbirgt: "Am zweiten Tag mittags lässt sich Brandt im Gasthaus 'Forstfrieden' von der Vorsitzenden des WDR-Rundfunkrates, Hilde Junker-Seeliger, die mitgeführte Mandoline reichen und testet seine Kenntnisse auf dem Instrument." (Eberhard Nitschke: Brandt wandert mit Mandoline und Spazierstock durchs Land, in: DIE WELT, 19.07.1976) Tatsächlich stand das Restaurant "Forstfrieden" für den 17. Juli um 13 Uhr auf dem Programm der Wanderroute – wenige Stunden vor dem Aufstieg zum Hermannsdenkmal und dem Besuch der Adlerwarte. Auf der Terrasse dieses Lokals im Naturschutzgebiet Donoper Teich nahm die Ikone ihren Anfang.

Auf dem anderen, nur wenige Sekunden zuvor aufgenommenen Schnappschuss greift sich Henning von Borstell just in diesem Augenblick seine Kamera. Hier ist noch etwas mehr vom Umfeld der Terrasse zu erkennen. Wer im Internet nach aktuellen Bildern des Restaurants "Forstfrieden" fahndet oder sich vor Ort auf die Suche begibt, wird trotz sichtbarer Renovierungen genau diese Ecke finden.

Weitere Details kommen in der Sammlung Personalia des AdsD ans Tageslicht, wann immer Journalist_innen übereinstimmend beobachteten, wie Willy Brandts Wandervergnügen bisweilen auf der Strecke blieb. Die brüllende Hitze mit bis zu 34 Grad im Schatten machte ihm nichts aus, doch geschah Unvorhergesehenes, konnte er grantig werden: Dass er beim Anblick von Müllhaufen am Wegesrand über die "Wiedereinführung einer leichten Prügelstrafe" sinnierte, mag ebenso irritieren wie die Aktion zweier nicht zum Lehramt zugelassenen DKP-Anhänger_innen, die gleich am ersten Vormittag Brandts Frühstück für eine Demonstration gegen den Radikalenerlass instrumentalisierten, bis dieser mit in den Zeitungen nicht identisch überlieferten Reaktionen ("Ich bin doch nicht der Anwalt für irgendeinen Krimskram", "Ich bin hier kein Hanswurst für alle möglichen Leute" und "Ihr könnt mich mal im Mondschein besuchen") haarscharf am Götz-Zitat vorbeischrammte und hastig zur Wanderung aufbrach.

Wer das in unmittelbarer Nähe zum martialischen Hermannsdenkmal entstandene, umso friedlicher und melancholischer wirkende "Willy Brandt mit Mandoline"-Poster zum ästhetisch verdichteten Schlüsselbild der guten alten Sozialdemokratie auflädt, möchte all diese Details vielleicht gar nicht so genau wissen. Dennoch oder gerade deswegen ist auch in diesem Fall eine exakte historische Einordnung mittels originaler, authentischer Quellen im Archiv so wichtig.

 

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