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Otto Wels

Kurzinfo

Das Archiv der sozialen Demokratie wird 50. Wir feiern das, indem wir Ihnen ein Jahr lang jede Woche ein neues unserer Lieblingsstücke und die Geschichten dahinter vorstellen. Nichts verpassen? Einfach #AdsD50 auf twitter und instagram folgen!


Antifa-Transporte


Auf den ersten Blick nur ein Stapel Papier – doch unser heutiger Beitrag steht stellvertretend für viele unterschiedliche Dinge, die unser Archiv beherbergt: auf der einen Seite (natürlich) Listen, aber auch Zeugnisse von Widerstand, Einzelschicksalen, Sozialdemokratie in Europa und ihr nahestehenden Organisationen.


Aber Schritt für Schritt:

Das Archiv der Seliger-Gemeinde wurde unserem Archiv 1989 überlassen, Informationen zu den enthaltenen Materialien finden Sie im iServer.

Publikationen zur Geschichte der DSAP bzw. Seliger-Gemeinde generell finden Sie im Katalog der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Als im Herbst 1918 der Erste Weltkrieg endete, entstand die Tschechoslowakei als neuer Staat. Mit den Sudetendeutschen hatte sich so über Nacht gleichzeitig eine nationale Minderheit herausgebildet, zu der auch Sozialdemokrat_innen zählten und die schon bald den Wunsch nach einer eigenen politischen Partei zur Vertretung ihrer Interessen verspürte. Deshalb gründeten die deutschen Sozialdemokrat_innen in der Tschechoslowakei Ende August 1919 in Teplitz die Deutsche Sozialdemokratische Arbeiter-Partei in der Tschechoslowakischen Republik (DSAP). Josef Seliger, ein aus der Nähe von Reichenberg stammender Abgeordneter der altösterreichischen Sozialdemokratie, Textilarbeiter, Krankenkassenfunktionär und Fachmann für Fragen der nationalen Zusammenarbeit im gemischt-nationalen Böhmen, wurde ihr Vorsitzender.

Nach dessen plötzlichem Tod übernahm 1920 Ludwig Czech beziehungsweise ab 1938 für noch weitere (letzte) elf Monate Wenzel Jaksch dieses Amt. Denn am 22. Februar 1939 sah sich der Vorstand der DSAP nach massiver Verfolgung und Verhaftung seiner Genossen durch den Nationalsozialismus gezwungen, die Einstellung aller Aktivitäten auf dem Territorium der Tschechoslowakischen Republik zu verkünden und die Arbeit im Exil unter dem Namen „Treuegemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten“ fortzusetzen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wollten sich viele sudetendeutsche Sozialdemokrat_innen, die bis zuletzt für den tschechoslowakischen Staat gegen Hitler gekämpft hatten, am Wiederaufbau der Tschechoslowakei beteiligen. Sie fanden jedoch weder bei den Alliierten noch bei der tschechoslowakischen Regierung Unterstützung und sahen sich viel mehr von den neu eingesetzten Behörden und von der Ankunft der neuen tschechischen Bevölkerung bedrängt. Die Sozialdemokrat_innen durften sich außerdem nicht mehr politisch betätigen, ihre wiedergegründeten Zeitungen wurden verboten und die deutschsprachigen Schulen geschlossen

Verbesserung versprachen eine Reihe von Anordnungen sowie das von Präsident Edvard Beneš am 03. August 1945 unterzeichnete Dekret über die Regelung der tschechoslowakischen Staatsbürgerschaft für Personen deutscher und magyarischer Nationalität. Dieses erklärte Antifaschist_innen (und damit auch die in der Tschechoslowakei lebenden Sozialdemokrat_innen) zwar zu Menschen, die mit Rücksicht behandelt werden sollten und die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft erhalten könnten, aber die erste Hoffnung wich einer Desillusionierung und dem Gefühl, einer neuen Verfolgung ausgesetzt zu sein. Voraussetzung für den Erwerb des antifaschistischen Status war der Nachweis, im Widerstand tätig oder durch die Nationalsozialisten verfolgt worden zu sein, die entsprechenden Ausweise erhielt man von eigens eingerichteten Antifa-Komitees.

Und das bringt uns zurück zu dem abgebildeten Stapel Papier. Hierbei handelt es sich um die Transportlisten der sogenannten Antifa- beziehungsweise Ullmann-Transporte. Die bereits im Exil bzw. wieder in Deutschland lebenden ehemaligen Genoss_innen organisierten unter der Leitung von Alois Ullmann – der ehemalige ATUS (Sudetendeutscher Arbeiter-Turn- und Sportverband) Bundessekretär war mit Kriegsende umgehend aus dem Konzentrationslager in Dachau nach Aussig zurückgekehrt – Transport und Unterbringung.

Die vertriebenen sudetendeutschen Sozialdemokrat_innen gliederten sich sofort in die wieder entstandene SPD vor allem in Bayern ein. Durch sie wurde eine große Zahl von SPD-Ortsvereinen gegründet, die es vorher gar nicht gab. Mit der Gründung der Seliger-Gemeinde 1951 schufen sich die sudetendeutschen Sozialdemokrat_innen wieder eine eigene Gesinnungsgemeinschaft in Deutschland. Sie versteht sich bis heute als Nachfolgeorganisation der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik.

Nach der Erfahrung des Exils und des Wiederaufbaus hat sich die Seliger-Gemeinde fest in der Bundesrepublik Deutschland etabliert sowie die im Exil entstandene Gruppenstruktur in Kanada, Skandinavien, Großbritannien und Österreich weiter aufrechterhalten. Sie unterstützt die Sozialdemokratische Partei Deutschlands und sucht die Zusammenarbeit mit anderen sudetendeutschen sowie mit tschechischen und österreichischen Einrichtungen. Aktuell setzt sie sich ein für die Verständigung zwischen Sudetendeutschen und Tschechen, für eine verantwortungsbewusste sozialdemokratische Politik in der Mitte Europas und für eine kontinuierliche Weiterentwicklung der demokratischen Strukturen der Europäischen Union, heißt es in dem 1998 beschlossenen Grundsatzprogramm „Brannenburger Thesen“, welches das Vermächtnis von Josef Seliger bis in die heutigen Tage lebendig hält.

Archiv der sozialen Demokratie

Kontakt
Ann Kathrine Maier

Godesberger Allee 149
53175 Bonn               

+49 228 883 8028
E-Mail

Deutsche Antifaschisten in der Tschechoslowakei

Wer als deutscher Antifaschist anerkannt werden wollte der durfte (so legte es Paragraph 2 des am 08. August 1945 von Präsident Edvard Beneš erlassenen Dekrets über die Regelung der Staatsbürgerschaft von Personen deutscher oder magyarischer Nationalität fest) der Republik nie untreu geworden sein, sich nie gegenüber der tschechischen und slowakischen Nation schuldig gemacht haben und musste entweder die Bedingung erfüllen, dass er aktiv für die Wiederherstellung der Unabhängigkeit der CSR – und damit gegen Hitler – gekämpft hatte oder dass er aus persönlichen oder „rassischen“ Gründen unter der nationalsozialistischen Herrschaft gelitten hatte.

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