100 Jahre FES! Mehr erfahren

Autokratie

Autokratie – Definition

Der Begriff Autokratie setzt sich aus den griechischen Begriffen „autos“ (dt. selbst) und „kratein“ (dt. herrschen) zusammen und bedeutet folglich Selbstherrschaft. Die entsprechende Herrschaftsform wird in der Politikwissenschaft als Autoritarismus bezeichnet.

 

In einer Demokratie geht die Macht vom Volk aus. Im Gegensatz dazu üben die Oberhäupter von Autokratien ihre Macht uneingeschränkt und ohne die Beteiligung oder Zustimmung der Beherrschten aus. Dabei kann die Herrschaft sowohl in den Händen eines bzw. einer einzelnen Autokraten oder Autokratin als auch bei einer Gruppe liegen, beispielsweise einer Partei. Aufgrund der konzentrierten Staatsgewalt mangelt es in den Regimen an wesentlichen demokratischen Prinzipien, wie etwa der Gewaltenteilung.

 

Autokratien werden den diktatorischen Herrschaftsformen zugeordnet, unterscheiden sich jedoch von totalitären Diktaturen. Obgleich Diktaturen in jedem Fall demokratische Prinzipien verletzen, lässt sich der Autoritarismus vor allem anhand der folgenden charakteristischen Merkmale vom Totalitarismus abgrenzen (1):

 

  • Autokratische Systeme weisen zumindest einen noch rudimentär vorhandenen politischen Pluralismus auf.
  • In Autokratien findet sich meist keine grundlegende, allgegenwärtige Ideologie.
  • In der Regel findet keine intensive politische Mobilisierung statt.

 

Unterschiede zwischen Autokratie und Demokratie

Demokratie bedeutet wörtlich „Herrschaft des Volkes“. Zwar bezeichnen sich viele Staaten weltweit als demokratisch, doch nicht immer geht die Macht dabei tatsächlich vom Volk aus. Um einzuordnen, ob oder inwiefern es sich bei einer Regierungsform tatsächlich um eine Demokratie handelt, ist es daher sinnvoll, charakteristische Merkmale von Demokratien zu definieren (2).

 

„Gütekriterien“ von Demokratien:

  • Freie und faire Wahlen
    Um den gemeinsamen Willen des Volkes zu erfassen, zählen freie Wahlen zu einem extrem wichtigen Kriterium einer funktionierenden Demokratie. Dabei muss es sich um „faire“ Wahlen handeln, in denen alle Wettbewerber die gleichen Chancen erhalten, sich zu präsentieren, und allen Bürger_innen muss die Teilnahme an der Wahl möglich sein.
     
  • Gewaltenteilung
    Damit sich die Staatsgewalt nicht bei einem einzelnen Herrscher, einer Gruppe oder Instanz konzentriert, bedarf es ihrer Teilung in Legislative (gesetzgebende Gewalt), Exekutive (vollziehende Gewalt) und Judikative (rechtsprechende Gewalt). In modernen Demokratien sind Exekutive und Legislative oftmals nicht mehr vollständig voneinander isoliert, sondern miteinander verschränkt. Die wichtige Teilung von Exekutive und Judikative bleibt jedoch bestehen: Die Gerichte handeln unabhängig von der Regierung und richten sich allein nach der Rechtsordnung. (3)
     
  • Rechtsstaatlichkeit
    Das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit sieht vor, dass Regierung und Verwaltung lediglich im Rahmen bestehender Gesetze handeln und ihre Handlungen gerichtlich überprüft werden können.
     
  • Freiheitsrechte
    Freiheitsrechte gewähren den Bürger_innen das Recht, sich frei zu entfalten, und schützen sie vor staatlichen Handlungen, welche ihre Freiheiten einschränken würden. Sie zählen zu den besonders schützenswerten Grundrechten und umfassen in Deutschland beispielsweise gemäß Artikel 2 des Grundgesetzes die Rechte auf freie Entfaltung, Leben und körperliche Unversehrtheit.

 

In Autokratien werden diese demokratischen Merkmale vollständig oder teilweise eingeschränkt. Indem sie beispielsweise den Zugang zu Wahlen behindern, die Bildung einer Opposition unterdrücken oder die Äußerung kritischer Meinungen verfolgen, versuchen autokratische Machthaber, die Staatsgewalt langfristig zu sichern.

 

Aufgrund der Komplexität von politischen Systemen und Vorgängen lassen sich einige Staaten nicht eindeutig als „rein“ demokratisch oder autokratisch einstufen. Um das Spektrum politischer Regime besser abzubilden, nehmen Forschende daher eine genauere Unterteilung des Demokratisierungsgrades beziehungsweise der Demokratiequalität vor. (4) Hervorzuheben ist hier die Arbeit des Göteborger Projekts Varieties-of-Democracy (V-Dem), welches jährlich einen Report über den Zustand der Regierungsformen sämtlicher Staaten veröffentlicht.

 

Abstufungen von Demokratie und Autokratie

Eine gängige Kategorisierung stellt das Regimes-of-the-World-Schema (RoW) dar. (5) Dieses unterteilt Demokratien und Autokratien in jeweils zwei Unterkategorien und unterscheidet entsprechend zwischen vier Regierungsformen:

 

  • Liberale Demokratien
    In diesen Staaten finden zum einen freie und faire Wahlen statt, zum anderen gewährleisten Gewaltenteilung und rechtsstaatliche Prinzipien den Bürger_innen weitreichende Freiheiten. Zu diesem Demokratie-Typ zählen neben Deutschland und den meisten Staaten der EU beispielsweise auch Australien, Südkorea und die Seychellen (V-Dem Democracy Report 2022). (6)
     
  • Elektorale Demokratien
    In Staaten mit elektoralen Demokratien werden die Regierungen zwar ebenfalls gewählt, jedoch erfüllen sie andere Kriterien nur teilweise. So kann es beispielsweise an einer effektiven Gewaltenteilung, kontrollierenden Instanzen oder Freiheitsrechten der Bürger_innen mangeln. Beispiele für diese Regierungsform sind Polen, Mexiko oder der Senegal (ebd.).
     
  • Elektorale Autokratien
    Auch in elektoralen Autokratien werden Wahlen abgehalten, jedoch werden diese durch die amtierende Regierung manipuliert und behindert. So werden beispielsweise Opposition und Presse unterdrückt, zudem sind die Wahlen undurchsichtig und von minderer Qualität. Zuletzt fielen laut V-Dem-Institut weltweit die meisten Länder unter diese Kategorie, beispielsweise Ägypten, Singapur und seit 2019 auch Ungarn als einziges Mitglied der EU (ebd.).
     
  • Geschlossene Autokratien
    In Staaten dieses zweiten Autokratie-Typs finden keine nennenswerten Parlaments- und Präsidentschaftswahlen statt. Sofern diese durchgeführt werden, stehen den Bürger_innen des Landes oftmals keine echten Optionen zur Verfügung und die Regierung der bisherigen Machthaber bleibt fortbestehen. Zu den geschlossenen Autokratien werden unter anderem Saudi-Arabien und Nordkorea gezählt (ebd.).

 

Tipp: Im Rahmen der Ringvorlesung „Zukunft der Demokratie“ (2018) sprach Prof. Dr. Manfred G. Schmidt an der Universität Bonn über mögliche Demokratie-Szenarien im 21. Jahrhundert.

 

Wie werden die Abstufungen gemessen?

Um das Demokratisierungsniveau einzustufen und die verschiedenen Staaten den vier Regierungstypen zuzuordnen, nutzt V-Dem den Liberal Democracy Index (LDI). Dieser bewertet unter anderem Informationen darüber, inwiefern freie Wahlen mit mehreren validen Parteien stattfinden, Meinungs- und Versammlungsfreiheit gegeben und diverse Informationsquellen verfügbar sind. Ebenso fließen rechtsstaatliche Aspekte ein, etwa eine Bewertung der Institutionen der Gewaltenteilung sowie deren Kontrolle.

 

Der höchstmögliche Wert liegt bei 1 und bildet eine perfekte liberale Demokratie ab, der niedrigste Wert liegt bei 0 und stellt eine absolut geschlossene Autokratie dar – dabei handelt es sich jedoch um idealtypische Ausprägungen. Den höchsten Wert erhielt 2022 Schweden mit einem LDI-Score von 0,88; den geringsten Wert erreichte Eritrea mit einem Wert von 0,01. (7)

 

Mithilfe des LDI können Forschende nicht nur „Momentaufnahmen“ von politischen Systemen erstellen, der Wert dient auch dazu, Veränderungen der Herrschaftsstrukturen, also Tendenzen der Demokratisierung und Autokratisierung, aufzuzeigen. Beispielsweise zeigten 2020 mit Polen und Ungarn zwei EU-Staaten weltweit die deutlichste Verschlechterung des Demokratiestatus. (8)

 

Autokratische Tendenzen nehmen zu

Wurden die meisten Länder zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch autokratisch beherrscht, entstanden im Laufe der Zeit immer mehr demokratische Systeme. Im Jahr 2020 waren die demokratischen Systeme, wenn auch nur knapp, in der Überzahl: Gemäß RoW-Kategorisierung wurden 87 Länder als autokratisch und 92 Länder als demokratisch klassifiziert, wobei 62 Staaten lediglich den elektoralen Demokratien zugerechnet wurden. (9)

 

Dieser Trend ist in jüngerer Vergangenheit jedoch rückläufig und autokratische Tendenzen nehmen weltweit zu. Laut V-Dem-Report 2022 standen 89 demokratischen Staaten zuletzt 90 autokratische Staaten gegenüber. Bemerkenswert ist dabei vor allem, dass sich die Entwicklungen in Richtung Autokratie weder anhand geografischer noch anhand volkswirtschaftlicher Aspekte festmachen lassen.

 

Mit Ungarn ist bereits ein EU-Mitgliedsstaat in das Feld der Autokratien abgerutscht, Länder wie Griechenland, Kroatien und Polen zählen zwar nach wie vor zu den Demokratien, verlieren jedoch beim LDI-Score. Insgesamt weisen mittlerweile 6 von 27 EU-Staaten autokratisierende Tendenzen auf (10), Ungarn und Polen sowie die Beitrittskandidaten Türkei und Serbien zählen zu den Staaten mit den größten demokratischen Rückschritten“ weltweit. Auch große Volkswirtschaften, darunter etwa Indien, Brasilien und die USA verzeichnen Rückschritte bei den bürgerlichen Freiheiten und politischen Rechten.

 

Zwar wird der Bundesrepublik Deutschland kein Verlust der demokratischen Qualität bescheinigt, jedoch lassen sich vermehrt antidemokratische Tendenzen verzeichnen. Auch hierzulande scheint die Demokratie entsprechend unter Druck, obgleich sich dieser bislang vor allem in einem sinkenden Vertrauen in die Demokratie äußert. Aktuelle Informationen zur Demokratiezufriedenheit in Deutschland liefert beispielsweise die FES-Mittestudie.

 



Willst du mehr wissen?

31.05.2023 Zeitenwende Frieden und Sicherheit

Russland, der "Westen", Deutschland - Bilanz und Ausblick

Das Bild zeigt, von links nach rechts, die damaligen Staats- und Regierungschefs von Deutschland (Angela Merkel), Russland (Wladimir Putin), Großbritannien (David Cameron) und den USA (Barack Obama) beim letzten G8 Gipfel im nordirischen Lough Erne, 2013.
Der Autor und Journalist Alexander Baunov hat in seinem kürzlich erschienenen Bestseller "The End of Regime" die Demokratisierung verschiedener autokratischer Systeme analysiert. Im aktuellen Gastbeitrag blickt er auf das deutsch-russische Verhältnis...
weitere Informationen

11.05.2023 Rückblick, Zeitenwende Frieden und Sicherheit

Security Slam: Mit Sicherheitsthemen begeistern!

Das Bild zeigt die Teilnehmenden und Organisator_innen des Security Slam auf der Bühne im Konferenzsaal der FES.
Anfang Mai 2023 fand der erste Security Slam Deutschlands im Konferenzsaal der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin statt. In Zusammenarbeit mit der Deutschen Atlantischen Gesellschaft (DAG), der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und der...
weitere Informationen

10.05.2023 Interview, Zeitenwende Frieden und Sicherheit

Ukraine, globale Konflikte und ihre Lösung: Wie weiter mit weltweiter Friedensarbeit?

Abgesprengter Turm eines zerstörten russischen Panzers im Dorf Pisky-Radkiwski, das von den russischen Besatzern befreit wurde, in der Region Charkiw im Nordosten der Ukraine.
Um die globalen Folgen des Krieges gegen die Ukraine besser zu verstehen, haben die Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung (BKHS) und die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) eine „Global Expert Group on Conflict Resolution and Peacebuilding“ gegründet. Im...
weitere Informationen

30.03.2023 Zeitenwende Frieden und Sicherheit

7 Beiträge zum Verständnis der Debatte - Der 5. Zeitenwende Sammler

Button mit Zeitenwende-Schriftzug und Link zum Zeitenwende-Portal
In diesem Format sammeln wir in regelmäßigen Abständen Artikel und Debattenbeiträge, die wir für besonders relevant oder hilfreich für das Verständnis der aktuellen Diskussion rund um die Zeitenwende halten. Der aktuelle Sammler beinhaltet Beiträge,...
weitere Informationen

Das Bild zeigt das Kunstwerk "non-violence", eine überdimensionierte, verknotete Pistole.
11.05.2023 Zeitenwende Frieden und Sicherheit Interview, Zeitenwende Frieden und Sicherheit

Zivilmacht in der Zeitenwende: Steht das Militärische nun im Fokus? - Interview mit Prof. Sebastian Harnisch

Lange wurde Deutschland als Zivilmacht kategorisiert. Mit einer Präferenz für diplomatischen und ökonomischen Einfluss auf der Welt. Russlands Angriff auf die Ukraine und die von Bundeskanzler Scholz ausgerufene Zeitenwende stellen das... weitere Informationen

29.03.2023 Zeitenwende Frieden und Sicherheit

"Das ist unser Krieg" - Der Blick der Baltischen Staten und Polens auf die Ukraine

Das Bild zeigt ein Kunstwerk des berühmten Straßenkünstlers Tvboy ist an einer Wand des Hauses der Kultur zu sehen, das während des russischen Angriffs auf die Ukraine in der Stadt Irpin in der Nähe von Kiew, Ukraine, schwer beschädigt wurde.
In der Bewertung des Russischen Angriffs unterscheiden sich Polen und die Baltischen Länder von den Sichtweisen in Deutschland und Westeuropa. Unser Büroleiter in Riga Dr. Reinhard Krumm blickt in seinem Gastbeitrag auf die verschiedenen Sichtweisen....
weitere Informationen

30.03.2023 Zeitenwende Frieden und Sicherheit

7 Beiträge zum Verständnis der Debatte: der 4. Zeitenwende-Sammler

Eine Traube an Menschen demonstrieren vor dem Brandenburger Tor. In der Mitte des Bildes steht ein Demonstrant mit einer Pace-Fahne. Der Schrifzug "Zeiten - Wende" ist als Grafik zu lesen.
In diesem Format sammeln wir in regelmäßigen Abständen Artikel und Debattenbeiträge, die wir für besonders relevant oder hilfreich für das Verständnis der aktuellen Diskussion rund um die Zeitenwende halten. Der aktuelle Sammler beinhaltet Beiträge,...
weitere Informationen

27.02.2023 Podcast, Zeitenwende Frieden und Sicherheit

Podcast: Die Zeitenwende als Chance für neue Allianzen

Ein Jahr nach Kriegsbeginn fragen wir: Wo steht die Zeitenwende jetzt? Wie blicken die Ukrainer*innen auf die Debatten in Deutschland?
weitere Informationen

27.02.2023 Zeitenwende Frieden und Sicherheit

Die Welt im Umbruch

Der russische Krieg gegen die Ukraine ist eine globale Zäsur. Aber die Zeitenwende darf nicht nur militärische Fragen betreffen fordert SPD-Fraktionschef Dr. Rolf Mützenich.
weitere Informationen

27.02.2023 Rückblick, Zeitenwende Frieden und Sicherheit

Das Jahr der Zeitenwende - Am Beginn eines Prozesses

Putins Angriffskrieg hat Europa verändert. Auf absehbare Zeit leben wir in einer Zeit erheblicher internationaler Turbulenzen. Die Antwort muss sein: Die EU muss gestärkt werden. Martin Schulz blickt in seinem Beitrag zurück auf das vergangene Jahr...
weitere Informationen

Glossar Zeitenwende

nach oben