Stadtentwicklung "Wir sehen die Orte als leer und gut" 03.07.2026 Ronny Arnold Tausende Gebäude stehen in Thüringen leer, viele davon verfallen. Doch statt Abriss und Stillstand setzen Initiativen wie die LeerGut-Agent:innen auf neue Ideen für alte Mauern. Die Wiederbelebung alter Gemäuer – wie hier der Burg Tannroda – soll sowohl dem Gemeinwohl dienen als auch wirtschaftlich tragfähig sein. Die LeerGut-Agent:innen wollen das Kultur- und Gemeinschaftsleben in Dörfern und Kleinstädten bereichern. Bild: Urheber: Stiftung Baukultur Thüringen / IBA Thüringen / Thomas Müller Der erste Blick fällt auf Müllberge, bröckelnde Fachwerkwände und ein Dach, durch das die Sonne lacht. Scheune 7, „fast fertig“, lässt Robert Anton mit einem breiten Lächeln wissen. „Muss man eigentlich nur noch ein bisschen das Dach flicken und einen Boden einziehen“, schiebt der 29-jährige Architekt hinterher. Robert Anton hat eine blühende Phantasie, und in seinem Fall ist die absolut notwendig. Denn ohne Vorstellungskraft wird es schwierig, diesem Ensemble aus verfallenen Häusern und leerstehenden Scheunen eine Zukunft zu geben. Doch genau das will er, gemeinsam mit seinem Mitstreiter Marco Reusch: Im Ortskern des thüringischen Dornburg sind sie mittendrin, das historische Areal eines ehemaligen, herzoglichen Kammerguts wiederzubeleben. Zwischen Ruine und Vision Dornburg liegt rund eine halbe Stunde nördlich von Jena, eingebettet in die Landschaft des Saale-Unstrut-Tals. Touristen kommen wegen der Weinberge, der Schlösser und Burgen – oder um mit dem Fahrrad entlang der Saale zu fahren. Robert Anton kommt zum Arbeiten hierher. Von seinem provisorischen Büro aus blickt er direkt auf das Dornburger Schloss, hinter ihm die alten Scheunen und Wirtschaftsgebäude, die seit Jahrzehnten leer stehen. Robert Anton und Marco Reusch in der Domäne Dornburg. Noch ist das ehemalige herzogliche Kammergut ein Ensemble aus verfallenen Häusern und leerstehenden Scheunen. Bild: Urheber: Thomas Müller „Wir haben es hier mit ziemlich soliden Konstruktionen zu tun“, sagt er. Wahnsinnig solide Gebäude seien es, die hier schon seit mittlerweile 150 Jahren so stehen und die „auch so einen Leerstand mal 30, 40 Jahre gut verkraften.“ Doch nun drängt die Zeit, Dächer müssen repariert, Mauern gesichert und Feuchtigkeit gestoppt werden. „Jetzt ist der Punkt, wo man langsam aktiv werden muss, um die Substanz zu erhalten“, meint Anton. Zeit drängt für alte Mauern Die Gebäude gehören der Landesentwicklungsgesellschaft Thüringen, kurz LEG. Sie finanziert erste Sicherungsmaßnahmen, während die beiden Architekten viel ehrenamtliche Zeit investieren. Reich werden die beiden damit nicht, ihren Lebensunterhalt verdienen sie mit klassischen Architekturaufträgen. Trotzdem verbringen sie viele Stunden zwischen alten Scheunen, maroden Mauern und sehen im Leerstand eine Chance. Wobei besonders auf dem Thüringer Land in den kommenden Jahren ein massives Problem besteht. Die Generation der Babyboomer wird nach und nach ihre Häuser verlassen, während vielerorts Nachnutzer:innen fehlen. Gleichzeitig stehen seit Jahrzehnten alte Schulen, Gasthöfe, Industrieanlagen und Geschäfte leer. Manche verfallen bereits seit der Wende. Chancen sehen: Die beiden Architekten Robert Anton und Marco Reusch investieren viel ehrenamtliche Zeit in die Wiederbelebung des herzoglichen Kammerguts. Bild: Urheber: Thomas Müller Robert Anton will zeigen, dass Leerstand nicht zwangsläufig Niedergang bedeutet. Das müsse man kommunizieren und so auch die Leute vor Ort gewinnen. „Man muss es ganz klar mit den Menschen angehen“, so Anton. Einfach nur einen Plan in die Runde werfen, funktioniere da nicht. In Dornburg-Camburg leben mit den eingemeindeten Dörfern rund 5000 Menschen. Nicht alle teilen die Begeisterung der beiden Architekten. Manche begegnen ihren Plänen skeptisch, weil es schon zu oft Versuche gab, das Gelände wiederzubeleben. Zu oft blieb es bei Ankündigungen, Anton kennt diese Zweifel. „Es braucht Vertrauen“, sagt er, „weil offensichtlich ist, dass es nicht von heute auf morgen geht, sondern Jahre, Jahrzehnte dauern wird.“ Leerstand als Ressource Unterstützung bekommen die beiden vom Verein der LeerGut-Agent:innen. Dort vernetzen sich Architekt:innen, Stadtplaner:innen und Engagierte, die leerstehende Gebäude wieder nutzbar machen wollen. Der Begriff „LeerGut“ ist dabei bewusst gewählt. Leerstand soll nicht als Mangel gesehen werden, sondern als Ressource. Wie groß die Herausforderung ist, zeigt sich im 15 Kilometer entfernten Apolda. Dort befindet sich, im sogenannten Eiermannbau, die Zentrale der LeerGut-Agent:innen. Der riesige Industriekomplex stammt aus der Zeit der Textilindustrie und wurde vom berühmten Architekten Egon Eiermann erweitert. Apolda war einst wohlhabend und lebte von Textilfabriken und Glockengießerei. Heute kämpft die Stadt wie viele Mittelstädte in Ostdeutschland mit Strukturwandel und Leerstand. Genau hier setzt der Verein an. „Wenn in einer Region nichts passiert, dann kann das natürlich dazu führen, dass ganze Orte einfach leer sind“, sagt Katrin Hitziggrad. Sie ist Vorständin bei den LeerGut-Agent:innen und beschreibt sich selbst als „Expertin in Sachen Leerstandsoptimierung“. Ein Projekt der LeerGut-Agent:innen: Dank des vielfältigen Nutzungskonzepts gelang es in der Burg Tannroda, seit 2017 Räume zu sanieren und Menschen anzuziehen. Inzwischen gibt es ein Café als neuen Treffpunkt für das Dorf und für Ausflügler, es finden Konzerte und Feste statt, Wohn- und Seminarräume sind bezogen. Bild: Urheber: Stiftung Baukultur Thüringen / IBA Thüringen / Thomas Müller Dabei beschäftigt sie sich seit Jahren mit der Frage, wie aus verlassenen Gebäuden wieder Orte des Lebens werden können. Eines der größten Probleme sei dabei der demografische Wandel, sagt Hitziggrad. Die jungen Menschen ziehe es in größere Städte, „während auf dem Land Gebäude zurückbleiben und leer stehen: ehemalige Schulen, Postfilialen, Industriebauten und Wohnhäuser.“ Statt ständig über Neubau zu sprechen, müsse diese vorhandene Substanz wieder stärker genutzt werden. „Wir haben doch schon viel gebaute Substanz“, erklärt sie. „Da stehen ja schon Häuser!“ Genau dafür wollen sie und der Verein Bewusstsein schaffen, auch in Verwaltungen und Bauämtern (siehe VORAN-Interview mit Dr. Michael Brodführer, Landrat des Wartburgkreises).Denn vielerorts fehlen gute Ideen, Geld sowieso und starke Konzepte, um etwa alte Gebäudekomplexe wiederzubeleben. Gleichzeitig entstehen Neubaugebiete auf der grünen Wiese. Für die LeerGut-Agent:innen ist das ein Widerspruch, sie setzen lieber auf Umnutzung, Kooperationen und neue Modelle des Zusammenlebens. Gemeinsam handeln und neue Nutzungen ermöglichen In Thüringen stehen Schätzungen zufolge rund 40.000 Gebäude leer, besonders betroffen sind ländliche Regionen. Dort sind teils bis zu 15 Prozent allein der Wohnungen ungenutzt. Manche Häuser sind längst Ruinen, andere könnten mit viel Aufwand und guten Ideen gerettet werden. Dass das funktionieren kann, zeigt der „Eiermannbau“ selbst. Auch er stand mehr als zwei Jahrzehnte leer, ab 2016 begann die Transformation zum Modellprojekt. Heute befinden sich hier Büros, Veranstaltungsräume, Co-Working-Flächen und Teile des Stadtmuseums. Das riesige Gebäude sei inzwischen zu rund drei Vierteln ausgelastet, sagt Katja Fischer. Im Eiermannbau in Apolda befindet sich die Zentrale der LeerGut-Agent:innen. Der riesige Industriekomplex stammt aus der Zeit der Textilindustrie und stand mehr als zwei Jahrzehnte leer, ab 2016 begann die Transformation zum Modellprojekt. Bild: Urheber: Stiftung Baukultur Thüringen / IBA Thüringen / Thomas Müller Fischer arbeitet für die Stiftung Baukultur Thüringen, ebenfalls im Eiermannbau. Der sei ein sehr gutes Beispiel dafür, was möglich ist, wenn Menschen gemeinsam handeln. „Auch dieses Haus stand über 20 Jahre leer“, erzählt sie. „Dann haben sich viele gemeinsam um die Aktivierung dieses Standorts gekümmert.“ Für Katja Fischer ist Leerstand längst Teil der Realität Thüringens. „Er ist da, weil wir hier in Thüringen einfach zu 90 Prozent ländlichen Raum haben“, sagt sie. Viele Menschen sähen darin nur Probleme oder „Schrottimmobilien“. Doch sie versucht, den Blick zu verändern: „Unser Weg, den wir beschreiten: Wir sehen die Orte als leer und gut.“Ganz Thüringen retten werden die LeerGut-Agent:innen wohl nicht, das wissen sie selbst auch. Manche Gebäude werden verschwinden, weil sie sich einfach nicht mehr sanieren lassen. „Doch gerade identitätsprägende Häuser sollen erhalten bleiben“, sagt Katja Fischer: Orte, die Dörfer und Städte über Jahrzehnte geprägt haben. Weitere Beiträge zu diesem Thema Bild: Urheber: Maria Rumyantseva Donnerstag, 04.05.2023 Arbeit Wenn Landleben zum Experimentierraum wird Zwei Selbstständige erzählen über den „Summer of Pioneers“ in der brandenburgischen Kleinstadt Herzberg und ihren neuen Alltag jenseits von Berlin. Bild: Urheber: Tobias Kromke Freitag, 03.07.2026 Stadtentwicklung Alte Häuser, neue Chancen Leerstand muss nicht Verfall bedeuten. Der Wartburgkreis setzt auf Nachnutzung, Vernetzung und kreative Ideen, um leerstehenden Immobilien neues Leben einzuhauchen. Landrat Dr. Michael Brodführer erklärt im Interview, wie das gelingen kann.