Mitbestimmung „Gemeinwohl gehört zum Wesen von Stadtentwicklung“ 24.04.2026 Hanna Fath Die Stadtplanerin Katharina Rauh erklärt, warum Kommunen mehr Verantwortung übernehmen müssen – und wie mutige Entscheidungen Städte sozialer, grüner und lebenswerter machen. Katharina Rauh Bild: Urheber: Nina Siber Frau Rauh, wie lässt sich Gemeinwohl in der Stadtentwicklung realisieren? Katharina Rauh: Stadtentwicklung heißt für mich, alles mitzudenken – und zwar wirklich alles und alle. Ökologische, ökonomische und soziale Aspekte gehören untrennbar zusammen, ebenso wie die unterschiedlichen Gruppen in unserer Gesellschaft. Ich finde es manchmal erstaunlich, dass man das überhaupt erklären muss, weil ich glaube, dass unsere Profession diesen Anspruch im Kern bereits in sich trägt. Stadtplanung und Architektur bewegen sich immer in einem sehr weiten Feld. Im Idealfall geht es darum, diese verschiedenen Interessen sorgfältig zu gewichten und auszuhandeln: Wer braucht in welcher Situation mehr Schutz oder mehr Raum? Räumen wir zum Beispiel der Ökologie und der Natur bewusst mehr Rechte ein? Für mich ist Gemeinwohl deshalb nichts Zusätzliches, das man „auch noch“ berücksichtigen sollte, sondern etwas Systemimmanentes – es gehört zum Wesen von Stadtentwicklung dazu. Viele Menschen beklagen trotzdem soziale Verdrängung, Flächenversiegelung, Verkehrsstau und fehlende Grünflächen – was sind Ihrer Meinung nach die Hauptursachen für die Herausforderungen bei der Umsetzung des Gemeinwohls? Katharina Rauh: Ein zentrales Problem sehe ich darin, dass Kommunen, Länder und auch der Bund über viele Jahre hinweg ihre Grundstücke verkauft haben – oft die sogenannten Filetstücke einer Stadt – und zwar an die Meistbietenden. Dahinter stand die Haltung: Der Markt wird das schon richten. Damit haben öffentliche Träger aber sehr viel Gestaltungsmacht aus der Hand gegeben. Die Folgen spüren wir heute deutlich: Es sind Quartiere entstanden, die nicht mehr für alle da sind, sondern nur für bestimmte Bevölkerungsgruppen. Der Autoverkehr dominiert, es fehlt an Grünflächen und Freiräumen. Diese Entwicklungen sind keine Zufälle, sondern Resultate politischer Entscheidungen. Dazu kommt der Sparzwang der öffentlichen Hand und dass starke Lobbygruppen erheblichen Einfluss ausüben. Und nicht alle Entscheidungsträger:innen denken in sehr langfristigen Perspektiven – also in Zeiträumen von 30 Jahren und mehr. Genau dort liegt aber die Verantwortung von Stadtentwicklung: in Generationen zu denken. Hier richtig zu entscheiden zwischen kurzfristigen Interessen und langfristigem Gemeinwohl ist aus meiner Sicht eine der zentralen Herausforderungen, an denen wir dringend arbeiten müssen. Der BOB CAMPUS in Wuppertal-Oberbarmen ist 2025 mit dem renommierten Deutschen Städtebaupreis ausgezeichnet worden. Eine ehemalige Textilfabrik hat sich hier zum vielfältigen Gemeinschaftsort gewandelt. Die Jury sieht darin einen beispielgebenden Ansatz für eine gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung im Bestand. Bild: Urheber: Simon Veith Wo liegt hier der Gestaltungsspielraum der kommunalen Entscheidungsträger:innen? Katharina Rauh: Was meiner Meinung nach zu selten zu finden ist, sind Entscheidungsträger:innen, die sich ihrer eigenen Gestaltungsmacht bewusst sind – und zwar im positiven Sinne. Kommunen können Investor:innen durchaus dazu bewegen, Projekte qualitativ besser zu machen. Wenn klare Haltung gezeigt und eindeutige Anforderungen formuliert werden, wird vielleicht zuerst einmal protestiert. Aber am Ende verdienen die Investor:innen trotzdem Geld damit. Deshalb sehe ich es auch als unsere Aufgabe als Stadtplaner:innen, Auftraggeber:innen darin zu bestärken, selbstbewusst aufzutreten und klare Positionen zu vertreten – etwa zu sagen: „Nein, an dieser Stelle wollen wir keine ebenerdigen Stellplätze, wir lösen das anders.“ Nur wenn dieser Mut da ist, können wir die Lebensqualität in unseren Städten nachhaltig verbessern. In den Verwaltungen erlebe ich viele engagierte Menschen, die sehr bewusst versuchen, Ausgleich zu schaffen und das Gemeinwohl zu stärken. Sie stehen aber häufig unter einem großen politischen Druck. Dann heißt es: ‚Der Entwickler soll jetzt den Zuschlag bekommen – Hauptsache, es entsteht Wohnraum.‘ Ob es sich um sozialen oder hochpreisigen Wohnraum handelt, gerät dabei schnell in den Hintergrund. Doch genau dort liegt aus meiner Sicht der entscheidende Hebel. Oft sind es auch gute Konzepte und dann scheitert es in der Umsetzung an politischen Entscheidungen, weil an traditionellen Vorstellungen festgehalten wird. Schritt für Schritt wird das ursprüngliche Konzept verwässert, bis von der anfänglichen Idee nur noch wenig übrig ist. Was sollten die Kommunen aus Ihrer Sicht konkret tun? Katharina Rauh: Ein wichtiger Ansatz ist für mich das kommunale Vorkaufsrecht. Damit es wirksam ausgeübt werden kann, muss natürlich Geld da sein. Vielleicht über ein Sondervermögen „gemeinwohlorientierte Bodenpolitik“? Es geht darum, dass Kommunen wieder stärker die Hand auf ihren Flächen behalten und sehr bewusst steuern, an wen sie Grundstücke vergeben – über Erbpacht oder über Konzeptvergaben statt an den Meistbietenden. Wenn der Preis gedeckelt ist und qualitative Kriterien zählen, können auch unterschiedliche Akteur:innen zum Zug kommen. Das würde nicht nur für mehr Vielfalt sorgen, sondern auch dazu führen, dass Wohnungsbau wieder günstiger wird. Darüber hinaus müssen wir grundsätzlich an die Bodenpolitik ran und verhindern, dass die Bodenpreise immer weiter steigen. Dieses strukturelle Problem zu korrigieren, ist enorm schwierig – aber genau dort müssten wir ansetzen. Bei der Planung des Münchener Quartiers Prinz-Eugen-Park wurden Anwohner:innen früh eingebunden, damit nachbarschaftliche Strukturen entstehen. Bild: Urheber: Michael Nagy, LHM Gibt es aus Ihrer Sicht Beispiele für gelungene Stadtentwicklung – und was können wir daraus lernen? Katharina Rauh: Es gibt durchaus Städte, die zeigen, dass es anders und besser gehen kann. Ein Beispiel ist München mit dem Quartier Prinz-Eugen-Park in Bogenhausen. Da wurde von Beginn an mitgedacht, wie Anwohner:innen eingebunden werden können, damit nachbarschaftliche Strukturen entstehen. Dadurch entstehen Angebote, Beteiligung und Austausch – und das Quartier gewinnt an Lebendigkeit. Es gibt gemeinschaftlich nutzbare Räume, geteilte Gartenflächen, aber auch private Rückzugsorte. Die soziale Mischung wurde bewusst gesteuert, ökologische Aspekte wurden ernst genommen und darauf geachtet, den alten Baumbestand zu erhalten. Ein weiteres spannendes Beispiel ist das Lokviertel in Osnabrück oder die Projekte der Montag-Stiftung. Und ich bin überzeugt, dass auch damit Geld verdient wird. Das muss es auch – so funktioniert unsere Gesellschaft. Die Frage ist nur, verdiene ich unverschämt viel Geld oder verdiene ich genug Geld, damit ich das Projekt realisieren kann. Genau diese Balance müssen wir finden. Reichen einzelne gemeinwohlorientierte Projekte aus, wenn der Großteil weiterhin renditegetrieben entwickelt wird? Katharina Rauh: Es gibt viele kleinere Projekte, die sehr gute Impulse setzen und ich denke auch einzelne gezielte Eingriffe können eine große Wirkung entfalten. Darin liegt enormes Potenzial. Auch kleinere Wohnprojekte können – wenn sie gut gemacht sind – Impulsgeber sein. Natürlich lässt sich unsere Stadt nicht einfach im großen Stil aufkaufen und neu ordnen, dafür ist alles viel zu kleinteilig und komplex. Aber wenn Kommunen solche Initiativen gezielt fördern und unterstützen, können sie viel in Bewegung setzen. Welche Rolle spielt Bürgerbeteiligung in einer gemeinwohlorientierten Stadtentwicklung? Katharina Rauh: Bürgerbeteiligung ist fester Bestandteil unserer Projekte – aber entscheidend ist, wie man sie gestaltet. Man kann natürlich verschiedene Gruppen getrennt befragen. Dann haben zwar alle etwas gesagt, doch mit Gemeinwohl hat das noch wenig zu tun. Wirklich spannend wird es, wenn man die unterschiedlichen Akteur:innen an einen Tisch bringt. Gemeinsame Workshops und Veranstaltungen bringen unterschiedlichen Akteur:innen auch bei der Stadtentwicklung an einen Tisch. Bild: Urheber: Magdalena Jooss Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht? Katharina Rauh: Ein Beispiel ist eine kleine Parkanlage parallel zum Bahndamm in Mörfelden-Walldorf. Dort wollten wir Angebote für verschiedene Generationen schaffen. Also haben wir zunächst alle Beteiligten zusammengebracht und jede Gruppe hat formuliert, was ihr wichtig ist. Dabei wurden schnell Konflikte sichtbar. Wir haben dann die Jugendlichen gebeten, sich vorzustellen, sie kämen mit ihrer Oma oder ihrem Opa in den Park. Was würden die wohl brauchen? Plötzlich kamen ganz andere Vorschläge. An diesem Punkt beginnt Gemeinwohl: Wenn wir anfangen, für andere mitzudenken und nicht nur für uns selbst. Es geht um Empathie und darum, Verständnis füreinander zu entwickeln – auch für die Bedürfnisse anderer sozialer Gruppen oder der Natur und dass alles zusammenhängt. Wenn dieses Bewusstsein entsteht, verändert sich der Blick auf den Stadtraum. Ihr Leitsatz lautet: Bauen – so viel wie nötig, so wenig wie möglich. Katharina Rauh: Ja, das ist tatsächlich ein bisschen paradox: Als Architekturbüro verkleinern wir mitunter unsere eigenen Aufträge, weil wir Pläne hinterfragen und Flächen reduzieren. Wenn in einem Raumprogramm zum Beispiel drei Besprechungsräume vorgesehen sind, fragen wir: Wann sind die eigentlich belegt? Braucht es wirklich drei – oder reichen zwei? Oder kann ein Kindergarten-Gruppenraum abends mitgenutzt werden? Im Idealfall kommen wir so von drei Räumen auf einen. Manche reagieren erstmal irritiert und fragen nach dem Warum. Das Budget sei doch da, die Kommune hat es bewilligt. Dann halten wir dagegen und sagen: Nur weil das Geld da ist, heißt das nicht, dass wir es verbauen müssen. Häufig gehen die Leute dann mit und sind froh, dass sie das Geld an anderer Stelle ausgeben können - innerhalb des Gebäudes oder dann für die Freianlagenplanung. Auch die Wohnfläche pro Kopf in Deutschland steigt immer weiter an. Katharina Rauh: Ja, im Wohnungsbau und in städtebaulichen Projekten erleben wir ähnliche Diskussionen. Oft lautet die politische Vorgabe: 60 Prozent Einfamilienhäuser. Dann steigen wir in die Debatte ein und zeigen, dass viele Qualitäten, die dem Einfamilienhaus zugeschrieben werden – Großzügigkeit, Licht, Freiraum, Ruhe, Privatsphäre – auch im Mehrfamilienhaus möglich sind. Mit Beispielen, guten Grundrissen und klaren Argumenten gelingt es uns dann oft, diese Quote deutlich zu reduzieren, manchmal auf 15 Prozent, und der Natur mehr Raum zu geben, damit die ihre Aufgabe erfüllen kann. Denn letztlich ist Umweltschutz immer auch Menschenschutz – es kommt uns allen zugute. Ein zentraler Gedanke dabei ist die Suffizienz: Was brauche ich wirklich? Die Sorge ist oft, sich einschränken zu müssen. Es geht nicht um Verzicht um des Verzichts Willen, sondern um ein bewusstes Maß. Wir brauchen keinen goldenen Rahmen, sondern einen guten Rahmen. Und was innerhalb dieses Rahmens entsteht – das Leben, die Atmosphäre – das gestalten wir selbst. Katharina Rauh studierte Architektur mit Fokus auf Städtebau an der Technischen Universität Darmstadt sowie an der ETSAV Barcelona / Sant Cugat. Seit 2010 führt sie ihr eigenes Büro, 2017 wurde sie Partnerin bei prosa Architektur+Stadtplanung. Neben ihrer beruflichen Praxis engagiert sich Katharina Rauh im Netzwerk #FrauenBauenDarmstadt und im Bund Deutscher Architekt:innen und Stadtplaner:innen. Katharina Rauh ist seit dem Winter 2025 Vertretungsprofessorin für Stadt, Landschaft und Entwerfen an der Hochschule Darmstadt, zuvor lehrte sie an der Hochschule in Mainz. Seit 2024 ist sie zudem Mitglied der Vertreter:innenversammlung der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen (AKH). 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