Friedrichs Bildungsblog

31.03.2020

Um was geht’s hier eigentlich?

Derzeit haben alle Schulen in Deutschland geschlossen, zumindest bis Ostern, womöglich noch länger. Der Unterricht findet aber weiter statt – als Fernunterricht, so der offizielle Sprachgebrauch. Das bedeutet vor allem, unter Nutzung einer unfertigen und längst nicht gleichermaßen verfügbaren digitalen Infrastruktur.

Bild: Diedrich und Reh von Nicole Bartels Fotografie


Von Dr. Martina Diedrich und Henning Reh


Derzeit haben alle Schulen in Deutschland geschlossen, zumindest bis Ostern, womöglich noch länger. Der Unterricht findet aber weiter statt – als Fernunterricht, so der offizielle Sprachgebrauch. Das bedeutet vor allem, unter Nutzung einer unfertigen und längst nicht gleichermaßen verfügbaren digitalen Infrastruktur. Im Vordergrund dieser – und auch aller weiteren – erheblichen Eingriffe in die übliche Normalität steht der unbedingte Wille, eine weitere Ausbreitung des Corona-Virus zu begrenzen und vor allem: Tote zu verhindern. Dies ist das zentrale Ziel, das die Durchsetzung von Maßnahmen rechtfertigt, die in ihrer Drastik und Reichweite bis vor kurzem noch undenkbar gewesen wären.
 

Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Dieses Ziel soll im folgenden Beitrag in keiner Weise in Frage gestellt werden; Leben zu schützen ist ein unangefochten hohes, ja höchstes Gut. Vielmehr möchte der Beitrag kritisch danach fragen, welche Konsequenzen die Politik in der Verfolgung dieses Ziels in Kauf nimmt. Insbesondere soll von einem bildungsbezogenen Standpunkt aus danach gefragt werden, welche Güterabwägungen de facto getroffen wurden, ohne dass diese in der Öffentlichkeit nachhaltig debattiert wurden. Möglicherweise können diese Debatten zumindest nachholend geführt werden.
 

Was passiert nun also, wenn Kinder fünf Wochen oder länger nicht in die Schule gehen können, wenn Spielplätze geschlossen sind und ein nicht unerheblicher Teil der Elternschaft entweder im Homeoffice arbeitet oder um ihre Existenz bangen muss? Welche Werteentscheidungen werden damit implizit getroffen? Aus unserer Sicht zumindest die folgenden:

  • Seuchenschutz vor Kindeswohl: Insbesondere in den Großstädten wird ein nicht unerheblicher Teil der Kinder, die jetzt nicht in Schule und Kita gehen können, unter höchst schwierigen Bedingungen zuhause bleiben müssen. Kein Freiraum, weil Wohnungen zu eng sind, Gärten und Balkone häufig nicht vorhanden, dafür aber alle Familienmitglieder auf engstem Raum zusammen. Gerade dort, wo sich diese räumliche Situation mit Existenzängsten paart, steigt die Gefahr häuslicher Gewalt und gravierender Gefährdungen des Kindeswohls. Schulen stehen als Anlaufpunkte in der Regel nur dort zur Verfügung, wo Eltern in systemrelevanten Berufen arbeiten. Vor allem falls die Schulschließungen noch verlängert werden, stellt sich die Frage, wie schwer die wachsende Gewalt an Kindern – und vermutlich auch Frauen – gegenüber dem Schutz vor dem Virus wiegt.
  • Seuchenschutz vor Chancengleichheit: Es braucht nicht viel Fantasie, um zu erkennen, dass die jetzige Situation die ohnehin schon gravierenden sozialen Disparitäten verschärfen wird. Dazu kontrastiere man gedanklich nur einmal, wie sich die Situation für Familien in unterschiedlichen sozialen Lagen konkret darstellt. Im einen Fall gelingt es Eltern, ihr Homeoffice in Wechselschicht zu fahren; eine digitale Infrastruktur einschließlich ausreichender technischer Geräte für alle ist vorhanden; die Kinder werden nach Kräften bei der Erledigung ihrer Hausaufgaben unterstützt. Dabei findet mehr und intensivere Interaktion und Auseinandersetzung statt als zu allen anderen Zeiten, man kommt sich näher und wird später einmal stolz darauf zurückblicken, wie man gemeinsam die Krise gemeistert hat. Im anderen Fall das komplette Gegenteil: ein Laptop für fünf Personen, kein Drucker, keine Idee der Eltern, worum es bei den Aufgaben der Kinder gehen könnte, stattdessen weitgehende Überlassung der Kinder an die Medien. Schon seit langem weiß man, dass lange Phasen der Nicht-Beschulung (wie zum Beispiel Sommerferien) Kindern aus privilegierten Familien wenig ausmachen, Kinder aus benachteiligten Verhältnissen dagegen echte Kompetenzverluste erleiden.[1] Hinzu kommt, dass gewohnte Strukturen der Versorgung wegbrechen – angefangen beim Schulfrühstück vor dem Unterricht über die gemeinsame Frühstückspause im Klassenzimmer bis hin zum verlässlichen Mittagessen. Viele Familien schaffen es nicht, diese Strukturen zuhause zu etablieren. Fazit: Ungleiches wird durch diese Situation noch weiter verstärkt, und je länger sie anhält, umso schwieriger werden neue Unterschiede später wieder aufzuholen sein.
  • Seuchenschutz vor Qualität: Die Schulen zeigen ein enormes Engagement in der Bereitstellung und Verfügbarmachung von Lernangeboten; sie nutzen dabei digitale Strukturen, die vielfach noch wenig ausgereift, schon gar nicht standardisiert und an vielen Standorten kaum verfügbar sind. Sicher wird die Digitalisierung durch diese Situation einen großen Schub erfahren – das hört man allerorten, und die Erfahrung „Es geht ja doch“ wird vielen eher Zögerlichen Mut machen. Dennoch stellt sich die Frage, welchen Stellenwert die sorgfältige Qualitätsprüfung hat, die die Kultusministerien nicht müde werden zu betonen, wenn es um die großflächige Implementierung neuer Hard- und Software geht; wie es um das Know-How und die Kompetenzen der Lehrkräfte bestellt ist; und was mit den Kolleg_innen passiert, die auch in der jetzigen Situation Ängste und Vorbehalte gegenüber dem digitalen Unterrichten nicht abzulegen vermögen. Neben dem Blick auf die Digitalisierung wird aber auch deutlich, wie fragil die mühsam eingezogenen Instrumente der Qualitätssicherung sind: gemeinsame Abiturprüfungen? In Frage gestellt. VERA 3 und 8? Freiwillig gestellt. IQB-Bildungstrend? Ausgesetzt. Nicht zu vergessen die landesinternen Verfahren wie die Schulinspektion oder Vergleichsarbeiten, die derzeit auf Eis gelegt sind. Die Krise zeigt auch, wie zerbrechlich die Strukturen sind, auf die wir die Qualität in der Schule stützen.
     

Dies sind nur einige der latenten Wertekonflikte, die in der gegenwärtigen Situation erkennbar sind. Sie ergeben sich aus der radikalen Entscheidung, eine eigentlich vergesellschaftete Aufgabe von Bildung, Betreuung und Erziehung zurück in die Verantwortung des Einzelnen zu geben. Das ist ein weitreichender Entschluss, dessen Tragweite, so scheint es uns, momentan kaum im Blick ist. Um es noch einmal zu sagen: Leben zu retten hat oberste Priorität. Dennoch wäre es wünschenswert, an irgendeiner Stelle über die Dinge zu sprechen, die diese Gesellschaft infolge der getroffenen Entscheidungen zu schultern hat – so richtig sie auch gewesen sind.

 

Dr. Martina Diedrich und Henning Reh leben am Stadtrand von Hamburg. Ihre drei Kinder werden zurzeit vollständig zuhause betreut.

 

 

[1] vgl. Stanat, Petra; Baumert, Jürgen; Müller, Andrea. Förderung von deutschen Sprachkompetenzen bei Kindern aus zugewanderten und sozial benachteiligten Familien. Evaluationskonzeption für das Jacobs-Sommercamp Projekt. Zeitschrift für Pädagogik 51 (2005) 6, S. 856-875

 


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