Rückblick Migrationspolitik Deutschland sollte mehr bieten als Helferjobs ohne Perspektive 08.10.2026 Niclas Kreft Immer weniger EU-Bürger:innen kommen zum Arbeiten nach Deutschland. Gründe sind unter anderem Bürokratie, attraktivere Arbeitsmärkte in anderen EU-Staaten und Diskriminierung. Bild: Urheber: Bergsee, blau Die Arbeitnehmerfreizügigkeit ist einer der Grundpfeiler der Europäischen Union. Sie ermöglicht es EU-Bürger:innen, in einem anderen Mitgliedsstaat zu arbeiten – mit denselben Rechten wie die inländischen Arbeitnehmer:innen. Aktuell sind etwa fünf Millionen EU-Bürger:innen in Deutschland gemeldet. Damit ist Deutschland nach wie vor eines der wichtigsten Zielländer von EU-Binnenmigration mit einer positiven Zuzugsbilanz. Doch seit Jahren gehen die Zahlen zurück und jedes Jahr wandern hunderttausende EU-Bürger:innen wieder ab. Warum wird Deutschland unattraktiver für Arbeitskräfte aus anderen EU-Staaten – und was lässt sich dagegen tun? Darüber wurde am 21. September bei der digitalen Veranstaltung „EU-Binnenmigration: Warum Deutschland an Zugkraft verliert“ im Rahmen der Reihe „Migration verstehen“ der Friedrich-Ebert-Stiftung diskutiert. Diskriminierung und Lohnungleichheit Unter der Überschrift Entwicklung der EU-Binnenmigration erläuterte Bettina Wagner, von der Gleichbehandlungsstelle EU-Arbeitnehmer bei der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, dass besonders Menschen aus Ländern, die nach 2004 der EU beigetreten sind, Deutschland früh wieder verlassen – im Schnitt nach fünf bis zehn Jahren. Ein Grund ist die Lohnungleichheit: 85 Prozent der ausländischen Fachkräfte aus Rumänien, Bulgarien und Tschechien verdienen bei gleichwertiger Qualifikation weniger als das Mediangehalt deutscher Fachkräfte. Dazu kommt: Menschen aus Südosteuropa arbeiten besonders oft in niedrigbezahlten Helfertätigkeiten. Viele erlebten außerdem Diskriminierung im Arbeitsalltag, bei Behörden oder auf dem Wohnungsmarkt. In einer IAW-Studie aus dem Jahr 2026 gaben nur etwa 20 Prozent der Befragten an, noch nie Diskriminierungserfahrungen gemacht zu haben. Deutschland steht im Wettbewerb Dass weniger Menschen nach Deutschland kommen oder das Land nach kurzer Zeit wieder verlassen, liege auch an der steigenden Attraktivität anderer EU-Staaten, erklärte Kamil Frymark vom Centre for Eastern Studies. So ist Polen seit etwa zehn Jahren selbst ein Einwanderungsland und selbst von der demographischen Krise betroffen. Während Deutschlands Wirtschaft schwächelt, erlebe Polen einen Aufschwung. Steigende Löhne und bessere Jobmöglichkeiten machten eine Rückkehr nach Polen heute deutlich leichter als noch vor zehn Jahren. Laut einer Studie des IAB aus dem Jahr 2025 denken knapp ein Drittel der in Deutschland lebenden Pol:innen über eine Rückkehr in ihr Heimatland nach. Frymark erwartet außerdem in Zukunft veränderte Mobilitätsmuster, etwa dass Menschen lebensphasenbezogen zwischen verschiedenen Ländern pendeln. Mehr Aufklärung für Arbeitnehmer:innen Bartosz Marosz ist seit 2024 Gewerkschaftssekretär der IG Metall Bezirk Küste. Als Zeitarbeiter erlebte er selbst Diskriminierung und unterstützt heute polnische Arbeitnehmer:innen. Viele wüssten nicht, welche Rechte ihnen zustehen und an wen sie sich bei Problemen wenden können. Gleichzeitig fehle es an ausreichender Kontrolle der Arbeitsbedingungen. Denn was bringt ein Mindestlohn, wenn er nicht durchgesetzt wird? Initiativen und Projekte wie Faire Mobilität seien wichtig, aber vielen Arbeitnehmer:innen noch unbekannt. Auch Unternehmen selbst könnten zu einem besseren Schutz der Arbeitnehmer:innen beitragen, indem sie etwa Weiterqualifizierungen und Sprachkurse in den Betrieben anbieten, schlägt er vor. Zuständigkeiten besser bündeln Problematisch seien auch uneinheitliche und zersplitterte Zuständigkeiten der Arbeitsagenturen, Bezirksregierungen und Ausländerämter. Für neu zugewanderte Menschen könne das schnell überfordernd sein, so Dörte Schall, ehemalige Ministerin für Arbeit, Soziales, Transformation und Digitalisierung in Rheinland-Pfalz. Ein möglicher Lösungsansatz, so Schall sind sogenannte „Integration Points“, zentrale Anlaufstellen für Arbeitsmigrant:innen in den Kommunen, damit Menschen nicht für jedes Anliegen zu einer anderen Behörde müssen. Wichtig sei dabei auch eine Beratung in der Muttersprache. Solche Anlaufstellen könnten zudem helfen, Arbeitsmigrant:innen über unseriöse Versprechungen aus dem Internet aufzuklären. Doch bislang müssten die Kommunen selbst für die Finanzierung und das notwendige Personal dieser Einrichtungen aufkommen. Anerkennung von Qualifikationen erleichtern Als weiteren Schritt, um Deutschland wieder attraktiver zu machen, nannte Bettina Wagner neue Ausbildungsmodelle. Vergleichbare duale Ausbildungen, beispielsweise im Handwerk, gebe es so im Ausland nicht. Doch für Fachkräfte sei es häufig keine realistische Option, in Deutschland noch einmal eine dreijährige Ausbildung zu absolvieren. Wagner sprach sich deshalb für andere Formen der Qualifizierung und insbesondere ein „On-the-Job-Training“ aus, eine Art Weiterbildung bei der Arbeit selbst mit ordentlicher Bezahlung. Gute Bedingungen als Bleibefaktoren Deutschland ist darauf angewiesen, Arbeitskräfte aus anderen EU-Staaten zu gewinnen. Doch wer Menschen, insbesondere für Helfertätigkeiten sucht, muss ihnen auch Perspektiven zur beruflichen Entwicklung bieten. Gerade angesichts der zunehmenden Konkurrenz um Arbeitskräfte in Europa wird es wichtiger, dass Menschen in Deutschland Bedingungen vorfinden, die es ihnen erleichtern auch langfristig Fuß fassen zu können. Über den Autor Niclas Kreft arbeitet als freier Journalist für verschiedene regionale und überregionale Zeitungen. Am liebsten schreibt und recherchiert er rund um die Themen Ausbildung, Studium und Migration. Er studiert Sozialwissenschaften an der Universität zu Köln und besuchte die Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft. Zur Veranstaltungsreihe Die Veranstaltung war Teil unserer Reihe „Migration verstehen“, in der wir zentrale Konzepte der aktuellen Debatte gemeinsam mit Expert:innen und Praktiker:innen aus Politik, Zivilgesellschaft und Wissenschaft diskutieren, einordnen und auf ihre politische Tauglichkeit hin prüfen. Weitere Informationen sowie anstehende Termine finden Sie auf dieser Webseite. Kontakt Redaktion Annette Schlicht 030 26935-8304 Annette.Schlicht(at)fes.de Das könnte Sie auch interessieren Bild: Urheber: Bergsee, blau Dienstag, 16.06.2026 Rückblick Migrationspolitik Gesucht: Eine Bleibestrategie Damit aus dem Ausland angeworbene Fachkräfte auch langfristig in Deutschland bleiben, müssen die Anstrengungen von Bund, Kommunen, Arbeitgebern und Zivilgesellschaft verstärkt und besser verzahnt werden. 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