News Die Welt gerecht gestalten | Klimawandel, Energie und Umwelt Chars in Bangladesch: Leben auf Schwemmlandinseln im Klimawandel 05.02.2026 Harunur Rashid Sagar Die Bewohner_innen der Chars (wandelnde Sandbänke in Bangladeschs Flüssen) sind an eine unbeständige Umwelt gewöhnt. Doch der Klimawandel verstärkt die saisonalen Überschwemmungen so stark, dass ein Leben dort immer schwieriger wird. Eine FES-Studie aus Kurigram sammelt Stimmen und Vorschläge der Menschen vor Ort, wie man sie besser unterstützen könnte. Rafiqul Islam, 33, steht im Juli 2024 mit zwei Kindern vor einem Haus in Jatrapur, Kurigram bis zu den Knien im Hochwasser. Bild: Urheber: H. R. Sagar „Das Schulgelände liegt leicht erhöht“, erklärte Md. Rezaul Karim, ein Lehrer der Jatrapur-Schule in Kurigram im Norden von Bangladesch. „Es gibt in dieser Gegend keine andere Zufluchtsstätte. Jedes Haus steht unter Wasser, und 20 bis 25 Familien haben hier Unterschlupf gefunden – zusammen mit ihren Kühen, Kälbern, Enten, Hühnern, Ziegen und Schafen.“ „Während des letzten Monsuns retteten sich Dutzende Familien mit ihren Tieren in die von der Organisation Friendship Bangladesh im Dorf Char YouthNet errichtete Schule. Denn das Schulgebäude war der einzige Ort der Gemeinde, der von den Fluten verschont geblieben war.“ Familien und ihre Tiere drängen sich in der Friendship School, dem einzigen erhöhten Ort im Umkreis von Kilometern, während der Regen vom Himmel strömt und das Hochwasser die Häuser auf den Chars überschwemmt. Bild: Urheber: H. R. Sagar Das Hochwasser steigt im Inneren eines Wohnhauses und verschlingt Betten, Gegenstände und tägliche Routinen ohne große Vorwarnung. Bild: Urheber: H. R. Sagar Die Überschwemmungen sind zu einer Krise geworden, die sich inzwischen jedes Jahr wiederholt. Als die FES Kurigram 2024 und 2025 während der Monsunzeit besuchte, fuhren im gesamten Distrikt Boote zwischen überfluteten Häusern und temporären Unterkünften hin und her und halfen den Menschen, so viele Besitztümer wie möglich mitzunehmen. Die Chars, die tiefliegenden Feuchtgebietsinseln Bangladeschs Man schätzt, dass 12 Millionen Menschen in Bangladesch auf den Chars leben. Das sind fruchtbare, aber wechselhafte Inseln und Sandbänke, die sich ständig verschieben und 5 bis 6 Prozent der Landesfläche bedecken. Jedes Jahr gehen hier fast 10.000 Hektar Land durch Ufererosion verloren. Über eine Million Menschen sind bereits obdachlos geworden oder mussten ihr Zuhause verlassen (Rahman und Rahman 2015; Islam und Rashid 2011). Mit dem Fortschreiten des Klimawandels kommen die Überschwemmungen früher im Jahr, dauern länger und treten häufiger auf. Die Erosion lässt nun ganze Dörfer innerhalb weniger Tage verschwinden – und zerstört nicht nur Häuser, sondern auch Felder, Schulen und Gemeindestrukturen. Kurigram ist eine Stadt und zugleich ein Distrikt im Norden Bangladeschs – inmitten eines der dynamischsten Flusssysteme der Welt. Es wird von Brahmaputra, Dharla und Teesta geprägt und liegt im größeren Bengal-Delta. Diese Flüsse formen die Chars der Region immer wieder neu und lassen sie ebenso schnell wieder verschwinden. Jeder Bereich des Lebens ist betroffen „Während der Überschwemmungen werden Essen und Trinken zum Problem“, sagte Md. Rafiqul Islam, ein Einwohner von Kurigram. „Das Hochwasser steht knietief und dringt ständig ins Haus ein. So wird auch die Versorgung der Kinder zur großen Herausforderung. Jetzt bleiben wir in unserem Boot und essen sehr wenig.“ Eine Familie, die kein eigenes Boot besitzt, wartet darauf, zu einem sicheren Zufluchtsort gebracht zu werden, da das Hochwasser bereits ihr Haus umspült. Bild: Urheber: H. R. Sagar „Die Menschen leiden sehr unter den Überschwemmungen“, erzählte Mst. Shaina Akter, die im Gesundheitswesen tätig ist. „Sie wissen nicht, wann sie kochen und essen können. Wenn man krank wird, kann man sich hier nirgends behandeln lassen. Während des Hochwassers gibt es keinen Ort, an dem schwangere Frauen ihre Babys zur Welt bringen können. Für die Frauen ist auch die Hygiene während der Menstruation eine zusätzliche Herausforderung“, sagte sie mit lauter werdender Stimme. Die Krise verschärft sich 2025 setzten die Überschwemmungen früher ein, dauerten länger und traten häufiger auf als in den Vorjahren. Wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen, was die Anwohner der Region seit Langem beobachten: Das Klima verändert sich. Die Monsunregen sind stärker geworden, und die Strömungsmuster am Oberlauf des Flusses lassen sich nicht mehr verlässlich vorhersagen. Diese Entwicklungen haben schwerwiegende Folgen für die Gemeinden entlang des Flusses (Islam und Parvin 2019; Hossain et al. 2021; Reza 2025). Kurigram Sadar: Ein Restaurant mit Kinderspielplatz steht am Ufer des Dharla River unter Wasser. Bild: Urheber: H. R. Sagar Erosion und Landverlust: die langfristige Bedrohung Schäden an Häusern und Besitz sind jedoch nur ein Teil der Zerstörung. Dauerhafter und einschneidender ist der Verlust von Land durch Ufererosion. Sie schreitet in beispielloser Geschwindigkeit voran und reißt den Boden selbst fort – mit allem, was darauf steht. Die schnell voranschreitende Erosion reißt das fragile Land der Chars in Kurigram mit sich. So verschwinden ganze Siedlungen, wenn der Fluss seinen Lauf ohne Vorwarnung ändert. Bild: Urheber: H. R. Sagar Gemeindeinstitutionen wie Krankenhäuser, Märkte, Büros, Madrasas (Religionsschulen), hochwassergeschützte Unterkünfte und Moscheen sind bereits in den Fluss gestürzt, so wie diese Grundschule. Bild: Urheber: H. R. Sagar Für diesen Fotoessay besuchte ich von Erosion betroffene Gebiete in den Distrikten Kurigram Sadar, Chilmari, Phulbari und Ulipur. Ganze Siedlungen gingen innerhalb weniger Monate verloren. Gemeindekrankenhäuser, hochwassergeschützte Unterkünfte, Madrasas (Religionsschulen), Gebetsplätze, an denen sich die Menschen zum Eid-Gebet versammelten, Spielplätze, Büros, Moscheen und Märkte wurden vom Fluss verschlungen. Manche Wohnhäuser verschwanden zwischen meinem Besuch und der Fertigstellung dieses Essays. Kohinur Begum und ihr Mann, ein Tagelöhner, haben innerhalb von sieben Monaten dreimal ihr Zuhause verloren und mussten immer wieder den Ort wechseln. „Jedes Mal bauen wir unser Haus wieder auf, mit dem, was wir zusammensammeln können – aber der Fluss kommt immer wieder zurück“, sagte sie. „Nun leben wir vorübergehend auf dem Land einer anderen Familie. Mit fünf Töchtern und einem kleinen Jungen haben wir keine Antwort darauf, wohin wir jetzt gehen sollen.“ Kohinur Begum mit ihren Kindern, nachdem die Familie in nur sieben Monaten drei Mal ihr Zuhause wegen der Erosion verloren hat. Bild: Urheber: H. R. Sagar Die Überschwemmungen haben auch Bäuerinnen und Bauern dazu gezwungen, früher zu ernten. Abdul Khalek hat sein Zuhause vor acht Monaten verloren. Nun hat der Fluss das letzte Stück seines Reisfeldes erreicht. „Das Land hat uns jahrelang ernährt. Nun wird es uns genommen, noch bevor die Ernte reif ist.“ Die Bauern schneiden noch unreife Pflanzen, da die Erosion schneller näherkommt als erwartet und die Pläne für die Erntesaison zunichte macht. Bild: Urheber: H. R. Sagar Es gibt Bemühungen, die Erosion einzudämmen, doch aufhalten können sie den Vorgang nicht. Sie verzögern nur das Unvermeidliche. Bambusstangen und Sandsäcke aus Jute und Geotextilien, die entlang der Ufer ausgelegt werden, schützen nur kurzzeitig vor der starken Strömung. Menschen kommen zusammen und sehen zu, wie ihre Maßnahmen zum Schutz vor Hochwasser weggespült werden. Bild: Urheber: H. R. Sagar Die ungleichen Auswirkungen des Klimawandels Eine Kindheit in Kurigram ist von ständigen Umsiedlungen geprägt. Die Kinder lernen, sich auf Evakuierungen vorzubereiten, schnell in Boote zu klettern und auf erhöhten Betten zu schlafen, wenn das Wasser bereits in die Räume eingedrungen ist. „Unsere Kinder wachsen umgeben von Schutzmaßnahmen auf, die eigentlich nur vorübergehend sein sollten“, sagte eine Mutter aus Chilmari, einem Unterbezirk von Kurigram. Trotz aller Mühen geht das Leben weiter, und die Menschen zeigen eine bemerkenswerte Entschlossenheit. Familien retten Ernten, bauen ihr Zuhause auf neuem Land wieder auf und sammeln Lehm oder Bambus für Reparaturen. Frauen kochen weiter, auch wenn die Küche schon teilweise unter Wasser steht. Männer gehen weiterhin fischen, auch wenn die Strömungen gefährlich sind. Gemeindemitglieder kommen zusammen, um Eingeschlossene zu retten. All dies zeigt die Resilienz der Menschen – aber auch, wie schwierig es ist, in einer Region zu überleben, die der Klimawandel an ihre Grenzen treibt. Ausgelegte Säcke aus Geotextilien: Der Versuch, eine Schule zu retten, die nur wenige Meter vom wegbrechenden Ufer entfernt steht. Bild: Urheber: H. R. Sagar Über die Hälfte der Haushalte auf stark exponierten Chars in Kurigram wird alle ein bis drei Jahre durch Überschwemmungen und Erosion vertrieben (Hossain et al. 2021). Die Landlosigkeit steigt mit jedem Zyklus stark an, und für viele Familien ist es fast unmöglich, der Schuldenfalle und der Armut zu entkommen. Kurigram erinnert uns drastisch daran, dass diejenigen, die am wenigsten zu den weltweiten Emissionen beitragen, oft am meisten unter deren Folgen leiden. Dringend notwendige Maßnahmen Die Menschen auf den Chars im Bezirk Kurigram sagen immer wieder, dass sichere Unterkünfte, sauberes Trinkwasser und verlässliche Uferbefestigungen am dringendsten gebraucht werden. Anwohnerinnen und Anwohner betonen, dass dauerhafte Mehrzweckunterkünfte auf befestigten Anhöhen gebaut werden müssen – und dass bestehende Schulhöfe dafür nicht geeignet sind. Viele fordern zudem für alle zugängliche Rettungsboote, trockene Lebensmittelvorräte für Notfälle und mobile medizinische Teams. Außerdem unterstreichen die Menschen vor Ort, dass Trinkwassersysteme erhöht angelegt werden müssen und dass es klarere und häufigere Frühwarnmeldungen braucht. Ein sinnvoller Schutz erfordert sowohl strukturelle als auch soziale Maßnahmen, erklärte Rakibul Islam Tanim, ein junger Klimaaktivist von YouthNet Global, der seit Jahren eng mit Familien auf den Chars zusammenarbeitet. Er betonte die Notwendigkeit klimaresilienter Häuser, einer Befestigung der Flussufer mit nachhaltigen Technologien sowie Umsiedlungspläne für die erosionsanfälligsten Siedlungen. In dieser Hinsicht hängt die langfristige Anpassung an den Klimawandel in Kurigram von der Stärkung lokaler Governance und der Sicherung eines gleichberechtigten Zugangs zu Hilfsmaßnahmen ab. Außerdem braucht es Ausbildungsmöglichkeiten, die über die Landwirtschaft hinausgehen, sowie von Jugendlichen geleitete gemeindebasierte Notfallteams. Kurigram steht an vorderster Front der Klimakrise in Bangladesch: Steigendes Hochwasser und unerbittliche Erosion löschen immer wieder Häuser, Ackerland und ganze Gemeinden aus. Dennoch bauen Familien ihr Zuhause weiter auf unsicherem Boden, ihr Leben bleibt von Ungewissheit geprägt. Ihr Kampf zeigt, wie diejenigen, die am wenigsten zum Klimawandel beitragen, den höchsten Preis dafür bezahlen. Um Kurigram zu schützen, sind jetzt dringende, nachhaltige Maßnahmen nötig – robustere Notunterkünfte, sicherere Uferbefestigungen und Anpassung, die jede Char erreicht, bevor noch mehr Boden verloren geht. Kontakt Autor Harunur Rashid Sagar + 88 02 41081293 HarunurRashid.Sagar(at)fes.de Projektverantwortlich Marc Saxer Marc.Saxer(at)fes.de Verwandte Artikel Bild: Urheber: Giuseppe Gerbasi Freitag, 16.01.2026 Klimawandel, Energie und Umwelt Wenn das Klima die Demokratie bedroht Der Klimawandel trifft Europa längst direkt – mit Folgen für Gesellschaft und Demokratie. Fluten, Dürren, Brände und Hitzewellen setzen dem Kontinent zu und verschärfen soziale Spannungen. Ein neuer Bericht des FES Kompetenzzentrums Frieden und...