Interview Integrationspolitik Zusammenarbeit und Solidarität – das muss man großschreiben 05.11.2026 Die langjährige Betriebsrätin und Aktivistin Esin Citlak über erfolgreiche Arbeitskämpfe und respektvollen Umgang mit kleinen Unterschieden. Bild: Ersteller: picture-alliance / dpa | Claus Felix Friedrich-Ebert-Stiftung: Nach mehr als sechs Jahrzehnten wird immer noch von der „Gastarbeitergeneration“ gesprochen. Was bedeutet dieser Begriff für Sie persönlich? Esin Citlak: Ich kam im Dezember 1969 in Deutschland an, und am 1. März habe ich mit 15 Jahren angefangen zu arbeiten. Das Wort „Gastarbeiter“ habe ich damals nie gehört – es kam erst viel später auf. Ansonsten war das Verhältnis in den Betrieben so, dass man über Gastarbeiter oder das Fremdsein überhaupt nicht geredet hat. Man hat versucht, miteinander auszukommen, und man hat sich gegenseitig Wörter beigebracht, die man nicht verstanden hat. Feindseligkeiten gab es so nicht, und das Wort Rechtsextremismus kannten wir gar nicht, das kam erst in den 80er Jahren auf. Später hat man immer neue Begriffe für diese kleine Minderheit gefunden und auf ihrem Rücken Politik gemacht. Dabei leben hier über 80 Millionen Menschen, und nur ein kleiner Teil davon ist nicht gebürtig deutsch. Nach türkischer Tradition lässt man einen Gast nicht arbeiten. Es waren angeworbene Arbeitnehmer, die mit Jahresverträgen gekommen sind. „Gast“ und „Arbeiten“ das passt überhaupt nicht zusammen. Das denke ich heute noch. Lange bevor Menschen mit Einwanderungsgeschichte in Parlamenten stärker sichtbar wurden, haben sie sich in Betriebsräten oder als Vertrauensleute engagiert. Was können wir heute im Umgang mit Arbeitsmigration aus diesem Engagement lernen? Zusammenarbeit und Solidarität – das muss man großschreiben. Dass alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gleich sind, das muss man sich immer vor Augen halten. Das Arbeitsleben ist für alle gleich: Gesetze betreffen alle, Arbeitszeiten betreffen alle. Ich war lange bei der Firma Grundig in Nürnberg. 1975 wurde ich in den Betriebsrat gewählt. Ich habe sehr viele Stimmen aus allen Bereichen dort – von türkischen und deutschen Kolleginnen und Kollegen – bekommen. Durch Warnstreiks und unter anderem durch den Streik 1995 haben wir viel erreicht: die Arbeitszeitverkürzung, mehr Urlaubstage, Lohnerhöhungen. Das alles waren Ergebnisse unserer Arbeit. Wir waren die Vorreiter, und unser Betriebsrat war bundesweit einer der besten, die es gab. Die Leute, die heute dort arbeiten, wissen das gar nicht mehr. Beim Thema Essen haben wir erstritten, dass es in der Kantine auch Gerichte ohne Schweinefleisch gab und dass zum Beispiel Oliven und Käse zum Verkauf angeboten wurden. Einige Kollegen wollten außerdem unbedingt einen Gebetsraum haben. In einem Werk haben wir das auch geschafft, aber dann ist das wieder eingeschlafen – andere haben sich selbst Plätze in den Lagerbereichen gesucht. Ansonsten gab es überhaupt keine Probleme zwischen Deutschen und Nichtdeutschen. Wenn wir gestreikt haben, sind alle rausgegangen – zuerst die Nichtdeutschen, dann die Deutschen. Das lief zu 99 % reibungslos. Als Betriebsrätin und Vertrauensfrau habe ich fast vier Positionen auf einmal abgedeckt: Frau, Funktionärin, Betriebsrätin und Türkin. Ich war diejenige, die überall hineingewählt und hingeschickt wurde. Ich habe alle gleich behandelt, niemanden bevorzugt und niemanden vernachlässigt. Es ging ja um Recht, Recht haben und Recht bekommen. Wenn man sich für eine Sache einsetzt, dann so, dass alle davon profitieren – nicht nur die türkische Community und nicht nur die deutsche. Dazu gehört aber auch, dass sich Beschäftigte mit türkischer, italienischer und griechischer Herkunft im Betrieb für die Rechte der Arbeitnehmer einsetzen. Daran fehlt es zurzeit leider. Transnationale Lebensentwürfe gehören seit Jahrzehnten zur deutsch-türkischen Migrationsgeschichte. Dabei geht es auch um die Möglichkeit sich mehr als einem Land zugehörig zu fühlen. Was heißt das für die aktuelle Debatte um gesellschaftlichen Zusammenhalt? Es war für mich immer klar, dass ich zwei Heimaten habe. Ich lebe gerne in Nürnberg – das ist meine Stadt. Ich würde nie in einer anderen Stadt in Deutschland leben wollen. Natürlich liebe ich auch Istanbul, wo ich groß geworden und zur Schule gegangen bin. Deutschland ist zu meiner zweiten Heimat geworden, weil meine Eltern nie daran gedacht haben zurückzukehren. Ich habe hier auch geheiratet und wollte nie zurück. Heute als Rentnerin möchte ich den größten Teil des Jahres hier mit meinen Enkelkindern verbringen und die restliche Zeit, wenn das Meer warm ist, in der Türkei. Beide Länder gehören zu mir. Eigentlich gehört uns die Welt – wir sind Menschen ohne Grenzen in den Köpfen, und alle Länder dieser Erde sind unser Zuhause! Kleine Zeitreise ins Jahr 2036 zum 75. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens: Welche sichtbaren Veränderungen zeigen zu diesem Zeitpunkt, dass wir einer Teilhabegesellschaft näher gekommen sind? Die Politiker, die das alles so verzapfen, sollten die Menschen einmal vor Ort besuchen und mit ihnen reden. Ich wünsche mir, dass die Politik wirklich sozialer wird. Der Mensch muss im Vordergrund stehen: Es braucht Aufklärungsarbeit darüber, dass wir Menschen sind mit unserer eigenen Sprache, unseren eigenen Gewohnheiten und unserem Glauben – dass wir alle Menschen sind, aber eben auch ein bisschen verschieden. Die einen gehen in die Moschee, die anderen in die Kirche oder die Synagoge. Man muss respektvoll miteinander umgehen und friedlich miteinander leben können, ohne zu hetzen. Das Interview führte Zoe Klein. Zur Person Esin Citlak wurde im Dezember 1955 in der Türkei geboren. 1969 kam sie nach Nürnberg und arbeitete bei der Firma Grundig, wo sie von 1975 bis 1996 Betriebsrätin und Vertrauensfrau war. Daneben engagierte sie sich im Ausländerbeirat der Stadt Nürnberg und in der SPD. Nach einer Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation arbeitete sie anschließend als politische Sekretärin bei der IG Bauen-Agrar-Umwelt, wo sie Beschäftigte organisierte und den Aufbau von Betriebsräten unterstützte. Heute ist sie Rentnerin und weiterhin in der Gewerkschaft und in der SPD aktiv. Kontakt Verantwortlich Bild: Ersteller: Jens Schicke Annette Schlicht 030 26935-8304 Annette.Schlicht(at)fes.de Bild: Ersteller: picture alliance / zb | Paul Glaser Donnerstag, 29.10.2026 Interview Integrationspolitik Ohne sie wäre die Arbeitswelt eine andere Özge Karabulut, Gewerkschaftssekretärin der IG Metall, über die Generation ihrer Großeltern und die Frage, warum Engagement wichtiger ist als Herkunft. Bild: Ersteller: picture alliance / Zoonar | rdonar Donnerstag, 15.10.2026 Interview Integrationspolitik Die Zeit auf der Ersatzbank ist vorbei Vor 65 Jahren begann mit dem Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei eine gemeinsame Geschichte, die Menschen und Gesellschaften geprägt hat. Mit Serpil Midyatli blicken wir zurück und fragen nach ihrer Perspektive für die Zukunft. Bild: Ersteller: Bergsee, blau Donnerstag, 08.10.2026 Rückblick Migrationspolitik Deutschland sollte mehr bieten als Helferjobs ohne Perspektive Immer weniger EU-Bürger:innen kommen zum Arbeiten nach Deutschland. Gründe sind unter anderem Bürokratie, attraktivere Arbeitsmärkte in anderen EU-Staaten und Diskriminierung.