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Die Zeit auf der Ersatzbank ist vorbei

Vor 65 Jahren begann mit dem Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei eine gemeinsame Geschichte, die Menschen und Gesellschaften geprägt hat. Mit Serpil Midyatli blicken wir zurück und fragen nach ihrer Perspektive für die Zukunft.

Leere Spielerbank am Fußballplatz
Urheber: picture alliance / Zoonar | rdonar

Friedrich-Ebert-Stiftung: Nach mehr als sechs Jahrzehnten wird immer noch von der „Gastarbeitergeneration“ gesprochen. Was bedeutet dieser Begriff für Sie persönlich?

Serpil Midyatli: Der Begriff, mit dem ich als erstes konfrontiert wurde, war Gastarbeiterkind. Und zwar schon in der Grundschule. Allerdings gab es etwas, was mich damals als Kind verwundert hat: Ich hatte verinnerlicht, dass Gäste in der türkischen Kultur etwas ganz Besonderes sind und man sie auch so behandelt. Es gibt das beste Essen, das beste Geschirr wird herausgeholt, aber in der Schule – muss ich ganz ehrlich sagen - hatte ich nicht das Gefühl, dass wir wie Gäste behandelt wurden. Im Gegenteil: Wir wurden, zumindest im ersten Jahr, eher als lästig empfunden, das Wort Integration war damals noch unbekannt. 

Interessant finde ich, dass sich der Begriff Gastarbeiter in Deutschland gar nicht weiterentwickelt hat. Anders als im Türkischen. Ein Pendant zu Gastarbeiter gibt es dort gar nicht, für die damalige Generation war eher das Wort Gurbetçi relevant. Das heißt so viel wie „jemand, der in der Fremde lebt“. Das hat viel mit Heimweh zu tun und auch mit den Entbehrungen der ersten Jahre. Und aus dem Begriff Gurbetçi ist später im Türkischen das Wort Almanci geworden. Das heißt so viel wie „die in Deutschland Lebenden“ oder „die Deutschen“. So bezeichnet man in der Türkei immer noch die Deutsch-Türken. Im Türkischen hat man es also vom Gurbetçi zum Almanci geschafft. Leider ist uns das gesellschaftlich nicht so gelungen. Mich bestärkt das darin, die Mühen von Integrationsarbeit anzuerkennen, ihre Bedeutung zu würdigen, aber auch ihre vielen Chancen zu sehen. Wir müssen sie nutzen.

Lange bevor Menschen mit Einwanderungsgeschichte in Parlamenten stärker sichtbar wurden, haben sie sich in Betriebsräten oder als Vertrauensleute engagiert. Was können wir heute im Umgang mit Arbeitsmigration aus diesem Engagement lernen?

Der Hauptgrund, warum sich viele damals in den Gewerkschaften und den Betriebsräten oder als Vertrauensleute engagiert haben, ist tatsächlich die politische Teilhabe. Da hat man nicht nach der Herkunft gefragt. Anders beim politischen Engagement – da war immer ein Stoppschild. Ohne einen deutschen Pass ging es nicht weiter. Der Weg in die Parlamente war verschlossen. Es hat leider viele Jahrzehnte gedauert, bis die Möglichkeit zur Einbürgerung neue Türen öffnete. Wie weit wären wir in Deutschland gekommen, wenn es diese Möglichkeit schon früher gegeben hätte?  Bezogen auf den aktuellen Umgang mit Arbeitsmigration heißt das: Wir müssen offener sein, positiv denken, mehr Willkommenskultur statt Abschottung praktizieren. Wir können froh sein, dass Menschen in diesem Land arbeiten und zum Wohlstand beitragen. Dazu sollten wir ihnen die Möglichkeiten geben. Am besten von Tag eins an.

Transnationale Lebensentwürfe gehören seit Jahrzehnten zur deutsch-türkischen Migrationsgeschichte. Dabei geht es auch um die Möglichkeit sich mehr als einem Land zugehörig zu fühlen. Was heißt das für die aktuelle Debatte um gesellschaftlichen Zusammenhalt?

Bei mir hat es sehr lange gedauert, bis ich festgestellt habe, dass man auch zwei Heimaten haben kann und vor allem auch darf. Als Kind wurden wir immer gefragt, ob wir lieber in Deutschland oder in der Türkei leben würden und als was wir uns fühlten. Für unsere Generation ist wichtig, dass wir uns gar nicht entscheiden müssen. Und bei der Generation meiner Kinder beobachte ich das noch viel deutlicher und krasser. Es geht nicht um eine Entscheidung, sondern um Vielfalt. Die Vielfalt zweisprachig aufzuwachsen und zwei Kulturen zu kennen, ja direkt zu erleben und zwei Heimaten haben zu dürfen und davon zu profitieren. Ich finde, das ist ein sehr starkes Ergebnis, am Ende selbst entscheiden zu können, welche Identität man haben möchte. 

Kleine Zeitreise ins Jahr 2036 zum 75. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens:  Welche sichtbaren Veränderungen zeigen zu diesem Zeitpunkt, dass wir einer Teilhabegesellschaft näher gekommen sind?

Das sehe ich sehr, sehr positiv, besonders mit Blick auf die Generation meiner Kinder, Nichten und Neffen. Es gibt eine neue Selbstverständlichkeit. Ich beschreibe das immer so: Meine Generation war oft auf der Ersatzbank und wir haben immer dann gespielt, wenn man uns gerufen hat. Und unsere Kinder sind einfach von Beginn an auf dem Platz. Das ist für sie als Teil dieser Gesellschaft selbstverständlich. Deutschland ist ihre Heimat. Das gibt mir die Überzeugung, dass sich dieser Prozess trotz Hürden, Ausgrenzung und Schwierigkeiten positiv weiterentwickeln wird. Aber die Zeit der Ersatzbank „Wir holen sie, wenn wir sie brauchen“, das ist vorbei. Ich bin optimistisch, dass wir als Gesellschaft den Rechtsruck stoppen können. Unsere Kinder sind auf dem Platz und werden in der Gesellschaft ihren Platz finden oder haben ihn bereits gefunden. Deswegen werden wir am 75. Jahrestag ganz anders darüber diskutieren. Ich bin gespannt auf die Sichtweise der nächsten Generation, auch auf ihren Rückblick auf die dann zurückliegenden 10 Jahre. Das macht den gesellschaftlichen Prozess ja so spannend.

Das Interview führte Zoe Klein.

Zur Person

Serpil Midyatli ist stellvertretende Parteivorsitzende der SPD und dort für die Themen Integration und Familie verantwortlich. Sie wurde 1975 in Kiel geboren, ist verheiratet und Mutter von zwei Söhnen. Nach langjährigem kommunalpolitischen Engagement wurde sie 2009 als Abgeordnete in den Landtag von Schleswig-Holstein gewählt. Seit 2024 ist sie dort zum zweiten Mal Fraktionsvorsitzende und Oppositionsführerin und war bis 2026 Landesvorsitzende.

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