Interview Integrationspolitik Ohne sie wäre die Arbeitswelt eine andere 29.10.2026 Özge Karabulut, Gewerkschaftssekretärin der IG Metall, über die Generation ihrer Großeltern und die Frage, warum Engagement wichtiger ist als Herkunft. Bild: Urheber: picture alliance / zb | Paul Glaser Friedrich-Ebert-Stiftung: Nach mehr als sechs Jahrzehnten wird immer noch von der „Gastarbeitergeneration“ gesprochen. Was bedeutet dieser Begriff für Sie persönlich? Özge Karabulut: Gastarbeitergeneration ist meine Familie. So kenne ich und schätze ich sie. Mein Opa kam als Landarbeiter aus der Türkei nach Deutschland und hat hier geholfen, das Land nach dem Wirtschaftswunder weiter mit aufzubauen. Weil er nicht allein sein wollte, kam später auch seine Familie nach, darunter meine Mutter. Deshalb verbinde ich mit diesem Begriff nicht nur Arbeit, sondern auch Zusammenhalt, Verzicht und den Wunsch nach einem besseren Leben für die eigenen Kinder und Enkel. Gleichzeitig finde ich, dass viele dieser Menschen viel mehr waren als nur „Gastarbeiter“. Ihr Beitrag zur deutschen Gesellschaft verdient bis heute Anerkennung. Für uns als Kinder und Enkel ist Deutschland längst zur Heimat geworden. Lange bevor Menschen mit Einwanderungsgeschichte in Parlamenten stärker sichtbar wurden, haben sie sich in Betriebsräten oder als Vertrauensleute engagiert. Was können wir heute im Umgang mit Arbeitsmigration aus diesem Engagement lernen? Auch wenn es hart klingt: Gastarbeiter*innen haben sich damals als Betriebsräte oder Vertrauensleute aufstellen lassen, weil sie sich nicht vertreten gefühlt haben. Ihr Thema war Gleichstellung. Das gilt selbstverständlich nicht für alle, aber für die Mehrheit. Viele mussten schlechte Unterkünfte, Sprachbarrieren, Diskriminierung und harte Arbeitsbedingungen erleben. Sie haben sich organisiert und für bessere Bedingungen gekämpft. Die Gewerkschaften waren oft die ersten Orte, an denen sie politische Teilhabe und Mitbestimmung erfahren konnten. Ohne ihr Engagement in Gewerkschaften, Betriebsräten oder Vertrauenskörperstrukturen wäre die deutsche Arbeitswelt heute eine andere. Transnationale Lebensentwürfe gehören seit Jahrzehnten zur deutsch-türkischen Migrationsgeschichte. Dabei geht es auch um die Möglichkeit sich mehr als einem Land zugehörig zu fühlen. Was heißt das für die aktuelle Debatte um gesellschaftlichen Zusammenhalt? Die Gastarbeitergeneration musste sich oft rechtfertigen, weil sie sich zwei Ländern verbunden fühlte. Das erlebe ich teilweise bis heute. Viele Menschen betrachten Familien wie meine noch immer vor allem durch die Brille von Migration und nicht als selbstverständlichen Teil dieser Gesellschaft. Dabei leben viele von uns bereits in der zweiten, dritten oder vierten Generation in Deutschland. Oft wird vergessen, dass man Deutschland lieben, sich hier engagieren, Verantwortung übernehmen und gleichzeitig familiäre oder kulturelle Wurzeln in einem anderen Land haben kann. Die deutsch-türkische Migrationsgeschichte zeigt, dass Zugehörigkeit kein „Entweder-oder“ sein muss. Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedeutet das: Wir sollten weniger darüber diskutieren, wo die Wurzeln eines Menschen liegen. Die Frage sollte nicht sein: „Woher kommst du eigentlich?“, sondern: „Wie können wir unsere Gesellschaft gemeinsam gestalten?“ Als Enkelin einer Gastarbeiterfamilie ist die Antwort für mich klar: Meine Großeltern haben dieses Land mit aufgebaut, meine Eltern haben hier gelebt und gearbeitet, und ich engagiere mich hier gewerkschaftlich und gesellschaftlich. Unsere Geschichte ist nicht nur eine türkische Geschichte, sondern auch eine deutsche Geschichte. Kleine Zeitreise ins Jahr 2036 zum 75. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens: Welche sichtbaren Veränderungen zeigen zu diesem Zeitpunkt, dass wir einer Teilhabegesellschaft näher gekommen sind? Rückblickend wünsche ich mir in 10 Jahren, dass Menschen mit Einwanderungsgeschichte nicht mehr als besondere Erfolgsgeschichte erzählt werden müssen, sondern als selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft wahrgenommen werden. Und versteht mich nicht falsch – ich finde, dass dieses Thema häufiger aufgegriffen werden sollte und wir stärker dafür sensibilisieren müssen. Menschen mit türkischen oder anderen internationalen Wurzeln sollten überall dort vertreten sind, wo Entscheidungen getroffen werden: in Betriebsräten, Gewerkschaften, Unternehmensvorständen, Parlamenten, Schulen und Verwaltungen. Nicht als Ausnahme, sondern weil ihre Präsenz die Vielfalt unserer Gesellschaft widerspiegelt. Gleichzeitig hoffe ich, dass Fragen nach Herkunft langsam egal sein sollten. Dass niemand mehr überrascht ist, wenn eine Özge Jugend- und Auszubildendenvertreterin, Ministerin, Werksleiterin oder Gewerkschaftssekretärin der IG Metall ist. Das sollte dann ganz normal sein. Ebenso wie die Geschichte einer Gastarbeiterfamilie dann genauso selbstverständlich zur deutschen Geschichte gehört wie jede andere Familiengeschichte. Eine echte Teilhabegesellschaft erkennt Menschen nicht zuerst über ihre Herkunft, sondern über ihren Beitrag zur Gemeinschaft. Wenn wir 2036 sagen können, dass Zugehörigkeit nicht mehr erklärt oder bewiesen werden muss, dann sind wir diesem Ziel ein gutes Stück nähergekommen. Das Interview führte Zoe Klein. Zur Person Özge Karabulut ist 24 Jahre alt und hat ihre Ausbildung zur Industriekauffrau bei der Hach Lange GmbH abgeschlossen. Bereits während ihrer Ausbildungszeit hat sie sich über zwei Amtsperioden hinweg in der Jugend- und Auszubildendenvertretung engagiert. Parallel dazu war sie insgesamt fünf Jahre ehrenamtlich in der IG Metall Jugend aktiv. Heute arbeitet sie als Jugendsekretärin bei der IG Metall Berlin und setzt sich dort weiterhin für die Anliegen junger Menschen in der Arbeitswelt ein. Kontakt Verantwortlich Bild: Urheber: Jens Schicke Annette Schlicht 030 26935-8304 Annette.Schlicht(at)fes.de Bild: Urheber: Paul Glaser, AdsD, 6/FOTB049396 / Bergsee, blau Montag, 28.09.2026 Flucht, Migration, Integration Integrationspolitik Internationale Fachtagung: Leben – Arbeiten – Teilhaben. Yaşam – Çalışma – Katılım. Impulse aus 65 Jahren deutsch-türkischer Migrationsgeschichte Bild: Urheber: Bergsee, blau Donnerstag, 08.10.2026 Rückblick Migrationspolitik Deutschland sollte mehr bieten als Helferjobs ohne Perspektive Immer weniger EU-Bürger:innen kommen zum Arbeiten nach Deutschland. Gründe sind unter anderem Bürokratie, attraktivere Arbeitsmärkte in anderen EU-Staaten und Diskriminierung. Bild: Urheber: picture alliance / Zoonar | rdonar Donnerstag, 15.10.2026 Interview Integrationspolitik Die Zeit auf der Ersatzbank ist vorbei Vor 65 Jahren begann mit dem Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei eine gemeinsame Geschichte, die Menschen und Gesellschaften geprägt hat. Mit Serpil Midyatli blicken wir zurück und fragen nach ihrer Perspektive für die Zukunft.