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Ankommen ermöglichen – Zusammenhalt stärken

Birgit Zoerner

Erfolgreiche Integrationspolitik ist eine Investition in die Funktionsfähigkeit unserer Städte und in gute Nachbarschaften.

Wegweiser in einer Behörde
Urheber: picture alliance / imageBROKER | Jürgen Schwarz

In den zurückliegenden Jahren sind viele Menschen im Zuge von Fluchtbewegungen oder EU-Binnenmigration nach Deutschland gekommen, die zum Teil sehr großen Unterstützungsbedarf haben. Sind sie erst einmal in Städten und Kommunen angekommen, sollten diese ihnen die Möglichkeit eröffnen, das Bestmögliche aus ihrem Leben zu machen – unabhängig davon, ob sie langfristig oder nur für einen begrenzten Zeitraum bleiben. Dabei geht es nicht nur um individuelle Perspektiven, sondern auch um das friedliche Zusammenleben in unseren Quartieren und den für die Demokratie elementaren stadtgesellschaftlichen Zusammenhalt. Die übergeordnete Problematik lang andauernder Asylverfahren oder die Herausforderungen im Zusammenhang mit der Arbeitnehmerfreizügigkeit in einer von großen Wohlstands- und Einkommensunterschieden geprägten EU können die Kommunen nicht auflösen. Sie können sich aber zum Ziel setzen, dass diese weder auf dem Rücken der aufnehmenden Stadtgesellschaft noch dem der betroffenen Menschen ausgetragen werden. So verstandene Integration muss organisiert werden. Notwendig sind verlässliche Strukturen und eine auskömmliche Finanzierung.

Integration braucht eine Gesamtstrategie statt Einzelmaßnahmen 

Die Herausforderungen der Zukunft – Fachkräftemangel, soziale Teilhabe, Bildungserfolg, gesellschaftlicher Zusammenhalt – lassen sich nicht in einzelnen Ressorts lösen. Integration ist eine Querschnittsaufgabe. Deshalb muss die Verwaltung ressortübergreifend und zielorientiert arbeiten. Notwendig ist ein Handlungskonzept, das teilhabefördernde Aktivierung und Unterstützung mit ordnungsrechtlicher Intervention und Steuerung in eine sinnvolle Balance bringt. 

Die Erfolge der Dortmunder Gesamtstrategie Neuzuwanderung zeigen, dass Integration dann wirksam wird, wenn die Akteure und Akteurinnen aller relevanten Handlungsfelder zusammengeführt werden: Arbeit, Bildung, Gesundheit, Wohnen, Aufenthalt, Teilhabe und Zusammenleben. Entscheidend ist dabei die systematische Vernetzung von Verwaltung, Arbeitsverwaltung, Wohlfahrtsverbänden und freien Trägern. Denn Zuwanderung betrifft alle zentralen gesellschaftlichen Systeme: Schule, Arbeitsmarkt, Wohnungsmarkt, Gesundheit. Wenn wir die mit Zuwanderung verbundenen Chancen nutzen wollen, müssen wie alle Systeme in den Blick nehmen.  Vielschichtige Probleme erfordern vernetzte Lösungsansätze. Diese müssen gut aufeinander abgestimmt sein und kontinuierlich weiterentwickelt werden. Je besser das gelingt, umso weniger Nährboden entsteht für ausbeuterische oder kriminelle Strukturen. Den Erfolg kann man in Dortmund sehen.

Der moderne Sozialstaat braucht kommunale One-Stop-Shops

Die größte Hürde für viele Zugewanderte ist nicht fehlende Motivation, sondern die Komplexität unserer Systeme. Diese durchdringt kaum jemand und für Menschen, die neu aus dem Ausland zugewandert sind, sind sie besonders schwer zu bewältigen. Wir benötigen Beratung aus einer Hand, möglichst an einem Ort, digital und mehrsprachig: Zugänge zu Arbeit, Sprache, Qualifizierung, Aufenthalt, Wohnen und sozialen Leistungen. Es braucht Fallmanagement statt Zuständigkeitsdenken. Die Strukturen müssen auf die Bedarfe der Menschen ausgerichtet sein. Niemand sollte sich zwischen verschiedenen Ämtern „die Hacken wund laufen“ und sich verheddern, ohne am Ende eine Lösung zu finden.

In Dortmund wurde mit MigraDo ein kommunaler One-Stop-Shop aufgebaut, der Beratung und Unterstützung für Zugewanderte bündelt und in dem die unterschiedlichen Bereiche der Stadtverwaltung, die Arbeitsverwaltung und die freien Träger zusammenarbeiten. Er ist Bestandteil eines Integrationsnetzwerkes, zu dem außerdem „Lokal-Willkommen“ Büros gehören, die sich dezentral vor Ort um Neuzugewanderte, aber auch um bereits ansässige Menschen in den Quartieren kümmern. Das systematische Zusammenspiel von zentralen und dezentralen Strukturen ist gerade in einer Großstadt elementar für den Erfolg.

Das korrespondiert mit der aktuellen Debatte zur Sozialstaatsreform. Sie muss vor allem eine Zugangsreform sein. Nicht die Menschen müssen sich durch den Sozialstaat kämpfen – der Sozialstaat muss für die Menschen zugänglicher werden. Digitalisierung ist notwendig, aber nicht hinreichend. Es braucht zwingend auch Unterstützung vor Ort, die Menschen dort abholt, wo sie in ihrem Leben stehen, und sie so lange wie notwendig begleitet. Die Statistik belegt den Bedarf eindrücklich. Seit der Eröffnung am 25. Februar 2022 wurden im MigraDo 33.631 Beratungen durchgeführt (Stand Mai 2026). Hinzu kommen 29.810 Kontakte am korrespondierenden Infopoint für die schnelle Orientierung.

Der Erfolg entscheidet sich oft schon beim Ankommen 

Die ersten Monate prägen den gesamten weiteren Integrationsverlauf. Deshalb brauchen wir bedarfsgerechte Ankommensstrukturen. Konkret bedeutet das: Frühzeitige Orientierung, Sprachförderung, Arbeitsmarktbezug von Anfang an, Gesundheitsversorgung, Wohnraumberatung, Lotsen- und Mentoringstrukturen. Kurzum: Jeweils passgenaue Angebote für hochdiverse Zielgruppen. 

Wenn die Prozesse der Behörden für die Zielgruppe nicht passen, kann auch die Arbeit der Behörden nicht reibungslos funktionieren. Viele Projekte zeigen bereits, wie passgenaue Unterstützung gelingen kann. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, erfolgreiche Projekte in dauerhafte Regelstrukturen zu überführen. Kommunen brauchen dafür die notwendigen Finanzmittel. Und bestehende gesetzliche Rahmenbedingungen – wie zum Beispiel die Arbeitsmarktförderung – müssen an die sich wandelnde Realität angepasst werden. Davon würden am Ende viele Menschen profitieren, nicht nur Zugewanderte.

Zur Person

Birgit Zoerner, 1961 in Dortmund geboren, arbeitete nach dem Abschluss des Studiums der Geschichts- und Kommunikationswissenschaften/Publizistik sechs Jahre bei der NRW SPD und 16 Jahre im Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen, bevor sie 2011 als Dezernentin u.a. für Arbeit, Gesundheit und Soziales in ihre Heimatstadt wechselte. Sie leitete bis zu ihrem Ausscheiden 2025 u.a. die 2012 neu gegründete Städtetags-AG zum Thema Zuwanderung.

Kontakt

Referat Politische Beratung und Impulse

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