Publikation Gender Weltweit | Gewerkschaften international Welttag für menschenwürdige Arbeit: Wo sind die Stimmen der Arbeiterinnen, wenn Handelskonflikte zuschlagen? 01.10.2026 Sabrina Salameh In Madagaskar haben Beschäftigte eigentlich ein gesetzliches Mitspracherecht. Doch nachdem die USA das Land mit Zöllen belegt hatten und das AGOA-Handelsabkommen ausgelaufen war, saßen Arbeiterinnen der Textilindustrie nicht mit am Verhandlungstisch. Warum? Ein Beitrag zum Welttag für menschenwürdige Arbeit. Bild: Urheber: picture alliance / Ikon Images | Stuart Kinlough Gendered impact of dual trade shocks in the garment and textile sector in Madagascar Salameh, Sabrina | Bonn : Friedrich-Ebert-Stiftung e.V., September 2026 Zum Download (PDF) Der doppelte Handelsschock für Madagaskars Textil- und Bekleidungsindustrie Im April 2025 erhoben die USA gegenüber Madagaskar plötzlich Zölle von 47 Prozent (die später auf 15 Prozent korrigiert wurden). Zusätzlich ließ man das Handelsabkommen AGOA (der African Growth and Opportunity Act garantiert subsaharischen Staaten den zollfreien Zugang zum US-Markt) auslaufen und gewährte nur eine Verlängerung für ein Jahr. Anhand Madagaskars freier Exportzonen (auch bekannt als Zones d'Entreprises Franches oder ZEFs) in der vornehmlich Frauen beschäftigenden Textil- und Bekleidungsindustrie zeigt in der FES-Studie »Gendered Impacts – Blind Responses: The 2025 Tariff Crisis and the Case for Gender Transformative Reforms« das Fallbeispiel Madagaskar, wie dieser doppelte Handelsschock Asymmetrien in den globalen Handelsstrukturen verdeutlichte. Gegenwärtig werden im internationalen Handel verstärkt Verhandlungen geführt, was voraussichtlich auch so bleiben wird. Das in der Fallstudie aufgezeigte asymmetrische Machtverhältnis verdeutlicht, wer in der Handelspolitik überhaupt eine Stimme hat: Als Madagaskar seine Zölle und den Zugang zum AGOA-Abkommen neu verhandelte, gehörte ein Arbeitgeber*innenverband zur Verhandlungsdelegation, wohingegen Arbeiterinnen der Zugang verwehrt blieb. Dieses Versäumnis ist kein Zufall, sondern steht für ein System, in dem Frauen gleich doppelt unterrepräsentiert sind: Die Strukturen sehen in Gewerkschaften keinen Platz für Frauen vor und in der Handelspolitik keinen Platz für Gewerkschaften. Firmen wurden beteiligt; der Arbeiter*innenschaft blieben Demonstrationen Madagaskars Textilunternehmen sind durch die gut organisierte Lobbyorganisation GEFP vertreten, die im regelmäßigen Austausch mit der madegassischen Regierung steht und in Verbindung mit der in Washington ansässigen »Africa Coalition for Trade« als Block gegenüber den USA agiert. Mit dem Ziel von Zollsenkungen und günstigen Konditionen für die Erneuerung des AGOA-Abkommens waren die GEFP und ausgewählte Arbeitgeber*innen Teil madegassischer Handelsdelegationen. Demgegenüber hatten Arbeiterinnen keinen solchen Zugang und konnten lediglich in Form öffentlicher Proteste reagieren, als es infolge des doppelten Handelsschocks zu Massenentlassungen kam. Oder wie ein Regierungsvertreter es formulierte: »In offiziellen Handelsgesprächen kommen Fabrikarbeiterinnen so gut wie nie zu Wort.« In den ZEFs besteht Koalitionsfreiheit – zumindest auf dem Papier Im Gegensatz zu den meisten anderen, von Arbeitsgesetzen ausgenommenen freien Exportzonen unterliegen Madagaskars ZEFs dem nationalen Arbeitsrecht: Die dort Beschäftigten dürfen sich gewerkschaftlich verbinden. Als ILO-Mitgliedsstaat ist Madagaskar der Dreigliedrigkeit verpflichtet und die Arbeitnehmer*innenvertretung im Land gliedert sich in drei Ebenen: auf Unternehmensebene Vertreter*innen der Belegschaft; innerhalb der gesamten Arbeiter*innenschaft zentralisierte Gewerkschaften; sowie auf staatlicher Ebene der Nationale Arbeitsrat. Prinzipiell sollte diese Struktur gewährleisten, dass es die Anliegen von Arbeiter*innen aus der Belegschaft hinaus bis in die staatliche Politik schaffen, einschließlich dortiger für die Arbeitsbedingungen grundlegender handelspolitischer Entscheidungen. Doch in der Praxis zeigen sich weiterhin zwei entscheidende Diskrepanzen: 1. In den Gewerkschaften sind kaum Frauen vertreten Gewerkschaftsvertreter*innen wie Arbeitnehmer*innen berichten, dass Männer in den Gewerkschaften in der Überzahl sind, obgleich in der Textil- und Bekleidungsindustrie 57 Prozent der Belegschaft weiblich sind. Während Arbeitnehmer*innen die Mitgliedschaft in Gewerkschaften weitestgehend zugesichert ist, gilt dasselbe nicht für eine aktive Beteiligung von Frauen. In einer kürzlichen Umfrage bestätigten zwar 83 Prozent der befragten Frauen, dass bei ihrem Arbeitgeber zwar eine Gewerkschaft vertreten sei, doch nur 35 Prozent gaben an, darin aktiv zu sein. Diese Diskrepanz entstammt einem mangelnden Bewusstsein für die Aktivitäten von Betriebsräten und Gewerkschaften, der Angst, dass es durch den Arbeitgeber zu Repressalien für derlei Engagement kommen könnte und einem Misstrauen, dass Gewerkschaften politisch instrumentalisiert würden. Wie ein Gewerkschaftsvertreter anmerkte: »Die Strukturen sind zwar vorhanden, aber frei zu agieren, bleibt eine Herausforderung, denn Unternehmen üben Druck aus, um gewerkschaftliche Aktivitäten zu beschränken. Wenngleich sich allmählich mehr Frauen zur Wahl als Belegschaftsvertreterinnen stellen, erlangen sie kaum je mehr als stellvertretende Positionen. Doch einige Gewerkschaften ergreifen nun Maßnahmen, damit die Anliegen von Frauen es auf die gewerkschaftliche Agenda schaffen. So hat die Gewerkschaft USAM eine landesweite Frauenquote von 40 Prozent eingeführt, während andere Verbände Ausschüsse für Geschlechtergerechtigkeit gegründet haben. Doch solange strukturelle Hindernisse bestehen bleiben, kann gewerkschaftliches Engagement nicht über einen bestimmten Punkt hinausgehen. Sich gewerkschaftlich zu organisieren, beinhaltet für Arbeitnehmer*innen ohnehin gewisse Risiken, etwa Entlassungen, offizielle Verwarnungen, verlorene Arbeitsstunden und verlorene Lohnzahlungen aufgrund gewerkschaftlichen Engagements. Für Frauen wiegen diese Risiken schwerer, da Verantwortlichkeiten in der unbezahlten Fürsorgearbeit in direkter Konkurrenz mit der benötigten Zeit stehen, um gewerkschaftlich aktiv zu sein. Hinzu kommt, wie Arbeiterinnen es selbst formulieren, dass »Männer sich angesichts von Hierarchien besser behaupten« könnten. Zudem müssen Arbeiterinnen die Leistung gewerkschaftlicher Arbeit gegenüber grundlegenderen Anforderungen wie etwa dem Mutterschutz oder Stillpausen abwägen – oder wie es ein Regierungsvertreter formulierte: »Sie können nicht viel einfordern; genügend Leute sind auf diese Arbeitsstellen angewiesen.« 2. In der Handelspolitik sind Gewerkschaften kaum vertreten Auf nationaler Ebene erschweren es den Gewerkschaften deren unterschiedliche Zielvorstellungen, überhaupt in Form einer geeinten, die Arbeiter*innenschaft vertretenden Front an handelspolitischen Verhandlungen beteiligt zu sein. Diese Fragmentierung wird durch eine begrenzte institutionelle Vertretung in der Handelspolitik noch verstärkt. Die jüngste WTO-Überprüfung der madegassischen Handelspolitik ergab, dass im Land kein interministerielles Gremium zur handelspolitischen Abstimmung existiert, wodurch es unterschiedlichen Arbeitgeber*innenverbänden und Gewerkschaften überlassen ist, auf einer Ad-hoc-Basis die staatliche Handelspolitik zu gestalten. Während der Nationale Arbeitsrat der Aufgabe nachkommt, staatliche Stellen, Arbeitnehmer*innen- und Arbeitgeber*innenverbände zusammenzubringen, liegen Beschäftigungsverhältnisse, Löhne und Sozialversicherung außerhalb seiner Zuständigkeit; dem Rat kommt somit keine offizielle Rolle zur Gestaltung der Arbeitsbedingungen in den freien Exportzonen zu. Das Mitspracherecht umgestalten Diese beiden Defizite müssen gemeinsam behoben werden: Treten Frauen Gewerkschaften bei, müssen sie vor Repressalien geschützt sein; und bei Handelsverhandlungen muss Gewerkschaften statt Ad-hoc-Rücksprachen eine feste Rolle zukommen. Doch innerhalb von Verhandlungsgesprächen, bei denen gut organisierte Arbeitgeber*innenverbände stark vertreten sind, die Regierung inmitten multipler Krisen aus einer geschwächten Position heraus verhandelt und beide Parteien wiederum US-Auftraggebern mit der ohnehin größeren Verhandlungsmacht gegenübersitzen, kann eine solche gewerkschaftliche Vertretung auch nicht allein ein neues Gleichgewicht schaffen. Ausgehend von den Methoden des FES-Handbuchs »Transformative strategies towards gender equality in trade unions« ist somit ein entschiedenes Handeln auf drei Ebenen vonnöten:Den Frauenanteil in den Gewerkschaften stärken: Die Gewerkschaften müssen die Beteiligung von Frauen und deren Positionierung in Führungsrollen anregen (z.B. durch festgelegte Frauenquoten oder -gremien); Anliegen rund um unbezahlte Fürsorgearbeit, sexuelle Belästigung und Mutterschutz müssen hoch auf die gewerkschaftliche Agenda gesetzt werden;Frauen vor Repressalien von Arbeitgeber*innenseite schützen: Die Tarifverhandlungsrechte von Arbeiterinnen müssen gestärkt und die Teilhabe von Frauen schon auf Unternehmensebene durch Betriebsräte gesteigert werden, untermauert durch Koalitionsbildung.Die Stimme der Beschäftigten braucht bei Handelsverhandlungen einen festen Platz: Solange die Abnehmer die größte Verhandlungsmacht innehaben, ist ein offizieller Platz am Verhandlungstisch wenngleich notwendig, so auch nicht ausreichend. Eine dreigliedrige Institution wie der Nationale Arbeitsrat muss über Löhne und Sozialversicherung hinaus dahingehend erweitert werden, dass der organisierten Arbeitnehmer*innenschaft in der Formulierung von Handelspolitik eine feste Rolle zukommt. Gleichzeitig müssen regionale und internationale Allianzen (z.B. der Internationale Gewerkschaftsbund und weitere globale Gewerkschaftsverbände) genutzt werden, um gegenüber den maßgeblichen Abnehmer*innen und Wertschöpfungsketten den Beschäftigten eine Stimme zu verleihen. Zur Person Sabrina Salameh ist Beraterin bei Shared Planet, einem Beratungsunternehmen für Sozial- und Umweltforschung. Sie leitet dort den Bereich Monitoring, Evaluation, Accountability und Learning (MEAL) und hat sich auf die politische Handelsökonomie und -entwicklung unter dem Gesichtspunkt der Geschlechtergerechtigkeit spezialisiert. Zuvor leitete sie Jordaniens erstes Handelszentrum für Frauen. Sie hat einen Master of Science (MSc) in Entwicklungsmanagement von der LSE sowie einen Bachelor of Science (BSc) in Wirtschaftsingenieurwesen. Welttag für menschenwürdige Arbeit (World Day for Decent Work) Der Welttag für menschenwürdige Arbeit wird jährlich am 7. Oktober begangen. Im Jahr 2008 hat ihn der Internationale Gewerkschaftsbund (IGB) ins Leben gerufen. Weltweit nutzen Gewerkschaften und Arbeitnehmer:innenorganisationen den Tag, um Aufmerksamkeit auf ihren Kampf für faire Löhne, sichere Arbeitsbedingungen, soziale Absicherung und das Recht auf Mitbestimmung zu lenken. Kontakt Referat Globale und Europäische Politik Bild: Urheber: FES | bundesfoto/Kurc Katia Schnellecke +49 30 26935-7499 Katia.Schnellecke(at)fes.de Bild: Urheber: PSI/ Rory McCourt Donnerstag, 01.10.2026 Interview Gewerkschaften international Wir sind ihr Hindernis! Im Gespräch mit Lina Jamoul: Wie die extreme Rechte den öffentlichen Sektor angreift und wie wesentlich Gewerkschaften für den Schutz der Demokratie sind. Bild: Urheber: Señoritas/ Luca Meola Mittwoch, 03.06.2026 Gender Weltweit Weltfahrradtag: Señoritas Courier und der „fürsorgeorientierte“ Algorithmus Ein Fahrradkurier-Kollektiv aus Brasilien erzählt seine Geschichte: von der Gründung bis zur Etablierung in der Solidarökonomie, von Anerkennung und der Entwicklung eines eigenen Algorithmus. Eine Erfolgsgeschichte? Bild: Urheber: picture alliance / Ikon Images | Stuart Kinlough Mittwoch, 04.03.2026 Publikation Gender Weltweit Geschlechtergerechtigkeit zahlt sich aus – aber für wen? In unserer neuen Publikation untersucht Anna Eknor Ackzell und UNRISD, wie der Backlash gegen Geschlechtergerechtigkeit weltweit funktioniert, und skizziert, wie darauf strategisch reagiert werden kann.
Gendered impact of dual trade shocks in the garment and textile sector in Madagascar Salameh, Sabrina | Bonn : Friedrich-Ebert-Stiftung e.V., September 2026 Zum Download (PDF)