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Referat Lateinamerika und Karibik

05.10.2020

Handel mit Lateinamerika Post Corona – Zeit zum Umsteuern!

Mehr als Veränderungen auszulösen, verschärft Covid-19 schon Vorhandenes. So auch im Welthandel, wo Trends von Digitalisierung bis Protektionismus in der Pandemie zunehmen, Abhängigkeiten und Verwundbarkeiten offenliegen und – wie im Falle Lateinamerikas - Rollen zementiert werden. Handelspolitik sollte daraus Lehren ziehen und Post-Corona weitsichtiger und nachhaltiger gestaltet sein.

Bild: Agrobusiness als Heilmittel und Globalisierungsmotor von © Pixabay/ Charles Echer

Dass Covid-19 die Welt nicht verändert, sondern nur Strukturprobleme offenlegt, trifft auch auf den Welthandel zu. Lange globale Wertschöpfungsketten und eine Lagerhaltung, die auf die Straße verlegt worden war, schnitten die Zulieferungen ab und ließen die Fließbänder stillstehen. Wie schnell in einer Welt der offenen Märkte Interessen und Entscheidungen in der Folge eine extrem nationalistische und protektionistische Wendung nahmen, überraschte. Nach Jahren des offshoring wurde plötzlich das re- bzw. nearshoring (Verarbeitung und Produktion im Inland oder Nachbarländern) propagiert. Dabei war auch das nicht neu: Bereits mit der Finanzkrise 2008 hatte die Globalisierung sich verlangsamt. Der Buy American Act war nicht Trumps, sondern schon 2009 Obamas Reaktion auf das steigende Leistungsbilanzdefizit der USA. Dieses protektionistische Signal, dem eine geschwächte WTO nichts entgegensetzen konnte, hatte Zölle steigen lassen, das Freihandelsmantra infrage gestellt und Entwicklungen wie dem Brexit und dem heutigen Handelskrieg den Boden bereitet. Covid-19 verschärft diese Tendenz: Der Welthandel wird 2020 um ein Drittel schrumpfen.

Lateinamerika – Zurück auf Los

Die Zahlen der CEPAL[1] für Lateinamerika sehen dagegen fast wie ein Hoffnungsschimmer aus: Während Importe dieses Jahr wertmäßig um „nur“ 25% fallen werden, erlaubt ein Rückgang der Exporte um nur 23% sogar die Aussicht auf einen Leistungsbilanzüberschuss – die Achillesferse der lateinamerikanischen Volkswirtschaften. Doch auch hinter diesen Zahlen verbergen sich Strukturprobleme. Denn seit Ausbruch der Pandemie kamen nicht nur der Dienstleistungssektor und hier insbesondere der Tourismus zum Erliegen, von dem einige Länder wirtschaftlich stark abhängen. Warenexporte der Region in die USA und in die EU brachen ein (um 22% und respektive 14%). Und der intraregionale Handel nahm überdurchschnittlich (um 24%) ab, der nicht die klassischen Rohstoffe, sondern Industrieprodukte und Güter mit höherer Wertschöpfung umfasst. Darüber hinaus hat der Rückgang der Importe zwei Seiten: Natürlich ging mit der Pandemie die Nachfrage generell und speziell nach importierten Gütern zurück. Dies umfasst neben Konsum- aber auch Kapitalgüter, Direktinvestitionen und Zwischengüter für die industrielle Produktion. Hinzu kommt, dass die Rücküberweisungen von Migrant_innen, die in vielen Ländern das Pflaster auf der Wunde nicht vorhandener sozialer Sicherungssysteme sind, ausbleiben, weil auch im globalen Norden Arbeitsplätze verloren gehen. Die Armutsrate der Region wird sich in der Pandemie auf 37,3% erhöhen. Seit Ausbruch haben laut ILO (Internationale Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen) in Lateinamerika 19 % der Unternehmen Insolvenz angemeldet und es sind 55 Mio. formelle Arbeitsverhältnisse entfallen[2]. Stabilität und sogar leichte Zuwächse verzeichnet nur der Export landwirtschaftlicher Produkte nach China.

Vom Gold bis zu Soja, vom Kolonialismus bis in die Gegenwart zieht sich der rote Faden der Weltmarkteinbindung einer Region, die über immensen Reichtum an strategischen Rohstoffen verfügt – vom Erdöl über Lithium bis hin zu Süßwasser und Sauerstoff produzierenden Regenwäldern. Bereits ab 2002 hatte der enorme Anstieg der Rohstoffpreise zur Priorisierung des Rohstoffexports geführt. Bergbau und Agrobusiness erwiesen sich anfangs als höchst rentabel, beschleunigten aber auch Waldrodungen zur Gewinnung von Weideland, den Einsatz von genmanipuliertem Saatgut und Pestiziden sowie von Chemie im Bergbau und Fracking. Zu den ökologischen Schäden summierten sich soziale Folgen: Die Ungleichheit, die ihren historischen Ursprung in der Spaltung in Landbesitzende und Landlose hat, wuchs. In Zeiten des Klimawandels ist Agrobusiness nicht nur ein „Entwicklungsmodell“ von sehr begrenzter Reichweite. Der Rohstoffboom machte zudem unterschiedlichste Industrialisierungsversuche und damit zahlreiche qualifizierte und formelle Arbeitsverhältnisse zunichte, die durch wenige prekäre und informelle ersetzt wurden – ein Trend, den die Digitalisierung von Handel und Dienstleistungen in der Pandemie verstärken wird. Frauen sind von dieser Informalisierung, Prekarisierung und dem Armutsrisiko überdurchschnittlich betroffen.

Handelspolitik Post Corona- statt Protektionismus sind ganzheitliche Konzepte gefragt

In Europa diskutiert man seit Ausbruch der Pandemie die Notwendigkeit, durch die Steigerung der heimischen Wertschöpfung und die Verkürzung der Wertschöpfungsketten Abhängigkeiten zu reduzieren, Beschäftigung zu stärken und das Klima zu schützen. Immerhin gehen ein Drittel aller Treibhausgasemissionen auf Transport zurück. Um mit diesen Diskussionen aber nicht nationalistische Positionen zu stärken, müssen sie global geführt werden. Es kann nicht um die Abkehr von der Globalisierung gehen, wohl aber um die Regulierung des Freihandels. Das Fehlen von Arbeitnehmer_innenrechten, Umweltauflagen und Kapitalflusskontrollen darf nicht zum Wettbewerbsvorteil gereichen. Kurzfristige Gewinnmargen dürfen nicht schwerer wiegen als die langfristigen sozialen und ökologischen Kosten, die nicht nur die betroffenen Nationalstaaten, sondern in Form von Klimawandel und Flüchtlingsströmen die Weltgemeinschaft tragen. Natürlich geht es auch in Europa und Deutschland um Arbeitsplätze, die vom Export abhängen. Wo aber Produktion und Beschäftigung wegbrechen, verkauft sich auch eine Werkzeugmaschine nur schwerlich.  

Gerade mit einer Region wie Lateinamerika, die (noch) demokratisch regiert wird, könnte die EU hier wichtige Signale setzen. Es gilt, vom reinen Freihandel wieder zu Assoziierungsabkommen zurückzukehren, die neben der Handelsregulierung auch Kooperation und politischen Dialog umfassen und zu gemeinsamen Werten verpflichten. Auf dieser Basis sollte die Einhaltung von Arbeitnehmer_innenrechten, Menschenrechts- und Klimakonventionen  kontrolliert und bei Verstößen sanktioniert werden. Eine weitsichtige Handelspolitik sollte zudem komplementär denken. Kupferhaltigen Schutt aus dem argentinischen Tucumán nach Hamburg und den dort hergestellten Draht wieder zurück zu transportieren, ist so irrsinnig wie der Export holländischer Tiefkühlpommes nach Peru. Ökologisch wie sozial nachhaltige Assoziierungsabkommen sollten daher Kooperation und Technologietransfer zur Steigerung der lokalen Wertschöpfung vorsehen und bei der Diversifizierung des Produktionsprofils ebenso unterstützen wie beim Ausbau regionaler Handelsintegration. Die Pandemie ruft zum Umdenken auf – eine Herausforderung, die am Beispiel des Abkommens EU-MERCOSUR angenommen und gestaltet werden könnte.

Dörte Wollrad war langjährige Leiterin des Referats Lateinamerika und Karibik der FES und ist derzeit in Vorbereitung für die Landesvertretung der FES Uruguay.

[1]https://www.cepal.org/es/videos/presentacion-alicia-barcena-informe-especial-covid-19-6-comercio-logistica

[2]https://www.ilo.org/wcmsp5/groups/public/@dgreports/@dcomm/documents/briefingnote/wcms_749399.pdf

Lateinamerika/Karibik

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