„Kleinstädte haben Kraft!“ 29.05.2026 Harff-Peter Schönherr Vernetzung, Interessensvertretung, Wissenstransfer: Siw Foge leitet die Kleinstadt Akademie im brandenburgischen Wittenberge. Im VORAN-Interview erklärt sie, wie sie 2.100 Kommunen zu neuem Selbstbewusstsein verhelfen will. Siw Foge ist Leiterin der Kleinstadt Akademie. Bild: Urheber: Nico Dalchow Kleinstadt. Für manche hört sich das nach Enge an, nach Hoffnungslosigkeit, Konservativismus, Konformitätszwang, nach etwas, in dem man besser nicht endet - oder aus dem man besser schnell weggeht. Sie hingegen mögen die Kleinstadt. Warum? Siw Foge: Ich liebe an der Kleinstadt die kurzen Wege und dass man hier selbst etwas bewirken kann. Man begegnet Menschen hier immer auf mehreren Ebenen, beruflich wie privat, das beschleunigt die Netzwerkarbeit. Außerdem ist die Kleinstadt ein Sinnbild für Familienfreundlichkeit. Wittenberge, der Sitz der Kleinstadt Akademie, die Sie seit ihrer Gründung 2024 leiten, ist zugleich die Stadt Ihrer Kindheit und Jugend. Aber Sie waren nicht immer hier. Wann sind Sie weggegangen? Nach dem Abitur, Anfang der 1990er. Wie in vielen Kleinstädten im Osten gab es in Wittenberge damals kaum Perspektiven für junge Menschen. Die nächstgelegene Universität war in Berlin. In meinem ganzen Jahrgang, unterstützt durch unsere Eltern, war die Tendenz sehr klar: Geht raus! Es gab keine Ausbildungsplätze, keine guten Jobs. Blick in die Bahnstraße in Wittenberge. Bild: Urheber: Martin Ferch Aber Sie sind zurückgekehrt. Als ein anderer Mensch, nehme ich an, mit einem anderen Weltgefühl? Erwachsener, würde ich sagen! Zurückgekehrt bin ich aus persönlichen, familiären Gründen. Das war keine leichte Überlegung, aber da war durchaus ein Sog. Mit Ende 20 habe ich hier dann ein sehr interessantes Projekt gefunden, in der kommunalen Wirtschaftsförderung, in Zusammenarbeit mit Hochschulen. Ich konnte mich einbringen. Braucht, wer eine Institution wie die Kleinstadt Akademie leitet, eine Kleinstadt in seinem Lebenslauf, als Lebensmittelpunkt? Oder ließe sich eine solche Aufgabe ebenso gut rein akademisch handhaben? Mit dem Kleinstadtkosmos vertraut zu sein, die Kleinstadt nicht nur beobachtet zu haben, sondern erlebt, ist sehr von Vorteil. Es ist hilfreich, wenn man die Zielgruppe nicht nur kennt, sondern selbst zu ihr gehört. Es ist wichtig, dass man weiß, wie es sich in einer Kleinstadt arbeitet. Man kann die Möglichkeiten dann besser einschätzen, die Strukturen, die Kapazitäten. Das Klein der Kleinstadt wird gewöhnlich als Menge definiert, durch die Zahl der Einwohner:innen. Aber ein Ausdruck des Ranges, der Leistung, ist das nicht, oder? Genau! In der Außenwahrnehmung wird das so gesehen, aber das ist falsch, das greift zu kurz. Das klingt dann oft auch schnell nach Minderwertigkeit. Eben. Das wäre ein großes Missverständnis. Das Kleine sieht sich ja oft als reine Vorstufe zum Großen, nicht als eigenwertig. Dieses Minderwertigkeitsgefühl will die Akademie ändern, oder? Das trifft genau den Punkt! Das Ziel muss es nicht immer sein, groß zu werden. Das Ziel kann auch einfach sein: Gesund zu wachsen. Die Struktur halten zu können. Die Infrastruktur zu bewahren. Man liest auf Ihrer Website: „Die Zukunft gehört den Kleinstädten. Sie sind klein genug, um authentisch zu sein, und groß genug, um Wandel zu gestalten.“ Das klingt extrem breitbrüstig. Na, klar! (lacht) Was signalisiert das? Dass Kleinstädte mehr Selbstbewusstsein haben sollten, im Auftreten nach außen, sich nicht kleinmachen sollten. Dass das, was in Kleinstädten an Entwicklungsarbeit geleistet wird, nicht klein ist. Dass Kleinstädte lange totgesagt worden sind, wegen Bevölkerungsschrumpfung und Überalterung, es aber Grund gibt, optimistisch zu sein. Kleinstädte haben nicht nur eine Zukunft, sie haben auch eine Funktion: Sie schaffen Lebensqualität, halten Versorgungsstrukturen vor. 2025 gab es den ersten Kleinstadt-Kongress in Wittenberge mit 300 Teilnehmer:innen aus mehr als 100 Kleinstädten. Vom 16. bis 17. Juni 2027 werden sich hier erneut Aktive vernetzen. Bild: Urheber: Thomas Sasse Wenn die Zukunft den Kleinstädten gehört: Heißt das nicht, dass das bei den Mittel- und Großstädten anders ist, bei den Metropolen, beim ländlichen Raum? In unserer Betrachtung geht es nicht um Konkurrenz zu Mittel- und Großstädten. Was wir damit meinen, ist: Die Kleinstädte stehen nicht nur für Vergangenheit. Und, ja: Die Großstädte und Metropolen haben selber große Probleme. Der Wohnungsmarkt ist eng, generell gibt es wenig Raum, und viele Menschen wandern deshalb ab. Viele Kleinstädte sagen uns: Es gibt einen Trend zur Rückkehr in die Kleinstadt, auch im Sinne einer Rückkehr in die Heimatstadt. Zugleich erleben die Kleinstädte starken Zuzug aus dem ländlichen Raum. Apropos Heimat: Viele verbinden Kleinstadt stark mit Begriffen wie diesem; für Tradition gilt das genauso. Spüren Sie es in der Arbeit Ihrer Akademie, dass die politische Rechte diese Begriffe als Kampfbegriffe instrumentalisiert, dass sie in Kleinstädten besonders stark präsent ist, um das dortige Gefühl der Marginalisiertheit als Nährboden abzugreifen? Ich spüre die Sorge bei Bürgermeister:innen, dass die Demokratie vor Ort sich ändert, die Art des Umgangs der Menschen miteinander. Das ist rauer geworden. Aber der Heimatbegriff hat in unserer praktischen Arbeit bisher keine große Rolle gespielt. Er schwingt manchmal mit, aber im Kern geht es darum, eine gute Lebensatmosphäre vorzufinden, bezahlbaren Wohnraum, Naturnähe. Wir sprechen ohnehin eher von: Zuhause. Teilnehmende des Kongresses 2025: Trend zur Rückkehr in die Kleinstadt. Bild: Urheber: Thomas Sasse Die Welt, heißt es oft, entwickelt sich zum globalen Dorf, einem Sozialgefüge also, dass, um im Bild zu bleiben, noch weit kleiner klingt als eine Kleinstadt. Zugleich heißt es, diesem Dorf fehle genau das: Das Gefühl, ein Zuhause zu sein. Das Dorf ist ein undurchschaubarer Moloch, in dem man unwichtig ist, untergeht. Da kann wahres Kleinsein viel Heilkraft haben, oder? Ein wahres Zuhause ist ein Lebensort, wo Menschen glücklich sind. Und Menschen sind glücklich, wo sie wirksam werden können, wo wahrgenommen und wertgeschätzt wird, was sie tun. Wichtig ist dabei, dass Entscheidungsgänge nicht zu lange dauern, und je größer eine Kommune ist, desto schwerer wird das. Geben Sie uns ein Beispiel? Das zeigt sich zum Beispiel bei der Jugendbeteiligung. Klar, man kann mit Jugendlichen auch Strategien für die Zukunft besprechen, Leitbilder wie die Stadt irgendwann mal aussehen soll. Aber oft haben Jugendliche einen eher lokalen Radius; und dort wollen sie was bewirken. Und damit sie bei der Stange bleiben, sollten sie relativ schnell Ergebnisse sehen, die sie selbst noch nutzen können. Nehmen wir eine Spielplatzplanung: Wenn Jugendliche bei deren Abschluss zehn Jahre alt sind und die Umsetzung zwei Jahre dauert, werden sie da selber kaum mehr spielen. Das ist nicht produktiv. Große Kreativität in Kleinstädten: Beim Kleinstadt-Kongress in Wittenberge erzählen Teilnehmer:innen von ihren Projekten und nutzen das Forum für Austausch. Bild: Urheber: Thomas Sasse Was war das Überraschendste, das Sie durch Ihre Arbeit für die Akademie über Kleinstädte gelernt haben? Oh, das ist viel! Ein Beispiel: Ich lerne viel über die Rolle der Bürgermeister:innen. In Kleinstädten sind sie, viel stärker als in größeren Städten, eine sehr zentrale Person. Man wird überall angesprochen, bei der Gartenarbeit oder beim Einkaufen, ist immer im Amt, steht immer im Mittelpunkt. Man spielt eine entscheidendere Rolle als Treiber für Projekte, bei der Schaffung eines Kooperationsklimas. Man stärkt Rücken, öffnet Türen. Was mir letztes Jahr besonders bewusst geworden ist, bei unserem ersten Kleinstadt Kongress: Die Kreativität ist in Kleinstädten sehr groß, auch die Aufgeschlossenheit. Die Teilnehmer:innen haben sich gegenseitig bestärkt und motiviert, von ihren Projekten erzählt, Wertschätzung gezeigt. Auf Ihrer Website heißt es: „Hier finden Sie Wissenswertes für Kleinstädte und all jene, die diese gestalten.“ Aber gestalten wirklich alle mit? Sie richten Ihr Angebot ja primär an eine Fachzielgruppe, zumal an verwalterische Entscheider:innen. Wie stellen Sie sicher, dass Kleinstadt-Transformationen nicht nur Kopfgeburten sind? Viele Kleinstädte, zumindest alle die ich kenne, setzen stark auf Bürger:innenbeteiligung. Man versucht, die Akteure vor Ort einzubinden, Vereine, Bürgerinitiativen, gemeinsam Stadt zu gestalten. Außerdem gibt es ja die Stadtparlamente, die Verwaltungen stehen also nicht allein. Hinzu kommt: Es gibt viele Externe, die sich mit Stadtentwicklungsthemen befassen, Wissenschaftler:innen, Stadtplaner:innen. Auch sie binden wir ein. Einer der größten Kleinstadt-Skeptiker ist der norwegische Dramatiker Henrik Ibsen. Er sah die Kleinstadt als Ort der Verlogenheit, der geistigen Unfreiheit, der Heuchelei, der Lebenslüge. Er schreibt: „Das ist das Verdammte an den kleinen Verhältnissen, dass sie die Seele kleinmachen“. Gesetzt, er stünde jetzt vor Ihnen: Was würden Sie ihm entgegnen? Dass ich nachvollziehen kann, dass er das so sieht. Ich selbst finde ja auch nicht, dass man sein ganzes Leben in der Kleinstadt verbringen muss. Ich bin ein Freund davon, zu sagen: Schwärmt aus in die Welt, seht euch Dinge an, und dann kommt mit diesen Impulsen zurück. Weil, wer so zurückkehrt, dann auch die Kleinstadt verändert? Genau. Das hängt natürlich stark davon ab, wie groß vor Ort die Offenheit ist, der Mut, die Experimentierfreudigkeit. Sicher stößt man zuweilen auch auf Beharrungskräfte? Natürlich. Wie in größeren Städten auch. Der Vorteil in der Kleinstadt ist: Man hat schneller die Akteure identifiziert, die man braucht. Natürlich heißt das nicht, dass dann auch alles schneller funktioniert. Aber die Chance besteht. Weitere Beiträge zu diesem Thema Bild: Urheber: Kleinstadt Akademie Mitbestimmung Freitag, 29.05.2026 Klein, aber groß Die Kleinstadt Akademie im brandenburgischen Wittenberge tritt an, Deutschlands 2.100 Kleinstädte zu vernetzen. Das erfordert das Bohren dicker Bretter. Aber sie ist auf einem guten Weg. Bild: Urheber: Maria Rumyantseva Donnerstag, 04.05.2023 Arbeit Wenn Landleben zum Experimentierraum wird Zwei Selbstständige erzählen über den „Summer of Pioneers“ in der brandenburgischen Kleinstadt Herzberg und ihren neuen Alltag jenseits von Berlin. Bild: Urheber: picture alliance / Sebastian Gollnow Donnerstag, 04.05.2023 Arbeit Mit kreativen Ideen aufs Land Gemeinschaftliches Wohnen, innovative Arbeitsmodelle: Eine Studie zeigt, wie Digitalisierung das ländliche Ostdeutschland zukunftsfähig machen kann.