Mitbestimmung Klein, aber groß 29.05.2026 Harff-Peter Schönherr Die Kleinstadt Akademie im brandenburgischen Wittenberge tritt an, Deutschlands 2.100 Kleinstädte zu vernetzen. Das erfordert das Bohren dicker Bretter. Aber sie ist auf einem guten Weg. Wittenberge, idyllisch an der Elbe gelegen, versteht sich als Zuhause für 2.100 Kleinstädte. Bild: Urheber: Kleinstadt Akademie In einer Kleinstadt kann nicht nur Kleines geschehen. Manchmal hat, was sich hier ereignet, große Auswirkungen. Ein Beispiel dafür ist Wittenberge in Brandenburg, im Landkreis Prignitz: Gelegen zwischen ziemlich vielen Feldern, Dörfchen und Wäldern, an der hier fast idyllisch mäandernden Elbe, 170 Kilometer von Hamburg entfernt, 160 Kilometer von Berlin, 190 Kilometer von Hannover. Wittenberge hat weniger als die 20.000 Einwohner, die eine Kleinstadt maximal haben darf, um amtsstatistisch noch als Kleinstadt zu gelten. Aber es sind mehr als 10.000, was Wittenberge per Behördendefinition zu einer großen Kleinstadt macht. Kleine Kleinstädte liegen zwischen 5.000 und 10.000 Bürger:innen. Was nicht heißt, dass es nicht auch Kommunen mit Stadtrecht gibt, die nur ein paar Hundert Einwohner haben... Es ist kompliziert. Kleinstädte unterstützen und vernetzen So klein Wittenberge ist, so groß wird hier gedacht. Denn nicht nur, dass die Stadt sich auf ihrer Website zuzugsbemüht für „Lebensqualität“ lobt, für ein „familienfreundliches Wohnumfeld“, für „Naturnähe“ und „kulturelle Highlights“, für „ausgezeichnete Bedingungen für Unternehmen und Wirtschaftsansiedlungen“. Sie ist Sitz der Kleinstadt Akademie (www.kleinstadtakademie.de) einer Plattform, die sich die Unterstützung und Vernetzung deutscher Kleinstädte auf die Fahnen schreibt, vom Wissenstransfer bis zu Interessensvertretung. Ihr Slogan: „Hier haben 2.100 Kleinstädte ein Zuhause.“ 44 davon hatten sich als Standort der Akademie beworben. Austausch direkt am Elbufer: 2025 gab es den ersten Kongress in Wittenberge mit 300 Teilnehmer:innen aus mehr als 100 Kleinstädten. Bild: Urheber: Christian Riemann Seither ist Wittenberge der Startort einer Mission: Dem Image entgegenzuwirken, Kleinstädte seien bestenfalls Orte der Verschlafenheit, schlimmstenfalls Orte der Bedeutungslosigkeit, der Engstirnigkeit, der Überalterung, des Wegzugs, des Verfalls. Die Akademie, vom Bund mit zwei Millionen Euro pro Jahr finanziert, ist noch jung: Mitte 2024 auf Initiative des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) (www.bmwsb.bund.de/SharedDocs/kurzmeldungen/DE/2024/02/Kleinstadtakademie) gegründet, auf der Grundlage eines Forschungsprojekts zu den erforderlichen Unterstützungsstrukturen und einer mehrjährigen Pilotphase zum Test von Netzwerkmodellen, wird sie durch das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) (www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/forschung/programme/exwost/Studien/2019/pilot-kleinstadtakademie/01-start.html) und den Deutschen Städte- und Gemeindebund (DStGB) (www.dstgb.de/aktuelles/archiv/archiv-2024/gemeinsame-pk-von-bundesministerin-geywitz-und-dstgb) unterstützt. Seither setzt sie alles daran, unter Beweis zu stellen: Nicht nur von Millionen-Metropolen wie Berlin oder Köln, nicht nur von Groß- und Mittelstädten geht Zukunft aus. Sie veranstaltet Konferenzen und Web-Talks, geht bundesweit auf Präsenz-Tour. Kleinstädte, so die damalige Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD) zur Gründung der Akademie, müssten „sichtbarer werden“, mehr Wertschätzung erfahren, schließlich lebe fast ein Drittel der Deutschen in kleinen Städten. Der erste Kleinstadt-Kongress fand 2025 statt. Nächstes Jahr treffen sich die Städte wieder vom 16. bis 17. Juni 2027 in Wittenberge. Bild: Urheber: Thomas Sasse Interdisziplinäres Team Siw Foge, selbst aus Wittenberge stammend, leitet das derzeit fünfköpfige Team der Akademie. Es ist interdisziplinär aufgestellt, von der Stadt- und Raumplanung über die Betriebswirtschaft bis zum Projekt-, Kommunikations- und Veranstaltungsmanagement. Hinzu kommt externe Expertise. Warum ihre Institution sich als Akademie bezeichnet, obwohl sie kein klassischer Ort für Wissenschaft, Forschung und Lehre ist, wie Platon ihn verstanden hätte? Foge zögert, lacht dann ein bisschen. „Das haben wir uns auch gefragt! Die Bezeichnung stammt ja nicht von uns, sie stand schon vor unserer Bewerbung fest. Aber ich finde, sie passt. Wir vermitteln Wissen von Kleinstädten für Kleinstädte, Praxiswissen, tauschen Erfahrungswerte aus, um voneinander zu lernen.“ Formate, die Austausch ermöglichen Foge versteht das als „Hilfe zur Selbsthilfe“. Aber wer glaubt, die Akademie sehe sich als Hotline, als Beratungseinrichtung für alle Fragen der Entwicklung kleiner Städte, überfordert das Wittenberger Modell. „Wir bieten Formate, die Austausch ermöglichen“, sagt Foge. „In der Vergangenheit haben sich Stadtentwicklungspolitik, Wissenschaft und öffentliche Debatte ja hauptsächlich auf Großstädte und Metropolregionen bezogen - oder auf den ländlichen Raum. Das ging an der Lebenswirklichkeit, an den Bedarfen der Kleinstädte vorbei.“ Kleinstädte, so unterschiedlich strukturiert sie sind, haben viele Gemeinsamkeiten. Eine davon, so Foge: „Es gibt nur eine schmale Verwaltung. Aber sie muss sämtliche Stadtentwicklungsaufgaben bewältigen, mit denen auch eine Großstadt konfrontiert ist, von der Klimafolgenanpassung bis zu Gesetzen, Sozialauflagen, der Daseins- und Gesundheitsvorsorge.“ Kleinstädte sind unterschiedlich strukturiert, haben aber viele Gemeinsamkeiten: Kongresse sollen Formate bieten, die Vernetzung ermöglichen. Bild: Urheber: Christian Riemann Das Problem dabei: Kleinstädte haben weniger Kapazitäten und Kompetenzen, sich in diese Themen einzuarbeiten. „In der Großstadt hat man eine ganze Abteilung für nachhaltige Stadtentwicklung“, sagt Foge. „In der Kleinstadt macht das der Bauamtsleiter eben noch mit, neben allem anderen.“ Verwaltungen digital vernetzen Der Ansatz der Kleinstadt Akademie ist: Nicht jeder muss und soll das Rad neu erfinden. Foge: „Wenn ich jemanden kenne, der eine gute Idee hat, etwa wie sich eine neue kommunale Wärmeplanung umsetzen lässt, kann ich stark davon profitieren, dass mir jemand sagen kann, was empfehlenswert ist und was nicht, mir vielleicht praxistaugliches Material von sich zur Verfügung stellt. Das hat dann einen richtigen Mehrwert.“ Ein großes Zukunftsprojekt der Akademie ist der Aufbau einer digitalen Kommunikationsstruktur zwischen den Verwaltungen, einer „Lösungsdatenbank“, zielgruppennah und arbeitserleichternd. Das Konzept soll dieses Jahr finalisiert sein, die technische Umsetzung könnte 2027 beginnen. Das sei dann was Ähnliches wie ein Wikipedia für die Entwicklung von Kleinstädten. „Man muss ja sich hohe Ziele setzen“, lacht Foge. „Jeder kann sich dann da was rausziehen, jeder seine Erfahrungen für andere einspeisen. Wenn uns das gelingt, haben wir richtig was gewonnen.“ Siw Foge, mit ihrer Akademie deutschlandweit unterwegs, setzt auf ein Schneeballprinzip. Und das funktioniert. Etwa beim ersten „Kleinstadt Kongress“ der Akademie, Ende Juni 2025 in Wittenberge. „Da kam wirklich Aufbruchstimmung auf, Zusammengehörigkeitsgefühl.“ 300 Teilnehmer:innen kamen, aus mehr als 100 Kleinstädten, von Bürgermeister:innen bis zu Bauamtsleiter:innen. Auch hier zeigte sich: Alle haben ähnliche Probleme, allen voran die Sorge um die Finanzen. Wittenberge ist nicht nur durch seine Nach-Wende-Transformation und die Ansiedelung der Kleinstadt Akademie ein Hoffnungszeichen. Auch der „Summer of Pioneers“ (https://www.fes.de/voran/herzberg-wenn-landleben-zum-experimentierraum-wird) hat hier Station gemacht, von Mitte 2019 bis Mitte 2020. Zwei Dutzend Digitalarbeiter:innen aus Großstädten wie Hamburg und Berlin kamen. Viele sind bis heute mit der Stadt in Kontakt geblieben – oder blieben sogar ganz. Ihr damaliger Kreativschub, von der Unternehmensberatung bis zum Schulworkshop, wirkt bis heute nach. Positive Beispiele beflügeln Foge kennt viele solcher Positivbeispiele. In Freyung in Niederbayern zum Beispiel, kurz vor der Grenze zu Tschechien, einer Kleinstadt, die mit ihren rund 7.000 EinwohnerInnen eine kleine Kleinstadt ist. „Dort ist man zwar nicht durch einen so tiefen Transformationsprozess gegangen“, sagt Foge. „Aber die haben tolle Strategien entwickelt, wie sie mit Leerstand umgehen. Außerdem haben sie eine Bürgergenossenschaft gegründet und damit eine Brauerei gerettet.“ Genossenschaftliche Modelle als Chance für die Entwicklung von Kommunen im ländlichen Raum: Freyung in Niederbayern. Bild: Urheber: picture alliance / imageBROKER | Bildverlag Bahnmüller „In meinen Augen ist das genossenschaftliche Modell eine Chance für die Entwicklung von Kommunen im ländlichen Raum“, sagt Olaf Heinrich (CSU), der Bürgermeister von Freyung. „Auf diesem Wege kann es gelingen, die Menschen unmittelbar zu Beteiligten zu machen.“ Ebenso wichtig sei, „dass Projekte auf diesem Wege mit privatem Kapital kofinanziert oder finanziert werden können. Dieser Aspekt ist in Zeiten großer finanzieller Herausforderungen in den Kommunen besonders wichtig.“ Die Kleinstadtakademie sei wertvoll, um den Austausch zwischen kommunalen Akteuren zu verstärken und Best-Practice-Beispiele bekannter zu machen. Olaf Heinrich: „Oftmals muss gar nicht das Rad neu erfunden werden, sondern es können bereits an anderer Stelle praktizierte Wege lokal adaptiert werden.“ Die Kleinstadt Akademie war Ende 2025 in Freyung zu Besuch, mit ihrem Format „Kleinstadt Akademie auf Tour“ zum Thema „Neue Nutzung, neues Leben: Wege aus dem Leerstand“. 30 Personen kamen im Kurhaus zusammen, von Kommunalvertreter:innen bis zu Unternehmer:innen. Ende Mai führt das Tour-Format der Akademie nach Herzberg/Elster in Brandenburg, zum Thema „Junge Menschen gewinnen und halten – Strategien für Zuzug und Willkommenskultur“. Die Akademie ist mit ihrem Format „Kleinstadt Akademie auf Tour“ auch vor Ort aktiv und bringt Akteur:innen zusammen. Bild: Urheber: Kleinstadt Akademie Was Kleinstädte bewegt Einmal jährlich befüllt die Akademie zudem ihr „Kleinstadt-Barometer“, das per Umfrage zeigt, was Kleinstädte bewegt. Derzeit reicht das Prioritätenfeld von Klimaschutz, Wohnen und Digitalisierung bis zum Steigen der Sozialausgaben, den Folgen des Fachkräftemangels und dem Sterben kommunaler Krankenhäuser. Ende April 2026 ging es um ein Pilotprojekt von Otterbach-Otterberg (www.otterbach-otterberg.de/nachrichten/dorfumbaumanagerin) in Rheinland-Pfalz zum Thema Dorfumbau, zum Umgang mit Leerständen. Die Verbandsgemeinde ist mit ihren derzeit knapp 19.000 Einwohner:innen zwar der Kleinstadt-Obergrößengrenze ziemlich nahe, aber diese Zahl stagniert seit Jahren; Otterbach-Otterberg dürfte also Teil der Zielgruppe der Kleinstadt Akademie bleiben. Die Gemeinde hat mittlerweile Leerstandslotsen: In vielen Kommunen helfen solche Lotsen bei der Erfassung von Leerständen, diskutieren mit Eigentümer:innen (Um-)Nutzungsmöglichkeiten, stellen Kontakt zu Interessent:innen her, beraten zu Fördermitteln und Sanierung. 2025 wurde in Otterbach-Otterberg die Stelle einer Dorfumbaumanagerin geschaffen – die erste ihrer Art in Rheinland-Pfalz. Wer klein ist, zeigt das, muss sich nicht verstecken. Weitere Beiträge zu diesem Thema Bild: Urheber: Nico Dalchow Freitag, 29.05.2026 „Kleinstädte haben Kraft!“ Vernetzung, Interessensvertretung, Wissenstransfer: Siw Foge leitet die Kleinstadt Akademie im brandenburgischen Wittenberge. Im VORAN-Interview erklärt sie, wie sie 2.100 Kommunen zu neuem Selbstbewusstsein verhelfen will. Bild: Urheber: Maria Rumyantseva Donnerstag, 04.05.2023 Arbeit Wenn Landleben zum Experimentierraum wird Zwei Selbstständige erzählen über den „Summer of Pioneers“ in der brandenburgischen Kleinstadt Herzberg und ihren neuen Alltag jenseits von Berlin. Bild: Urheber: picture alliance / Sebastian Gollnow Donnerstag, 04.05.2023 Arbeit Mit kreativen Ideen aufs Land Gemeinschaftliches Wohnen, innovative Arbeitsmodelle: Eine Studie zeigt, wie Digitalisierung das ländliche Ostdeutschland zukunftsfähig machen kann.