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Naika Foroutan & Jana Hensel (2012): Die Gesellschaft der Anderen. Berlin: Aufbau Verlag

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Kurzgefasst und eingeordnet von Elisa Gutsche 
Elisa Gutsche ist Juristin, Politikwissenschaftlerin, Autorin und Feministin.


buch|essenz

Kernaussagen

Die Geschichte der Bundesrepublik der zurückliegenden 30 Jahre wurde vor allem aus der Perspektive der Mehrheitsgesellschaft erzählt. Im Zentrum vieler gesellschaftlicher Debatten stehen immer wieder zwei Gruppen: Menschen mit Migrationsgeschichte und Ostdeutsche. Um gesellschaftliche Phänomene wie Rechtsextremismus, Rassismus und soziale Ungleichheit wirklich verstehen zu können, braucht es die Perspektiven von Menschen mit Migrationsgeschichte und die der Ostdeutschen – also die der „Gesellschaft der Anderen“.

Einordnung aus Sicht der Sozialen Demokratie

Foroutan und Hensel analysieren und bewerten zentrale gesellschaftliche und politische Ereignisse der vergangenen 30 Jahre. Sie zeigen, dass das zutiefst demokratische Versprechen von Gleichheit, Teilhabe und sozialer Gerechtigkeit für weite Teile der deutschen Gesellschaft noch immer nicht verwirklicht ist.

Der Gesprächsband ist ein wichtiger Beitrag zur aktuellen Debatte um Identität, Teilhabe und soziale Gerechtigkeit. Zudem verdeutlicht er, welche Bedeutung diese Fragen für die Stabilität und Resilienz unserer Demokratie haben.


buch|autorinnen

Naika Foroutan ist Sozialwissenschaftlerin und Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie leitet das Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) der Humboldt-Universität zu Berlin und ist zudem Vorstandsmitglied des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM).

 

 

 

Jana Hensel ist Journalistin und Autorin. Sie hat 2002 den Bestseller „Zonenkinder“ veröffentlicht. 2019 erschien das gemeinsam mit Wolfgang Engler verfasste Buch „Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein“. Sie ist Autorin bei ZEIT Online und DIE ZEIT im Osten.


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buch|inhalt

„Wie lässt sich Deutschland aus ostdeutscher und migrantischer Perspektive erzählen?“

Mehrheitsgesellschaft & die Anderen

Um über die „Gesellschaft der Anderen“ sprechen zu können, setzen sich die Autorinnen zunächst mit dem Begriff der Mehrheitsgesellschaft auseinander. Dieser Begriff ist in Teilen unscharf, da sowohl Ostdeutsche als auch Migrant_innen je nach Perspektive auch Teil der Mehrheitsgesellschaft sein können. Mit Mehrheitsgesellschaft ist die tonangebende Mehrheit gemeint, die gesellschaftlich wichtige Positionen besetzt und den Diskurs bestimmt. Mehrheitsgesellschaft ist hier also als Dominanzgesellschaft gemeint. Sie hat die Macht, Ausgrenzung zu produzieren, da sie ihre eigenen kulturellen Normen als dominant definiert. Sie kann Diskurse, Gesetze und Debatten entscheidend beeinflussen.

Als Beispiel für die kulturelle Deutungshoheit der Mehrheitsgesellschaft nennen die Autorinnen u.a. die Entscheidung darüber, welche Bücher im vereinten Deutschland in der Schule gelesen werden: Der Bildungskanon ist westdeutsch geprägt. Ein weiteres Beispiel ist die – mittlerweile veraltete – westdeutsch geprägte Vorstellung davon, dass Frauen ihre Kinder in den ersten drei Jahren zu Hause betreuen sollten. Die ostdeutsche Perspektive, dass Kinder ab dem ersten Lebensjahr in die Kita gehen, galt vor einigen Jahren noch als Anzeichen für Rabenmütter.

Die Mehrheitsgesellschaft verdrängt gesellschaftliche Probleme und verschiebt diese eher an die Ränder: Der Osten agierte lange Zeit als eine Art „Sondermülldeponie“ für Rechtsextremismus, Rassismus und die Fragen, die mit dem Erstarken der AfD einhergehen.

Der rechtsterroristische und rassistische Anschlag von Hanau bricht dieses Bild langsam auf: Auch Westdeutschland muss sich den Herausforderungen von Rechtsextremismus und Rassismus stellen.

Die Wahl von Thomas Kemmerich zum Thüringer Ministerpräsidenten mit den Stimmen der AfD hat ebenfalls gezeigt, dass die Verdrängungsmechanismen der westdeutschen Mehrheitsgesellschaft nicht länger tragen. Die Wahl hatte personelle Konsequenzen bis in die höchsten Ebenen der bundesdeutschen CDU. Es führt zu ebenjenen politischen Verwerfungen auch auf bundespolitischer Ebene, politische Entwicklungen in den ostdeutschen Bundesländern kontinuierlich zu regionalisieren, wegzuschieben und damit nicht als zentralen Bestandteil der bundesdeutschen Realität anzuerkennen.

Zudem pflegt die Mehrheitsgesellschaft eine „Vorurteilskultur“ sowohl gegenüber der migrantischen und ostdeutschen Community. Diese dient dazu, Privilegien und Besitzstände zu sichern und zu legitimieren. Vorurteile, Stereotype und Stigmatisierung tragen auch dazu bei, soziale und ökonomische Realitäten zu schaffen.

„Veranderung“: Ost-Migrantische Analogien

Die Legitimation sozialer Ungleichheit fußt auf Devianzkonstruktionen von sozialen Gruppen durch die Mehrheitsgesellschaft. Devianz beschreibt Verhaltensweisen, die mit den durch die Mehrheitsgesellschaft gesetzten geltenden Normen und Werten nicht übereinstimmen. Dies führt zu Stigmata, dann zu einer Generalisierung des Stigmas zu einer Charaktereigenschaft und letztlich zu weitverbreiteten Annahmen, dass bestimmte Gruppen sich auf der sozialen Leiter zu Recht „weiter unten“ befinden.

Eng damit verknüpft ist die Erfahrung, die Ostdeutsche und Migrant_innen miteinander verbindet: die Erfahrung des „Anders-gemacht-Werdens“ durch die Mehrheitsgesellschaft. Ostdeutsche und Migrant_innen werden dadurch von Zugehörigkeiten, Teilhabe und Privilegien ausgeschlossen.  

Für ihre Analyse nutzen die Autorinnen auch das Konzept der „strategischen Essentialisierung“, das auf Gayatri Spivak zurückgeht, einer Mitbegründerin der postkolonialen Theorie. Soziale Gruppen müssen in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung um Ungleichheit klar benannt werden, um Unterdrückungsverhältnisse zu kritisieren. Es handelt sich um einen politischen Akt, dessen man sich bedienen muss und der als Provokation dient.

Jedoch besteht in dieser Konstruktion der Mehrheitsgesellschaft die Chance für strategische Allianzen und Solidarisierungen zwischen den abgewerteten und ausgeschlossenen Gruppen. Dies würde beide Gruppen machtvoller machen, da sich der Blick auf die Mehrheitsgesellschaft richtet, diese bewertet und Mehrheitsverhältnisse infrage stellt.

Konservative und Rechtsradikale arbeiten beide mit  Begriffen wie Bedrohung, Dekadenz und Zerfall… Konservativ sind die Rechtsradikalen aber gerade nicht. Sie okkupieren den Begriff nur, um ihre Anschlussfähigkeit zu demonstrieren. Vielmehr sind sie, im Sinne von Theodor Adorno, Reaktionäre, „die liberale und konservative Ansichten lediglich als Deckmantel für letztlich destruktive Wünsche nutzen“.

Deutsch-deutsche Geschichte anders erzählt

Für Ostdeutsche und Migrant_innen zentrale Ereignisse werden in der Geschichtserzählung der Mehrheitsgesellschaft nur unzureichend wahrgenommen und verarbeitet. Emanzipatorische Prozesse werden dabei nicht anerkannt, sondern weggeschoben.

So beleuchtet das Buch auch die Schattenseiten der Deutschen Einheit für beide Gruppen. Die Autorinnen thematisieren die Deindustrialisierungspolitik der Treuhand, die massive Abwanderung aus dem Osten, die hohe Arbeitslosigkeit und die damit einhergehende soziale Deprivation ganzer Landstriche ebenso wie die rassistischen Realitäten in Ost- und Westdeutschland.

Zur Geschichte der deutschen Wiedervereinigung gehören nicht nur die Friedliche Revolution am 9. November 1989, sondern auch die rassistischen Ausschreitungen in Hoyerswerda 1991, die rechtsextremen Brandanschläge auf das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen 1992, der rechtsextreme Brandanschlag 1992 in Mölln, bei dem drei Menschen starben, und der rechtsextreme Mordanschlag von Solingen 1993, bei dem fünf Menschen ihr Leben verloren. [Jahresdaten zu Solingen und Mölln ergänzt, Reihenfolge geändert]

Eine weitere wichtige historische Zäsur ist die Umsetzung der Agenda 2010 und die Einführung von Hartz IV, einer Reform, die den durch hohe Arbeitslosigkeit gebeutelten Arbeitsmarkt in Ostdeutschland besonders hart traf. Auf eine freie Stelle im Osten kamen damals 32 Erwerbslose. Gegen die Reformen gab es 2003 und 2004 eine Vielzahl von Protesten im Osten, die jedoch ohne größere Erfolge wieder abflauten. Die Agenda 2010 traf im Westen vor allem auch Migrant_innen, die dort das lohnabhängige Milieu prägten.

Die damaligen Demonstrationen im Osten waren Montagsdemos, ähnlich wie die im Jahr 1989, doch riefen sie dieses Mal bei der Mehrheitsgesellschaft vor allem Abwertung und Verachtung hervor. Führende westdeutsche Politiker_innen kritisierten die Demonstrationen als „Zumutung“, „Beleidigung der Zivilcourage“ oder als „Schande“.

Die beiden Autor_innen skizzieren zudem die gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen von Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ auf Migrant_innen und Muslim_innen. In dem Moment, in dem immer mehr Menschen mit Migrationsgeschichte in Deutschland den Aufstieg schafften und ihren Platz am Tisch einforderten, wurden diese Aufstiege geleugnet und aggressiv bekämpft – von der Elite des Landes und der Mehrheitsgesellschaft. „Deutschland schafft sich ab“ ist mit mehr als 1,5 Millionen Exemplaren eines der meistverkauften Sachbücher der bundesdeutschen Geschichte. Es stellt damit eine Reaktion auf die vorangegangenen Emanzipationsprozesse von Migrant_innen und Muslim_innen dar. Der Hegemon – die deutsche Mehrheitsgesellschaft – hat ihre Macht demonstriert und Migrant_innen wieder auf ihre Plätze verwiesen. 

Exemplarisch zeigt sich dies auch an den Entwicklungen während des Sommers der Migration 2015. Foroutan beschreibt die Wirkung von 2015 als ein „Zurück-auf-Los“: als wären alle 21 Millionen bereits hier lebenden Menschen mit Migrationsgeschichte eben erst angekommen. Diskussionen um Zugehörigkeiten, Identitäten und Sprache haben in diesem Moment an Dringlichkeit verloren, da die materielle Versorgung der Geflüchteten im Vordergrund stand. Gleichzeitig wurden die schon lange in Deutschland lebenden Migrant_innen unsichtbar gemacht – und sie wurden nicht unter die Kategorie „deutsch“ subsummiert, sondern unter die der Fremden. Auch hier schob die Mehrheitsgesellschaft einen emanzipatorischen Prozess beiseite.

Ost-Migrantische Utopien

Seit 2015 erzählt sich Deutschland neu. Mit dem Sommer der Migration wurden die Bruchlinien in der deutschen Gesellschaft für alle sichtbar. Auf der einen Seite progressive Akteur_innen, auf der anderen Seite die eher dem Autoritären Zugeneigten. Im Zentrum des Konflikts: die Versprechen von Gleichheit, Teilhabe und Gerechtigkeit für alle.

Um diese Versprechen einzulösen, gibt es verschiedene Strategien: in kultureller Hinsicht u.a. Quoten für Ostdeutsche und Migrant_innen. Aber auch materielle Strategien sind notwendig, um das Versprechen von Gleichheit und Teilhabe einzulösen. Zudem müssen auch die Communitys gestärkt werden, um sie zu zentralen politischen Akteur_innen neben den Parteien zu machen und gesellschaftlichen Druck aufzubauen. Mit dem Verweis auf den französischen Ökonomen Thomas Piketty wird auch das Thema Umverteilung in den Blick genommen. Institutionell sollte ein eigenes Ministerium für diese Fragen eingerichtet oder analog zum Kabinettsausschuss gegen Rechtsextremismus und Rassismus ein eigenes Ost-Kabinett etabliert werden.

Bisher hat zudem keine Partei Ideen gegen jene gesellschaftlichen Ungleichheiten vorgelegt, die Migrant_innen und Ostdeutsche betreffen. Daran ist erkennbar, wie wenig Parteien Minderheiten oder marginalisierte Gruppen in den Blick nehmen. Sie fokussieren stattdessen auf eine imaginierte Mitte, von der unklar ist, wie sie sich zusammensetzt.

Dabei sind die für marginalisierte Gruppen wichtigen Themen insbesondere für die Sozialdemokratie von Belang, da sie nicht nur Fragen von Verteilung und Bildungsgerechtigkeit, sondern auch von sozialer Gerechtigkeit betreffen. Bei der SPD gibt es in dieser Hinsicht jedoch eine gewisse Desorientiertheit, da sie verkennt, wie eng nicht nur die Rassismus-, sondern auch die Geschlechterfrage mit der Klassenfrage verzahnt ist.


buch|votum

Naika Foroutan und Jana Hensel leuchten mit ihrem Gesprächsband nicht nur die vergangenen 30 Jahre deutscher Geschichte aus, sondern docken mit ihren tiefgehenden Analysen an aktuelle Debatten um Identität an. Das Buch ist besonders an den Stellen interessant, an denen die Autorinnen ihre fachlich fundierte Analyse mit der eigenen biografischen Erzählung verweben und sich ineinander wiederfinden und -erkennen. Durch ihre migrantische und ostdeutsche Perspektive hinterfragen sie vermeintliche Wahrheiten und ermöglichen der Mehrheitsgesellschaft den dringend notwendigen Blick in den Spiegel.

Wer die Pluralität der deutschen Gesellschaft besser verstehen will, ist bei diesem Buch an der richtigen Stelle. Insbesondere für Leser_innen, die sich bisher noch nicht mit der migrantischen und ostdeutschen Perspektive beschäftigt haben, hält es eine Vielzahl von Denkanstößen und auch Provokationen bereit.

Die beiden Autorinnen zeigen auf, wie gesellschaftliche Ausschlussmechanismen funktionieren, wie die „Anderen“ von der Mehrheitsgesellschaft konstruiert (?) werden und wie diese Mechanismen und Funktionsweisen unsere Gesellschaft in den zurückliegenden 30 Jahren entscheidend geprägt haben. Man muss diese Mechanismen erst verstehen, bevor man etwas dagegen tun kann. Die Autorinnen reflektieren sich und ihre Aussagen dabei pausenlos selbst. Dadurch werden auch die Leser_innen als stille Zuhörer_innen ständig eingeladen, sich zu verorten und zu hinterfragen. Wo bin ich Teil der Mehrheitsgesellschaft? Wann werden ich zum „Anderen“ gemacht?

Foroutans und Hensels Gespräch ist auch wichtig, insofern es einen möglichen Ausweg aus der mittlerweile oft redundanten Debatte über Identitätspolitik und Klassenpolitik aufzeigt. Identitätspolitik ist laut Foroutan und Hensel eigentlich nichts anderes als Anerkennungs- und Respektpolitik, die immer wieder die zentralen Versprechen unserer Demokratie einfordert – Sichtbarkeit, Gleichheit, Repräsentation.

Insbesondere Foroutan überzeugt im Gespräch mit Hensel mit ihrer theoriegeleiteten Argumentation und ihrem Rückgriff auf das Werk des britischen Soziologen Stuart Hall. Hall unterscheidet zwischen Identitätspolitik ersten und zweiten Grades. Identitätspolitik ersten Grades besagt, dass man sich als Gruppe konstituieren muss, um gegen Angriffe und Ungleichheiten vorzugehen. In der Identitätspolitik zweiten Grades braucht es Teile der Mehrheitsgesellschaft, um Druck auf demokratische Prozesse aufzubauen. Auf diesem Weg kann sich auch die Mehrheitsgesellschaft verändern.

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Verlag: Aufbau
Erschienen: 2020
Seiten: 356
EAN: 978-3-351-03811-3

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