SPRACHE
Leichte
Sprache
Menü

Rutger Bregman (2020): Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit. Hamburg: Rowohlt

Zur Verlagsseite

Kurzgefasst und eingeordnet von Carsten Schwäbe
Carsten Schwäbe hat Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaft studiert und arbeitet als Wissenschaftler im Bereich der Innovationsforschung an der Freien Universität Berlin.


buch|essenz

Kernaussagen

„Der Mensch ist von Natur aus böse.“ Dieser weitverbreiteten Meinung stellt sich Rutger Bregman entgegen. Ausgehend von seiner wissenschaftlichen Recherche zur Geschichte und Psychologie menschlichen Verhaltens argumentiert er dafür, den Menschen als „im Grunde gut“ zu betrachten. Zwar tun Menschen Böses, aber gerade wegen des negativen Bildes anderen Menschen gegenüber. Erst die Überwindung unseres Zerrbildes über uns als Menschheit wird dazu beitragen, eine gerechtere und ökologisch verantwortliche Gesellschaft zu schaffen.

Einordnung aus Sicht der Sozialen Demokratie

Bregman zeigt auf, dass wir in vielen Politikbereichen neu über unser Menschenbild nachdenken müssen. Das betrifft auch die Soziale Demokratie, die nach einer langen, schmerzhaften Debatte über die Neugestaltung von Hartz IV eine Überwindung von Sanktionen fordert. Um Menschen in ihrer inneren Motivation zu stärken, bedarf es aber laut Bregman einer breiten Strategie von der Bildung über die Unternehmensorganisation bis hin zur Weiterentwicklung unserer Demokratie. Als eine Bewegung, die von einem positiven Menschenbild ausgeht, kann die Soziale Demokratie diesen gesellschaftlichen Entwicklungsprozess in Gang setzen, aber nur, wenn sie auch selbst bereit ist, eigene alte Glaubenssätze neu zu hinterfragen.

Verlag: Rowohlt Verlag
Erschienen: 17.08.2021
Seiten: 480
ISBN: 978-3-499-00416-2


buch|autor

Rutger Bregman, geboren 1988, ist niederländischer Journalist und Autor. In seinen Büchern setzt er sich mit Utopien auseinander und wie sie realistisch werden können. Dabei argumentiert er für ein bedingungsloses Grundeinkommen, die 15-Stunden-Woche oder beim Weltwirtschaftsforum in Davos auch für eine deutlich höhere Besteuerung von Reichen und die Überwindung globaler Steuerflucht.


Rutger Bregman: buch|essenz anhören


buch|inhalt

„Der Mensch wird von Angst angetrieben. Die Angst vor dem anderen und die Angst vor dem Tod. Wir sehnen uns nach Sicherheit und haben ein fortwährendes und rastloses Verlangen nach immer neuer Macht, das nur mit dem Tode endet. Das Ergebnis? Ein Krieg jeder gegen jeden.“

So beschreibt Bregman das Menschenbild, das ausgehend von Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert westlich-liberales Denken bis heute prägt. Zivilisation sei lediglich eine Fassade, die das gewalttätige Verhalten überdeckt und schon bei kleineren Krisen einstürzt. Laut dieser Fassadentheorie könne der destruktiven Natur des Menschen nur mit der Aufgabe von Freiheit und einem zivilisierenden Staat begegnet werden.

Demgegenüber steht die Idee von Jean-Jacques Rousseau, dass erst die Zivilisation das Schlechte im Menschen hervorgebracht habe. Die Erfindung des Privateigentums führte dazu, dass Menschen sich über den Besitz von Ländern blutig zerstritten. Im Naturzustand gehörten die Früchte der Erde allen, die Erde selbst jedoch keinem. Bregman löst die Debatte über das Menschenbild durch eine interdisziplinäre Recherche – von der Anthropologie über die Biologie bis zur Psychologie.

„In diesem Buch werde ich nicht behaupten, dass wir alle uneingeschränkt gut sind. Menschen sind keine Engel. Wir haben eine gute und eine schlechte Seite, die Frage ist, welche Seite wir stärken wollen.“

Menschen sind besser als ihr Ruf

Blickt man auf die Evolutionsbiologie, so unterscheiden sich Menschen nicht durch eine höhere Intelligenz von Artverwandten wie Schimpansen oder Orang-Utans, sondern durch die sozialen Lernfähigkeiten. Menschen allein erröten bei einer emotionalen Reaktion oder geben ihre Blickrichtung durch das Weiße in den Augen preis, wohingegen alle anderen Primaten verdunkelte Augäpfel besitzen. Auf diese Weise sind wir ein offenes Buch für unsere Mitmenschen, was Kommunikation, Vertrauen und damit gegenseitiges Lernen erleichtert.

Während hohe Intelligenz den Erfindungsgeist fördert, geht sie oft mit einer geringeren sozialen Kompetenz einher. Je geringer die soziale Kompetenz ist, desto schwieriger wird das Lernen voneinander. Das soziale Lernen gilt jedoch als die größte Stärke des Menschen. Denn soziales Lernen ermöglicht eine schnellere kollektive Anpassung an neue Umweltentwicklungen. Die Neandertaler hingegen waren dazu nicht in der Lage; trotz ihrer individuell großen Intelligenz.

Auch die These, dass Menschen von Natur aus zu Gewalt neigen, ist aus heutiger Sicht wissenschaftlich nicht haltbar. Vergangene Studien, die die Gewaltneigung zu belegen glaubten, haben sich in vielerlei Hinsicht als methodisch falsch erwiesen. Zum Beispiel wurden in einer bekannten Studie zu Unrecht Tote als Opfer der Gewalt im untersuchten Volke gezählt, obwohl sie eigentlich von zivilisierten Nachbarn erschossen worden waren. Neue Studien zur Entwicklung von „Jägern und Sammler“-Gesellschaften belegen sogar die große Freundlichkeit der Menschen. Kleine Nomadengruppen reisen fortwährend, aber wenn sie sich treffen, dann essen und feiern sie gemeinsam und nicht selten vermischen sich die Gruppen immer wieder untereinander.

„Zum größten Teil unserer Geschichte haben wir nicht Besitztümer angehäuft, sondern Freundschaften.“

Auch Ausgrabungen des Homo sapiens aus der Zeit seines Naturzustandes, vor dem Beginn der Landwirtschaft, bieten keinerlei Beweise für eine massenhafte Gewaltneigung. Gewalt trat etwa bei Fehlverhalten Einzelner auf, die sich ohne Grund über die Interessen der Gruppe zu stellen versuchten. Gleichheit war innerhalb der Gruppe besonders wichtig. Von ihr wurde nur dann abgewichen, wenn ein Stammesmitglied durch eine Fähigkeit oder Kompetenz temporär der Gruppe als Ganzes helfen konnte. Im Vergleich zu den Neandertalern war Gleichheit in den Stämmen des Homo sapiens auch durch die Gleichberechtigung der Geschlechter viel stärker und führte zu einem vielfältigeren Netzwerk und einem intensiveren Wissensaustausch.

Wann begannen aber dann die ersten Kriege und warum? Nach der letzten Eiszeit vor 15.000 Jahren fingen Menschen an, sich im verbesserten Klima zwischen Nil und Tigris niederzulassen, weil dort besonders fruchtbare Natur zur Verfügung stand.

„Faszinierend ist, dass in genau dieser Periode nach dem Ende der Eiszeit auch die ersten Kriege ausbrechen. Genau zu der Zeit, als wir uns an einem Ort niederließen, errichteten wir auch die ersten militärischen Befestigungen, zeigt sich an archäologischen Untersuchungen. […] Es sind zahlreiche Skelettüberreste ausgegraben worden, die sich auf diese Zeit datieren lassen; sie zeigen deutliche Anzeichen von Gewalt. Wie konnte es so weit kommen? Wissenschaftler vermuten wenigstens zwei Ursachen. An erster Stelle gab es jetzt Besitz, um den man kämpfen konnte, vor allem um Land. An zweiter Stelle hat uns das sesshafte Leben misstrauischer gegenüber Fremden gemacht.“

Die wachsende Bevölkerung auf engstem Raum führte zu mehr Krankheit, mehr Landwirtschaft, mehr Arbeit und damit weniger Zeit für soziale Kontakte. Frauen wurden an den Hof gebunden. Die Obsession der Jungfräulichkeit vor der Ehe diente auch dem Schutz vor Geschlechtskrankheiten, die es vorher nicht gab. Eine Rückkehr zur alten Lebensweise war unmöglich, denn die größere Bevölkerung musste ernährt werden, das Wissen über Sammeln und Jagen ging verloren und die Weiterreise in andere Regionen hätte zu Konflikten mit den dortigen Bewohnern geführt. Vor vielen dieser Zivilisationsprobleme stehen die Menschen noch heute. Es ist noch offen, ob und wann wir es schaffen, diese Probleme zu lösen.

Warum gute Menschen Böses tun

Wenn Menschen im Grunde gut sein sollten, ergibt sich die Frage, wie Gewalt dann überhaupt entstehen kann und warum es in Zeiten der Zivilisation und der Moderne besonders krasse Formen der Gewalt gab und noch gibt.

„Das größte Verbrechen in der Geschichte der Menschheit wurde nicht in einem primitiven Land begangen. Es geschah in einem der reichsten Länder der Erde, dem Land von Kant und Goethe, Bach und Beethoven.“

Eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Menschen Böses tun, ist die Überzeugung, damit etwas Gutes zu erreichen. So waren die Gräueltaten der Nazis nicht einfach von oben herab vorgegeben. Vielmehr arbeitete der Apparat Hitler zu. Sie standen in einem Wettbewerb um die beste Umsetzung von Hitlers Ideologie, wodurch sie sich mit immer radikaleren Maßnahmen übertrafen.

„Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert. Aber das Böse ist nicht an der Oberfläche, es muss mit großer Mühe nach oben gepumpt werden. Und noch wichtiger: Es muss sich immer als das Gute tarnen.“

Auch die Philosophin Hannah Arendt zeigte sich während ihrer Beobachtung des Eichmann-Prozesses beunruhigt darüber, dass Adolf Eichmann schrecklich normal und seine Bosheit erschreckend banal erklärbar war. Nicht Gehorsamkeit, sondern Konformismus drängen den Menschen dazu, auch dann noch Böses zu tun, wenn es seiner eigentlichen Natur widerspricht.

Die deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg zum Beispiel waren bekannt für ihre Willensstärke. Interviews unter gefangenen Wehrmachtssoldaten zeigten jedoch, dass der Grund für ihre Moral nicht die starke Identifikation mit der Nazi-Ideologie war. Die Opferbereitschaft der Soldaten erwuchs aus der Freundschaft zueinander, die die Wehrmacht gezielt zu fördern wusste.

„Der Mechanismus, der uns zur liebenswertesten Spezies macht, hat uns auch in die grausamste Gattung auf dem Planeten verwandelt.“

Die Empathie zu unseren nächsten Mitmenschen kann uns blind dafür machen, welches Leid wir zum Wohle der einen anderen zufügen. Ähnlich verhält es sich mit dem Verhältnis der Menschen zu Macht. Experimente zu Gruppendynamiken unter jungen Menschen haben ergeben, dass eher die freundlichsten und sympathischsten eine Führungsrolle erlangen. Aber wenn Macht einmal erreicht wurde, ändert sich das Verhalten.

„Sie verhalten sich so, als hätten sie einen Hirnschaden erlitten. Im wörtlichen Sinne. Sie sind impulsiver, egoistischer, rücksichtsloser […].“

Unglücklicherweise verhält sich dieser Effekt auch umgekehrt. Fühlen sich Menschen machtlos, werden sie unsicher und zweifeln an sich. Hier handelt es sich um das Gegenteil des Placebos, den Nocebo-Effekt: Wird suggeriert, ein Medikament mache fälschlicherweise krank, fühlt sich auch der Patient so. Wenn aber Mächtige sich Überlegenheit und Machtlose sich Schwäche einreden, verstärkt dies das Auseinanderdriften noch weiter.

Ein realistischeres Menschenbild lohnt sich für alle

Erwartungen an uns haben so einen zentralen Einfluss auf unser Verhalten. Wie negativ beeinflussen uns aber dann die Regeln in Wirtschaft und Gesellschaft, die wesentlich von einem negativen, egoistischen Menschenbild geprägt sind? Studien belegen immer wieder einen negativen Effekt auf Regeln mit einem bestrafenden Charakter. Bußgelder führen nicht dazu, dass Menschen ihr Verhalten ändern, sondern werden als Kompensation für Regelbrüche akzeptiert. Ähnliches geschieht bei Anreizen: Wer nach Stunden bezahlt wird, bekommt mehr Arbeit in Stunden, aber nicht unbedingt eine qualitativ bessere Arbeit. Was diese Art von Regeln hingegen nicht direkt beeinflussen, ist die Kraft unserer inneren Motivation.

„Man denke ans Bergsteigen (anstrengend!), Freiwilligenarbeit (unbezahlt!) und Kinderkriegen (heftig!). Wir tun die ganze Zeit Dinge, die kein Geld einbringen und sogar sterbenslangweilig sind, ohne dazu gezwungen zu werden.“

Schulen oder Unternehmen setzen oft auf genaue Regeln, die diese innere Motivation nicht aktivieren. Dass es auch anders gehen kann, zeigt ein niederländisches Pflegeunternehmen. Um den Pflegeberuf wieder in den Vordergrund der Arbeit zu rücken, verzichtet es weitgehend auf Regeln und das Management. Die Teams von etwa 12 Pflegekräften planen ihre Woche selbst, stellen neues Personal eigenständig ein und unterscheiden nicht zwischen einer Vielzahl von Pflegeprodukten. Dies vereinfacht die Alltagsarbeit, macht die Teams produktiver und das Unternehmen zu einem beliebten Arbeitgeber. Die Teams konnten den großen Ermessenspielraum dazu nutzen, individuell auf die Bedürfnisse der Gepflegten und der Pflegenden einzugehen, was ihre innere Motivation stärkte. Ähnlich positive Effekte konnten Schulen erzielen, die den Kindern mehr Freiheiten bei Inhalten und Lernzielen überließen und Lehrkräfte mehr Raum und Zeit für eine individuellere, projektbezogene Betreuung gewährten.

Schließlich hat ein positives Menschenbild auch für unser individuelles Zusammenleben viele Vorteile. Gehen wir im Zweifelsfall vom Guten aus, können wir viele negative Vorurteile, die durch Medien verstärkt werden, überwinden. Wir erweitern unser Mitgefühl auch auf diejenigen, die nicht unserem unmittelbaren Umfeld entstammen, wenn wir Menschen grundsätzlich positiv betrachten. Wir vertiefen unser Verständnis, wenn wir uns auch auf Menschen mit anderen Auffassungen unvoreingenommen einlassen. Und indem wir selbst Menschen positiv zugewandt sind, schaffen wir positive Eindrücke auch für andere, sodass sich ein positives Menschenbild auch durch uns selbst verbreiten kann.


buch|votum

Rutger Bregman legt eine überzeugende Analyse über die positiven Eigenschaften der Menschen dar und schärft dadurch das eigene Bewusstsein für die Bedingungen, durch die Menschen von einem guten Weg abkommen. Das über 400 Seiten umfassende Werk ist mit vielen Geschichten und Fallbeispielen gespickt, die Bregman in seinem spannenden Erzählfluss miteinander verknüpft, ohne seine zentrale These aus den Augen zu verlieren: Als Individuen und als Gesellschaft müssen wir uns neu mit unserem Bild voneinander auseinandersetzen.

Das Menschenbild politischer Bewegungen prägt ihr politisches Programm. So war es auch bei der Sozialen Demokratie, die historisch gesehen die Idee der Solidarität und des Sozialstaates mit einem positiven Menschenbild begründete. Deswegen war die Einführung von Hartz IV Gegenstand harter Debatten, weil sie damit dem neoliberalen Zeitgeist mit einem skeptischen Menschenbild, insbesondere von Arbeitslosen, Rechnung trug. Hartz IV war verbunden mit einer Vielzahl von Regeln, durch die man zum Ausdruck brachte, dass man den Menschen nicht eigenständig zutraute, sich eine berufliche Perspektive aufzubauen. Das neue Sozialstaatskonzept von 2019 befriedete die Debatte durch die Forderung nach einem auskömmlichen Bürgergeld und die Überwindung von Sanktionen.

Ähnliche Debatten über unser Menschenbild stehen in vielen anderen Politikfeldern an, zum Beispiel dem Klimaschutz. Bemerkenswert ist dabei Bregmans Hinweis zum Menschenbild der Klimabewegung, die den Menschen ausschließlich auf seine negative Rolle als Ursache des Klimawandels reduziert.

„Zu viele Umweltschützer unterschätzen die Wehrhaftigkeit des Menschen. Und ich fürchte, dass ihr Zynismus zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden kann, ein Nocebo, das entmutigt und die Erderwärmung dadurch nur beschleunigt. Auch die Klimabewegung braucht einen neuen Realismus.“

Menschen stellen aber auch die Lösung für den Klimawandel dar, wenn sie in der Breite mobilisiert werden, neue Lösungen für das Wirtschaften und Zusammenleben zu finden. Das gilt für neue Mobilitätskonzepte in der Stadt genauso wie für eine Installation von Windkraftanlagen auf dem Land, die für die Menschen akzeptabel und profitabel sind. Wie Menschen auf dem Weg in Transformationsprozesse mitgenommen werden können, ist eine Herausforderung, die die repräsentative Demokratie allein wahrscheinlich schwierig zu gestalten vermag. Neue Instrumente direkter Beteiligung wie Bürgerhaushalte oder zufällig zusammengesetzte Bürgerräte könnten diese Prozesse auf lokaler Ebene anstoßen, wenn hierfür die politischen Rahmenbedingungen stimmen, etwa durch Beteiligungen der Leute an den Gewinnen örtlicher Windparks.

Zur Verlagsseite

nach oben