• Mitbestimmung

Demokratie beginnt im Kindergarten

Simone Schnase

Kinder sollen schon früh mitbestimmen und Entscheidungen treffen. Wie Kitas Partizipation umsetzen, reicht vom offenen Konzept bis zum Kinderparlament.

Kindergruppe auf Boden sitzend mit gehobener Hand.
Urheber: Boris Breuer/Fröbel e.V.

Demokratische Prinzipien erfahren Kinder durch Mitgestaltung, Teilhabe und Aushandlung. Kinderrechte und Demokratieerziehung sind dabei nicht nur Aufgabe von Eltern oder Schulen, sondern auch von Kitas. Das schreiben die Bildungs- und Erziehungspläne der Länder vor – und viele Einrichtungen setzen es um.

Zum Beispiel der Fröbel-Kindergarten Wakhegge im niedersächsischen Osnabrück. Hier gibt es keine geschlossene Gruppe, der ein Kind fest zugeordnet ist. „Dieses offene Konzept wird bundesweit bei Fröbel gelebt und gehört zu unserem Grundprinzip“, sagt Kita-Leiterin Marina Niermann. Zugrunde liegt diesem Konzept das pädagogische Leitbild, dessen Grundlage der Pädagoge Friedrich Fröbel bereits Anfang des 19. Jahrhunderts legte: Danach haben Kinder ein natürliches Bedürfnis nach Bildung und Entwicklung und ein Recht darauf, auf ihrem Weg kompetent begleitet und unterstützt zu werden. Geleitet von den drei Prinzipien Beziehung, Individualisierung und Partizipation soll für Kinder eine Umgebung geschaffen werden, in der ihre Selbstbildungspotenziale angeregt und unterstützt werden.

Kinder altersentsprechend einbeziehen

Konkret funktioniert das so: „Sowohl der Krippen- als auch der Elementarbereich haben keine Gruppenräume mit Ecken für Aktivitäten wie Lesen oder Bauen, sondern spezielle Themenräume“, sagt Niermann. Zwischen und in diesen Räumen können sich die Kinder frei bewegen und selbst bestimmen, womit und mit wem sie sich beschäftigen. Und: „Bereits mit Eintritt in die Kita werden die Kinder altersentsprechend in alle sie betreffenden Dinge einbezogen, denn wir möchten die Kinder befähigen, für sich selbst gute Entscheidungen zu treffen.“ Entscheidungen auch für andere könnten die Kinder ab einem Alter von ungefähr vier bis viereinhalb Jahren treffen. 

Die Zauberworte in der Fröbel-Kita lauten Partizipation und Entscheidungsfreiheit. Ein Kind versteht nicht, warum es bei Regen eine Matschhose tragen soll, wenn man es ihm nur erklärt. „Kommt das Kind mit einer nassen Hose vom Toben im Garten, besprechen wir seine Erfahrung später mit trockener Kleidung“, sagt Niermanns Stellvertreterin Annika Strenger. Auch beim Essen gibt es keine Zwänge: Die Kinder suchen sich aus, wann und ob sie essen.

Schon das achte Sozialgesetzbuch fordert, Kinder zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten zu entwickeln. Die UN-Kinderrechtskonvention garantiert ihnen das Recht auf freie Meinungsäußerung und Berücksichtigung ihrer Meinung. 

Kinder mit Empathie begleiten

Ob bei der Gestaltung des Gartens oder der Planung des Sommerfestes: Die Kinder in der Fröbel-Kita werden stets beteiligt und stimmen gemeinsam ab. Dabei gibt es aber auch Grenzen: „Zum Beispiel hängen Bauvorhaben auch vom Budget ab, da kann nicht immer alles umgesetzt werden“, sagt Annika Strenger. Bei vielen Entscheidungen stünden am Ende Kompromisse. Darüber werde mit den Kindern aber ebenfalls geredet: „Wichtig ist dabei immer ein sprachliches Begleiten, Empathie und die Perspektivübernahme des Kindes“. Und wenn es mal Streit gibt, helfen zu Streitschlichtern „ausgebildete“ Kinder und ein „Streitschlichterteppich“ dabei, den Konflikt gemeinsam zu lösen.

Die Osnabrücker Kita möchte die Kinder künftig noch stärker beteiligen: Sie plant innerhalb der nächsten zwei Jahre die Einrichtung eines Kinderparlaments, also eines Gremiums, durch das die Kinder bereits mit ganz konkreten Instrumenten der „Großen“ vertraut gemacht werden. Dafür, sagt Marina Niermann, benötige es allerdings einen gewissen Vorlauf: „Kinder müssen lernen, dass sie ernstgenommen werden und Gehör finden, aber auch, was Dinge wie Mehrheitsentscheidungen überhaupt bedeuten.“ Auch gefestigte Strukturen bei den Fachkräften seien hierfür nötig: „Die eignen wir uns mit Fortbildungen an, die innerhalb von Fröbel angeboten werden, und wir gehen mit Einrichtungen in den Austausch, die bereits ein Parlament haben.“

Bewährtes Kinderparlament in Neuwied

Eine Einrichtung, die sogar schon seit mehr als 15 Jahren ein Kinderparlament hat, ist die AWO-Kita „Am Schlosspark“ in Neuwied. Sie betreut nicht nur die ganz Kleinen, sondern wird nach der Schule auch von sechs- bis 14-jährigen Kinder besucht – eine Altersspanne, die zuerst fast komplett im Parlament vertreten war: „Aber weil die Unterschiede zwischen Drei- und 14-Jährigen zu groß sind, gibt es mittlerweile zwei Parlamente: eines für den Hort und eines für die Kinder bis sechs Jahre“, sagt Kita-Leiterin Anne Hertling. Wer kandidieren möchte, stellt sich mit einem Steckbrief vor, dann wird gemeinsam mit Steinen abgestimmt, „und anschließend gibt es natürlich auch eine Wahlparty“.

Auch sonst ähnelt das Kinderparlament in vielen Dingen der „Erwachsenenversion“: Einmal in der Woche tagt es, die Sitzungen werden protokolliert, die Ergebnisse an einer „Partizipationswand“ veröffentlicht. „Beim Kinderparlament erhalten Kinder Raum, eigene Themen einzubringen, miteinander ins Gespräch zu kommen, unterschiedliche Meinungen kennenzulernen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen”, sagt Hertlings Stellvertreterin Eva Cremer. Dabei gehe es aber nicht darum, dass die Kinder alles entscheiden dürften: „Sie erfahren vielmehr, wo sie selbst entscheiden können, wo Entscheidungen gemeinsam getroffen werden und wo Erwachsene Verantwortung übernehmen müssen.” 

Selbst kleine Kinder zeigen Teilhabe 

Je älter sie werden, umso mehr Interessen und Anliegen können die Kinder einbringen. Aber auch die ganz kleinen Kita-Kinder, davon sind die Erzieherinnen überzeugt, zeigten bereits sehr deutlich Beteiligung und Teilhabe, auch ohne Worte: „Ein Blick, eine Geste, das Hinwenden zu etwas, ein Kopfschütteln, das Wegschieben einer Hand, Freude oder Protest können deutliche Willensäußerungen sein. Unsere Aufgabe ist es, diese Signale wahrzunehmen, ernst zu nehmen und Kindern ihrem Entwicklungsstand entsprechend Entscheidungsmöglichkeiten zu eröffnen.” Deshalb überlege man auch, wie man ein Beteiligungsformat bereits für die „Nest”-Kinder ab einem halben Jahr umsetzen könne, sagt Anne Hertling.

Ein Kinderparlament allein, betont Eva Cremer, mache noch keine partizipative Kita. Demokratiebildung entstehe im Alltag – überall dort, „wo Erwachsene bereit sind, Kindern zuzuhören, ihre Perspektive ernst zu nehmen und die eigene pädagogische Macht zu reflektieren“.

Wie Demokratiebildung gelingt

Dass Kinderrechte und Demokratieerziehung Teil der vorschulischen Bildung sein sollen, legen die Bildungs- und Erziehungspläne der Länder fest – ob mit offenen Konzepten oder in Gruppen, ob mit Kinderparlament oder ohne, kurz: wie sie konkret umgesetzt werden, bleibt den Einrichtungen allerdings selbst vorbehalten. „Leider“, sagt dazu Anne Hertling und liegt damit auf einer Linie mit dem Entwicklungspsychologen Prof. Dr. Norbert Zmyj: Im VORAN-Interview bemängelt er mangelnde wissenschaftliche Grundlagen für das komplexe Thema Demokratiebildung bei Vorschulkindern. Für ihn wäre eine Art „Baukasten“ wünschenswert, mit dem Kitas flächendeckend verlässlich arbeiten könnten.

Den gibt es aber (noch) nicht, und so hängt die Ausgestaltung und Qualität der Demokratieerziehung am Engagement der jeweiligen Einrichtung. Die Neuwieder AWO-Kita hat für ihr Engagement im Jahr 2022 den städtischen „Kinderrechte Award“ erhalten. Denn, so damals die Begründung des Neuwieder Bürgermeisters und Jugenddezernenten: „Die AWO-Kindertagesstätte macht Kinderrechte kontinuierlich zum Thema ihrer pädagogischen Arbeit. Sie ist seit mehr als 15 Jahren ein stets verlässlicher Partner für die Stadt Neuwied, wenn es um die Umsetzung von Kinderrechten geht.“

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