Donnerstag, 24.10.19 18:00 - Westfälischer Industrieklub, Dortmund

Genossenschaften in der Plattformökonomie


Terminexport im ICS-Format

Für mehr Solidarität im digitalen Kapitalismus.

FES

Bild: FES

Bild: FES/GM

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Digitale Plattformen sind nicht nur ein zentraler Bestandteil des digitalen Kapitalismus, sie sind auch in unserem Alltag - bewusst oder unbewusst - ständig präsent. Ihre Dienste erweisen sich, ob nun beim Online-Einkauf auf Ebay oder Amazon, bei der Urlaubsbuchung über Airbnb oder der Essensbestellung per Liefer-App, auf den ersten Blick als vor allem  eines: praktisch.

Allerdings manifestieren sich gerade in der Ausgestaltung digitaler Plattformen auch die sozialen Herausforderungen des digitalen Kapitalismus, der in seiner jetzigen Form enorme Macht-Asymmetrien schafft und vor allem den Shareholdern der Monopol-Plattformen, wie Google, Amazon und Facebook, zugutekommt.

Genossenschaftlich organisierte Plattformen eröffnen dabei die Chance für eine gemeinwohlorientierte Alternative der Plattformökonomie.

Die Diskussion um kooperative Plattformmodelle zum jetzigen Zeitpunkt ist umso wichtiger, da deutsche und europäische Akteure im Vergleich mit den USA in der Plattformökonomie noch eine marginale Rolle spielen. Damit künftig entstehende Plattformen mehr sind als Nachahmungen der bekannten Tech-Giganten, braucht es eine gesellschaftliche und politische Auseinandersetzung mit Alternativen. In den letzten Jahren sind verstärkt Plattformmodelle entstanden, die genossenschaftlich organisiert sind und das Versprechen einer solidarischeren Plattformökonomie wecken. Doch sehen sich solche Kooperativen oft politisch schwierigen Rahmenbedingungen gegenüber.

Mit der Veranstaltung wurde, wenige Tage vor Eröffnung des Digitalgipfels der Bundesregierung, der sich dieses Jahr mit Plattformökonomie beschäftigte, einen Akzent auf die Potenziale von solidarischen Plattformmodellen gesetzt. Die zentrale Frage dabei war: Wie kann eine solidarische Plattformökonomie aussehen und welche politischen Rahmenbedingungen werden dafür benötigt?

Wie kann der digitale Kapitalismus fairer gestaltet werden?

Claudia Henke, Soziologin, Wirtschaftswissenschaftlerin und Mitbegründerin der h3-o Genossenschaft eröffnete die Veranstaltung im Westfälischen Industrieklub in Dortmund mit einem Impulsvortrag, der die Probleme und Chancen der Thematik skizzierte:

Als Nutzer und Nutzerin digitaler Plattformen würde man oftmals vergessen, dass man nicht nur Kunde ist, sondern auch selbst das Produkt darstellt, so Claudia Henke. Das nicht immer ganz augenscheinliche Geschäftsmodell beruht neben der Vermittlung von Waren und Dienstleistungen ja vor allem darauf riesige Datensätze zu erschaffen. „Durch die Nutzung liefern wir Daten ohne zu wissen, was mit ihnen passiert, geschweige denn Einfluss darauf zu haben.“

Zudem wurde in letzter Zeit auch immer wieder sichtbar, dass die Beschäftigten digitaler Plattformen vor besondere Probleme gestellt sind, wenn  es darum geht ihre Interessen geltend zu machen. Als Uber-Fahrer etwa ist es kaum möglich, sich untereinander zu solidarisieren, weil nicht im altbekannten Sinne Unternehmensstrukturen bestehen.

„Wir müssen erkennen“, so Claudia Henke, „dass die Existenz digitaler Plattformen massiv auf die Struktur unserer Gesellschaften einwirken. Die kompletten Wohnungsmärkte wurden durch Airbnb auf den Kopf gestellt, ebenso wie der Einzelhandel durch die Konkurrenz der großen Online-Anbieter: Das macht was mit unserer Gesellschaft“ konstatiert Henke. Und weil die Auswirkungen, wie schon angedeutet, beileibe nicht nur positiv sind, müssen wir „die Konzepte anders denken, und zwar von den Bedürfnissen der Menschen aus“ so der Appell von Claudia Henke.

Dazu gehört eine demokratische Organisation. Wie das in der Praxis aussehen kann, führt die Plattform „Fairbnb“ momentan vor. Zwar steckt die Initiative, die eine faire Variante des „Originals“ darstellt, noch in den Kinderschuhen, aber die Grundidee taugt jetzt schon als Vision. Bei Fairbnb können Menschen ihren Wohnraum vermieten, aber nur vorübergehend, wenn sie selbst verreist sind. Die Hälfte der Einnahmen wird an faire Tourismusunternehmen gespendet. Durch die genossenschaftliche Organisation gewährleistet es nicht nur die demokratische Teilhabe der Anteilseigner, sondern übernimmt auch darüber hinaus Verantwortung und integriert das Umfeld. Dies sei ein „total spannendes Modellprojekt“ so Claudia Henke und fasst zusammen: „Die genossenschaftliche Organisationsform bietet eine Chance den digitalen Kapitalismus fairer zu machen.“

Alte Verteilungsfragen brauchen im digitalen Kapitalismus neue Lösungen

An der Paneldiskussion nahmen neben Claudia Henke außerdem Dr. Jan Felix Schrape, Soziologe und akademischer Mitarbeiter am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Stuttgart, Christina Kampmann, Mitglied der Landtags in NRW und Sprecherin im Digitalausschuss sowie Markus Sauerhammer, Vorsitzender des Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland teil.

Dr. Christian Tribowski, Branchenanalyst im Handelsblatt Research Institute, der durch den weiteren Abend führte, eröffnete die Diskussion mit einer knappen Erläuterung seines eigenen Bezugs zu dem Thema. Selbst aus der Medienbranche kommend, sei sein Interesse den digitalen Kapitalismus kritisch zu reflektieren genuin, da insbesondere auch die konventionellen Medien mit den Herausforderungen des digitalen Kapitalismus zu kämpfen hätte.

So eröffnet er mit der Frage, ob die Machtasymmetrien tatsächlich so anders seien, als wir sie bisher aus dem Kapitalismus kennen? Der allgemeine Tenor der Diskutanten ließ erkennen, nein die Probleme sind nicht grundlegend neu, aber verlangten trotzdem nach Lösungen, die auf die Spezifika des digitalen Kapitalismus angepasst seien.

„Es ist Aufgabe der Politik dafür zu sorgen, dass  Macht und Information fair verteilt werden. Der Entwicklung eines neuen digitalen Prekariats muss dringend Einhalt geboten werden,“ so der Appell von Christina Kampmann. Markus Sauerhammer richtete scharfe Kritik an die Politik: „Immer und überall höre ich, wir wollen eine Digitalisierung zum Wohle der Menschen` schaffen. Das ist zynisch – weil das Gegenteil ist der Fall!“. Ein Blick in die Nachbarländer lohne, um zu sehen wie es anders sein könnte. Innovationen wie crowd-founding oder crowd-investing seine in Deutschland in den letzten Jahren aufgrund von rechtlichen Grundlagen zum Erliegen gekommen. In anderen Ländern wie Frankreich oder England, seien diese Trends „durch die Decke gegangen“ so Markus Sauerhammer. Die „reaktionären“ Strukturen seien schuld.

Genossenschaftsgründung als „soziale Innovation“

Claudia Henke pflichtet bei, tatsächlich fehlten unterstützende Rahmenbedingungen. Es fehle die Anerkennung, dass die Gründung einer Genossenschaft in vielen Bereichen Neuland und damit ein großes Risiko ist. Das heißt einerseits müsse die genossenschaftliche Organisationsform stärker beworben werden und andererseits müsse es einen Experimentierraum geben. In der Technikbranche ist es anerkannt, dass auf dem Weg zu einer neuen Erfindung Prototypen gebaut werden. Bei sozialen Innovationen fehlen derzeit Freiräume mit vermindertem Risiko zum Ausprobieren.

Auch Dr. Jan-Felix Schrape sah eine dauerhafte längerfristige Förderung über die typischen Förderperioden hinaus als dringend notwendig. Dabei müsse eben auch in Kauf genommen werden, dass neun von zehn Projekten vielleicht nicht funktionierten.

Ein weiteres großes Problem, sahen die Diskutant_innen in der Finanzierung. Als Gründer_in einer Genossenschaft sei man stark benachteiligt, weil man automatisch von vielen Finanzierungsmodellen ausgeschlossen sei. Das läge daran, so Claudia Henke, dass die bestehenden „Kreditvergabesystems darauf ausgelegt sind, dass es eine verantwortliche Person gibt“.

Das Resultat dieser erschwerten Bedingungen für Genossenschaftsgründungen in Deutschland lässt sich auch an den Zahlen erkennen. Während es in Deutschland ca. 8000 Genossenschaften gäbe, seien es in Italien mit ca. 80.000 zehnmal so viele. Es müsse dringend und bald gehandelt werden, so Claudia Henke: „Wir haben ein historisches Fenster der Innovation. Die Akteure stehen bereit, wir haben die Expertise, die Techniken, nur die Rahmenbedingungen fehlen.“

„Wir brauchen Pioniere!“

Genossenschaftliche Organisationsformen spielen in der digitalen Welt bisher kaum eine Rolle. In der Diskussion kristallisierte sich heraus, dass es nicht an proaktiven Akteuren fehlt, sondern die rechtlichen Bedingungen ungünstig und mehr noch, teils gar zum Hemmstein werden. Die Diskutanten zeigten sich darüber einig, dass dringend politischer Handlungsbedarf besteht.

Auch Christina Kampmann bestätigt das „große Potenzial“ der genossenschaftlichen Organisationsform im digitalen Bereich. Förderung und gleichwertige Finanzierungssysteme seinen ein wichtiger Teil der Lösung, um den digitalen Kapitalismus solidarischer zu gestalten. Ein zweiter Baustein sei, so Christina Kampmann, die Marktmacht der großen Konzerne durch Regulierungen einzuhegen.

„Wir brauchen Pioniere!“, um einen Wandel anzustoßen, appelliert Markus Sauerhammer. Pioniere, die zu Vorbildern werden können.

Text: Marlene Drexler
Redaktion: Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro NRW

 

Arbeitseinheit: Landesbüro NRW


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