• Publikation
  • Internationale Gemeinschaft und Zivilgesellschaft

FES-Umfrage: Lateinamerika blickt kritischer auf Deutschland und Europa

Sebastian Sperling
Ein Mann schaut sich Charts auf einem Blatt Papier an.
Urheber: Büro Nancy Faeser / Melanie Arnold
Die Unsicherheit navigieren: lateinamerikanische Perspektiven auf Europa und die Welt

Die Unsicherheit navigieren: lateinamerikanische Perspektiven auf Europa und die Welt

González, Guadalupe ; Hirst, Monica ; Luján, Carlos ; Romero, Carlos A. ; Tokatlián, Juan Gabriel | Bonn : Friedrich-Ebert-Stiftung, April 2026

AMLAT Radar 2026

Zum Download (PDF)

Europa verliert in Lateinamerika drastisch an Ansehen. Viele bewundern China als Führungsmacht bei Zukunftsthemen. Doch die Region will keine neuen Blöcke, sondern Partner auf Augenhöhe und strategische Zusammenarbeit.

Deutschland und Europa suchen angesichts der aktuellen geopolitischen Turbulenzen weltweit den Schulterschluss mit anderen Mittelmächten. Viele dieser Mittelmächte befinden sich in Lateinamerika. Deren Bevölkerungen blicken mit ähnlichen Sorgen auf die Weltlage. Dies belegt der AMLAT-Radar 2026 (América Latina Radar), eine von der FES in zehn lateinamerikanischen Ländern durchgeführte Umfrage. Die Ergebnisse wurden nun auch in Berlin vorgestellt. Sie beinhalten einen Weckruf und Hoffnungsschimmer zugleich.

Im Vergleich zur ersten Auflage der Umfrage 2021/22 springt zunächst der dramatische Ansehensverlust des bisherigen Westens ins Auge. Die aktuelle US-Außenpolitik wird von den lateinamerikanischen Gesellschaften extrem kritisch gesehen. Keine globale Führungsfigur generiert mehr Misstrauen auf dem Kontinent als Präsident Trump. Europa wird als von den USA weniger unabhängig wahrgenommen als noch vor vier Jahren. Zwar wird die Kooperation mit Europa in Lateinamerika weniger kritisch bewertet als die mit den USA, jedoch wird sie zugleich als weniger greifbar wahrgenommen. Europas grundsätzlich positives Image in Lateinamerika verblasst drastisch und Europas Integrations- und Entwicklungsmodelle verlieren an Attraktivität. Deutschland gilt zwar weiterhin als die wichtigste Führungsmacht in Europa, hat aber ebenfalls in allen Belangen an Ansehen verloren.

Der Blick Lateinamerikas geht zunehmend in Richtung Asien. China hat die USA als bevorzugtes Entwicklungsmodell abgelöst und wird mit einem Gefühl der Bewunderung als unangefochtene Führungsmacht in Zukunftsthemen wie technologischer Entwicklung und Künstlicher Intelligenz gesehen. China gilt als bevorzugter Partner nicht nur in den Bereichen Technologie, Handel und Infrastruktur, sondern auch in Kultur und Bildung.

Keine Lust auf Blockdenken

Europa sollte den Ansehensgewinn Chinas nicht als Problem interpretieren. Die Daten des AMLAT-Radars legen für Europa vielmehr weiterhin eine sehr relevante komplementäre Rolle nahe, unter anderem auch als normative Macht. Von neuer globaler Blockbildung will man in Lateinamerika schließlich auch nichts wissen: Partnern wie China, den USA und Europa weist man unterschiedliche Rollen zu – und legt Wert darauf, die Beziehungen zu diesen selbstbestimmt zu gestalten.

Gerade bei den Themen, die weit oben auf der lateinamerikanischen Sorgenliste rangieren, wird Europa weiterhin – wenn auch weniger ausgeprägt als noch vor vier Jahren – als führende Kraft gesehen: Menschenrechte, humanitäre Hilfe, Umwelt- und Klimaschutz, Frieden, Verteidigung des internationalen Rechts, Armutsbekämpfung und Kampf gegen Ungleichheit. Von der Zusammenarbeit mit Europa versprechen sich die Lateinamerikaner:innen in erster Linie Finanzierung und Investitionen, aber dies eben auch verbunden mit der Stärkung von Menschenrechten und der Bekämpfung der Ungleichheit. Die drei Themen, in denen Europa im Vergleich mit den USA und China am ehesten als Partner gesehen wird, markieren eine progressive Agenda: Umweltschutz, Bekämpfung von Armut und Ungleichheit und die Stärkung der Demokratie.

Rolle Europas als gleichwertiger Partner

Es ist höchste Zeit, dass Europa seine Zusammenarbeit mit diesem Kontinent der Mittelmächte in diesen Themen wieder intensiviert – so ein Ergebnis der politischen Gespräche in Berlin auf Basis des AMLAT-Radars. „Als gleichwertiger Partner – nicht als Kooperationsempfänger oder Anhängsel“, wie Monica Hirst, brasilianische Co-Autorin des Analyseberichts, in ihren Gesprächen im Bundestag betonte. Auf Regierungsebene ist dies aktuell nicht überall gleichermaßen einfach. Auf gesellschaftlicher Eben, und das zeigt der AMLAT-Radar deutlich, mangelt es jedoch nicht an Kooperationsbereitschaft und -erwartungen gegenüber Europa.

Über den AMLAT-Radar 2026

Die Umfrage entstand in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift Nueva Sociedad, Latinobarómetro und der Expert:innengruppe „Diálogo y Paz“. Der Analysebericht ist auf Deutsch, Spanisch, Englisch und Portugiesisch verfügbar. Die vollständigen Daten sind auf amlatradar.org frei zugänglich. Auf Basis der Ergebnisse fördert die FES in den kommenden Monaten weitere Diskussionen zur Gestaltung globaler Zusammenarbeit in Lateinamerika sowie in Lissabon, Wien, Brüssel, Madrid, Shanghai und Washington.

Die FES fördert auf Basis der Ergebnisse in den kommenden Monaten weitere Diskussionen zur Gestaltung globaler Zusammenarbeit in den Ländern Lateinamerikas sowie in Lissabon, Wien, Brüssel, Madrid, Shanghai und Washington.  


Kontakt

Verwandte Publikationen

nach oben