• Klimawandel, Energie und Umwelt |
  • Gewerkschaften und gute Arbeit

Wenn Länder klimafreundlicher wirtschaften: Was ändert sich für die Beschäftigten?

Nicha Wachpanich

Der Umbau zu einer CO₂-armen Wirtschaft verändert ganze Industrien und damit das Leben vieler Menschen. Der Just-Transition-Mechanismus (JTM) soll verhindern, dass Beschäftigte und betroffene Gemeinschaften zurückgelassen werden.

Auf einer glühend heißen Straße gegenüber dem thailändischen Regierungsgebäude standen rund 500 Beschäftigte aus der Autozulieferindustrie, während ihr Gewerkschaftsführer mit Regierungsvertreter:innen verhandelte. Sie sorgten sich um mögliche Arbeitsplatzverluste durch den jüngsten Anstieg chinesischer Elektrofahrzeugimporte.

„Wir sind nicht gegen den Umstieg auf Elektrofahrzeuge, aber wir wollen einen gerechten Wandel. Einen Wandel, den wir alle gemeinsam durchlaufen“, sagte Tawatch Pakdeesakonwong, 51, Beschäftigter in einem Honda-Werk und Mitglied einer Gewerkschaft der Autozulieferindustrie.

Thailand wird seit Langem als „Detroit Asiens“ bezeichnet. Das Land ist Südostasiens größter automobiler Produktionshub und traditionell von japanischen Herstellern geprägt. Doch angesichts chinesischer Skaleneffekte und staatlicher Subventionen in Thailand setzt der Zustrom chinesischer Elektrofahrzeuge traditionelle Autohersteller unter Druck. Damit ist auch die Arbeitsplatzsicherheit von mehr als 850.000 Beschäftigten der Branche gefährdet.

„Das ist die Branche, um die sich mein ganzes Leben dreht. Aber jetzt haben wir weniger Aufträge, was zu kürzeren Arbeitszeiten, gekürzten Prämien und Stellenabbau führt“, erklärte Tawatch, der vor 30 Jahren direkt nach der Berufsschule in die Branche eingestiegen ist. „So sehr es in der Verantwortung unseres Arbeitgebers liegt, das Unternehmen am Leben zu erhalten, so sehr liegt es auch in der Verantwortung unserer Regierung, faire Handelsregeln für die Autozulieferindustrie festzulegen.“

Unterstützt von ihren Arbeitgebern argumentieren die protestierenden Beschäftigten, dass die thailändische Regierung chinesische Elektroautos übermäßig subventioniert, während sie es versäumt, Vorschriften durchzusetzen, die lokale Beschäftigung und die Beschaffung von Materialien im Inland fördern würden.

Tawatchs Erfahrung zeigt ein Problem, das viele Länder beim Umbau ihrer Wirtschaft beschäftigt: Wie lässt sich Klimaschutz so gestalten, dass Beschäftigte nicht die Hauptlast des Wandels tragen? Die Forderungen der thailändischen Autozulieferer stehen damit im Einklang mit der weltweiten Forderung nach einem „gerechten Übergang“. Dieser Ansatz stellt Beschäftigte in den Mittelpunkt des Wandels hin zu einer CO₂-armen Wirtschaft.

Als Teil dieser breiteren Bewegung drängen Gewerkschafter:innen und Klimaaktivist:innen darauf, dass auf dem bevorstehenden Weltklimagipfel im November (COP31) ein neuer Schutzmechanismus verabschiedet wird.

Der Just-Transition-Mechanismus

Der vorgeschlagene Just-Transition-Mechanismus wäre selbst kein neues Förderprogramm. Stattdessen würde er internationale Zusammenarbeit, Wissensaustausch und technische Unterstützung koordinieren und Maßnahmen auf Länderebene begleiten, etwa durch nationale Anlaufstellen für den gerechten Wandel und praxisnahe Leitfäden für politische Ansätze.

„Just Transition“ bedeutet, Klimaschutz sozial gerecht zu gestalten. Beim Übergang zu einer CO₂-armen Wirtschaft soll sichergestellt werden, dass die Chancen des Wandels breit geteilt und negative Auswirkungen auf Beschäftigte, betroffene Gemeinschaften und besonders schutzbedürftige Gruppen begrenzt werden. Gleichzeitig muss die Wirtschaft tragfähig bleiben.

Aber was bedeutet das in der Praxis?

Im Verkehrssektor führt die Umstellung von Verbrennungsmotoren auf Elektrofahrzeuge dazu, dass neue Hersteller auf den Markt drängen, während traditionelle Hersteller Umsatzeinbußen hinnehmen müssen. Maßnahmen für einen gerechten Übergang wie Umschulungen oder Versetzungen können helfen, plötzliche Arbeitsplatzverluste abzufedern.

Das gilt für die gesamte Lieferkette. Auch die Arbeitsrechte der Beschäftigten im Bereich kritischer Mineralien, die für die Herstellung von Batterien für Elektrofahrzeuge benötigt werden, müssen geschützt werden. Berichte haben schwere Menschenrechtsverletzungen im kriegsgeschüttelten Myanmar aufgezeigt, wo ein Bergbauunternehmen für Seltene Erden Gefangene und Opfer von Menschenhandel für Zwangsarbeit eingesetzt haben soll.

Auch die Arbeitssicherheit ist ein wichtiger Aspekt. Extreme Wetterereignisse wie Hitze und Überschwemmungen treffen einkommensschwache Länder unverhältnismäßig stark. Erst im März dieses Jahres sind mehr als 70 Beschäftigte in einer Handtaschenfabrik in Kambodscha ohnmächtig geworden, weil sie bei extremer Hitze in schlecht belüfteten Räumen arbeiten mussten.

Bert De Wel, Referent für Klimapolitik beim Internationalen Gewerkschaftsbund, betonte, dass der JTM dazu beitragen könne, Klimaschutzmaßnahmen umzusetzen und Beschäftigte dabei zu unterstützen, sich gewerkschaftlich zu organisieren und in den Dialog zu treten. „Gewerkschaften brauchen einen Platz am Verhandlungstisch für den Klimaschutz.“

Wird der gerechte Übergang Klimaschutzmaßnahmen verzögern?
 

Die Antwort vieler zivilgesellschaftlicher Akteure lautet: Nein.

Man stelle sich eine Region vor, die seit Jahrzehnten von der Kohle abhängig ist. Ein geplanter Ausstieg gibt Regierungen Zeit, neue Arbeitsplätze zu schaffen und erneuerbare Energien auszubauen, während der Strom bezahlbar bleibt.

Ausgehend von den Diskussionen auf dem „Just Transition Forum Asia 2026“, das im September stattfand, sind zivilgesellschaftliche Organisationen zuversichtlich, dass ein gerechter Übergang die Klimaschutzbemühungen nicht behindern, sondern vielmehr voranbringen und uns dem Ziel der Dekarbonisierung näherbringen wird. 

„Ein gerechter Wandel muss uns helfen, mehrere Ziele zu erreichen, darunter den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen, Klimagerechtigkeit und die Gewährleistung, dass Länder den Wohlstand ihrer Bevölkerung sichern können. Daher ist der gerechte Wandel der Schlüssel“, erklärte Anabella Rosemberg, leitende Beraterin für gerechten Wandel beim Climate Action Network International.

Worüber streiten wir eigentlich noch?

Der zentrale Streitpunkt ist, was der Mechanismus leisten soll und wer die Kosten des Wandels trägt. Entwicklungsländer, darunter die G77+China, haben sich für einen Mechanismus eingesetzt, der die nationale Umsetzung unterstützen kann, einschließlich des Zugangs zu zuschussbasierter Finanzierung und Technologietransfer.

Die EU, Großbritannien, Kanada und Australien haben infrage gestellt, ob ein neuer Mechanismus zusätzliche finanzielle Verpflichtungen mit sich bringen sollte. Kritiker wie Norwegen haben zudem argumentiert, dass Übergangsbemühungen besser durch die Stärkung bestehender Institutionen vorangebracht werden sollten, anstatt eine neue zu schaffen, die Jahre brauchen könnte. Auch Japan wurde von der Zivilgesellschaft dafür kritisiert, weitere Studien gefordert zu haben.

Für Beschäftigte wie Tawatch geht es bei der Debatte letztlich weniger um institutionelle Modelle als um eine konkrete Frage: ob der Wandel ihre Existenzgrundlage schützt.

Die 31. UN-Klimakonferenz (COP31) wird daher zeigen, ob die Regierungen das Prinzip des gerechten Übergangs in einen Rahmen umsetzen können, der Beschäftigten und betroffenen Gemeinschaften eine wirkungsvolle Rolle dabei einräumt, den Wandel ihrer Wirtschaft mitzugestalten.

Zur Person

Nicha Wachpanich ist eine in Bangkok lebende Journalistin. Sie berichtet aus einer menschenrechtsbasierten Perspektive und stellt dabei die Erfahrungen der Menschen in den Mittelpunkt. Zuvor arbeitete sie für eine lokale Umwelt-Nachrichtenagentur der Thai Society of Environmental Journalists. Auf Twitter ist sie unter @NichaWpn zu finden.

Das Just Transition Forum Asia

Seit 2021 bringt das Just Transition Forum Asia (JTFA) politische Entscheidungsträger:innen, Gewerkschaften, Unternehmen, Zivilgesellschaft sowie Jugend- und Frauenorganisationen zusammen, um eine gerechtere und inklusivere Energiezukunft in Asien zu gestalten. Organisiert wird das Forum vom FES Regional Climate and Energy Project in Asia gemeinsam mit dem Climate Action Network Southeast Asia (CANSEA).
Das Forum verbindet globale Klimapolitik mit den Erfahrungen von Beschäftigten und Gemeinschaften vor Ort. Dabei stehen drei Fragen im Zentrum: Wessen Wandel hin zu einer klimagerechten Gesellschaft ist es? Wer kann mitentscheiden? Und zu welchen Bedingungen?
 


Kontakt

Friedrich-Ebert-Stiftung Berlin

Verwandte Artikel

nach oben