Publikation Gender Weltweit Versteckte Subvention 02.11.2026 Arimbi Wahono Sorgearbeit von Frauen subventioniert den Kapitalismus, gerade in Krisenzeiten. Anlässlich des Internationalen Tages für Frauen in der informellen Wirtschaft zeigen wir am Beispiel Simbabwes, wie die Kosten einer extraktiven Weltwirtschaft auf Frauen abgewälzt werden. Bild: Ersteller: picture alliance / Ikon Images | Stuart Kinlough Indirect impacts of the tariffs on women in the informal sector in Zimbabwe Wahono, Arimbi | Bonn : Friedrich-Ebert-Stiftung e.V., September 2026 Zum Download (PDF) Zur Website der Gesamtstudie Wer zahlt für die Polykrise? Das Schlagwort „Polykrise“ ist längst alltäglich geworden. Die Lage wird zudem durch die Schuldenkrise vieler Staaten, den ökologischen Kollaps, Gegenwind für Bewegungen, die sich für Geschlechtergerechtigkeit und Menschenrechte einsetzen, den Aufstieg einer gut vernetzten und finanzierten extremen Rechten, Krieg sowie wiederkehrende Rohstoff- und Preisschocks weiter verschärft. Feministische Ökonominnen argumentieren seit Langem, dass diese Krisen kein Zufall sind. Vielmehr werden sie von einer Weltwirtschaft hervorgebracht, die auf Extraktion beruht und Kosten nach unten abwälzt: von Staaten auf Haushalte – und in den Haushalten weiter auf Frauen und Mädchen. Sie leisten damit einen überproportionalen Anteil der unbezahlten Sorgearbeit. Die Situation von Frauen in der informellen Wirtschaft Simbabwes zeigt ganz konkret, wie sich diese Dynamik der Extraktion auswirkt. Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran, die Auflösung von USAID und der Einsatz von Gesundheitsfinanzierung als Druckmittel führen dazu, dass Frauen und Mädchen mit steigenden Lebenshaltungskosten, einer zunehmenden Belastung durch Sorgearbeit und einem erschwerten Zugang zu angemessener Gesundheitsversorgung konfrontiert sind. Der Kapitalismus ist grundsätzlich abhängig von Arbeit, für die er nicht bezahlt. Sorgearbeit als versteckte Subvention für einen Kapitalismus in der Dauerkrise Der Kapitalismus ist grundsätzlich abhängig von Arbeit, für die er nicht bezahlt. Laut Nancy Fraser profitiert die Wirtschaft kostenlos von Sorgearbeit, alltäglicher Versorgung und sozialen Gemeinschaften. Sie halten Menschen am Leben und machen sie zu „produktiven” Mitgliedern der Erwerbsbevölkerung. Die Wirtschaft misst dieser Arbeit aber keinen monetären Wert bei. Das Ausmaß der unbezahlten Sorgearbeit von Frauen ist beträchtlich. Frauen leisten weltweit rund drei Viertel der unbezahlten Sorgearbeit, deren wirtschaftlichen Wert die ILO auf rund 9 Prozent des weltweiten BIP beziffert. Unbezahlte Sorgearbeit von Frauen im Globalen Süden wirkt faktisch wie eine verborgene Subvention für Produktion und Konsum, von der vor allem der Globale Norden profitiert. Hickel et al. schätzen, dass sich der Globale Norden zwischen 1990 und 2015 Netto-Ressourcen und Arbeitsleistungen im Wert von schätzungsweise 10,8 Billionen US-Dollar aus dem Globalen Süden aneignete. Das ist das 70-Fache der Summe, die nötig wäre, um extreme Armut weltweit zu beenden. In einem extraktiven System, in dem die Staaten des Globalen Südens nur begrenzte Möglichkeiten haben, inländische Ressourcen zu mobilisieren und in öffentliche Dienstleistungen zu investieren, sind es Frauen und Mädchen die unbezahlte Sorgearbeit leisten, die sicherstellt, dass Arbeitskräfte erhalten bleiben. Deren unterbezahlte Arbeit und Ressourcen kommen wiederum in großem Umfang dem Globalen Norden zugute. Frauen fungierten als Krisenpuffer,... In Krisenzeiten verstärkt sich diese versteckte Subvention. Im Zuge der Strukturanpassungsprogramme, die der Globale Norden dem Globalen Süden auferlegte, zeigte Diane Elson auf, dass Kürzungen bei öffentlichen Dienstleistungen in Staaten des Globalen Südens dazu führten, dass die Kosten für Sorgearbeit auf die unbezahlte Arbeitszeit von Frauen abgewälzt wurden. Davon waren vor allem Frauen betroffen, die in Armut lebten. Studien, die während der Nahrungsmittel-, Energie- und Finanzkrisen der Jahre 2008 bis 2011 in 17 Staaten durchgeführt wurden, ergaben dasselbe Muster. Frauen fungierten als Krisenpuffer, indem sie die Haushaltsbudgets streckten, weitere Wege zurücklegten, um Lebensmittel und Brennstoffe zu besorgen, und mehr prekär bezahlte Arbeit annahmen, während zugleich ihre unbezahlte Arbeitsbelastung stieg: alles, um den Lebensstandard ihrer Familien aufrechtzuerhalten. Wo Staaten Krisenschocks nicht abfedern können, wird die Zeit von Frauen zum letzten Auffangnetz der sozialen Absicherung. Simbabwes informelle Wirtschaft Simbabwe basiert auf einer der größten informellen Volkswirtschaften der Welt, die rund 60,4 Prozent des BIP erwirtschaftet. Es gibt keine konkreten Zahlen zur Geschlechter-verteilung im informellen Sektor. Doch viele Quellen deuten darauf hin, dass die meisten informell Beschäftigten in Simbabwe Frauen sind. Sie stellen zum Beispiel 64 Prozent aller Beschäftigten im informellen Sektor der ländlichen Regionen. Das spiegelt globale Muster wider: In Entwicklungsländern sind deutlich mehr Frauen im informellen Sektor beschäftigt als Männer. In Industrie- und Schwellenländern zeigt sich hingegen das umgekehrte Bild. Diese strukturellen Dynamiken sind teilweise auf die Strukturanpassungsprogramme zurückzuführen, die der Globale Norden dem Süden auferlegt hat. Als Simbabwe im Jahr 1980 die Unabhängigkeit erlangte, verfügte das Land über eine recht diversifizierte Wirtschaft. Im Jahr 1991 verabschiedete das Land auf Anraten des IWF und der Weltbank das Wirtschafts- und Strukturanpassungsprogramm (ESAP), das eine Handelsliberalisierung und Kürzungen bei öffentlichen Ausgaben vorsah. Die Zahl der formellen Beschäftigung ging rapide zurück, während der von Frauen dominierte informelle Sektor wuchs. Frauen im formellen Sektor waren am stärksten betroffen, denn die Liberalisierung wirkte sich besonders nachteilig auf frauendominierte Branchen aus, die vom Zustrom billigerer asiatischer Waren (v.a. Textilien, Bekleidung und Schuhe) betroffen waren. Um ihre sinkenden Einkünfte auszugleichen, wandten sich Frauen daher zunehmend informellen Tätigkeiten wie dem grenzüberschreitenden Handel und dem Straßenverkauf zu. In Krisenzeiten können Sorgeverpflichtungen [...] zum Nachteil werden. Für viele Frauen und Mädchen ist die Erwerbstätigkeit im informellen Sektor untrennbar mit ihren Sorgeverpflichtungen verbunden. So entscheiden sich Frauen beispielsweise für den Straßenverkauf oder Heimarbeit, um ihre Kinder betreuen zu können, während sie zugleich Handel treiben oder Waren herstellen. Auf diese Weise passen sie ihre Sorgearbeit an die Betreuungslücken an, die der Staat nicht schließt. In Krisenzeiten können Sorgeverpflichtungen jedoch zum Nachteil werden. Während der globalen Finanzkrise von 2008/2009 stellte WIEGO fest, dass Männer, die ihre Beschäftigung im formellen Sektor verloren hatten und in den informellen Sektor wechselten, den Vorteil genossen, keinen unbezahlten Sorgeverpflichtungen nachkommen zu müssen. Krisenbedingte Schocks von außen: Kraftstoffpreise und die Finanzierung des Gesundheitswesens Kraftstoff. Die USA und Israel begannen am 28. Februar 2026 ihren Krieg gegen den Iran. Infolge von Lieferkettenstörungen erhöhte die simbabwische Energieaufsichtsbehörde im März 2026 die Benzinpreise um 38 Prozent und die Dieselpreise um 34 Prozent gegenüber dem Vormonat. Dies führte dazu, dass sich die Fahrpreise im öffentlichen Nahverkehr sofort um 50 bis 100 Prozent erhöhten. Für Mütter, die im Straßenhandel tätig sind, stiegen damit auch die Kosten für Sorgearbeit. Die Vertreterin eines Verbandes von Straßenverkäuferinnen und Händlerinnen berichtete uns, dass Frauen vor der Wahl stünden, entweder die Fahrtkosten für den Schulweg ihrer Kinder zu bezahlen oder ihre Geschäfte am Laufen zu halten. Mütter, die im Straßenverkauf tätig sind, organisieren seit Langem eine gegenseitige Kinderbetreuung, um die arbeitsintensiven Verkaufszeiten nach Schulschluss abzudecken. Damit tragen sie gemeinschaftlich Kosten, die der Staat nicht übernimmt. Angesichts der steigenden Kraftstoffpreise lassen sich solche Arrangements jedoch immer schwerer aufrechterhalten. Gesundheitswesen. Die USA waren über Jahrzehnte hinweg der größte bilaterale Geldgeber Simbabwes im Gesundheitssektor. Als die USA USAID auflösten und mehrere wichtige Gesundheitsprogramme (vor allem im Bereich HIV/AIDS) in Simbabwe einstellten, bot die US-Regierung Simbabwe ein fünfjähriges Gesundheitspaket im Umfang von 367 Millionen US-Dollar an, das Krankheiten wie HIV, Tuberkulose und Malaria sowie die Gesundheitsversorgung von Müttern und Kindern abdecken sollte. Im Gegenzug sollte Simbabwe den USA Zugang zu biologischen Proben und Gesundheitsdaten gewähren und diese für Forschungs- und kommerzielle Zwecke bereitstellen, ohne dass die USA zusagten, Simbabwe an den daraus resultierenden Impfstoffen und Behandlungsmethoden teilhaben zu lassen. Simbabwe gab seine Ablehnung im Februar 2026 öffentlich bekannt. Daraufhin kündigten die USA an, ihre Gesundheitshilfe auslaufen zu lassen. Harare stand somit vor einer unmöglichen Entscheidung: entweder ein ausbeuterisches Abkommen zu akzeptieren oder hinzunehmen, dass sich das chronisch unterfinanzierte Gesundheitssystem Simbabwes weiter verschlechtert. Die Kosten der zweiten Option tragen in erster Linie die Frauen – vor allem Frauen, die im informellen Sektor tätig sind und damit ohnehin einen schlechteren Zugang zur Gesundheitsversorgung haben. Da die öffentliche Gesundheitsversorgung immer schlechter wird, übernehmen Frauen und Mädchen die Pflege von erkrankten oder behinderten Angehörigen. Zugleich wird ihnen der Zugang zu notwendiger Gesundheitsversorgung erschwert, was sie in noch größere wirtschaftliche Unsicherheit bringt. Was ist zu tun? Die Krisen kommen von außen, doch auch die Möglichkeiten Simbabwes, darauf zu reagieren, sind von äußeren Faktoren begrenzt: Schuldendienst, illegale Finanzströme, Investor-Staat-Streitbeilegung und Regeln für den globalen Handel schränken die haushalts- und finanzpolitische Souveränität des Landes ein. Diese wäre jedoch nötig, um öffentliche Dienstleistungen zu finanzieren, die Frauen im informellen Sektor dabei unterstützen würden, die Krisen besser zu bewältigen. ...menschenwürdige Arbeitsbedingungen für Frauen [...] schaffen. Die Regierungen des Globalen Nordens und die internationalen Finanzinstitutionen, die über die meisten Ressourcen und den größten Einfluss auf diese Regeln verfügen, sollten unbezahlbare Schulden erlassen, ohne Sparauflagen zu verhängen; sie sollten die Finanzierung der Gesundheitsversorgung gewährleisten, ohne Daten und biologische Proben zu fordern; und sie sollten ein starkes UN-Steuerabkommen zur Eindämmung illegaler Finanzströme unterstützen sowie die Investor-Staat-Streitbeilegung aufgeben und den handelspolitischen Spielraum wiederherstellen. Dieser ist erforderlich, um wieder menschenwürdige Arbeitsbedingungen für Frauen zu schaffen. Solange öffentliche Versorgungssysteme nicht ausreichend finanziert werden, um Krisenfolgen abfedern zu können, dient unbezahlte Sorgearbeit von Frauen weiterhin als versteckte Subvention für ein extraktives Wirtschaftssystem, das immer neue Krisen hervorbringt. Studie: Geschlechtergerechtigkeit und Globaler Handel Die Länderstudie “Indirect impacts of the tariffs on women in the informal sector in Zimbabwe” ist Teil unserer neuen Studie “Gendered Impacts – Blind Responses: The 2025 Tariff Crisis and the Case for Gender Transformative Reforms”. Die Studie von Caroline Dommen untersucht, wie sich die drastischen Erhöhungen der US-Zölle, die im April 2025 verkündet wurden, auf Frauen und die Geschlechtergerechtigkeit in sechs Ländern des Globalen Südens ausgewirkt haben. Zur Website der Gesamtstudie Zur Person Arimbi Wahono leitet den Arbeitsbereich „Just Transition“ (Gerechte Übergänge) bei Shared Planet, einem Beratungsunternehmen für Sozial- und Umweltforschung. Ihre Fachgebiete liegen im Bereich der feministischen und internationalen politischen Ökonomie. Dabei beschäftigt sie sich vor allem mit globaler Wirtschaftssteuerung in Bezug auf Handel, Steuern, Verschuldung und multilaterale Prozesse. Sie hat einen Master of Science (MSc) in Vergleichender Politischer Ökonomie von der London School of Economics and Political Science sowie einen Bachelor of Arts (BA, Joint Honours) in Entwicklungsstudien und Politikwissenschaft von der McGill University. Internationaler Tag der Frauen in der informellen Wirtschaft (International Day of Women in the Informal Economy) Seit 2024 wird der 2. November vom IUF Women's Committee als Internationaler Tag der Frauen in der informellen Wirtschaft zu Ehren von Ela Bhatt begangen. Sie war die Gründerin der Self-Employed Women’s Association (SEWA) in Indien. Der Tag steht im Zeichen ihres lebenslangen Engagements für die Organisation von Arbeitnehmerinnen in der informellen Wirtschaft, um wirtschaftliche und soziale Gerechtigkeit zu erreichen und ihre kollektive Vertretung sicherzustellen. Kontakt Referat Globale und Europäische Politik Bild: Ersteller: FES | bundesfoto/Kurc Katia Schnellecke +49 30 26935-7499 Katia.Schnellecke(at)fes.de Bild: Ersteller: picture alliance / Ikon Images | Stuart Kinlough Dienstag, 27.10.2026 Gender Weltweit Studie: Geschlechtergerechtigkeit und Globaler Handel Ist Geschlechtergerechtigkeit im Welthandel möglich? Unsere neue Studie zeigt, warum es dringend gender-transformative Reformen für eine gerechtere Handelspolitik braucht, um strukturelle Benachteiligung ein für alle Mal abzubauen. Bild: Ersteller: picture alliance / Ikon Images | Stuart Kinlough Donnerstag, 01.10.2026 Publikation Gender Weltweit Gewerkschaften international Welttag für menschenwürdige Arbeit: Wo sind die Stimmen der Arbeiterinnen, wenn Handelskonflikte zuschlagen? In Madagaskar haben Beschäftigte eigentlich ein gesetzliches Mitspracherecht. Doch nachdem die USA das Land mit Zöllen belegt hatten und das AGOA-Handelsabkommen ausgelaufen war, saßen Arbeiterinnen der Textilindustrie nicht mit am Verhandlungstisch.... Bild: Ersteller: picture alliance / Ikon Images | Stuart Kinlough Mittwoch, 04.03.2026 Publikation Gender Weltweit Geschlechtergerechtigkeit zahlt sich aus – aber für wen? In unserer neuen Publikation untersucht Anna Eknor Ackzell und UNRISD, wie der Backlash gegen Geschlechtergerechtigkeit weltweit funktioniert, und skizziert, wie darauf strategisch reagiert werden kann.
Indirect impacts of the tariffs on women in the informal sector in Zimbabwe Wahono, Arimbi | Bonn : Friedrich-Ebert-Stiftung e.V., September 2026 Zum Download (PDF)