Eine Frage der Macht: Wer kontrolliert die digitale Öffentlichkeit? 28.01.2026 Johann-Christoph Landgraf Big-Tech-Konzerne kontrollieren zunehmend die digitale Öffentlichkeit. Welche Folgen das für journalistische Unabhängigkeit, Sichtbarkeit und demokratische Diskurse hat, diskutierte die #MedienAkademie2025 der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin. Bild: Urheber: FES / Maren Strehlau Machtkonzentration im Digitalen Markus Beckedahl, Gründer des Zentrums für Digitalrechte und Demokratie sowie Co-Gründer der re:publica, macht bereits zu Beginn deutlich: „Wir erleben eine extreme Machtkonzentration im Digitalen.“ Wenige Unternehmen wie Meta, Google oder X bestimmten inzwischen maßgeblich darüber, wie wir uns informieren können, welche Inhalte wir wahrnehmen und worüber wir dann debattieren. Diese Plattformen seien keineswegs neutrale Kanäle; vielmehr sei nicht auszuschließen, dass sie zur Durchsetzung ideologischer Ziele ihrer Eigentümer oder Regierungen genutzt werden könnten – oder dass dies bereits geschieht. Besonders problematisch wäre es, sagt Beckedahl, sollte der Donald Trump nahe Milliardär Larry Ellison die chinesische Plattform TikTok übernehmen. Dann hätte eine Handvoll Tech-Oligarchen die Kontrolle über alle großen Social-Media-Plattformen. Unter ihnen sind Tesla- und X-Chef Elon Musk sowie der libertäre Tech-Milliardär Peter Thiel, deren Verständnis von Demokratie und Meinungsfreiheit nicht mit unserem übereinstimme, warnt Beckedahl. Der netzpolitische Aktivist kritisiert, dass die Chance, sich von Big-Tech-Monopolen unabhängiger zu machen, bislang ungenutzt geblieben sei. So überweise die öffentliche Hand jährlich rund eine Milliarde Euro an Microsoft für Lizenzgebühren, statt diese Mittel in den Aufbau einer eigenen Open-Source-Infrastruktur zu investieren. Was es brauche, sei eine digitale Öffentlichkeit jenseits der „überwachungskapitalistischen Plattformlogik“. Digitale Infrastruktur müsse neu gedacht werden – als gemeinwohlorientierter, staatsfern finanzierter und demokratisch kontrollierter Raum für Information, Austausch und Debatte. Journalismus zwischen Plattformmacht und KI Trotz vieler negativer Entwicklungen versucht Deutsche-Welle-Journalistin Marie Kilg, optimistisch zu bleiben. Allein die Tatsache, dass derzeit auf vielen Ebenen über die Zukunft der digitalen Öffentlichkeit diskutiert werde, zeige, dass wir uns an einer gesellschaftlichen Bruchstelle befänden. Niemand könne mit Sicherheit wissen, ob sich die Situation in Zukunft weiter verschlechtern oder verbessern werde, sagt Kilg. Wie sich die digitale Öffentlichkeit verändern wird, liege an uns. Sie glaubt aber, dass KI denjenigen, die gute Ideen haben, die Chance bieten könnte, etablierte Monopole aufzubrechen. Beckedahl teilt diesen Optimismus nicht. „Ich würde gerne in einer Welt leben, in der sich die beste Idee durchsetzt“, sagt er. Doch die Entwicklung leistungsfähiger KI-Modelle sei extrem teuer und einige wenige Akteure hätten bereits enorme Vorsprünge zu möglichen Konkurrenten aufgebaut. Selbst wenn sich gegen jede Wahrscheinlichkeit eine innovative Idee durchsetzen sollte, würde diese schnell aufgekauft – und die bestehenden Machtstrukturen blieben erhalten. „Social Media ist tot. AI eats social media for breakfast.“ Dr. Stephan Weichert, Direktor des VOCER-Instituts für Digitale Resilienz Auch Dr. Stephan Weichert, Direktor des VOCER-Instituts für Digitale Resilienz, zeigt sich wenig zukunftsoptimistisch. KI stellt für ihn eine Art „Tipping Point“ dar: „Wir haben noch ungefähr zwei bis drei Jahre lang Zeit, KI als Gesellschaft in die richtige Richtung umzulenken“, warnt er. Gelinge dies nicht, drohten Demokratien zu erodieren und der Journalismus seine Bedeutung als Instanz für Aufklärung und politische Bildung zu verlieren. Ohnehin habe der Journalismus seine traditionelle Gatekeeper-Funktion längst eingebüßt. Besonders jüngere Menschen nutzten kaum noch klassische Medien und wichen überwiegend auf soziale Plattformen aus. Analoge Fernsehangebote, Radio oder E-Paper hätten nur noch geringe Reichweiten. Doch auch die sozialen Netzwerke sind gegen Konkurrenz nicht immun. Weichert sagt: „Social Media ist tot. AI eats social media for breakfast.“ Schon jetzt sei abzusehen, dass soziale Netzwerke zunehmend Nutzer:innen verlieren, da diese verstärkt auf KI-Anwendungen auswichen. Journalistin Kilg sieht dennoch ein positives Zukunftsszenario: Durch KI würde der Bedarf nach professionellem Journalismus steigen, da viele Menschen von der neuen Technik verunsichert seien und es ein Bedürfnis nach Informationen bei diesem komplexen Thema gebe. Gleichzeitig müsse die Politik begreifen, dass KI eine Technologie wie jede andere sei und reguliert werden müsse, betont Kilg und zieht dabei einen Vergleich aus dem Haushalt heran: „Wir akzeptieren Regulierung zum Beispiel bei Toastern, um Kabelbrände zu verhindern.“ In diesem Punkt ist sie sich mit Beckedahl einig: „Wir müssen diese Mechanismen knallhart regulieren.“ Er fordert Journalist:innen auf, die Narrative der großen Tech-Konzerne kritischer zu hinterfragen und stattdessen Stimmen Gehör zu verschaffen, die den gesellschaftlich notwendigen Diskurs stärkten.