Digitale Öffentlichkeit zurückerobern 28.01.2026 Johann-Christoph Landgraf Wer bestimmt, was wir online sehen? Martin Andree zeigt in „Krieg der Medien“, wie Plattformen Aufmerksamkeit bündeln, Macht verschieben, die Meinungsfreiheit beeinflussen und wie die digitale Öffentlichkeit demokratisch zurückgewonnen werden kann. Bild: Urheber: picture alliance/dpa | Jens Kalaene Die Vormachtstellung digitaler Plattformen Big Tech wird zum Totengräber freier Medien, wenn deren digitales Monopol nicht bald gebrochen wird, ist der Kölner Medienwissenschaftler Martin Andree überzeugt. Andree forscht seit mehr als 15 Jahren zu den Vormachtstellungen digitaler Plattformen und den Machtkonzentrationen im Netz. Während der #MedienAkademie25 stellte er unter anderem dar, warum freie Medien unter den aktuellen Bedingungen unter Druck sind und wie Tech-Konzerne und Rechtspopulist:innen voneinander profitieren. Es bedürfe keiner Erklärung, so Andree, dass wir gerade eine neue Ordnung heraufziehen sähen. Die US-Regierung habe eine Koalition mit den mächtigsten Wirtschaftskonzernen der Welt gebildet. „Allein diese Machtakkumulation müsste uns große Sorgen machen“, sagt Andree. Doch das Problem sei nicht auf die USA beschränkt: Der Tesla-Chef und Inhaber der Social-Media-Plattform X, Elon Musk, macht längst für Rechtspopulist:innen Wahlkampf außerhalb der USA, das US-amerikanische Außenministerium bezeichnet eine rechtspopulistische Partei in Deutschland als „Civilizational Ally“ und US-Vizepräsident JD-Vance hat bei der Münchner Sicherheitskonferenz 2025 unterstellt, dass Europa aus Sicht der US-Regierung ein Problem mit der Meinungsfreiheit habe. Besonders wenn es um das Thema Meinungsfreiheit gehe, würden Tech-Konzerne und Rechtspopulist:innen laut Andree „auf derselben Orgel spielen“. Wie ein Zauberer, der seinem Publikum einen rosa Plüschhasen vor die Nase hält, um es abzulenken, hätten vor allem die großen Tech-Konzerne früh damit angefangen, Freedom of Speech zu propagieren. Sie hätten vorgegaukelt, es wäre ihnen daran gelegen, eine bessere Welt für alle zu schaffen: „It’s about participation. We want to give people a voice. It’s about empowerment“, ahmt Andree die bekannten Phrasen der Tech-Industrie nach. Doch was macht der Zauberer mit der anderen Hand hinter dem Rücken? Was passiert eigentlich wirklich? Um das herauszufinden, hat Andree an einer Studie mitgearbeitet, die sich mit der Frage befasst, wo die Aufmerksamkeit im Internet tatsächlich liegt. Das Ergebnis seiner Analyse: Eine Handvoll großer Plattformen wie YouTube, Instagram und Facebook bündelt heute über 99 Prozent der weltweiten digitalen Aufmerksamkeit. Für alle übrigen Angebote im Netz – auch für redaktionell arbeitende Medienhäuser – bleibt nur etwa ein Prozent, das sie untereinander aufteilen müssen. Andree fasst zusammen: Das Internet bestehe aus wenigen Monopolen – und einem riesigen „Friedhof“ für den Rest. Wir gestalten die Algorithmen und ihr macht damit, was ihr wollt. Freie Medien, die auf Unabhängigkeit und Angebotsvielfalt angewiesen seien, könnten unter diesen Monopolbedingungen nicht überleben. In einer „Digitalokratie“ hätten Medienhäuser Start-ups, Musiker:innen und Blogger:innen genau zwei Möglichkeiten: Entweder versuchten sie, sich von den Monopolisten unabhängig zu machen, indem sie mit einer eigenen Website durchstarteten – und landeten damit auf dem digitalen Friedhof, ohne Nutzer:innen. Viele würden sich deshalb für Option zwei entscheiden und „dahin gehen, wo der Traffic ist“ – nur um irgendwann festzustellen, dass sie dann für die großen Plattformen unter anderem des Meta-Konzerns, zu dem z. B. WhatsApp, Facebook und Instagram gehören, arbeiteten, denen sie ihre Inhalte kostenlos zur Verfügung stellten. Diese Abhängigkeit betreffe auch Politiker:innen. Besonders auf der politisch rechten Seite gebe es „viele Marionetten von Plattform-Algorithmen“, sagt Andree. Wenn diese von Meinungsfreiheit sprechen, gehe es ihnen eigentlich um Rassismus-, Diskriminierungs- und Volksverhetzungsfreiheit. Sie nutzten die Plattformen, um Menschen gegeneinander aufzuhetzen und damit den öffentlichen Diskurs zu den extremen Positionen zu verschieben. Tech-Oligarchen und Rechte seien nach Ansicht des Medienwissenschaftlers einen Deal eingegangen: „Wir gestalten die Algorithmen und ihr macht damit, was ihr wollt.“ Das Bedrückende: Niemand wird in 50 Jahren den libertären Vordenker:innen vorwerfen können, dass sie ihre Ideologie und Ziele nicht vollkommen offen kommuniziert hätten, sagt Andree. Eines der Lieblingsbücher des libertären Tech-Milliardärs Peter Thiel, „The Sovereign Individual“, sei eigentlich ein perfektes Drehbuch, wie sich „weiße, männliche Tech-Unternehmer an der Zerstörung der Demokratie noch bereichern können“. Denn genau darauf ziele die digitale Elite wirklich ab. Das Internet war einmal frei und wurde der Gesellschaft dann von Oligarchen genommen! Chancen für eine demokratische digitale Öffentlichkeit Martin Andree ist überzeugt, dass die aktuelle Situation nicht hoffnungslos ist. „Wie ein Vogel, der bereits zu lange in einem Käfig sitzt, können wir uns gar nicht mehr vorstellen, wie es ist, frei zu sein. Wir merken nicht, dass die Käfigtüre sperrangelweit offensteht“, sagt er. Schließlich lebten wir in einer Demokratie, in der jede:r Einzelne mitentscheiden könne. Das Monopol der Plattformen lasse sich brechen, sagt Martin Andree. Offene Verlinkungen zwischen den Plattformen, offene Standards, die eine Kommunikation über Plattformgrenzen hinweg ermöglichten, und Oversight-Boards, die eine demokratische Kontrolle über Algorithmen und Nutzungsbedingungen ermöglichten, seien sinnvolle Wege in diese Richtung. Insofern ist es für Andree unverständlich, warum sich politische Parteien nicht zusammenschließen würden, um eine bessere Regulierung von Big Tech zu erreichen. Er führt dies auf eine gewisse Eitelkeit zurück: „Ein solcher Schritt würde bedeuten, zuzugeben, dass die Digitalpolitik der vorigen Jahre gescheitert ist.“ Es seien nicht Sachthemen wie Migration, die extrem rechten Parteien Aufwind gäben, sondern eine zerstörte Öffentlichkeit, die sachliche Debatten unmöglich mache. „Das Internet war einmal frei und wurde der Gesellschaft dann von Oligarchen genommen“, stellt Andree fest. Eine Klage vor dem Bundesverfassungsgericht durch etablierte Medienhäuser, deren Existenzgrundlage zerstört werde, sieht er als erfolgversprechenden Weg, die Oligarchie der Tech-Konzerne zu brechen.