News Internationale Gemeinschaft und Zivilgesellschaft Was bleibt vom EU-Afrika-Gipfel? 16.01.2026 Alexander Rosenplänter und Andreas Quasten Gemeinsame Interessen, aber auch drängende Herausforderungen - für eine gleichberechtigte und zukunftsfähige Zusammenarbeit ist entscheidend, ob zentrale afrikanische Forderungen in der Partnerschaft mit der EU gehört und berücksichtigt werden. Bild: Urheber: picture alliance/dpa | Michael Kappeler Angesichts geopolitischer und geoökonomischer Verschiebungen, einer Zunahme regionaler Spannungen und gleichzeitiger Abnahme der Verlässlichkeit einer multilateralen Ordnung steht die EU vor der Aufgabe, ihre internationalen Partnerschaften anzupassen, um ihre Position im globalen Gefüge zu sichern. Entsprechend war mit dem 7. EU-AU-Gipfel Ende November 2025 in Luanda die vorsichtige Hoffnung verbunden worden, dass die EU der Rhetorik vergangener Treffen Taten folgen lässt und die Zusammenarbeit mit den afrikanischen Staaten zu einer echten gleichberechtigten Partnerschaft ausbaut. Grundsätzlich bestehen durchaus gemeinsame Interessen von EU-Mitgliedsstaaten und den Staaten der Afrikanischen Union (AU): Einsatz für eine verlässliche multilaterale Ordnung, Aus- und Aufbau der Handelsbeziehungen, Bedarf an und Zugang zu kritischen Rohstoffen und globaler Wettbewerb um Arbeitskräfte. Doch die Erfahrungen von vergangenen Gipfeln mahnten zu vorsichtigem Erwartungsmanagement. Denn bislang war wenig Konkretes, das die ungleichen Machtverhältnisse aus einer Geber-Nehmer-Logik löste, aus vorangegangenen Treffen entstanden. Vorsichtige Annäherung in der Migrationspolitik Um im Vorfeld des Gipfels in Luanda afrikanische Positionen zu stärken und die europäischen Partner für die Anliegen und Interessen afrikanischer Staaten zu sensibilisieren, organisierte das AU Liaison Office der FES in Addis Abeba in Zusammenarbeit mit der FES Brüssel eine Delegationsreise mit den Schwerpunkten Frieden und Sicherheit, Staatsschuldenkrise, sowie Migrationsgovernance. Besonders bei letzterem Thema hatten sich in der Vergangenheit die ungleichen Machtverhältnisse zwischen EU und AU und ihrer Mitgliedsstaaten deutlich gezeigt: Wird Migration und Mobilität auf dem Kontinent als Entwicklungsmotor gesehen, so war die EU stets aus innenpolitischen Erwägungen darauf bedacht, Migration nach Europa mit Hilfe afrikanischer Partner zu unterbinden, und setzte diese Haltung entsprechend durch. Hier zeigte sich in der Abschlusserklärung des Gipfels eine leichte Verschiebung der Tonalität: Die Erklärung betont etwa die Erweiterung legaler Zuwanderungswege, insbesondere für Studierende, Forschende und qualifizierte Fachkräfte. Diese erneute Fokussierung auf Jugend- und Talentpartnerschaften ist eine direkte Reaktion auf das demografische Profil Afrikas und entspricht den langjährigen Forderungen der AU nach Möglichkeiten, die der wachsenden Qualifikation (junger) Arbeitnehmer_innen des Kontinents entsprechen. Schließlich verbindet die Forderung nach einem „ausgewogenen Ansatz“ in der Migrationspolitik legale Wege mit Rückkehr und Reintegration. Schuldenkrise nur schwach adressiert Die hohe Schulden- und Zinslast engt die fiskalischen Spielräume vieler afrikanischer Länder erheblich ein und hat damit unmittelbare Auswirkungen für Wirtschaftswachstum, aber auch finanzielle und politische Stabilität und Entwicklung. Denn klar ist: Wenn Regierungen keine oder kaum Mittel für Investitionen in öffentliche Daseinsvorsorge für ihre Bevölkerung bereitstellen können, sinkt ihre Legitimation erheblich und birgt die Gefahr von Destabilisierung und schwindender Unterstützung für demokratische Systeme. Entsprechend war die AU darum bemüht, die Verschuldungskrise afrikanischer Staaten zu einem zentralen Thema auf dem Gipfel zu machen. In der Abschlusserklärung des Gipfels fand sich dann entsprechend auch ein Passus, der die diesbezüglichen Vereinbarungen des G20-Gipfels unterstützt und Reformen der internationalen Schuldenarchitektur fordert. Jedoch blieben die Formulierungen hinter den Erwartungen vieler afrikanischer Staaten zurück, denn die unmittelbare Dringlichkeit hätte an dieser Stelle nach einer eindeutigeren Botschaft verlangt. Lokale Wertschöpfung unerlässlich Die gegenwärtigen und zukünftigen Beziehungen zwischen Europa und Afrika nach dem Gipfel in Angola, mit Fokus auf die Themenkomplexe Handel und kritische Rohstoffe, nahm die gemeinsam mit dem African Policy Research Institute (APRI) ausgerichtete Veranstaltung „Africa-Europe relations in a changing global order“ Anfang Dezember in Berlin in den Blick. Nachhaltiges Wachstum, mehr Handel sowie Diversifizierung der Lieferketten, gerade hinsichtlich benötigter kritischer Rohstoffe, sind erklärte Ziele der EU wie auch Deutschlands und stehen im Einklang mit der Agenda 2063 der AU. Zwar ist die EU nach wie vor mit beträchtlichem Abstand der wichtigste Handelspartner Afrikas und steht an der Spitze der ausländischen Direktinvestitionen auf dem Kontinent. Um aber die wechselseitige Beziehung zu stärken und zu einer echten Partnerschaft zu transformieren, braucht es eine direktere Unterstützung von lokaler Wertschöpfung in Afrika wie auch gemeinsame Planung und Umsetzung bei Projekten, die durch den EU Global Gateway gefördert werden. Leise Fortschritte, aber kein Durchbruch Der EU-Afrika-Gipfel in Luanda hat gezeigt, dass sich Tonfall und Problemwahrnehmung in den Beziehungen zwischen beiden Kontinenten langsam verändern. In der Migrationspolitik sind vorsichtige Schritte hin zu mehr Mobilität und Qualifizierung erkennbar, während die Schuldenkrise zwar benannt, aber nicht mit der notwendigen Dringlichkeit adressiert wurde. Auch im Bereich Handel und kritische Rohstoffe bleibt die Kluft zwischen strategischen Zielsetzungen und konkreter Umsetzung bestehen. Entscheidend wird sein, ob die EU bereit ist, ihre Partnerschaft mit Afrika strukturell neu auszurichten – mit echter Mitgestaltung, geteilter Verantwortung und nachhaltiger lokaler Wertschöpfung. Kontakt Alexander Rosenplänter +49 30 26935-7436 Alexander.Rosenplaenter(at)fes.de