News Frieden und Sicherheit Machtkämpfe am Horn von Afrika: Multilaterale Konfliktlösung im Abseits? 15.01.2026 Dr. Iris Nothofer Zuletzt rückte das Horn von Afrika wegen der Gräueltaten in Nord‑Darfur wieder ins Blickfeld. Wie beeinflussen externe Mächte den Konflikt und erschweren nachhaltigen Frieden? Gibt es noch Chancen für multilaterale Friedenslösungen? Bild: Urheber: picture alliance / Anadolu | Ahmed Satti Während sogenannte Mittelmächte am Horn von Afrika immer mehr an Einfluss gewinnen, scheint der Westen nur noch eine Nebenrolle zu spielen. Im Beispiel des Sudans unterstützen Länder wie Ägypten, Saudi-Arabien oder der Iran die de-facto-Regierungsarmee (SAF) von General Burhan, während die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) auf der Seite der RSF von General Hemeti stehen. Durch die Fragmentierung und Zunahme der involvierten Akteure wird eine Ausdehnung des Krieges immer wahrscheinlicher, und das in einer ohnehin schon sehr fragilen Region. Doch was sind überhaupt realistische Handlungsmöglichkeiten in einem solchen Kontext und welche Folgen hat diese Konkurrenz zwischen einer Vielzahl externer Akteure für regionale Kooperation und Sicherheit? Diese Fragen standen im Zentrum eines von der FES und der International Crisis Group organisierten Workshops in Nairobi – mit Teilnehmenden aus dem Horn von Afrika, dem Sahel, sowie mehreren Golfstaaten, Ägypten, der Türkei und China. Die Region ist zu einem Schauplatz intensiver Konkurrenz externer Mächte geworden. Interessen verstehen: Zwischen Konkurrenz, Kooperation und Konfrontation Externe Akteure verfolgen am Horn von Afrika und im Sahel vor allem wirtschaftliche Ziele. Investitionen in Landwirtschaft, Infrastruktur, Häfen, Bergbau und Rüstungsindustrien sind dabei eng mit sicherheitspolitischen Fragen verknüpft. Wirtschaft und Sicherheit greifen vielfach ineinander: Schutz wirtschaftlicher Schlüsselprojekte erfordert sicherheitspolitische Zusammenarbeit, während umgekehrt Sicherheitsallianzen häufig der Absicherung ökonomischer Interessen dienen. Gleichzeitig entstehen Spannungen – etwa dort, wo bewaffnete nichtstaatliche Akteure Investitionen gefährden oder wo Regierungen versuchen, höhere Einnahmen aus ihren Rohstoffvorkommen zu erzielen. Besonders am Horn von Afrika verdichten sich diese Dynamiken. Die Region ist zu einem Schauplatz intensiver Konkurrenz externer Mächte wie Saudi-Arabien, Katar, den VAE, der Türkei und Ägypten geworden. Der Wettbewerb um strategische Knotenpunkte – insbesondere Häfen und militärisch nutzbare Infrastruktur – hat teils Zusammenarbeit begünstigt, in vielen Fällen jedoch Rivalitäten verschärft, etwa durch die Unterstützung konkurrierender politischer Lager oder durch Konflikte um zentrale Schlüsselstandorte. Koordination kann ohne wirksame regionale Strukturen nicht gelingen Entsprechend wird auch die Sicherheitslage am Horn von Afrika immer komplexer. Während sich westliche Staaten zunehmend zurückziehen, haben Mittelmächte wie die Golfstaaten oder auch die Türkei ihr Engagement in der Region deutlich ausgeweitet. Dabei werden Rivalitäten untereinander selbst zu einem Faktor regionaler Instabilität. So zeigt es sich aktuell auch im Sudan: externe Unterstützer stärken die Konfliktparteien und tragen so zur Eskalation und Verlängerung des Krieges bei. Gleichzeitig betätigen sich viele der aufstrebenden Mächte – allen voran die Türkei, Katar und Oman – zunehmend auf diplomatischer Bühne und bringen ihre eigenen, oftmals sehr spezifischen Mediationsansätze mit. Gibt es in einem solchen Kontext überhaupt Spielräume für eine regionale Sicherheitsarchitektur und spielen multilaterale Organisationen wie die Afrikanische Union (AU) oder die Vereinten Nationen (VN) noch eine Rolle? Klar scheint, dass die Gestaltungsmöglichkeiten deutlich enger geworden sind. Andererseits betonten alle Seiten während der Dialogveranstaltung in Nairobi aber auch die Notwendigkeit multilateraler Akteure für langfristige und nachhaltige Prozesse. Neue Mediationsakteure müssen stärker in afrikanisch geführte und multilaterale Friedensinitiativen eingebunden werden. Die neue Akteurslandschaft und Mediationsansätze bergen durchaus Chancen. Doch mangelnde Koordination – sowohl untereinander als auch mit afrikanischen Institutionen und Staaten innerhalb der Region – treibt aktuell eher eine Fragmentierung voran. Notwendig sind bessere Kommunikations- und Abstimmungsmechanismen zwischen den aufstrebenden Akteuren, insbesondere den Golfstaaten, der Türkei und China, deren Interessen zunehmend aufeinandertreffen. Zugleich müssen neue Mediationsakteure stärker in afrikanisch geführte und multilaterale Friedensinitiativen eingebunden werden. Denn auch das wurde in den Diskussionen klar: Koordination gelingt nur über effektive regionale Strukturen. Die AU und Regionalorganisationen wie IGAD verfügen über die politische Legitimität, um gemeinsames Handeln zu bündeln, müssen dafür aber ihr Instrumentarium in den Bereichen Abstimmung und Rechenschaftspflichten für externes Engagement weiterentwickeln. Loslösung aus dem Griff externer Akteure Wie kann Sicherheit v.a. am Horn von Afrika wiederhergestellt werden und Mediation gut funktionieren? Gerade mit Blick auf Sudan können ad-hoc-Initiativen keinen tragfähigen politischen Prozess ersetzen und damit keinen nachhaltigen Frieden ermöglichen, so der Grundtenor unter den Teilnehmenden der jährlichen Dialogformate „Horn-von-Afrika-Dialog“ von FES und Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) mit hochrangigen Vertreter_innen aus Politik, Diplomatie, Zivilgesellschaft und Wissenschaft sowie dem achten deutsch-französischen Afrikadialog von FES, IDOS und dem französischen Institut für Internationale Beziehungen (ifri). Stattdessen solltenregional verankerte, multilaterale Akteure wie die AU und IGAD Hauptvermittler bleiben. Deutschland und die EU gezielte Austausch- und Unterstützungsangebote zur Frage machen, wie sich gemeinsame Interessen als Region besser vertreten lassen können, um nicht weiter Spielball externer Akteure zu bleiben. Deutschland und andere europäische Staaten ihre soft power strategisch nutzen und Anreize für inklusive demokratische Prozesse schaffen. einer Instrumentalisierung von Konflikten durch beteiligte Parteien oder Nachbarstaaten – ein häufiges Element der Eskalationslogik – entgegengewirkt werden. Akteure und Ansätze auf lokaler Ebene, die vielerorts bereits wirksam zu einer Stabilisierung beitragen, besser unterstützt und gestärkt werden. Podcast Auch möchten wir Sie auf die im Nachgang an den Mittelmächte-Dialog in Nairobi entstandenen Podcast-Episoden „Mediators’ Brave New World“ mit dem ehemaligen Leiter der Mediationseinheit im türkischen Außenministerium sowie „Global Disorder, Horn of Africa Turmoil. Can Europe Keep Up?“ mit dem deutschen Sondergesandten für das Horn von Afrika hinweisen. Kontakt Autor Bild: Urheber: FES / Bundesfoto / Zöhre Kurc Dr. Iris Nothofer +49 30 269 35-7414 Iris.Nothofer(at)fes.de