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Kurzgefasst und eingeordnet von Anne-Kathrin Weber.Anne-Kathrin Weber ist promovierte Politikwissenschaftlerin, freie Journalistin und Rezensentin.
Die westlichen Gesellschaften sind von Klassen geprägt. Unsere jeweilige Klassenzugehörigkeit bestimmt unseren Alltag, unsere Bildung, unseren Kontostand, unseren Geschmack, die Kultur und auch die Politik. Sie basiert auf sozialen Signalen, die wir unablässig senden und empfangen – materielle Signale wie teure Luxusgüter, aber auch immaterielle Signale wie moralische Selbstdarstellung oder unser Habitus. Mit dieser allumfassenden sozialen Differenzierung und Segmentierung in ein „Oben“ und ein „Unten“ reicht der klassistische Statuswettbewerb tiefer als andere Formen von Diskriminierung; und im Gegensatz zu Sexismus und Rassismus ist er in hohem Maße gesellschaftlich anerkannt.
Die Klassengesellschaft ist eine Tatsache, der wir uns nicht entziehen können. Statt uns in luftigen Visionen über den Systemwechsel zu verlieren, gilt es anzuerkennen, dass der Statuswettbewerb unser gesamtes Leben dominiert. Das ist die Kernthese der Klassentheorie Hanno Sauers, die insbesondere all jene herausfordern wird, die sich für die Grundwerte der Sozialen Demokratie einsetzen. Der Autor dämpft jegliche Hoffnung, dass sich soziale Ungerechtigkeit und Ungleichheit künftig verringern oder gar beseitigen lassen. Diese These stellt er auf Basis einer überzeugenden Analyse auf, die insbesondere für die progressiven Akteur_innen der Mittelschicht einen doppelten Appell beinhaltet: mehr Realismus hinsichtlich der sozialen Segmentierung und weniger moralische Überlegenheitsgefühle gegenüber denjenigen, die anderen Schichten angehören.
Hanno Sauer ist Associate Professor of Philosophy an der Universität Utrecht in den Niederlanden. Sein Buch Moral: Die Erfindung von Gut und Böse war 2023 für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert.
Klassen prägen unseren Alltag, unseren Beruf, unsere Freizeitgestaltung, die Politik und Kunst – kurz: unser gesamtes Leben. Dabei ist unter dem Begriff „Klasse“ eine „sozial konstruierte Knappheit“ zu verstehen, „durch die eine Rangfolge – ein Oben und Unten“ – entsteht. Welche Position man in dieser Rangfolge einnimmt, sprich, welcher Klasse man angehört, hängt von „verschiedenen Formen ökonomischen, kulturellen, symbolischen, sozialen, ästhetischen und moralischen Kapitals“ ab, die viel mehr noch als das Geschlecht oder die Herkunft darüber bestimmen, wie man von anderen wahrgenommen und behandelt wird. Deswegen ist Klassismus die dominante Form von Diskriminierung – und zwar eine, die gesellschaftlich überaus salonfähig ist: „Die meisten Menschen geben sich größte Mühe, nicht als rassistisch oder sexistisch wahrgenommen zu werden, äußern aber ihre Verachtung gegenüber den ungewaschenen Massen, ohne mit der Wimper zu zucken.“
In welche Klasse wir uns selbst einordnen oder von anderen eingeordnet werden, basiert auf einer Vielzahl an sozialen Signalen, die jeder von uns bewusst oder unbewusst sendet. Hierzu zählen zum einen materielle Signale, mit denen wir unsere Kaufkraft zur Schau stellen, aber auch ästhetische oder andere immaterielle Signale: Beispielsweise präsentieren wir bestimmte Fähigkeiten, einen bestimmten Geschmack oder moralische Werte, um uns von anderen abzugrenzen und uns damit zugleich zu einer bestimmten Klasse zugehörig zu zeigen.
Gerade die moralische Währung zeichnet eine neue soziale Schicht in den westlichen Gesellschaften aus, die sogenannte „Aretokratie“. Dabei handelt es sich um „oft junge, fast immer gut ausgebildete Kosmopoliten in urbanen Zentren, die politisch progressiv eingestellt sind. Sie sind häufig in Bereichen wie Wissenschaft oder Medien beschäftigt, die high status/lowpay sind, also vergleichsweise viel soziales Prestige mit sich bringen, aber nicht gerade herausragend bezahlt werden, sodass die Mitglieder dieser Subkultur primär mit moralischen Chips am Statuswettbewerb teilnehmen.“ Diese „aretokratische“ Schicht beklagt oft lautstark den Mangel an Moral bei anderen, während sie selbst demonstrativ und performativ ihren Einsatz für soziale Gerechtigkeit zur Schau stellt.
Anders Angehörige der Oberschicht: Anstelle von Moral bemühen sie im Wettstreit um die soziale Rangfolge neben dem sogenannten „oldmoney“ – dem seit Generationen vererbten Vermögen – eine andere Form des sozialen Kapitals: den Habitus:
„[N]ur wer die Rituale und Konventionen der oberen Klassen wirklich kennt, weil er sie bereits als Kind und Heranwachsender tief und dauerhaft absorbiert hat, kann diese glaubwürdig repräsentieren. Alle anderen fremdeln weiterhin mit diesem Lianenwald unausgesprochener Regeln und Gebote, den keine Etikettenfibel vollständig ersetzen kann.“
Dieser Habitus gilt als ein besonders „fälschungssicheres“ Signal und fungiert somit als Zeichen einer gesicherten Unterscheidung zwischen „Oben“ und „Unten“.
Eng mit den oberen Klassen und ihrem Habitus verbunden ist der Kunstbetrieb. Denn die Künste sind alles andere als klassenlos. Ähnlich wie Wissenschaftler_innen geben sich Künstler_innen zwar oft rebellisch und aufrührerisch gegenüber Klassenhierarchien: „Aber in Wirklichkeit lag der Kunstbetrieb immer schon mit der ausbeuterischen Oberschicht im Bett, die er mit Statussymbolen und Entertainment versorgt, das sorgfältig vom Plebs abgeschottet wird.“
Auch wenn die meisten von uns mittlerweile genug Ressourcen zur Verfügung haben, um ein einigermaßen auskömmliches Leben zu führen, vergleichen wir uns ständig mit anderen. Ein Ende der Klassengesellschaft ist deshalb illusorisch: Es wird immer andere geben, die mehr haben als wir. Und weil nicht nur der Wert materieller Güter volatil ist, sondern auch unsere Position im sozialen Gefüge, wird der Wettbewerb um höheren Status immer weitergehen.
So problematisch er auch ist, den Kapitalismus abzuschaffen, wird nicht helfen, die damit verbundenen sozialen Ungerechtigkeiten abzumildern oder zu beseitigen. Denn es gibt bislang keine sinnvolle und gerechte Alternative, um Gesellschaften unserer Größe zu organisieren:
„Es lohnt sich immer, darüber nachzudenken, wie sich eine Gesellschaft noch weiter verbessern, wie sie sich noch gerechter, noch egalitärer, noch freier gestalten ließe. Gleichzeitig ist es ein Gebot intellektueller Aufrichtigkeit, sich nicht darüber hinwegzutäuschen, wie schwierig dies ist und wie erheblich die Hindernisse sind, die der Errichtung einer solchen radikal anderen, aber irgendwie noch gerechteren Gesellschaft ohne Klassen, Ungleichheit, Unterdrückung und Ausbeutung im Weg stehen.“
Indem ständig unerreichbare Ziele postuliert werden, sind derartige Versprechen von Politiker_innen sogar gefährlich, denn sie destabilisieren das politische System langfristig.
Trotzdem gibt es Einiges, das wir tun können, um klassenbasierte Ungerechtigkeiten in unseren westlichen Gesellschaften zumindest abzumildern. Beispielsweise sollte es keine offiziellen Statushierarchien wie den Adelsstand mehr geben. Ein höherer Status sollte, wenn überhaupt, dann vor allem denjenigen zuteilwerden, die viel für das Gemeinwohl leisten. Voyeuristische und ausbeuterische Darstellungen von Menschen in Armut oder mit mangelnder Bildung sollten geächtet werden. Und: Gemeingüter wie öffentliche Verkehrsmittel, Schwimmbäder, Schulen und Universitäten müssen weiter ausgebaut und zugänglicher werden, damit unsere Gesellschaften dem sozialen Verfall trotzen können, der mit der Verhärtung von Klassenunterschieden einhergeht.
Hanno Sauer verzichtet in „Klasse“ bewusst darauf, große Visionen für eine gerechtere Gesellschaft zu entwerfen. Stattdessen liefert er eine durchaus streitbare und zuweilen schmerzhafte Anleitung zur Selbstkritik – ein erster Schritt, um der Klassengesellschaft vielleicht doch noch etwas entgegenzusetzen.
Auch wenn der Autor die feministische Herrschaftskritik en passant deklassiert, weil er patriarchale Unterdrückung, genau wie rassistische Diskriminierung, dem Klassismus recht grobschlächtig unterordnet, bereitet die Lektüre große Lesefreude. Das liegt nicht zuletzt am bissigen Ton und einer eloquent formulierten Selbstironie hinsichtlich der „wohlhabenden, progressiven, kosmopolitisch-urbanen Quasselklasse“, aus der heraus der Autor seine Thesen gebildet hat und zu der große Teile seiner Leser_innen zählen dürften. Vor allem aber überzeugt das Herzstück von Sauers Theorie, wonach sich unsere gesellschaftliche Rangfolge danach richtet, welche Signale wir bewusst oder unbewusst senden. Nach der Lektüre ist damit nichts mehr wie zuvor: der Besuch einer Party, der Blick zu den wohlhabenderen Nachbarn oder der Genuss eines Bio-Kaffees aus fairem Anbau. Unser Alltag, unser gesamtes Leben, ist als Spiegelbild unserer Position im sozialen Gefüge zu lesen – eine Position, die offenbar vor allem denjenigen wichtig ist, die wortstark deren Abschaffung fordern. Die Vorschläge zum Schluss des Buches enttäuschen hingegen – denn eine wirkliche Abkehr von sozialer Ungerechtigkeit wird mit diesen Empfehlungen nicht zu haben sein.
Verlag: PiperErschienen: 29.08.2025Seiten: 368EAN:978-3-492-07141-3