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Geschichte

"Die Trennung überwinden" - Der innerdeutsche Paketverkehr als Beziehungsgeschichte

Über Paketinhalte, Schnüffeleien durch Geheimdienste und ritualisierte Hilfe per Paket

Team Digitale Bildung

Friedrich-Ebert-Stiftung
Godesberger Allee 149
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Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – Deutschland war in vier Besatzungszonen und Berlin in vier Sektoren aufgeteilt – waren Briefe, Päckchen und Pakete die wichtigste Möglichkeit, um den Kontakt mit Verwandten und Bekannten aufrechtzuhalten.

Doch der Postbetrieb musste in den ersten Wochen und Monaten nach dem Krieg im Sommer 1945 erst wieder aufgebaut werden. Oft waren die Menschen darauf angewiesen, dass Verwandte und Bekannte Briefe und Pakete persönlich überbrachten. Erst zum Jahreswechsel 1945/46 kam es zur Installation eines zonenübergreifenden Postverkehrs. Die Hilfe, sie sich in Form von Päckchen und Paketen materialisierte, war für die Versender und Empfänger wichtig.

Nach Kriegsende waren es jedoch nicht nur die privaten Geschenksendungen innerhalb Deutschlands, die den Menschen Freude bereiteten. Für jene ersten Jahre nach dem Krieg war es zunächst weniger der innerdeutsche Päckchen- und Paketverkehr, der den Menschen in Erinnerung geblieben ist, sondern vielmehr die sogenannten CARE-Pakete. Die stets aus hellbraunem stabilen Pappkarton produzierten Pakete mit der Aufschrift »C.A.R.E. – U.S.A.« waren bald der konkretisierte Traum von Freiheit und Wohlstand im grauen Nachkriegsalltag.

In kürzester Zeit wusste jedes Kind, dass to care für sich sorgen stand und die Pakete oft mit exotisch anmutenden und unbekannten Produkten wie beispielsweise Erdnussbutter oder Corned Beef gefüllt waren. Es überrascht deshalb kaum, dass einzig CARE als Versender von ausländischen Hilfspaketen in Erinnerung geblieben ist und sich beispielsweise kaum jemand an die tausenden Tonnen von Lebensmittel aus Norwegen (möglicherweise Fisch) oder Argentinien (möglicherweise Kaffee) erinnert.

Von CARE-Paketen und Pajoks – Die internationale Pakethilfe

Zahlenmäßig war es vor allem CRALOG, die als amerikanische Nichtregierungsorganisation zwölf Hilfsorganisationen unter ihrem Dach versammelte und die meisten Lebensmittel nach Deutschland versandte. Anders als CARE brachte CRALOG keine Pakete für Einzelempfänger zum Versand. Sie arbeiteten unmittelbar mit den verschiedenen Wohlfahrtsorganisationen, wie beispielsweise dem Caritasverband oder dem Evangelischen Hilfswerk, in Deutschland zusammen und ließen die Lebensmittel über diese direkt vor Ort verteilen. Entsprechend dem primären Anliegen von CRALOG, die Grundbedürfnisse der Empfänger zu sichern, handelte es sich bei den Produkten ausschließlich um Grundnahrungs- und nicht Genussmittel. Jene wurden zwar nicht minder benötigt, riefen aber keine positiven Gefühle der Überwältigung hervor wie der Inhalt der CARE-Pakete.

Doch die deutsche Bevölkerung profierte nicht überall in gleichem Maße von den amerikanischen Hilfsleistungen. So scheiterten mehrere Verhandlungsversuche mit der sowjetischen Besatzungsmacht. Zumeist wurde seitens der Sowjetunion darauf verwiesen, dass die Deutschen, die in ihrer Besatzungszone lebten, nicht auf Hilfsleistungen angewiesen seien und dass, wenn die USA überflüssige Lebensmittel hätten, diese an den Magistrat von Berlin überwiesen werden sollten. Sowohl CARE als auch CRALOG lehnten diesen Vorschlag jedoch entschieden ab – entspräche er doch einer Verteilung unter alleiniger russischer Aufsicht ohne die Möglichkeit, feststellen zu können, ob die Pakete und Lebensmittel tatsächlich Hilfsbedürftigen zur Verfügung gestellt würden.

Nichtsdestotrotz gelang es CRALOG und CARE, Lebensmittel und Pakete in die sowjetische Besatzungszone (SBZ) sowie den sowjetischen Sektor Berlins via Transittransport zu liefern. So wurden Spenden von Bremen nach Dänemark verschickt, um dann in die SBZ weitertransportiert zu werden. Dadurch konnten von 1946-49 insgesamt 67.981 Tonnen Lebensmittel nach Ost-Berlin beziehungsweise in die sowjetische Zone geliefert werden.

"Stalinpakete"
Als Gegenentwurf zum CARE-Paket kam es in der sowjetischen Zone zur Verteilung sogenannter »Pajoks«. Da diese jedoch nicht von privaten Spendern finanziert, sondern vom Staat als eine Art Prämie zugeteilt wurden, entwickelte sich in der Bevölkerung schnell die Bezeichnung »Stalinpakete«. Auch die Sowjetunion hatte durch die amerikanischen Pakete schnell erkannt, wie wichtig es für die Zufriedenheit der Bevölkerung ist, eine Art Zusatzversorgung zur Verfügung zu stellen. Denn gerade nach 1945 war es in besonderer Weise die Versorgung mit Lebensmitteln, die für die Menschen von größter Bedeutung war.

Ganz anders als die CARE-Pakete stellten die Pajoks allerdings eine Sonderzuteilung nur für bestimmte Bevölkerungsgruppen dar. Sie sollten Funktionäre, Künstler und »Angehörige der Intelligenz« der Sowjetunion und der sowjetischen Zone gegenüber positiv stimmen und vom Bleiben überzeugen.

Und auch der Inhalt war ein ganz anderer: Dort waren nicht die vielfach so begehrten Zigaretten, Kaffee oder Kaugummi enthalten. Die Pajoks waren zwar viel größer als ein amerikanisches Paket, allerdings vor allem reichlich gefüllt mit Schmalz, Zucker, Mehl und Kartoffeln. Dass sich der Inhalt von den amerikanischen Paketen so sehr unterschied, erscheint nur folgerichtig, denn in der Sowjetunion hatte der Lebensstandard ein erst »unvorstellbar niedriges Niveau erreicht« , so dass bereits Grundnahrungsmittel als wahres Geschenk angesehen wurden. Empfänger, die um den Inhalt der CARE-Pakete wussten, teilten diese Einschätzung nicht. Folglich lösten die Pajoks keine so überwältigende Freude aus wie ihr amerikanisches Pendant.

Trotz aller Systemdifferenzen verfolgte die Installation der beiden Paketarten ein gemeinsames Ziel. Über die Linderung der Not in der Bevölkerung sollte jeweils eine mentale Annäherung, eine Art Identifikation mit der jeweiligen Besatzungsmacht erreicht werden und der Eindruck eines »sich Kümmerns« entstehen.

Der Versand von Ost- und Westpaketen

Je mehr in den 1950er Jahren die Bundesregierung und die Menschen im Westen davon überzeugt waren, dass sich die wirtschaftliche Entwicklung bei ihnen erfolgreicher vollzog (Stichwort „Wirtschaftswunder“), desto mehr trat der Gedanke, selbst Bittsteller zu sein, in den Hintergrund. Gleichzeitig waren sie sich der in der Nachkriegszeit empfangenen Hilfe bewusst und wollten nun selbst Verwandte und Bekannte in der ebenfalls wie die Bundesrepublik 1949 gegründeten DDR unterstützen.

Werbung für Paketversand
Die Bundesrepublik ihrerseits hatte ein großes Interesse daran, dass sich die Menschen auf privater Ebene Päckchen und Pakete schickten. Durch Plakatwerbung, Zeitungs- und Radioaufrufe versuchte sie, die Bundesbürger zum Versand von Paketen zu motivieren. Immer wieder hörten und sahen die Menschen die Mahnungen „Dein Päckchen nach drüben – sie warten drauf“ oder „In guten wie in schlechten Zeiten: Briefe, Päckchen und Pakete nach drüben“. Dabei verfolgte die Bundesrepublik mit ihren Aufrufen nicht nur ein rein karitatives Anliegen. Konnte doch so ganz ohne weiteres vermittelt werden, dass es der eigenen Bevölkerung im Westen schon wirtschaftlich wieder so gut ging, dass sie zusätzlich in der Lage waren, ihre Landsleute im Osten zu unterstützen.

Dieser Umstand darf besonders zu Zeiten des Kalten Kriegs nicht zu gering eingeschätzt werden. Denn die Versorgung mit Lebensmitteln war für die Menschen, besonders nach Kriegsende, ein wichtiger Gradmesser dafür, welches politisches System erfolgreicher war beziehungsweise die Menschen gut und umfassend versorgen konnte.

Die Aufrufe mahnten die Bürger_innen im Westen Deutschlands regelmäßig, ihren »armen Brüdern und Schwestern« im Osten Deutschlands Päckchen und Pakete zu schicken. Und das taten sie auch. Viele erinnern sich auch heute noch an die große Freude, die die Westpakete ins Haus brachten. Dabei ist es vor allem der unverwechselbare Geruch - die Mischung aus Kaffee, Kakao, Seife, Schokolade sowie Orangen und Puddingpulver, die beim Öffnen den ganzen Raum erfüllte -, der vielen Empfängern noch präsent ist.

Und auch die „Ostpakete“, die regelmäßig an Verwandte und Bekannte in die Bundesrepublik geschickt wurden, hatten einen typischen Geruch - den nach selbstgebackenem Stollen. Doch auch mit klassischer Literatur, Schallplatten und kunstgewerblichen Gegenständen bemühten sich die Menschen aus der DDR, eine Freude zu bereiten.

Die Menschen verhielten sich unterschiedlich gemäß ihrer eigenen Sozialisationserfahrungen in Bezug auf den Päckchen- und Paketverkehr. Besonders die Zeitzeugen der Jahrgänge 1923-35, die den Krieg erlebt und nach dessen Ende selbst durch CARE-Pakete Unterstützung erfahren hatten, verschickten Geschenksendungen aus einer karitativen Motivation heraus. Bei den Geschenksendungen aus dem Osten handelt es sich der Größe nach zumeist um Päckchen.

Aus der Überzeugung heraus, dass es um die Lebensumstände der Menschen schlechter bestellt sein müsse als um die eigenen, war es für viele westlichen Versender eine Art Selbstverständlichkeit, verbunden mit dem Gefühl der Verpflichtung, zu helfen. Gleichzeitig betonten sie immer wieder, dass auch sie nach Kriegsende nicht - wie viele der ostdeutschen Verwandten und Bekannten zu glauben schienen - im »Schlaraffenland« lebten, sondern sich bei ihnen der wirtschaftliche Aufschwung erst nach und nach einstellte.

Früher selbst Hilfe erhalten
Aufgrund der bewussten Erfahrung des eigenen Mangels entschieden sich diese ersten Versender vor allem für haltbare Lebensmittel wie Mehl, Zucker, Dauerwurst, Konserven und Kaffee, also Produkte, deren Verbrauchszeitpunkt aufgrund langer Haltbarkeit selbst bestimmt werde konnte. Die in der Forschung untersuchte zweite Jahrgangsgruppe (1947-55), altersmäßig meist die Kinder der ersten Zeitzeugen, hielt vor allem die Verbindungen zu den bereits vorhandenen Empfängern aufrecht. Nur selten wurden neue Empfänger in die Liste der beschenkten Menschen aufgenommen, so dass über die Jahre - dies zeigte sich bei der dritten Gruppe der Zeitzeugen (Jahrgang 1959-71) - die Verbindungen immer weniger wurden. Dies lag vor allem am Fehlen persönlicher Beziehungen, die in den vorangegangenen Altersgruppen noch existiert hatten. Nur selten wurde der Versand in gleicher Intensität von den nächsten Generationen weitergeführt. Vielmehr reduzierte sich dieser und beschränkte sich auf bestimmte Festtage sowie kurze Briefe oder Postkarten.

Die Geschenksendungen aus Ost und West lösten nicht immer nur Freude aus, denn oft waren mit ihnen Unsicherheiten verbunden. Diese ergaben sich in erster Linie aus dem unterschiedlichen Charakter, der den Geschenksendungen innewohnte. Obwohl die Westpakete meist aus Lebensmitteln bestanden, also Gegenständen, denen typischerweise nicht unmittelbar der Charakter eines Geschenkes beigemessen wird, war die Freude bei den Beschenkten über die Maßen vorhanden. Diesen Lebensmitteln wurde schon allein deshalb eine Besonderheit zugeschrieben, da sie in der DDR kaum oder gar nicht zur Verfügung standen und durch ihre bunten und farbenfrohen Verpackungen, die es in der DDR so nicht gab, von einer Aura des Exquisiten umgeben waren.

Schenken auf Augenhöhe?
Da die Freude darüber im Osten Deutschlands groß war und dies auch so in den Westen kommuniziert wurde, wurde Lebensmitteln beiderseitig der Status eines Geschenks beigemessen. Obwohl die Ostpakete, abgesehen von regionalen Spezialitäten wie Stollen, die nur zur Weihnachtszeit verschickt wurden und dann meist zu einem Großteil aus bundesrepublikanischen Zutaten bestanden, meist keine Lebensmittel enthielten, sondern Bücher, Handwerkliches oder andere Waren, hielt sich bei den Beschenkten im Westen die Freude in Grenzen. Diese Schieflage wurde durch folgenden Gegensatz verstärkt: So gehörte der Inhalt der Westpakete für die Versender selbst zum Alltag, konnte ohne Probleme erworben werden und löste bei den Empfängern dennoch große Glücksgefühle aus. Die Gegenstände aus dem Osten hingegen, die für die Versender selbst eine Rarität darstellten und meist nur mühsam besorgt werden konnten, riefen bei den westdeutschen Empfängern dagegen nicht die gleiche Wertschätzung hervor. Zum einen, da jene Produkte in der Bundesrepublik einfach zu kaufen waren, und zum anderen, weil die kunstgewerblichen Gegenstände nicht immer den Geschmack trafen.

Dieses Schenken auf unterschiedlichen Ebenen stellte insbesondere die ostdeutschen Versender vor eine Herausforderung - konnten sie doch nur schwerlich auf »Augenhöhe« zurückschicken. Sie fühlten sich deshalb insgesamt eher in der Rolle der Nehmenden als der Gebenden, auch wenn sie diese Zuschreibung nur allzu gern abgestreift hätten. Oft versuchten sie sich auf anderem Wege zu revanchieren, beispielweise indem sie vor Ort zum Restaurantbesuch einluden. Doch auch dies war problematisch, wenn der Besuch den Betrag des Zwangsumtausches (D-Mark in DDR-Mark) nicht verfallen lassen wollte und deshalb selbst zum Essen einlud, so dass auch dieser Weg der »Wiedergutmachung« nur teilweise beschritten werden konnte.

Wesentliche Motive
Grundsätzlich existierten zwei Motive, die die Menschen in West und Ost dazu veranlassten, Päckchen und Pakete zu verschicken. Zum einem ein karitatives Motiv, Unterstützung zukommen zu lassen, und zum anderen ein kommunikatives Motiv, also das Bestreben, durch Geschenksendungen mit dem Empfänger in Kontakt zu bleiben. Beide Beweggründe waren in Ost und West unterschiedlich stark ausgeprägt. Das karitative Moment - auch wenn es zu Beginn sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik für den Päckchen- und Paketverkehr in den jeweils anderen Teil Deutschlands postuliert wurde - verankerte sich vor allem in den Köpfen und Herzen der bundesrepublikanischen Versender.

In den ersten Nachkriegsjahren schien es für die Menschen in Ost und West so, dass sich die wirtschaftliche Entwicklung in der Bundesrepublik schneller vollzog als in der DDR. Dies hielt die SED-Regierung der DDR ihrerseits jedoch nicht davon ab, ebenfalls ein karitatives Moment für den Versand der Ostpakete zu beschreiben. Jedoch wurde dabei - verglichen mit den umfassenden und regelmäßigen Aufrufen in der Bundesrepublik, die vor allem einen Individualversand forderten - mehr der gesamtgesellschaftliche Auftrag von Organisationen wie der Volkssolidarität und den Volkseigenen Betrieben hervorgehoben. Sie sollten dazu beitragen, den Arbeitern, um die es nach Überzeugung der DDR-Führung in der kapitalistischen Bundesrepublik schlechter bestellt war, eine Unterstützung zukommen zu lassen. In der ostdeutschen Presse fand sich Anfang der 1950er zu den Festtagen immer wieder der Hinweis, dass die »eingekerkerten Freiheitskämpfer« - gemeint waren jene Arbeiter und Bauern, die in der Bundesrepublik lebten und sich für die Vorzüge des sozialistischen Gesellschaftssystems einsetzten - mit Geschenksendungen bedacht werden sollten.

Spiegel der Lebensverhältnisse
Der Versand der Päckchen und Pakete half einerseits, den grundlegenden Kontakt zwischen Familien und Bekannten aufrechtzuerhalten, andererseits trug er dazu bei, die entstandenen Bilder vom Leben der Menschen im jeweils anderen Teil zu bestätigen.

Jedes Westpaket, das mit teilweise kostbaren, exotisch anmutenden und bunt verpackten Lebensmitteln und Produkten gefüllt war, verstärkte den Eindruck, dass das Leben in der Bundesrepublik gleich einem »Schlaraffenland« sein müsste. In diesem schien kein Mangel zu herrschen und alles stand jedem jederzeit zur Verfügung. Die Geschenksendungen, die „den Westen“ ganz praktisch und handhabbar in die ostdeutschen Wohnzimmer und Küchen brachten, schienen mehr als verheißungsvoll. Dass aber viele Versender auch mit ihren eigenen finanziellen Mitteln haushalten mussten, war in der DDR nicht immer bekannt und wurde von westdeutscher Seite nur selten kommuniziert.

Auch die Ostpakete bestätigten den Westdeutschen ihre jeweilige Vorstellung über die Lebenssituation der Verwandten und Bekannten zwischen Elbe und Oder. Zeugte der Inhalt der Westpakete von Wohlstand, wirtschaftlichem Aufschwung und für viele auch von einem unbeschwerten Leben in der Bundesrepublik, riefen die Geschenke aus dem Osten oft ein gegenteiliges Gefühl hervor. Den Gegenständen wohnte kein »Zauber« inne und sie erfüllten zumeist keine langgehegten Wünsche. Sie konnten grundsätzlich alle in der Bundesrepublik erworben werden. Dennoch wurde die Absicht der ostdeutschen Versender, sich revanchieren zu wollen, stets anerkannt und wertgeschätzt. Da sich der Inhalt der Ostpakete über die Jahre kaum veränderte und hauptsächlich aus nicht konsumierbaren, aber platzraubendem Waren bestand, hätten viele Empfänger_innen lieber darauf verzichtet. Aus diesem Grund verwiesen manche gerne darauf, dass es dieses Danks nicht bedürfe, zumeist versehen mit der Begründung, dass sie sich die Gegenstände ohnehin selbst kaufen könnten und sich die Verwandten und Bekannten die finanzielle Belastung nicht weiter zumuten sollten - ein oft gut gemeinter Hinweis, der den »armen Brüdern und Schwestern« das Leben erleichtern sollte.

Dass er die Rolle der Westdeutschen als Gebende und der Ostdeutschen als Nehmende über Jahrzehnte hinweg zementierte und die Schieflage in den persönlichen Beziehungen weiter ausbaute, war den Menschen in der Bundesrepublik kaum bewusst, den Menschen im Osten hingegen sehr wohl.

Der organisierte Versand durch Genex

1957 gründete die DDR die sogenannte Geschenkdienst- und Kleinexporte GmbH (GENEX). Mit dieser verfolgte die DDR keineswegs eine Verbesserung der innerdeutschen Beziehungen, vielmehr waren es vor allem finanzpolitische Beweggründe, die dieses Geschäftsmodell begründeten: So wurden in der ersten Zeit vor allem hochwertige Waren aus DDR-Produktion angeboten, die in D-Mark bezahlt werden mussten. Dies stellte einen doppelten Vorteil dar, weil die Waren an Konsumenten zu bundesrepublikanischen Inlandspreisen in D-Mark verkauft und die Arbeiter gleichzeitig in DDR-Mark entlohnt werden konnten.

Der Export selbst hergestellter Waren sicherte der DDR fortan die Möglichkeit, frei konvertierbare Devisen zu erhalten. So konnten durch den »Export« zurück ins eigene Land Versorgungsengpässe gelöst werden. Gleichzeitig verschärfte sich jedoch der Mangel in der DDR, denn die Güter wurden dem heimischen Markt entzogen und waren fortan nur noch über den Versandhandel zu beziehen.

Da der Versandhandel in der Bundesrepublik jedoch nicht offiziell in Erscheinung trat, mussten neben der „Mund-zu-Mund-Propaganda“ andere Wege gefunden werden, um potentielle Kunden auf den GENEX-Versand aufmerksam zu machen. So wurden von DDR-Behörden kontrollierte Päckchen und Paketen teilweise folgendes Informationsblatt beigelegt:

»Liebe Bürger der DDR! Ihre im Ausland, Westdeutschland und Westberlin lebenden Angehörigen, Freunde und Bekannten haben die Möglichkeit, gegen Barzahlung in der jeweiligen Landeswährung über die GENEX Geschenkdienst GmbH, Berlin W8, Friedrichstraße 194/199, für Sie als Geschenk zahlreiche Artikel, darunter hochwertige Industriewaren, käuflich zu erwerben.«


Da aufgrund der geltenden Einfuhrbestimmungen GENEX-Kataloge nicht in die DDR kommen durften, die SED-Regierung aber dennoch wollte, dass sich ihre Bürger in geringem Umfang über das Angebot informieren konnten, durften in drei Beratungsstellen in Rostock, Berlin und Leipzig die Kataloge eingesehen werden.

An den Versandzahlen des Unternehmens lassen sich die Wünsche der Ostdeutschen ablesen. Es waren neben Konsumgütern des alltäglichen Bedarfs in erster Linie Autos, die verschenkt wurden. Aus diesem Grund legte der GENEX-Versand bald einen zusätzlichen Autokatalog auf. Im Jahr 1966 beispielsweise stellte das DDR-Ministerium für Handel und Versorgung dem Unternehmen 7000 PKW zur Verfügung. Dies entsprach ungefähr dem Kontingent, welches von der DDR dem Bezirk "Berlin (Ost)" zugewiesen wurde.
 

Die Kontrolle dies- und jenseits der Grenze

Die DDR legte stets größten Wert darauf, ihre Kontrollen und Einschränkungen umfangreich zu rechtfertigen, um letztlich das Land ökonomisch zu stabilisieren. In den Augen der SED trugen in den 1950ern vor allem die »Schieber« und »Spekulanten« maßgeblich zur schlechten Versorgungslage in der DDR bei, weshalb sie einerseits zum Auslöser des DDR-weiten Volksaufstands am 17. Juni 1953 verantwortlich gemacht wurden. Andererseits wurde das selbst errichtete Wirtschaftssystem der mangelanfälligen Planwirtschaft sowie die Erhöhung der Arbeitsnormen ohne angemessenen Lohnausgleich kaum als Ursache für die schlechte Wirtschaftssituation in Betracht gezogen.

"Geschenkpaketverordnung"
Aus diesem Grund kam es 1954 zum Erlass der »Verordnung über den Geschenkpaket und -päckchenverkehr auf dem Postwege mit Westdeutschland, Westberlin und dem Ausland« (GVO). Diese Verordnung löste bis dahin existierende Einzelbestimmungen ab. Zum ersten Mal wurde nun der Begriff der Geschenksendung im Sinne des Gesetzes umfassend definiert. So waren diese als »unentgeltliche Zuwendungen, die unmittelbar von einem privaten Absender (natürliche Person) an einen privaten Empfänger (natürliche Person) aufgrund persönlicher Beziehungen zum persönlichen Verbrauch oder Gebrauch« versandt wurden, zu verstehen.

Diese Bestimmung erließ die DDR nicht nur, um Versand und Erhalt von Geschenksendungen zu regeln. Vielmehr sollten die mit der GVO einhergehenden Ausfuhrbestimmungen den für die DDR jährlich entstehenden wirtschaftlichen Schaden abwenden. Denn vor allem Gegenstände, die in der DDR knapp oder subventioniert waren, sollten im Lande verbleiben. Deshalb existierten fortan für bestimmte Produkte festgelegte Höchstgrenzen, die zum Versand gebracht beziehungsweise empfangen werden durften.

Dauerhafte Überwachung in Ost und West
In den 1960ern verschärfte nicht nur die DDR zum wiederholten Male ihre Kontrollmaßnamen, sondern auch die Bundesrepublik. Sie erließ neue Maßnahmen, erweiterte Kompetenzen und änderte sogar das Grundgesetz. So wurden 1968, wie der Historiker Josef Foschepoth konstatiert, die Weichen für eine dauerhafte Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs durch die Bundesrepublik gestellt.

Dies wurde durch das sogenannte G10-Gesetz, ein Gesetz zur Einschränkung des Post- und Fernmeldegeheimnisses, ermöglicht. Mit dieser Gesetzesänderung wurden die bundesrepublikanischen Nachrichtendienste - das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), der Bundesnachrichtendienst (BND) und der Militärische Abschirmdienst (MAD) - zur Kontrolle des Post- und Telefonverkehrs berechtigt. Das Gesetz zielte vor allem auf eine präventive Abwehr möglicher Gefahren, für die es dabei keine konkreten Anhaltspunkte geben musste.

Allein der theoretische Verdacht, dass auf die Bundesrepublik ein bewaffneter Angriff geplant sein könnte - Foschepoth zufolge konnte ein solches Szenario in der damaligen weltpolitischen Lage nicht von der Hand gewiesen werden -, genügte als Begründung. Diese gezielte Überwachung richtete sich dabei vor allem gegen Einzelpersonen und deren Kontaktpersonen. Als besonders kritisch ist die fehlende gerichtliche Kontrollmöglichkeit der durchführenden Exekutive einzuschätzen, die vom Deutschen Bundestag explizit nicht vorgesehen wurde. Grundsätzlich galt somit, wie der FDP-Abgeordnete Hermann Busse in den Verhandlungen des Deutschen Bundestages im Mai 1968 feststellte:

»Der Mann, gegen den ein begründeter Verdacht besteht, dass er schwerste Verbrechen zu begehen gewillt ist, genießt Rechtsschutz, der Bürger, gegen den vage am Horizont irgendetwas auftauchen könnte – wir wissen ja gar nicht mal was, weil es nicht fassbar ist –, genießt keinen Rechtsschutz.«

Päckchenkontrolle bundesweit
In der praktischen Umsetzung dieses Gesetzes existierten sogenannte zentrale Aussonderungsstellen in Hamburg, Hannover, Bad Hersfeld und Hof sowie weitere Leitpostämter, beispielsweise in Kiel, Kassel und München, in denen ebenfalls Päckchen und Pakete kontrolliert wurden. Da die DDR spionagetechnisch als Ausland betrachtet wurde, erfolgte die Kontrolle der Sendungen aus diesem Bereich hauptsächlich durch den BND, jedoch unter Mithilfe des MAD. Die Behörden forschten so nach Spionen, da die BRD davon ausging, dass die DDR mehr als 100 Personen als mutmaßliche Agenten in die Bundesrepublik eingeschleust hatte. Da deren Namen oder Adressen nicht bekannt waren, war dies vor allem eine »blinde« Suche. Waren diese Namen jedoch bekannt, erfolgte eine gezielte Kontrolle der Sendungen an eben jene Personen.

In Hannover, einem der zentralen Kontrollorte, holten in zivil getarnte Mitarbeiter jeden Tag in der dortigen Hauptpostfiliale eine bestimmte Menge von Päckchen und Paketen ab. Um jedwede Auffälligkeit zu vermeiden, wurden für den Transport Lieferfahrzeuge eingesetzt, die mit immer wechselnden Firmenlogos getarnt waren und jeden Tag eine andere Strecke für den Hin- und Rückweg auswählt. Bei Ankunft in der Hauptpost standen bereits die von einem Mitarbeiter der Post ausgewählten Säcke zur Abholung bereit und wurden durch die Sendungen, die bereits am Vortag kontrolliert worden waren, ausgetauscht. Nach Ankunft in der Aussonderungsstelle wurde Briefe und Pakete getrennt voneinander kontrolliert. Die jeweiligen Sendungen wurden vorsichtig geöffnet, um keine Spuren zu hinterlassen.

Ähnlich wie in der DDR gehörten Bügeleisen, Dampferzeuger und Fotoapparate zur Grundausstattung der Kontrolleure. Gelang es nicht, die Öffnung ohne Spuren vorzunehmen, wurde dies als vernachlässigbarer Umstand in Kauf genommen.

Die Empfänger beziehungsweise Paketversender, so die Überzeugung der bundesrepublikanischen Kontrolleure, würden ohnehin davon ausgehen, dass die Spuren durch Überwachung auf Seiten der DDR entstanden wären.

Enttarnung von Agenten
Nach der Öffnung durch Kontrolleure wurde eine Inventarliste des Inhalts angefertigt. Enthielt die Geschenksendung Bücher, wurden diese intensiv überprüft, da davon ausgegangen wurde, dass sie verschlüsselte Botschaften enthielten oder als eine Art Decodierschlüssel, als sogenannter »One-Time-Pad«, verwendet werden könnten. Aus diesem Grund kam es nicht nur zu Auflistung von Autor und Titel, sondern ebenso von Auflage und Erscheinungsjahr, da sich in einem anderen Erscheinungsjahr beispielsweise die Seitenzählung minimal geändert haben könnte. In mindestens zwei Fällen - dem für diese Recherchen kontaktierten Informanten zufolge - hat dieses Vorgehen bei den Kontrolleuren in Hannover zur Entschlüsselung geheimer Funksprüche beziehungsweise zur Enttarnung von Agenten geführt.

Nun wurden Informationen, welche aus der Öffnung gewonnen wurden, an den sogenannten »Auswerter« weitergegeben, der seinerseits über das weitere Vorgehen entschied. Abschließend wurden die Sendungen verschlossen und am nächsten Tag zur Hauptpost zurückgebracht. Tagtäglich konnten auf diese Weise ungefähr 2000 Briefe sowie 40 bis 100 Päckchen und Pakete kontrolliert werden, je nach aufzubringender Kontrollleistung und abhängig davon, ob beispielsweise die Hilfe eines Übersetzers benötigt wurde.

Angaben über den genauen Umfang der Kontrollen lassen sich nur schwer ermitteln, da diese heute noch der Geheimhaltung unterliegen oder entsprechende Unterlagen bereits zeitnah vernichtet wurden.


Die überprüften Päckchen und Pakete aus der DDR enthielten laut den Erinnerungen des Zeitzeugen vor allem Bücher und selbstgefertigte Gegenstände wie Pullover, Plätzchen oder Stollen.

Geheimdienste der Besatzungsmächte
Die Geheimdienste der Besatzungsmächte USA, Großbritannien und Frankreich stellten bei Interesse an bestimmten Personen oder Sachverhalten ihre Anträge an den jeweils zuständigen deutschen Geheimdienst. In der großen Mehrzahl der Fälle erfolgte, ohne Prüfung des Sachverhalts, eine Zustimmung zur Kontrolle des Post- und Fernmeldeverkehrs. Obwohl das offizielle Anliegen darin bestand, Agenten und Spione zu enttarnen, bedeutete dies keineswegs, dass »normale« Bürgerinnen und Bürger nicht betroffen waren - herrschte doch  grundsätzlich der Verdacht, dass jeder Versender und Empfänger einem als gefährlich eingeschätzten Kreis angehören konnte. Diese Form der Überwachung wurde bis Ende der 1980er Jahre ausgeübt.

Die Pakete nach Polen

Während der innerdeutsche Versand von Geschenksendungen in den 1970ern rückläufig war, stieg der nach Polen in den 1980er Jahren an. Der einmal erlernte Weg, durch Päckchen und Pakete Hilfe leisten zu können, wurde nun erneut angewandt.

Nachdem es in Polen Anfang der 1970er, auch bedingt durch Kredite der Bundesrepublik, zu einem wirtschaftliche Aufschwung kam, verschlechterte sich die Lage Mitte der 1970er Jahre wieder. Um diese Situation zu entschärfen, entschloss sich die polnische Regierung, einen Teil der bis dahin existierenden Subventionen aufzuheben, mit der Folge, dass sich viele Produkte des täglichen Bedarfs für die eigene Bevölkerung verteuerten. Weitere Preiserhöhungen folgten ab dem 1. Juli 1980. Bis zum Sommer 1983 litt die polnische Bevölkerung unter einer so desolaten Versorgungslage, dass sich die Bundesregierung entschied, die Menschen bei der Versorgung mit Lebensmitteln zu unterstützen.

So veranlasste Bonn für die Zeiträume vom 8. Februar bis 30. Juni 1982 und vom 1. November bis 31. Dezember 1982, Hilfspakete nach Polen portofrei verschicken zu können. Bundesregierung und -rat verfolgten damit das Ziel, der »akuten, weit über die sonstigen Versorgungsengpässe in Ostblockstaaten hinausgehenden Notlage ausgesetzten polnischen Bevölkerung« zu helfen.

Mit dem Entschluss, einen Teil der humanitären Hilfe über die unmittelbare Unterstützung von Mensch zu Mensch durch Geschenkpakete zu realisieren, konnte die Regierung auf ein für die Deutschen bekanntes Vorgehen zurückgreifen. Da ein Teil der Versender beziehungsweise deren Eltern schon CARE-Pakete erhalten hatten und die Unterstützung der »Brüder und Schwestern im Osten« ebenfalls bereits ein fester Bestandteil der Alltagspraxis in der bundesrepublikanischen Gesellschaft war, bedurfte es zwar einer Werbung für Geschenksendungen nach Polen, das Prinzip des Hilfspakets aber musste nicht näher erläutert werden.

Denn eine Ritualisierung hatte bereits eingesetzt. Ein Teil der Bundesbürger_innen ließ sich nicht lange bitten und schickte reichlich Geschenksendungen, um die vielfach kommunizierte Not der Polen zu lindern. So titelte der Spiegel im Juni 1982 »Polen-Hilfe: Eine echte Volksbewegung«. Dennoch nahm die Unterstützung im Verlauf des Jahres ab, denn »wer spenden wollte, der hat gespendet«, so der Artikel weiter. Wie der Minister des Post- und Fernmeldewesen, Dr. Schwarz-Schilling, in einer Stellungnahme zu bedenken gab, existierten, anders als in die DDR, kaum verwandtschaftliche Beziehungen, weshalb die Spendenaktion für einen großen Teil der Versender eine einmalige Unterstützung darstellte.

Finanzielle Notlage bei Spendern

Die ins Leben gerufene humanitäre Hilfe für Polen spaltete die Päckchen- und Paketversender allerdings in zwei Lager, jedoch geeint in der Forderung, dass auch für Geschenksendungen in die DDR die Möglichkeit bestehen müsse, zu bestimmten Zeiten kostenlos versenden zu können.

Beschwerden bei der Politik
Viele Versender wandten sich mit ihrem Unmut an das Bundesministerium für Post- und Fernmeldewesen sowie an das Bundespräsidialamt. Die Eingaben ähnelten sich in der Beschreibung der Lebenssituation und in der Einschätzung, in welchem Umfang der Versand von Westpaketen die eigenen Finanzen belaste. Dies diente meist dazu, den Ausführungen mehr Nachdruck beziehungsweise eine höhere Glaubwürdigkeit zu verleihen.

Denn die Mehrzahl dieser Briefverfasser_innen war bereits verrentet und hatte wie die Zeitzeugin Frau Ziegler »treu und brav all die Jahre hindurch Freunde und Verwandte in der DDR mit Päckchen u. Paketen, trotz schmalen Geldbeutels, versorgt«. Mittlerweile seien die Portokosten jedoch so hoch, dass sie sich das nicht mehr leisten könne und ihren Verwandten und Bekannten mit großem Schamgefühl mitgeteilt habe, den Versand einstellen zu müssen. Dies wiege ihrer Einschätzung nach besonders schwer, da die meisten Westpaketversender selbst aus der DDR stammten und sich daher verpflichtet fühlten, mit Geschenksendungen Unterstützung zu leisten. Des Öfteren verwiesen Verfasser_innen darauf, dass bei geringeren Portogebühren beziehungsweise einer zeitweise kostenlosen Beförderung das gesparte Geld nicht einbehalten, sondern wieder den Empfänger_innen in der DDR zugute käme. So könnten insgesamt mehr Pakete mit mehr Inhalt geschickt werden.

Aus einem Teil der Briefe geht das konkrete Alter der Personen hervor, die Hilfspakte nach Polen schickten. Viele sind im gleichen Alter wie die Versender der ersten Untersuchungsgruppe (Jahrgänge 1923-35). Teilweise sind sie älter.

Auffällig ist bei den Briefverfassern wie bei den interviewten Zeitzeugen dieser Jahrgänge immer wieder der Verweis, dass der Versand von Geschenksendungen nicht immer einfach zu realisieren und häufig mit finanziellen Beeinträchtigungen verbunden sei.

Ein anderer Teil der Menschen begrüßte die Unterstützung der polnischen Bevölkerung als ein »sehr löbliches Unternehmen« und bejahte dessen Notwendigkeit. Dennoch sollten die Menschen in der DDR nicht vergessen werden, »denen es in diesem Jahr nicht viel besser geht als den poln. Menschen« . Um diesem Ansinnen Nachdruck zu verleihen, wurde in den Briefen immer wieder der Alltag in der DDR beschrieben – unabhängig davon, ob die DDR regelmäßig oder zuletzt vor mehr als zwanzig Jahren besucht wurde.

Aus vielen Briefen an das Bundespräsidialamt und das Ministerium für Post und Fernmeldewesen geht weiterhin hervor, dass sich die Menschen in ihren persönlichen Bemühungen durch die Bundesregierung nicht ausreichend unterstützt fühlten. Eine Feststellung, die zunächst überrascht, ermöglichte es die Bundesregierung seit mehreren Jahrzehnten, Päckchen und Pakete in die DDR steuerlich geltend zu machen. Zudem hatte sie durch den deutsch-deutschen „Grundlagenvertrag“ und das „Transitabkommen“ Anfang der 1970er Jahre erreicht, dass gegenseitige Besuche einfacher zu realisieren waren.

Die Forderung nach portofreien Geschenksendungen in die DDR lehnte die Bundesrepublik ab. Sie verwies darauf, dass der Versand nach Polen nicht vollständig kostenlos sei, sondern von der Bundesregierung aus Mitteln des allgemeinen Bundeshaushaltes finanziert würde. Zudem sei die Lage in Polen eine zeitlich begrenzte Situation. Gleichzeitig versicherten die zuständigen Stellen immer wieder, dass man sich über die finanzielle Belastung bewusst sei und darauf hoffe, dass »die Solidaritätsgefühle für die Landsleute in der DDR stark genug sind« , um der Situation weiterhin gerecht zu werden. Außerdem sei zu beachten, dass weitaus weniger Menschen Freunde und Verwandte in Polen hätten und deshalb ein zeitlich begrenzter äußerer Anreiz wie die Portofreiheit ein wichtiges Mittel sei, um die Menschen zum Versand von Paketen zu motivieren.

Päckchenversand nach der Wiedervereinigung

Die Wiedervereinigung 1990 stellte die menschlichen Beziehungen zwischen Ost und West - ähnlich der  voranschreitenden Trennung unmittelbar nach Kriegsende - vor eine Herausforderung. Vieles änderte sich und bisher praktizierte Verhaltensweisen standen auf dem Prüfstand. Unterstützung per Päckchen und Paket war in bisheriger Form nicht mehr nötig, denn der »goldene Westen« hielt Einzug in das eigene Leben östlich der Elbe.

Durch die Wiedervereinigung wurde in vielen Familien offenbar, dass den Päckchen und Paketen eine unterschiedliche Rolle zugewiesen wurde. So fasste ein Teil der westdeutschen Versender die Sendungen vor allem als milde Gaben auf, die keiner Erwiderung bedurften, da diese ohnehin nur bedingt möglich war beziehungsweise die Dinge, die sie zurückerhielten, nur in geringem Maße eine Freude auslösten. Aus diesem Grund wurde auf den Wunsch nach einer Gegengabe verzichtet. Ein anderer Teil der westdeutschen Versender hingegen empfand Dank für die von ihnen versandten Gegenstände als wünschenswert, wenn auch nicht notwendig, da auf diesem Wege die Wertschätzung für die erhaltenen Geschenke zum Ausdruck gebracht wurde. Nach der Wiedervereinigung schien dieser Dank in manchen Familien nach Einschätzung Einzelner jedoch nicht ausreichend artikuliert worden zu sein, so dass eine Art „Aufrechnung“ entstand, die darlegte, wer wie viel Zeit und Geld in den Versand investiert hatte.

Neben dem Aspekt der gefühlten unzureichenden Dankbarkeit existierte besonders die Herausforderung, das jahrelang praktizierte Rollenbild zwischen wohlhabendem Geber und bedürftigem Nehmer neu zu »verhandeln« – das führte auch auf westdeutscher Seite zu Enttäuschungen.

Werbegag
Doch wie sehr das Thema der Päckchen und Pakete nach 1990 noch in den Köpfen und Herzen der Menschen präsent war, zeigt eine Werbekampagne des stellvertretenden Geschäftsführers der Agrar-Marketinggesellschaft Sachsen-Anhalt (AMG), Hasso Mansfeld. Mit dem Slogan „Schicken auch Sie im Weihnachtspaket Leckeres aus Sachsen Anhalt. Wir machen Deutschland glücklich" sollten die Menschen in den neuen Bundesländern animiert werden, ihre Verwandtschaft reichlich zu beschenken. Dafür wurde im Fernsehen, in Radiospots und auf Großflächenplakaten geworben.

In diesem Zusammenhang erhielt vermutlich auch Frau Lilienfeld von ihrem Bruder aus der ehemaligen DDR nach der Wiedervereinigung ein großes Paket mit typischen Produkten aus dem Osten wie Fit, Halloren-Kugeln, Spreewälder Gurken, Diamant-Zucker und verschiedenen regionalen Fleischerzeugnissen. Zum einen tat ihr Bruder dies, »weil ihr uns so schöne Pakete geschickt habt, jetzt wollen wir euch auch ein tolles Paket schicken«, zum anderen aber auch mit dem Ziel, einen »Gag« zu machen und die Familie zu erfreuen.

Die Freude über diesen Ausdruck von Dankbarkeit ist der Zeitzeugin wie ihrem Mann auf den privaten Fotos ins Gesicht geschrieben. Und auch die Familie ihres Bruders war glücklich, seiner Schwester eine Freude bereiten zu können.

Fazit

Der immer wieder sowohl von der Bundesrepublik als auch von der DDR aufgestellten Behauptung, dass der innerdeutsche Austausch von Geschenksendungen den Kontakt zwischen den Menschen sichern würde, lässt sich nur bedingt zustimmen. Er trug zwar dazu bei, Beziehungen zu pflegen, jedoch vor allem bei jenen, die sowieso Kontakte (beispielsweise familienbedingt) in den jeweils anderen Teil Deutschlands hatten.

Die Dauer der Teilung trug zur Entfremdung bei, da durch den Wechsel der Generationen auf beiden Seiten Versender und Empfänger keinen Bezug mehr zueinander hatten oder verstarben.

Registrierte Versandzahlen und die reine Aufrechterhaltung der Kontakte sagen zudem wenig über die eigentliche Intensität der Kommunikation aus. So wurde oft aus Gewohnheit am Versand festgehalten, vertieft haben sich die persönlichen Kontakte aber nicht.

Im vereinten Deutschland erhielt der Versand und Empfang sowohl im Osten als auch im Westen - trotz der Dankbarkeit und der Mühen, die er hervorgerufen hatte - zum Teil eine negative Konnotation.

Dennoch - und dies muss mit allem Nachdruck festhalten werden - blieben die Empfänger_innen und Versender_innen durch den Versand  aufeinander bezogen. Auf welche Art genau, ist jeweils zu differenzieren.

Und diese Bezogenheit ist eine Funktion des Geschenkpaketversands, die nicht zu gering geschätzt werden kann.

Die Autorin

Dr. Konstanze Soch

Dr. phil. Konstanze Soch ist Mitarbeiterin beim Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. Ihre Dissertation "Eine große Freude? Der innerdeutsche Paketverkehr im Kalten Krieg (1949-1989)" ist 2018 im Campus Verlag erschienen.

Mehr:  www.konstanzesoch.de

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Konstanze Soch über den innerdeutschen Paketverkehr. 

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