Wie KI-Agenten den Redaktionsalltag umkrempeln (könnten)

von David Röthler

KI-Agenten beantworten nicht nur einfach eine Frage. Diese Systeme handeln autonom und zielorientiert. Das verändert, wie Journalist:innen arbeiten und was Journalismus in Zukunft leisten kann.

Person in rotem Hemd tippt etwas in ihren Laptop ein.
Urheber: FES / Maren Strehlau

Wer in letzter Zeit den neuen agentischen Browser „Comet“ von Perplexity (Achtung: Sicherheitsrisiken) genutzt hat, konnte einen Vorgeschmack auf die Zukunft bekommen. Mit einer simplen Zielvorgabe durchforstet der Agent z. B. LinkedIn, identifiziert relevante Posts und kommentiert diese eigenständig im Sinne des Betreibers. Es ist ein faszinierendes wie auch beunruhigendes Schauspiel: Eine neue Welle der Automatisierung rollt auf uns zu, die weit über die bloße Nutzung von z. B. ChatGPT hinausgeht. Wir stehen an der Schwelle vom assistierten Schreiben zum agentischen Handeln.

Die Evolution der Recherche:

Wenn KI „nachdenkt“

Der Januar 2025 markiert einen Wendepunkt in der KI-Entwicklung. Mit dem chinesischen Anbieter Deepseek und dessen Modellvarianten (insbesondere DeepSeek-R1) gab es eine neue Qualität im Schlussfolgerungsprozess von KI: durch das sogenannte Reasoning.

Die Arbeit der KI erfolgt seitdem iterativ. Die Nutzer:innen können die „Gedankenschritte“ des Modells live mitverfolgen. Es ist „Deep Research“ auf Knopfdruck – gründlicher und insbesondere analytischer als der schnelle Chat zwischendurch. ChatGPT und Gemini bieten solche Rercherchen mittlerweile ebenso an.

Der entscheidende Unterschied:

Assistent vs. Agent

Um diese Veränderung zu verstehen, muss man differenzieren. Bislang nutzten journalistische Redaktionen vor allem Assistenten. Der Assistent wie z. B. ChatGPT wartet auf einen Prompt, etwa „Schreib das um“, „Fass das zusammen“. Er reagiert. 

Der Agent hingegen bekommt eine Zielvorgabe. Er agiert autonom. Man sagt ihm nicht, wie er etwas tun soll, sondern was das Ergebnis sein soll, z. B. „Überwache diese Quellen und melde dich, wenn etwas Ungewöhnliches passiert.“

Best Practice:

Der autonome Wachhund der Agentur AP

Wie das in der Praxis aussieht, zeigt die Associated Press (AP) mit ihrem Pionierprojekt AP Local Lede. Nicht nur in den USA stirbt der Lokaljournalismus; auch in Europa fehlen aufgrund der ökonomischen Lage der Medien schlicht die Journalist:innen, um jedem Gemeinderat, jeder Behörde oder auch Unternehmen auf die Finger zu schauen.

Die Lösung könnte ein agentisches System sein, das autonom Datenquellen von lokalen Behörden überwacht. Der Agent betreibt keine simple Stichwortsuche. Er versteht den Kontext: 

  • Kontext-Check: Wird ein Bebauungsplan geändert? Der Agent prüft: Ist das Routine oder betrifft es z. B. Naturschutzgebiete?
  • Netzwerk-Analyse: Gibt es Verbindungen zu Spender:innen lokaler Politiker:innen? Der Agent gleicht mit externen Datenbanken ab.

Das Ergebnis ist kein fertiger Artikel. Das System liefert einen „News Tip“ – einen strukturierten Hinweis für die Redaktion: „Hier passiert etwas, das vom Standard abweicht. Schau dir das an.“

Für die journalistische Praxis bedeutet das Veränderung. Der Agent liefert den „Lead“ (den Aufhänger), der Mensch macht die Story.

„Wir stehen an der Schwelle vom assistierten Schreiben zum agentischen Handeln.“

Das Paradoxon:

Der technische Fortschritt führt zu einer tiefgreifenden ethischen Zwickmühle.

Einerseits werden KI-Agenten ein gesetzt, um die Content-Maschine noch schneller laufen zu lassen. Die Gefahr: noch mehr generische Inhalte, die zum „Brain Rot“ des Publikums führen und das Netz mit „KI-Slop“ (Müll) fluten und die Qualität der Agenten naheliegenderweise negativ beeinflussen werden. Andererseits sollen Agenten Journalist:innen von der „Tretmühle“ der Routineaufgaben erlösen, damit diese endlich wieder Zeit für tiefgründige, sinnstiftende Arbeit haben.

Die Hoffnung der Branche ruht auf der Qualitätssteigerung im Investigativen: Agenten nutzen, um besser zu produzieren, nicht nur mehr.

Ausblick:

Demokratisierung oder das Ende der Redaktion und gar des Internets?

Was passiert, wenn das Publikum eigene Agenten nutzt? Alle Mediennutzer:innen könnten sich ihre eigenen Recherche-Agenten prompten, die Medieninhalte hyper-personalisiert, basierend auf dem, was interessiert, liefern. Das wäre die ultimative Individualisierung der Recherche und Mediennutzung.

Doch das Risiko ist real: Wenn Agenten autonom Social Media und das Internet befüllen und andere Agenten diese Inhalte lesen, führen wir das Internet ad absurdum. Und für Journalist:innen bleibt die bange Frage: Sind diese Agenten die Werkzeuge, die uns retten – die Automatisierung, die uns ersetzt – oder das Ende des Internet?

Die Antwort liegt nicht in der Technik, sondern darin, wie wir sie nutzen: Als Turbo für billigen Content oder als mächtiges Werkzeug für eine neue Ära der Aufklärung?

„Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“

Der Autor:

David Röthler arbeitet an der Schnittstelle von Journalismus, KI und Erwachsenenbildung. Sein Schwerpunkt liegt auf der Frage, wie KI-Tools und agentische Systeme den Arbeitsalltag verändern – und welche Chancen und Risiken sich daraus für Medien und Gesellschaft ergeben.

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