Blog Denkanstoß Geschichte Nicht nur Weiße und Rote: Der Frühling der Nationen des Ostens von 1917 29.07.2026 Vladyslav Starodubtsev Die Russische Revolution wird üblicherweise als Revolution mit folgendem Bürgerkrieg zwischen Bolschewiki und zarentreuen Truppen dargestellt. Übersehen wird dabei zumeist die nationale und antikoloniale Perspektive dieser Revolution. Allzu sehr stehen noch die Motive und die Geschichte der russischen Bewegung selbst im Mittelpunkt der Betrachtungen. Die Russische Revolution wird so als Auseinandersetzung zwischen Weißen und Roten gedeutet. Das Jahr 1917 zu verstehen bedeutet jedoch, die nationale Dynamik des russischen Staates, die Verflechtung von russischem Kolonialismus, Bolschewismus und der Weißen Bewegung zu begreifen sowie zu erkennen, wie sehr der imperiale Anspruch Russlands diese Bewegungen prägte. Tatsächlich führten bolschewistische Führer wie Lenin ihren Sieg auf ihre politische Flexibilität und ihre rasche Anpassung in der nationalen Frage zurück. Dabei gingen die Bolschewiki gerade so viele Zugeständnisse und Kompromisse mit den nationalen Kräften ein, wie nötig war, um die lokale Bevölkerung von ihren (vermeintlich) guten Absichten zu überzeugen. Nachdem die Bolschewiki die Kontrolle erlangt hatten, unterdrückten sie zum einen die Anführer der nationalen Bewegungen und schnitten den Bewegungen damit den Kopf ab. Zum anderen integrierten sie kooperationswillige Teile der Nationalbewegungen in den Aufbau der Sowjetmacht. Diese Politik ist heute weithin unter dem Begriff „Korenizatsiia“ bekannt ist (rus. „korennoi narod“: indigene Völker). Die Integration der indigenen Bevölkerungen war jedoch zugleich die Fortsetzung der russischen Kolonialisierung in Zentralasien. Anstelle des Zaren setzten nun die Kommunisten die russische Herrschaft über die benachbarten Staaten und Nationen durch. Die Geschichte der Russischen Revolution besteht mithin aus „weißen Flecken“, die dadurch entstanden, dass die Stimmen der Peripherie systematisch aus der Diskussion über die russische Geschichte ausgeschlossen wurden. Seit 2022 hat sich dies zumindest mit Blick auf die Ukraine in gewissem Umfang geändert. Karte der russischen Eroberungen in Zentralasien Ende des 19. Jahrhunderts (Meyers Konversations-Lexikon, Bd. 18, Jahres-Supplement 1890-1891, Leipzig 1890) Bild: Urheber: National Library of Poland, Public domain, via Wikimedia Commons Im Jahr 1916 beschloss die zaristische Regierung, Kasach:innen und andere Angehörige zentralasiatischer Volksgruppen zu mobilisieren und für militärische Arbeiten in Hinterland wie den Bau von Befestigungsanlagen und logistische Aufgaben heranzuziehen. Aus Furcht vor einem bewaffneten Aufstand sollten diese Volksgruppen ausdrücklich nicht bewaffnet werden, aber die Mobilisierung für Arbeiten an Befestigungsanlagen und ähnlichem machte bis dahin gebundene russische Arbeitskräfte für die Armee frei. Die Mobilmachung stellte einen Bruch des Gesellschaftsvertrags zwischen der Kolonialverwaltung und der einheimischen Bevölkerung dar, denn die erst kürzlich unterworfenen Völker Zentralasiens sollten eigentlich nicht zur Führung russischer Kriege herangezogen werden. Sie ging einher mit einer Russifizierung, die selbst nach damaligen Maßstäben entsetzlich war, der Landenteignungen zugunsten von russischen Siedlern und Großgrundbesitzern, einer hohen Besteuerung und einem forcierten Rohstoffabbau. Insbesondere die Landaneignungen durch russische Siedler führten dazu, dass die Einheimischen auf nahezu unfruchtbarem Land leben mussten. Die Mobilisierung männlicher Arbeitskräfte hätte nun den sicheren Hungertod für sie und ihre Familien bedeutet. Die parlamentarischen Kräfte Russlands – Trudowiki, Kadetten und muslimische Fraktionen – äußerten starke Bedenken gegenüber den Mobilisierungsmaßnahmen. Für die einheimische Bevölkerung brachte die Mobilisierung nun das Fass zum Überlaufen. Die lokale liberal-demokratische Intelligenz, die Bauernschaft und die neu entstandene Arbeiterklasse der Region weigerten sich, den zaristischen Forderungen nachzukommen. Die russische Regierung entsandte daraufhin Strafkommandos aus russischen Freiwilligen. Die Einheimischen organisierten ihrerseits Selbstverteidigungsgruppen, aus der sich Rebellengruppen und schließlich eine nationale Befreiungsbewegung gegen den Zarismus entwickelten, die auch als Zentralasiatischer Aufstand oder Semyrichye-Aufstand bekannt ist. Die auf den Aufstand folgende russische Militärexpedition führte zu massiven ethnischen Säuberungen. Schätzungen zufolge wurden 100.000 bis 500.000 Zivilisten und Zehntausende aufständische Kämpfer getötet. Rund 250.000 Einheimische wurden im Anschluss zur Zwangsarbeit mobilisiert. Allerdings war bei dieser Arbeit im Hinterland die Zahl der Todesopfer fast genauso hoch wie auf dem Schlachtfeld, was vor allem auf die erschöpfenden, sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen, die mangelnde medizinische Versorgung und Misshandlungen durch russische Beamte zurückzuführen war. Nach der Niederschlagung des zentralasiatischen Aufstands flüchten Kirgisen nach China, 1916 Bild: Urheber: Public domain, via Wikimedia Commons Russischer Chauvinismus Einer der späteren Anführer der Revolution, der Sozialist Alexander Kerenski, war vor Ort und führte gemeinsam mit einem muslimischen Abgeordneten der Duma eine Untersuchung durch. Obwohl Kerenski fest davon überzeugt war, dass Zentralasien ein Bestandteil Russlands bleiben müsse und er die „zivilisatorische“ Mission der Russen für die „dunklen Völker“ des Landes befürwortete, kritisierte er deutlich die Gräueltaten. Von der liberalen Fraktion der Duma wurde Kerenski anschließend unter Druck gesetzt: Er sei „unkritisch gegenüber Gewalt gegen russische Siedler“ (die es gab, aber proportional gesehen nicht zu vergleichen war). Seine Antwort zeigte eine typisch russisch-chauvinistische Haltung, die eben auch unter den russischen Sozialisten verbreitet war: „Für das, was die dunklen Massen, ob Kirgisen oder Russen, getan haben, sind sie nicht verantwortlich; niemand hat ihnen etwas beigebracht, niemand hat ihnen jemals die Grundsätze von Recht und Gerechtigkeit eingeprägt.“ Kerenski stellte mit seiner Haltung keine Ausnahme dar, sondern er brachte die Perspektive des revolutionären und liberalen Lagers in Russland zum Ausdruck. Auf der einen Seite kritisierten sie den Zarismus und dessen Gräueltaten, auf der anderen Seite verteidigten sie die russischen Siedler und die russische Herrschaft. Somit verkannten sie natürlich die Bedeutung und die tieferen Ursachen des Aufstands. Sie schoben die Schuld für den Aufstand auf die Misswirtschaft des Zaren und übersahen den Wunsch nach Selbstbestimmung und Entkolonialisierung. Und sie übersahen damit die Bedeutung des Aufstands von 1916 für den reichsweiten Erfolg der Revolution 1917. 1917 – eine antikoloniale Revolution Im Februar 1917 brach das Romanow-Reich zusammen. Die damit einhergehenden Risse an der „Peripherie“, die Rebellion der kolonisierten indigenen Völker, kamen für die meisten russisch-nationalen Kräfte unerwartet. In ihrer Perspektive wurde das Reich durch die eine und unteilbare Republik ersetzt, doch tatsächlich zerbrach es entlang der fernen Gebirge, entlang des Dnipro, in den Wäldern und der Taiga des Fernen Ostens sowie auf den Feldern Zentralasiens. Dutzende Millionen Menschen begannen, ihre eigenen Staaten zu organisieren und sich gegen die russische Vorherrschaft und die kolonialen Institutionen zu stellen. Sie forderten, Russland in eine Konföderation umzugestalten – eine vielleicht EU-ähnliche Union unabhängiger Völker (wenn man einen gewagten Vergleich wagen möchte). Der Kopf des kasachischen Aufstands von 1916, Amankeldı Üderbaiūly İmanov 1873–1919); Briefmarke aus dem Jahr 2023 Bild: Urheber: Post of Kazakhstan, Public domain, via Wikimedia Commons Die Ukraine verlieh dieser Forderung eine ihrer ersten großen politischen Formen. Ukrainische Soldaten und Arbeiter:innen waren in der kaiserlichen Hauptstadt präsent und beteiligten sich sichtbar – in ihrer Sprache mit der Forderung nach nationaler Freiheit sichtbar – an der Februarrevolution. Parallel griff in Kiew die neu gebildete Zentralrada die Forderung nach Autonomie auf und mobilisierte Millionen von Menschen unter ihrer Flagge. Bemerkenswert an der ukrainischen Entwicklung war, dass die ukrainischen Sozialisten die nationale Freiheit nicht von sozialer Reform trennten. Unter den muslimischen Völkern gab es eine ähnliche Entwicklung. Der Dschadidismus (wörtlich übersetzt „neue Methode") war ursprünglich eine Bewegung für Bildungsreformen unter den Muslim:innen, entwickelte sich jedoch zu einer politischen Bewegung des islamischen Reformismus, des Islamfeminismus und der nationalen Befreiung. Diese Bewegung reichte von der Krim, wo muslimisch-tatarische Sozialist:innen eine Regierung bildeten, bis hin zur zentralasiatischen liberalen Mitte-Links-Partei Alash, die im Geiste von 1916 für die Freiheit und Unabhängigkeit Kasachstans kämpfte. In der Region Turkestan organisierten Sozialist:innen ihre eigenen Republiken. Im Jahr 1917 führte der Kongress muslimischer Frauen Rechte für Frauen sowie deren vollständige rechtliche Gleichstellung ein. Es handelte sich um beispiellose Reformen, die im Westen teils erst Jahrzehnte später stattfinden sollten. Die krimtatarische Feministin, Publizistin, Herausgeberin und Kindergärtnerin Şefiqa Gaspıralı (1886–1975) war Mitglied im Präsdium der Kurultai, die 1917 die Unabhängigkeit der Volksrepublik Krym proklamierte. Die Republik überlebte nur wenige Monate. Aufnahme von 1901 Bild: Urheber: Public domain, via Wikimedia Commons In Baschkortostan und Kasachstan, auf der Krim, in Buchara, Kokand und Chiwa fanden unterschiedliche Experimente statt, die aber alle unter dem gemeinsamen Banner der nationalen Befreiung standen. Progressive, sozialistische oder nationale Parteienbündnisse übernahmen die Führungsrolle, um die Nationen für ihre antikoloniale Befreiung zu mobilisieren. Gleiches zeigte sich im regionalistisch geprägten Sibirien und dem Fernen Osten, in den buddhistischen Republiken oder dem sozialrevolutionären Burjatien und Jakutien. Die gleiche Dynamik zeigte sich im Kaukasus: in Armenien, in Georgien, der Bergrepublik des Nordkaukasus oder der Volksrepublik Kuban. Weder die Bolschewiki, die Weißen, die Liberalen noch andere Kräfte akzeptierten die Unabhängigkeit dieser Länder. Bei aller Unterschiedlichkeit zwischen „Roten“ und „Weißen“ waren Bolschewiki und Zaristen vehemente Verfechter des Prinzips des „einen und unteilbaren“ Russlands. Die Bolschewiki begründeten dies mit der Notwendigkeit, an die lokalen Ressourcen zu gelangen, bedienten sich aber auch offen einer kolonialen Rhetorik, nämlich die „Wilden“ zivilisieren zu müssen. Allerdings waren die Bolschewiki flexibler als andere Kräfte: Sie versprachen die Anerkennung nationaler beziehungsweise regionaler Strukturen, sie förderten aus taktischen Gründen lokale Kader, und sie versuchten, einige nationale Forderungen als ihre eigenen zu übernehmen. Sobald die Macht in den Regionen jedoch gesichert war, schalteten die Bolschewiki die unabhängigen nationalen Führungen aus. Die Revolution von 1917 kann als eine unvollendete antikoloniale Revolution bezeichnet werden. Sie begann bereits 1916 und sie setzte sich nach dem Bürgerkrieg in Kämpfen um Autonomie und nationale Politik fort. Der „Frühling der Nationen des Ostens“ schuf moderne nationale politische Subjekte, in der Regel durch progressive und demokratisch-sozialistische Kräfte repräsentiert. Sie wurden von den Weißen und den Roten bekämpft und vernichtet. Selbst dort, wo es nicht gelang, unabhängige Staaten zu schaffen, legten sie den Grundstein für nationale Gebilde und schufen diese als eigenständige nationale politische Subjekte. Die meisten von ihnen erlangten 1991 ihre Unabhängigkeit. Der Geist nationaler Selbstbestimmung gärt jedoch nach wie vor in Russland. Der moderne russische Kolonialismus zielt nicht nur auf die Ukraine, sondern auch auf noch im russischen Staatsverband sich befindende kolonisierte Volksgruppen. Ein Ende der Diktatur in Russland könnte damit auch zur weiteren Auflösung des russischen Staatsverbands führen – was im Westen nicht nur als Bedrohung, sondern auch als Chance begriffen werden sollte. Vladyslav Starodubtsev ist Historiker, Sozialdemokrat, Sozialaktivist und Veteran der Ukrainischen Streitkräfte. Kontakt AutorIn Vladyslav Starodubtsev Sie haben eine Rückmeldung zum Beitrag oder möchten mehr über unsere Publikationen und Veranstaltungen erfahren? Public History public.history(at)fes.de Sie möchten selbst bei uns recherchieren oder haben ein allgemeines Anliegen? Anfragen Archiv und Bibliothek Archiv der sozialen Demokratie +49 228 883 9046 archiv.bibliothek(at)fes.de